Marie Lous Mohr
Marie Lous Mohr (* 19. Februar 1892 in Mandal (Vest-Agder);[1] † 25. November 1973 in Oslo[2]) war eine norwegische Oberstufenlehrerin und eine international engagierte Friedensaktivistin. Sie war ein prominentes Mitglied der Organisation Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF), zuerst als langjährige Vorsitzende der norwegischen Sektion und in den 1950er Jahren als internationale Präsidentin und Ehrenmitglied. Sie engagierte sich gegen den Koreakrieg, gegen die Todesstrafe und gegen Atomwaffentests. Während des Zweiten Weltkriegs leistete sie gewaltfreien Widerstand und beteiligte sich an der Rettung jüdischer Kinder. Sie wurde von den deutschen Besatzern über zwei Jahre lang im Polizeihäftlingslager Grini gefangen gehalten.
Leben und Werk
Familie
Marie Lous Mohr war das fünfte von acht Kindern des Pfarrers Olaf Eugen Mohr (1856–1933) und der Jeanette Lous (1869–1942). Der Vater wurde um 1896 Direktor der Missionsschule in Stavanger und dann 1907 Gemeindepfarrer der Johanneskirche in Bergen. Die Mutter war Musiklehrerin.[3][4]
Die Volkszählungen wiesen folgende Wohnadressen der Familie Mohr aus: Mandal ladested, Grandsegaden (1891),[5] Stavanger kjøpstad, Missjonskolen (1900),[6] Bergen kjøpstad, Parkveien 36 (1910)[7] bzw. Parkvei Store 35, 1. Stock (1912)[8].
Maries Geschwister hießen: Kirsten Lous (* 1884), Otto Lous (* 1886), Frithjof Georg Lous (* 1888), Hugo Lous (* 1899), Anna Lous (* 1895), Gustav Braathen Lous (* 1898), Bjarne Lous (* 1901).[9] Sie waren alle begabt: „all musical and with scattered interests: science, music, visual arts, literature and adventure travel and farming life in Africa.“[10]
Otto Lous Mohr wurde Genetiker, Hochschulprofessor und Wissenschaftspolitiker und war mit Tove Kathrine, der Tochter von Kai und Katti Anker Møller, verheiratet. Hugo Lous Mohr machte sich einen Namen als Kirchenmaler. Anna wurde wie ihr Ehemann Architektin und lebte unter dem Namen Anna Branzell in Schweden. Bjarne Lous Mohr arbeitete ebenfalls als Architekt und war Hochschulprofessor.
Berufsleben
Nach dem Umzug der Familie von Stavanger nach Bergen besuchte Marie ab dem Herbst 1908 die dortige Domschule.[11] Im April 1909 wurde sie konfirmiert.[12] 1911 legte sie das Examen artium (Abitur) ab und drei Jahre später die Lehramtsprüfung für den Sprachunterricht.[13][14] Danach hielt sie sich am Quäker-College Woodbrooke in Birmingham auf; aber sie lebte in Deutschland beim Ausbruch und in den ersten beiden Jahren des Ersten Weltkriegs.[15]
Im Herbst 1916 begann Marie Mohr als Lehrerin an der Aars og Voss’ skole in Kristiania zu arbeiten, bevor sie 1919[16] an die Nordstrand skole wechselte, eine kommunale Höhere Schule in Aker (seit 1948 Oslo). Dort blieb sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1955, davon die letzten Jahre als stellvertretende Schulleiterin.[13] Die Pädagogen an der Nordstrand skole hatten fast alle ein Vollstudium abgeschlossen (die sogenannten Lektorer); Marie Mohr hatte keines und zählte zu den Lærere. 1950 wurde sie zum Adjunkt befördert,[17] wohl in Zusammenhang mit ihrer neuen Leiterfunktion.
