Marie Weiss (Lyrikerin)
Marie Weiss (geb. Grünbaum, * 22. Oktober 1884 in Paris; † 9. Dezember 1969 in Seattle) war eine austro-amerikanische Schriftstellerin.
Leben
Wiener Jahre
Marie Weiss zog als Kind von Paris nach Wien, wo sich ihre Eltern niedergelassen hatten. Ihre Kindheit verbrachte sie in bürgerlichen, jüdisch-assimilierten Verhältnissen.[1]
Sie heiratete Franz Rudolf Weiss, einen Wiener Ingenieur, der bis 1938 Direktor der Universale-Baugesellschaft war. 1908 kam die gemeinsame Tochter Marianne zur Welt, die nach der Matura am Gymnasium Albertgasse Medizin studierte und einen polnischen Kaufmann, Arthur Lourié, heiratete.[2] 1935 erschien Marie Weiss‘ erster Gedichtband Gedichte.
Exil
Nach der Annexion Österreichs wurde Weiss‘ Schwiegersohn, Arthur Lourié, verhaftet und im Konzentrationslager Dachau interniert. Ihre Tochter Marianne floh mit ihren beiden Kindern vierundzwanzig Stunden nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten nach England, wo sie durch die Unterstützung ihres Arbeitgebers Visa für ihren Mann und ihre Eltern erhielt. Im Juli 1938 gelang es Marie Weiss, ihrem Mann und ihrem Schwiegersohn nach England auszureisen; die Familie wohnte im Londoner Stadtteil Bromley Hill.[3]
Marianne Lourie und ihre Töchter verließen England an Bord der Montclare am 30. April 1939 und schifften sich nach Kanada ein. Im September 1939 sollte Arthur Lourié auf der Athenia nachfolgen.[4] Das britische Schiff wurde am 3. September 1939 von deutschen U-Booten torpediert und sank in der Folge: Arthur Lourié gehörte zu den 93 Vermissten.
Im April 1940 emigrierten Marie und Franz Weiss in die USA und ließen sich in Seattle, Washington nieder.[5] US-amerikanische Verwandte hatten für die Eheleute Weiss gebürgt und unterstützen sie bei ihrem Ankommen in den USA finanziell – so konnte Franz Weiss zwei Mietshäuser in Seattle erwerben. Außerdem sorgte seine Anstellung als Buchhalter bei einer Versicherungsgesellschaft für finanzielle Sicherheit.[6]
1945 erhielten Marie und Franz Weiss die amerikanische Staatsbürgerschaft.[6]
Marie Weiss gründete einen literarischen Zirkel für Frauen, an dem auch Elsa Sherwin, Professorin für Germanistik an der Washington University teilnahm. Bei den monatlichen Treffen tauschten sich die Teilnehmerinnen über literarische Themen aus und trugen aus dem eigenen Werk vor.[7]
Im Jahr 1952 unternahmen Marie Weiss und ihr Ehemann die erste von mehreren Reisen nach Europa. Unter anderem besuchten sie Wien, wo eine Lesung vom Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in der Österreichischen Nationalbibliothek veranstaltet wurde. Des Weiteren las Marie-Luise Cavallar von Grabensprung in der Radiosendung „Dichterstunde“ am 27. Mai 1952 aus Marie Weiss‘ Gedichten.[8]
Werk
In Marie Weiss‘ lyrischem Schaffen spiegeln sich ihre Lebensumstände und der Einfluss des Weltgeschehens auf ihr Leben wider: In der Phase gefestigter Lebensumstände wendet sich Weiss der Beschreibung von Natur und Religion zu (Gedichte), nach ihrer Flucht aus Österreich bezieht sich ihre Lyrik auf die eigenen Exilerfahrungen und die Shoa.[9]
Der unveröffentlichte Gedichtzyklus Entwurzelt entstand vermutlich zwischen 1938 und 1952, zwischen dem Beginn des Exils und dem Zeitpunkt der erstmaligen Rückkehr nach Wien. Formal und inhaltlich ist der Gedichtzyklus autobiographisch gefärbt. Die Unterteilung des Gedichtzyklus synchronisiert Weiss mit ihrer eigenen Biographie („Umsturz“, „In England“, „In Amerika“, „Rückkehr“) und bezieht sich auf Erfahrungen des gelebten Exils: „Am Beispiel der Gedichte von Marie Weiss läßt sich nicht nur der Exilweg von London über die amerikanische Ostküste an die Westküste bei Santa Barbara und dann in den Norden nach Seattle verfolgen. […] In einer ganzen Reihe von Gedichten schildert Marie Weiss das Leben von Emigrantinnen sehr realistisch.“[10]
Ihr literarischer Nachlass befindet sich heute im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek und der State University of New York at Albany.
