Maria Müller (Sängerin)

Maria Müller (* 29. Januar 1889 in Theresienstadt, Österreich-Ungarn; † 13. März 1958 in Bayreuth[1]) war eine österreichische, später tschechische Opernsängerin (Sopran).

Leben

Anfang

Maria Viktoria Müller wurde im Jahre 1889 im böhmischen Theresienstadt geboren. Sie wuchs in Leitmeritz auf, war früh theaterbegeistert, konnte aber eine Gesangsausbildung wegen des Widerstands ihrer Erziehungsberechtigten erst spät beginnen. Ab etwa 1915 erhielt sie eine dreijährige Ausbildung am Prager Konservatorium, anschließend studierte sie noch sechs Monate am Neuen Wiener Konservatorium bei Erik Schmedes.[2] Im Oktober 1919 debütierte sie am Landestheater Linz als „Elsa“ im Lohengrin von Richard Wagner.[3] Es folgten Engagements am Brünner Stadttheater (1920/21), am Deutschen Landestheater Prag (1921–1923) und an der Bayerischen Staatsoper in München. Bereits hier sang Maria Müller überwiegend Wagner, den Kernbereich ihres Repertoires.

Metropolitan Opera

Am 21. Januar 1925 trat sie ersten Mal an der Metropolitan Opera New York als „Sieglinde“ in der Walküre auf. Am nächsten Tag schrieb der Musikkritiker Olin Downes in der New York Times: „young Czech soprano .. was warmly welcomed. She has a fresh and youthful voice, a little small for the demands of her role, much grace and sincerity as an actress. Not often is the figure of Sieglinde so human, so tender and so appealing to the beholder.“ (junge tschechische Sopranistin .. wurde herzlich empfangen. Sie hat eine frische und jugendliche Stimme, etwas klein für die Anforderungen ihrer Rolle, und sie besitzt viel Anmut und Aufrichtigkeit als Schauspielerin. Selten wirkt die Figur der Sieglinde so menschlich, so zart und so anziehend).

Im selben Jahr sang sie die „Donna Elvira“ im Don Giovanni. Von 1925 bis 1935 wirkte sie in insgesamt in 196 Vorstellungen mit.[4] Sie sang in verschiedenen Ur- und Erstaufführungen wie bei der US-amerikanischen Erstaufführung der Madonna imperia von Franco Alfano (8. Februar 1928), Fra Gherardo von Ildebrando Pizzetti (29. März 1929), Schwanda, der Dudelsackpfeifer des tschechisch-amerikanischen Komponisten Jaromír Weinberger (7. November 1931) und Simon Boccanegra (29. Januar 1932).

Berlin

Von 1926 bis 1929 gastierte Maria Müller – häufig unter der Leitung von Bruno Walter – regelmäßig an der Städtischen Oper Berlin, in der Spielzeit 1930/31 war sie dort fest engagiert.[5] Von 1927 bis 1931 und von 1934 bis 1945 war sie prominentes Mitglied der Staatsoper Unter den Linden. Anfang der 1930er Jahre wurde sie zur preußischen Kammersängerin ernannt.[6] Von 1950 bis 1952 sang sie nochmals an der Städtischen Oper Berlin: die Aida, Elisabeth in Tannhäuser sowie in den Neuinszenierungen von Die Walküre (Sieglinde), Dirigent Ferenc Fricsay und Ariadne auf Naxos (Primadonna/Ariadne), Dirigent Leo Blech.[7]

Bayreuth

1930 debütierte Maria Müller bei den Bayreuther Festspielen unter Arturo Toscanini in der Rolle der Elisabeth in Tannhäuser. In den folgenden Jahren trat sie dort in allen wichtigen Partien ihres Stimmfaches auf: 1931 wiederum als Elisabeth und zusätzlich als Sieglinde (Die Walküre), eine Partie, in der sie bis 1942 in jedem Festspielsommer zu hören war. 1933/34 und 1943/44 sang sie die Eva (Die Meistersinger von Nürnberg), 1936/37 die Elsa (Lohengrin), 1936/37 die Gutrune (Götterdämmerung) und von 1939 bis 1942 die Senta (Der fliegende Holländer).[8] Ein Kritiker der New York Herald Tribune urteilte 1936 über ihren Auftritt in Bayreuth: „Müllers Stimme ist frischer und schöner als an der Metropolitan.“