Berufung
Die zwei Jahre Aufenthalt im kriegsführenden Deutschland waren ausschlaggebend für das spätere Engagement für den Frieden, das Marie Lous Mohr selbst so beschrieb: „Den Krieg in den Köpfen der Menschen lösen, ihnen verständlich machen, dass Krieg keine Naturgewalt ist, sondern eine Folge menschlichen Handelns und daher bekämpft werden kann.“ (zitiert bei[15]) 1915 war in Den Haag die Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) gegründet worden, mit nationalen Sektionen in verschiedenen Ländern. Marie Lous Mohr wirkte in der norwegischen Sektion, der Norsk kvinneliga for fred og frihet (IKFF), mit.
Als Martha Larsen Jahn, Mitbegründerin der norwegischen IKFF und seit zehn Jahren ihre Vorsitzende, 1934 die Leitung des Norske Kvinners Sanitetsforening übernahm, trat nicht nur sie zurück, sondern der gesamte IKFF-Vorstand. Als neue Vorsitzende wurde Marie Lous Mohr gewählt und sie und ihr neues Team brachten dem Verein einen kräftigen Aufschwung. In verschiedenen Teilen des Landes wurden neue Zweigstellen gegründet und innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl der zahlenden Mitglieder von 100 auf 600, wodurch sich die finanzielle Lage erheblich verbesserte. Im selben Jahr 1934 reiste Mohr zum WILPF-Kongress nach Zürich, auf dem sie prompt in den Internationalen Vorstand gewählt wurde.[14]
Friedensausstellung
1935 organisierte die IKFF eine Ausstellung, die in 14 norwegischen Städten gezeigt wurde. Sie zeigte Dokumentationsmaterial über Krieg und Frieden in Form von Statistiken, Plakaten und Kunstwerken u. a. von Henrik Sørensen, Erik Werenskiold und Per Krohg. Die Propaganda für den Frieden reizte die „national Gesinnten“, und als die Ausstellung in Stavanger gezeigt wurde, wurde sie von jugendlichen Mitgliedern der Nasjonal Samling gestürmt, sodass die Polizei eingreifen musste. „Die Veranstaltungen der IKFF waren nun immer heftigeren Angriffen ausgesetzt, und sie mussten ihre öffentlichen Versammlungen bewachen lassen.“[14]
Landesverteidigung
In den totalitären Ländern war die Lage der Pazifisten noch prekärer. In Deutschland, wo sie nach der Machtergreifung der Nazis inhaftiert und gefoltert wurden, und auch die Ehrung durch den Friedensnobelpreis den Antimilitaristen Carl von Ossietzky nicht aus dem Gefängnis befreien konnte, verlor die Führung der WILP-Sektion ihre Hoffnung, mit friedlichen Methoden gegen Hitler ankämpfen zu können. Auch die finnische Sektion stellte nach dem sowjetischen Angriff auf ihr Land 1939 ihre Friedensarbeit ein.
1937 beschloss die Landesversammlung der IKFF, dass die Mitglieder in der Frage der Landesverteidigung nach ihrem Gewissen frei entscheiden sollten. Ein bedingungsloser Pazifismus, zu dem Marie Lous Mohr sich weiterhin verpflichtet fühlte, war nicht mehr mehrheitsfähig. Nach dem Kriegsausbruch leisteten die Mitglieder der IKFF humanitäre Arbeit für Flüchtlinge und Kriegsopfer und insbesondere für jüdische Kinder. 1939 reisten Sigrid Helliesen Lund und Marie Lous Mohr mit Zustimmung der norwegischen Regierung nach Prag, um 37 Kinder nach Norwegen zu bringen.
