Marlene Zlonicky

Marlene Zlonicky, auch Marlene Zlonicky-Krawietz (* 27. Mai 1932 in Moers als Marlene Krawietz; † 20. Februar 2011 in Berlin),[1] war eine deutsche Architektin und Stadtplanerin.

Biografie

Ihre Mutter Thea Herta Heinicke (* 1902) heiratete 1929 in Berlin Adalbert Gottfried Wilhelm Krawietz (1898–1945). Adalbert Krawietz war promovierter Stadtbaurat im damaligen Liegnitz, heute Legnica. Er starb bei den Kämpfen kurz vor Kriegsende bei Rothkirch (heute Czerwony Kościół).[2] Die Tochter Marlene wuchs nach der Flucht in Kassel auf.[3]

Marlene Zlonicky-Krawietz studierte nach einem abgebrochenen Chemiestudium[4] das Fach Architektur bei Max Guther[3] an der Technischen Hochschule Darmstadt. Sie studierte Politikwissenschaften und Betriebswirtschaft ebendort.[5] Ihren Abschuss als Diplom-Ingenieurin im Fach Architektur erwarb sie 1963. Sie spezialisierte sich auf Stadtplanung und leitete mit ihrem Ehemann Peter Zlonicky ein Büro für Stadtplanung und Stadtforschung zuerst in Darmstadt, ab 1966 in Essen. Ihre stadtplanerische Tätigkeit reichte bis nach Brasilien. Später verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Dortmund. Ab 1999[6] lebte und arbeitete als freiberufliche Stadtplanerin im Hansaviertel in Berlin.[5] Am Ende ihres Lebens wandte sie sich der Kunst zu.[3]

Marlene Zlonicky war Preisrichterin bei Architekturwettbewerben[7] und hatte eine Gastprofessur an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz inne.[5] Im Jahr 2003 würdigte der Deutsche Werkbund ihr Lebenswerk mit der Ehrenmitgliedschaft.[3]

Zlonicky hatte drei Kinder.[8]

Werk

Als freiberufliche Stadtplanerin erstellte sie Stadt- und Stadtteilentwicklungsplanungen, städtebauliche Rahmenpläne, Sanierungs- und Strukturuntersuchungen, Flächennutzungs- und Bebauungspläne, Pläne für Verkehrsberuhigungen, Radwegplanungen, Planungen zur Wohnumfeldverbesserung, Stadtgestaltungen und Platzgestaltungen. Zur Lösung dieser städtebaulichen Aufgaben nutzte sie auch eigens gestaltete künstlerische Elemente. Bekannte Projekte entstanden nach Wettbewerbsgewinnen. So entstand auch die Gestaltung des Marktplatzes mit Verkehrsverlagerung in Xanten 1985/85 nach einem Wettbewerbsentwurf 1979. Von dem vielfach veröffentlichten Projekt bestehen nach einer Umgestaltung nur noch einzelne Details. Bei dem Projekt Domsheide in Bremen bestand die Schwierigkeit, aus einem durch den öffentlichen Nahverkehr stark frequentierten Knotenpunkt eine gut funktionierende Platzgestaltung zu entwickeln.[4] Marlene Zlonicky entwarf mit Sorgfalt unter Nutzung sehr einfacher Gestaltungsmittel: Alte Bordsteinplatten, die längs aufgespalten und in unterschiedlicher Länge verlegt wurden, heben die normierten Schienenstränge von der Pflasterung des Platzes ab.[3]

Engagement

Mit ihrer Kritik an unmaßstäblichen Neubaukonzepten wurde Marlene Zlonicky zu einer Wegbereiterin der Protestbewegungen gegen die Wohnungsbaupolitik der 1960er und 70er Jahre.[3] Sie war von 1994 bis 1997 im Landesvorstand des BDA Nordrhein-Westfalen vertreten.[5] Um 2007, zum 50jährien Bestehen des Hansaviertels in Berlin, engagierte sie sich im Bürgerverein Hansaviertel.[9]

Projekte (Auswahl)

  • 1967 Kirchplatz, Steppenrade
  • 1969 Amyastraße, Aachen
  • 1982 Stadterweiterungsplan für Grenoble
  • 1986 Großer Markt, Xanten[10][11]
  • 1986 Domsheide, Bremen

Veröffentlichungen (Auswahl)

Monografien

  • mit Peter Zlonicky, Joachim Krawietz: Städtebauliches Gutachten zur Erneuerung des Stadtkerns von Billerbeck '68, Beiträge zur Landes- und Volkskunde des Kreises Coesfeld, Band 10, 1969.
  • mit Irene Gerberding-Wiese, Dieter Nicolaisen u. a.: Ablaufschema zur Erarbeitung von Standortprogrammen in Nordrhein-Westfalen: Forschungsauftrag des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk, Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, Essen, 1971.
  • mit Herbert Groß, Paulgerd Jesberg, Dietrich Oeter, Sieglinde Rehm, Heinz-Georg Temme, Hanns Freymuth, Jürgen Krochmann, Hans-Joachim Dodillet, Harald Hofmann, Helmut Prahl: Farbe im Hoch- und Städtebau, Informations- und Fortbildungstagung der Akademie der Architektenkammer NW in Zusammenarbeit mit dem Innenminister NW am 13.3.1980 in Krefeld, Reihe 3: Wohnungsbau und kommunaler Hochbau, Institut für Stadt- und Landesentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalens (ILS), 1980.
  • als Herausgeberin: Die Region als Stadt: Projekt Stadtlandschaft Rhein-Land, ILS-Innovationsforum Band 5, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen, 1998. ISBN 978-3-8176-1105-8