Werke von Marie Weiss
- 1935: Gedichte, Saturn Verlag, Wien
- 1951: Vom Wiener Wald zum Mount Rainier (Gedichte), Ungar Verlag, New York
- 1956: Stürme und Stille (Gedichte), Continental Book Centre, Vancouver
- (1961?): Reise und Rast (Ged.) o. J.
- 1962: Die blaue Blume und andere Geschichten, Österreichische Verlagsanstalt, Wien
- 1968: Gleitende Welten. Prosa und Lyrik, Profile Press, New York
Literatur
- ANNO, Erlafthal-Bote, 1952-05-24, Seite 4, abgerufen am 8. September 2025.
- ANNO, Neues Österreich, 1952-05-27, Seite 8, abgerufen am 8. September 2025.
- Bauschinger, Sigrid: Lyrikerinnen im amerikanischen Exil. In: John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra H. Hawrylchak (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 3: USA. Bern, München 2002, S. 217–242.
- Bigler-Marschall, Ingrid, Bruno Jahn: [Art.] Weiß, Marie. In: Deutsches Literaturlexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Bd. 30: Weiss–Werdum. 3., völlig neu bearbeitet Aufl. Berlin, New York 2010.
- Bolbecher, Siglinde, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien, München 2000.
- EB 95/026.
- Krieger, Richard: … Exile: Marie Weiss. Zum Nachklang des Exils in England und Amerika in ihrer Dichtung. In: Mit der Ziehharmonika. Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft 2 (1991), S. 17–19.
- Lourié, Marianne. In: proveana.de. Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, abgerufen am 8. September 2025.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Ingrid Bigler-Marschall, Bruno Jahn: [Art.] Weiß, Marie. In: Deutsches Literaturlexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Bd. 30: Weiss–Werdum. 3., völlig neu bearbeitet Aufl. Berlin, New York 2010, Sp. 44.
- ↑ Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien, München 2000, S. 682 f., hier S. 682.
- ↑ Richard Krieger: … Exile: Marie Weiss. Zum Nachklang des Exils in England und Amerika in ihrer Dichtung. In: Mit der Ziehharmonika. Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft 2 (1991), S. 17–19, hier S. 17.
- ↑ Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien, München 2000, S. 682 f., hier S. 683.
- ↑ Vgl. Bigler-Marschall, Jahn: [Art.] Weiß, Marie, Sp. 44. Vgl. Bigler-Marschall, Jahn: [Art.] Weiß, Marie, Sp. 44.
- ↑ a b Krieger: … Exile: Marie Weiss, S. 18.
- ↑ Bolbecher, Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, S. 683.
- ↑ ANNO, Neues Österreich, 1952-05-27, Seite 8, Datum des letzten Zugriffs: 08. September 2025; ANNO, Erlafthal-Bote, 1952-05-24, Seite 4, Datum des letzten Zugriffs: 08. September 2025.
- ↑ Vgl. Krieger: … Exile: Marie Weiss, S. 19.
- ↑ Sigrid Bauschinger: Lyrikerinnen im amerikanischen Exil. In: John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra H. Hawrylchak (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 3: USA. Bern, München 2002, S. 217–242, hier S. 219 f.