Im Frühjahr 1940 erlaubten die Frauenligen aller nordischen Länder ihren Mitgliedern die Teilnahme an Zivilschutzaktionen. Für Norwegen bedeutete dies auch die Mitarbeit an der Kvinnenes Arbeidshjelp (Frauenarbeitshilfe), die vom Norske Kvinners Nasjonalråd organisiert wurde und eine aktive Mitwirkung an der Mobilmachung für den Krieg vorsah.[14]
Besatzungszeit
Am 10. Juni 1940 kapitulierte die norwegische Armee nach heftiger Gegenwehr gegen die Wehrmacht und zwei Monate später, am Vormittag des 16. August 1940, kam die deutsche Polizei in die Stortingsgata 30, wo die IKFF sich ein Büro mit Norsk Kvinnesaksforening und dem Club berufstätiger Frauen (Yrkeskvinners Klubb) teilte. Alle schriftlichen Unterlagen wurden beschlagnahmt. Margarete Bonnevie und Marie Lous Mohr mussten Berichte über ihre Organisationen verfassen – auf Deutsch. Die IKFF, deren Mitgliederlisten und Namen nennende Dokumente nicht gefunden wurden (sie waren vom Vorstand vorausschauend vernichtet worden), wurde aufgelöst und verboten.[14]
Der gewaltfreie Widerstand gegen die Besatzer und die humanitäre Hilfe gingen jedoch weiter. Letztere konzentrierte sich darauf, untergetauchte Juden heimlich über die Grenze nach Schweden zu bringen, bevor sie von den Handlangern der Nazis festgenommen werden konnten. Myrtle Wright berichtet in ihrem Tagebuch von Marie Mohrs Versuch, mit Hilfe von Freunden zwei jüdische Kinder zu schmuggeln.[18]
Einige Tage später, am 12. Januar 1943, wurde Marie Lous Mohr verhaftet und über zwei Jahre lang, bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945, im Polizeihäftlingslager Grini eingesperrt.[19] „Die Spuren dieses Gefängnisaufenthalts trug sie für den Rest ihres Lebens mit sich.“[15]
Kalter Krieg
Mit dem Frieden nahm die IKFF unter der Vorsitzenden Mohr ihre Arbeit wieder auf. 1946 wurde sie zur internationalen Vizepräsidentin der WILPF gewählt, 1952–1956 amtierte sie als deren Präsidentin. In den Jahren des Kalten Krieges engagierte sie sich seit dem Ausbruch des Koreakriegs für dessen Beendigung. Sie beteiligte sich an einer Petition an 97 Regierungen zur Abschaffung der Todesstrafe. Sie trat für Abrüstung und gegen Atomwaffentests ein.
Nach 1956, als Pädagogin bereits im Ruhestand, war sie erneut in der norwegischen Sektion aktiv und zeitweise deren Vorsitzende.[14]
Ende
Marie Lous Mohr starb mit 81 Jahren und wurde am 29. November 1973 in der Neuen Kapelle des Vestre-Krematoriums verabschiedet.[20] Auf dem Vestre Gravlund in Oslo ruht sie in einem Rasengrab neben ihren Eltern.[21] Die Nachrufe würdigten sie als „fähige, warmherzige und kluge Fürsprecherin für Frieden und friedliche Koexistenz.“[22]
Funktionen
- Vorsitzende der Norsk kvinneliga for fred og frihet, 1934–1947, später Ehrenmitglied.
- Vorstandsmitglied im Women’s International League for Peace and Freedom seit 1934; Vizepräsidentin 1946–1952; Präsidentin 1952–1956
Literatur
- Elisabeth Lønnå: Stolthet og kvinnekamp. Norsk Kvinnesaksforenings historie fra 1913. Gyldendal & Norsk kvinnesaksforening, Oslo 1996, ISBN 82-05244-95-2.
- Marie Lous Mohr. En ekte internasjonalist. in: Fred og Frihet, 58. Jahrgang Nr. 1, März 1998, Seite 6 f. (Digitale Version (PDF)).
- Mari Holmboe Ruge (Hrsg.): Norsk gruppe av internasjonal kvinneliga for fred og frihet 1915–1940. Et forsøk på internasjonalt samarbeid. Internasjonal kvinneliga for fred og frihet, Oslo 2015 (Information).