Weitere Rollen

Bei den Salzburger Festspielen sang sie 1931 die „Eurydice“, 1933 die „Rezia“ in Oberon und 1934 die „Donna Elvira“. An der Covent Garden Opera debütierte sie 1934 als „Eva“ in den Meistersingern und sang 1937 die „Sieglinde“ in der Walküre. Ihr Repertoire umfasste zusätzlich Hauptrollen in Die ägyptische Helena, Jenufa, „Iphigenie“ in Iphigénie en Tauride, „Djula“ in Ero der Schelm von Jakov Gotovac, „Pamina“ in der Zauberflöte, Tosca und „Marguerite“ in Faust von Gounod. Maria Müller hatte ein umfangreiches Opern- und Liedrepertoire, erlangte aber besondere Bedeutung als Wagner-Interpretin, als Liedinterpretin trat Müller gemeinsam mit dem Pianisten Sebastian Peschko häufig auf. Müller stand 1944 in der Gottbegnadeten-Liste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.[9]

Sie war seit Mitte der 1920er Jahre mit dem Juristen Wilhelm Reichenauer (* 1891 Hermannstadt, vermisst im Zweiten Weltkrieg) verheiratet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Maria Müller in Bayreuth. Sie wurde auf dem dortigen Stadtfriedhof beigesetzt. Ihr Grab liegt zwischen den Grabstätten von Franz Liszt und der Familie Wagner. 1983 übernahm die Stadt Bayreuth die Pflege des Grabes. Das Grab wurde im Frühjahr 2011 aufgelöst[10], nach Protesten aus dem In- und Ausland wurde der Grabstein jedoch an gleicher Stelle wieder aufgerichtet.[11]

Diskografie

  • Tannhäuser 1930[12].
  • Die Meistersinger von Nürnberg[13]
  • Lohengrin[14]
  • Walküre[15]
  • Der Freischütz[16]

Literatur

  • Maria Müller in: Internationales Biographisches Archiv – Personen aktuell 20/1958 vom 5. Mai 1958, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  • Müller, Maria. In: Wilibald Gurlitt (Hrsg.): Riemann Musiklexikon. 12., völlig neubearbeitete Auflage. Personenteil: L–Z. Schott, Mainz 1961, S. 280 (Textarchiv – Internet Archive).
  • Müller, Maria. In: Carl Dahlhaus (Hrsg.): Riemann Musiklexikon. 12., völlig neubearbeitete Auflage. Personenteil: L–Z, Ergänzungsband. Schott, Mainz 1975, S. 240.
  • Günter Walter: Maria Müller: Biographie und Discographie. In: Stimmen die um die Welt gingen. Heft Nr. 70, Münster 2001, S. 1–112.
  • Müller, Maria in: Karl-Josef Kutsch, Leo Riemens, Hansjörg Rost: Großes Sängerlexikon. Vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage. K. G. Saur, München 2003. ISBN 3-598-11598-9 (7 Bände). S. 3250 f
  • Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 5066f. online

Einzelnachweise

  1. Standesamt Bayreuth, Sterberegister 252/1958; somit nicht 1898 geboren
  2. Harry E. Weinschenk: Künstler plaudern. Limpert, Berlin 1938, S. 218–220
  3. Ankündigung in der Linzer Tages-Post vom 9. Oktober 1919 und Rezension im Linzer Volks-Blatt vom 12. Oktober 1919
  4. Maria Müller in der MetOpera database
  5. Detlef Meyer zu Heringdorf: Das Charlottenburger Opernhaus von 1912 bis 1961. Dissertation. Deutsche Oper Berlin 1988, ISBN 3-926412-07-0. S. 650 f
  6. Georg Droescher: Statistischer Rückblick auf die künstlerische Tätigkeit und die Personalverhältnisse während der Zeit vom 1. Januar 1886 bis 31. Dezember 1935. Elsner, Berlin 1936, S. 130
  7. Günter Walter: Maria Müller: Biographie und Discographie. In: Stimmen die um die Welt gingen. Heft Nr. 70, Münster 2001, S. 56–58
  8. Wagnermania | Bayreuther Festspiele
  9. Müller, Maria. In: Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten : Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Kiel: Arndt, 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 254
  10. Nordbayerischer Kurier vom 24. August 2011
  11. Nordbayerischer Kurier vom 18. Juli 2012 Grabstein von Maria Müller wird wieder aufgestellt
  12. WAGNER, R.: Tannhauser (Bayreuth Festival) (1930)
  13. Maria Muller
  14. Das süße Lied verhalt Lohengrin by Richard Wagner (Memento vom 27. Februar 2012 im Internet Archive)
  15. Wagner: Die Walküre, Act 3 (Memento vom 14. Januar 2012 im Internet Archive)
  16. Weber: Der Freischütz (Memento vom 12. Januar 2012 im Internet Archive)