Aufsätze

  • mit Peter Zlonicky: Zur Problematik gestalterischer Festsetzungen in Bebauungsplänen, BauR, 1971, S. 158–160.
  • mit Peter Zlonicky: Plädoyer gegen Planung als Wissenschaft. In: Bauwelt, Heft 38/1974, Bertelsmann, Gütersloh, S. 1276.
  • Städtische Inszenierung. In: Licht und Reklame, Der Architekt 3/1981, Forum-Verlag Stuttgart, 1981.
  • Die Passage in Wulfen. In: Der Architekt, Heft 10/1982, S. 463, 465–468.
  • Klo am Großen Markt in Xanten, in: Miniaturen, Bauwelt 25/1987, Bertelsmann, Gütersloh, 1987.
  • Abschied zu Lebzeiten. Architektur als Kunst der Verdrängung. In: Peter Neitzke, Carl Steckeweh, Reinhart Wustlich (Hrsg.): Centrum. Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden, 1997, S. 122–124. ISBN 978-3-528-08806-4
  • Boden und koloniale Verstädterung. Zur Diskussion über die Entwicklung von Agglomerationen: bodenlos? in: Beate Dieterich, Hartmut Dieterich (Hrsg.): Boden – Wem nutzt er? Wen stützt er? Neue Perspektiven des Bodenrechts, Birkhäuser, Berlin, Boston, 1997, S. 174–189. doi.org/10.1515/9783035602579.174
  • Die Stadt der Zukunft ist die Region, in: Die Rolle der europäischen Stadt im 21. Jahrhundert, Edition StadtBauKunst/UNZE Verlag, Potsdam, 1997. ISBN 978-3-9274-6924-2
  • Ökologische Erneuerung bedarf einer kulturellen Überformung, denn ohne Schönheit werden die Bürger die Stadt nicht schonen, in: Bauen und der Anspruch auf Nachhaltigkeit, Düsseldorf, 1998.
  • Von der Idee zum Projekt, in: Die Region als Stadt – Projekt „Stadtlandschaft Rhein - Land“, Dortmund, 1998, S. 11. ISBN 978-3-8176-1105-8
  • Planung auf dem Prüfstand. In: DASL, Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Hrsg.): Beschleunigung und Stillstand – vom Umgang mit Diskontinuität in der Stadtplanung, DASL, Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung, Berlin, 2003. ISBN 978-3-9809-3311-7
  • Das Hansaviertel. In: Dorothee Dubrau (Hrsg.): Architekturführer Berlin Mitte, Band 2, DOM, Berlin, 2009, S. 872–903. ISBN 978-3-9386-6607-4
  • Zur Rezeption des Hansaviertels, in: Hansaviertel- frühe und späte Wirkungen / Hansaviertel & documenta urbana, Tagungsdokumentation, Architektursalon Kassel, Heft 5, S. 61–70. ISBN 978-3-00-026371-2

Literatur

  • Verena Dietrich: Architektinnen. Ideen – Projekte – Bauten, W. Kohlhammer, Stuttgart, 1986, S. 190–192. ISBN 978-3-17-009336-2
  • Marlene Zlonicky in: Helfried Hagenberg, Wolfgang Meisenheimer (Hrsg.): 100 Jahre Deutscher Werkbund NW 1907 bis 2007, Katalog zur Jubiläumsausstellung, Deutscher Werkbund NW e.V., Haus der Architektur Köln, Klartext Verlag, Essen 2007, S. 262–264. ISBN 978-3-89861-823-6
Commons: Marlene Zlonicky – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Traueranzeigen von Marlene Zlonicky | Tagesspiegel Trauer. Archiviert vom Original am 26. Januar 2025; abgerufen am 11. April 2025 (deutsch).
  2. Wilhelm Gottfried Krawietz. In: Sterberegister, Standesamt I in Berlin, Deutschland, 1939-1955. Urkunde Nummer 5044, 28. Juni 1947.
  3. a b c d e f Gudrun Escher: Marlene Zlonicky (1932 - 2011): Für einen lebendigen Stadtraum. Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, 23. Mai 2011, abgerufen am 11. April 2025.
  4. a b Verena Dietrich: Architektinnen. Ideen – Projekte – Bauten. W. Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-009336-3, S. 190–192.
  5. a b c d Sylvia Stöbe: Nachruf Marlene Zlonicky (1932-2011). In: architektursalon-kassel.de. 27. Februar 2011, abgerufen am 11. April 2025.
  6. Uwe Rada: Wilde Klugheit. In: taz.de. 4. März 2011, abgerufen am 11. April 2025.
  7. Wettbewerbe-aktuell: Ergebnis: Rieselfeld Freiburg. Abgerufen am 11. April 2025.
  8. Beate Dieterich, Hartmut Dieterich: Boden - Wem nutzt er? Wen stützt er?: Neue Perspektiven des Bodenrechts. Birkhäuser, 2014, ISBN 978-3-0356-0257-9, S. 287 (google.de [abgerufen am 8. Juni 2025]).
  9. Berlin: Selbsthilfe im Hansaviertel: Es kann nur schöner werden. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 11. April 2025]).
  10. Marlene Zlonicky: Platzgestaltung, Xanten. In: Karl H. Krämer (Hrsg.): Architektur + Wettbewerbe; aw 109. Nr. 109. Krämer, Stuttgart 1982, ISBN 978-3-7828-3109-3, S. 23, 24.
  11. Klo am Großen Markt in Xanten (Marlene Zlonicky-Krawirtz, Essen). In: Bauwelt. Nr. 25. Bertelsmann, Gütersloh 1987.