- Jonassen, Mari: Norske kvinner i krig. 1939–1945. Aschehoug, Oslo 2020, Seiten 44, 388, 401. ISBN 978-82-03267-51-2.
Weblinks
- Olaf Eugen Mohr. in: Slekt skal følge slekters gang.
- Marie Lous Mohr. in: Historisk befolkningsregister.
- Todesnachrichten Marie Lous Mohr in norwegischen Zeitungen.
- Website der WILPF.
- Norsk kvinneliga for fred og frihet Norwegische Sektion der WILPF.
Einzelnachweise
- ↑ Ministerialbok for Halse prestegjeld 1890-1905 (1019Q).
- ↑ Døde 1951-2017.
- ↑ Hugo Lous Mohr. in: Store norske leksikon (Digitale Version).
- ↑ Glenny Alfsen: Hugo Lous Mohr. in: Norsk biografisk leksikon (Digitale Version).
- ↑ Folketelling 1891 for 1002 Mandal ladested.
- ↑ Folketelling 1900 for 1103 Stavanger kjøpstad.
- ↑ Folketelling 1910 for 1301 Bergen kjøpstad.
- ↑ Kommunal folketelling 1912 for Bergen kjøpstad. Dieses Dokument belegt übrigens die Geburtsdaten der Eltern und aller Geschwister von Marie.
- ↑ Olaf Eugen Mohr. in: Slekt skal følge slekters gang.
- ↑ Øysten Parmann: Hugo Lous Mohr (Minne) … 25.02.78 – 19.03.78. Ausstellung im Kunstnereshus.
- ↑ Elever ved Bergen katedralskole 1860-1929.
- ↑ Ministerialbok for Johannes prestegjeld 1907-1924 (1301M6).
- ↑ a b Fødselsdager: 70 år. in: Nationen vom 19. Februar 1962, Seite 9 (Digitale Version).
- ↑ a b c d e f g Elisabeth Lønnå: Marie Lous Mohr. in: Store norske leksikon (Digitale Version).
- ↑ a b c Ragnhild Eide: Marie Lous Mohr er død. in: Arbeiderbladet vom 27. November 1973, Seite 16 (Digitale Version).
- ↑ Kommunale høgre almenskoler. Aker skoler. Nordstrand skole (med gymnas). In: C. Lampe (Hrsg.): Norges statskalender for året 1940. H. Aschehoug & Co (W. Nygaard), Oslo 1940, Spalte 316 f. (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
- ↑ Kommunale høgre almenskoler. Aker skoler. Nordstrand høgre skole. In: Harald Gram (Hrsg.): Norges statskalender for året 1954. H. Aschehoug & Co (W. Nygaard), Oslo 1954, Spalte 435 f. (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
- ↑ DOK. 41 Myrtle Wright bereitet am 3. und 4. Januar 1943 mit Freunden die Flucht jüdischer Kinder nach Schweden vor. In: Bundesarchiv u. a. (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 12: Katja Happe, Barbara Lambauer, Clemens Maier-Wolthausen (Hrsg.): West- und Nordeuropa Juni 1942–1945. De Gruyter Oldenbourg, 2015, ISNB 978-3-48671-843-0, eBook 978-3-48685-552-4, doi:10.1515/9783486855524, Seite 205 bis 208.
- ↑ Marie Lous Mohr. in: Fanger.no
- ↑ Todesanzeige Marie Lous Mohr in: Arbeiderbladet vom 27. November 1973, Seite 16 (Digitale Version).
- ↑ Marie Lous Mohr. in: Slekt og Data.
- ↑ Aagot Brakstad: Marie Lous Mohr til minne. in: Romerikes Blad vom 29. November 1973, Seite 2 (Digitale Version).
- ↑ Women's International League for Peace and Freedom Collection: International Office, Geneva: Officers & staff. am Swarthmoe College Archiviert am 19. April 2013.