Münzstätte Haldenstein

Die Münzstätte Haldenstein war eine Münzprägeanstalt in Haldenstein, einer Ortschaft des heutigen Kantons Graubünden. Die Münzprägung setzte dort im frühen 17. Jahrhundert bzw. vor 1615 ein und dauerte mit Unterbrüchen bis in das Jahre 1770 an.[1][2] Während dieser rund 150-jährigen Prägeperiode stand die Ausübung des Münzprivilegs stets dem amtierenden Herrn der Freiherrschaft Haldenstein zu.[3.1]

Münzherrschaft

Die Herren von Haldenstein

Erstmals urkundlich belegt wird Haldenstein im Jahre 960, als Kaiser Otto I. die Herrschaft dem Bischof von Chur schenkte.[4] In der Folgezeit wurde die Herrschaft mehrfach als Lehen vergeben, wobei der bischöfliche Einfluss im Laufe der Jahre immer weiter abnahm; spätestens ab 1400 agierten die Besitzer Haldensteins als souveräne Territorialherren.[3.2] Im Zuge dieser Veränderungen wurde die Herrschaft ab dem 15. Jahrhundert mehrfach mit Herrschaftsrechten bedacht – das Münzrecht gehörte allerdings nicht dazu.[5] Selbiges gewährte Kaiser Rudolf II. erst 1612, ein knappes Jahr nachdem er Thomas I. in den Freiherrstand erhoben hatte.[5]

Thomas I. von Schauenstein (1608–1628)

Unter Thomas I. von Schauenstein[6], der einem alten Ritter- und Freiherrengeschlecht entstammte, begann die Münzprägung wohl bereits kurze Zeit nachdem ihm diese vom Kaiser gestattet worden war.[3.3][1] Wann genau dies tatsächlich war, kann allerdings nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, da die ersten Gepräge keine Jahreszahlen tragen. Weil aber bereits im Jahre 1615 Kritik an den aus Haldenstein stammenden Dicken und Batzen angemeldet wurde, müssen diese irgendwann vor diesem Datum entstanden sein.[1]

Neben den eben erwähnten Nominalen wurden bis 1624 Pfennige, Dukaten, Goldgulden, Groschen und Bluzger, ein lokales Kleinnominal, das im Gebiet der drei Bünde zirkulierte und einem Sechstel Batzen entsprach,[7] geprägt.[8] Ein Grossteil dieser Münzen zeigt das Hüftbild des Freiherrn und/oder sein Wappen, das teilweise mit demjenigen seiner Frau gekoppelt und/oder mit weiteren Motiven ergänzt wurde.[8]

Die Münzen, die unter Thomas I. von Schauenstein geprägt wurden, waren selten von guter Qualität und wurden deswegen mehrfach verrufen. In der Kipperzeit liessen Feingehalt und Gewicht der Emissionen noch einmal bedenklich nach, weswegen dieselben überregional verboten wurden.[3.4]

Julius Otto I. von Schauenstein (1628–1666)

Nachdem Thomas I. gestorben war, übernahm sein ältester Sohn, Julius Otto I. von Schauenstein,[6] die Herrschaft.[3.5] Er machte von seinem Münzrecht in deutlich geringerem Umfang Gebrauch als sein Vater und fokussierte sich vor allem auf die Ausprägung geringer Scheidemünzen wie den Bluzger, der auf der einen Seite sein Wappen und auf der anderen Seite das für diese Münze übliche Kreuz zeigt.[9] Daneben liess er in deutlich kleineren Mengen Taler, Groschen und Dukaten prägen, die allesamt den Freiherrn abbilden.[3.6]

Thomas II. von Schauenstein (1666–1667)

Als Julius Otto I. im Jahre 1666 starb, übernahm sein Bruder, Thomas II.,[6] die Herrschaft. In seiner kurzen Amtszeit, die lediglich 10 Monate andauerte, liess derselbe Dukaten prägen, die in ihrer Ausgestaltung deutlich besser gearbeitet waren, als jene von Julius Otto I.[9]

Georg Philipp von Schauenstein (1671–1695)

Nach dem Tode Thomas’ II. trat Georg Philipp,[6] der älteste Sohn von Julius Otto die Nachfolge als Herr von Haldenstein an.[9] Auch er widmete sich der Münzprägung und erwirkte zu diesem Zweck im Jahre 1687 die Erneuerung bzw. Bestätigung des Reichsmünzprivilegs.[3.7] In der Folgezeit gab er die Ausmünzung von Silber- und Billonmünzen in Auftrag, wobei vor allem Reichsgulden und Kreuzer in verschiedenen Typen und Varianten sowie Bluzger geprägt wurden.[10] Die in seiner Herrschaftszeit hergestellten Münzen bilden meist den Freiherrn im Profil sowie sein vollständiges Wappen ab.[10] Insgesamt verbesserte sich die Qualität der Münzen auch unter Georg Philipp nicht, weswegen die in Haldenstein geprägten Münzen immer wieder verrufen wurden.[3.8]

Johann Lucius von Salis (1701–1722)

Nachdem Georg Philipp ohne Erben gestorben war, ging die Herrschaft Haldensteins gemäss Schiedsspruch der drei Bünde im Jahre 1701 an Johann Lucius von Salis,[6] den Ehegatten der Maria Flandrina von Schauenstein, eine Enkelin von Thomas II., über.[11] Auch Luzius machte von seinem Münzrecht Gebrauch, allerdings waren die Emissionen unter ihm deutlich geringer als unter seinem Vorgänger. Während seiner Herrschaft liess er Pfennige, Kreuzer und Bluzger prägen, wobei dieselben weiterhin das Wappen der Familie Schauenstein abbildeten.[12] Daneben sollen unter Münzmeister Jacquin (1701–1704) falsche Kreuzer, Dublonen und Taler geprägt worden sein. Darüber, wie umfangreich diese Ausmünzungen waren und ob der Freiherr über die Aktivitäten, die sich allem Anschein in seiner eigenen Münzstätte abspielten, Bescheid wusste, ist nichts bekannt.[12][3.9]

Gubert von Salis (1722–1737)

Im Jahre 1722 übernahm Gubert,[6] der Sohn des verstorbenen Lucius, die Freiherrschaft Haldenstein und begann alsbald mit der Prägung von Dukaten, Groschen und Kreuzern.[13] Daneben liess er grosse Mengen Bluzger produzieren, deren minderwertige Qualität dazu führte, dass dem Freiherrn das Recht auf die Bluzgerprägung von den drei Bünden entzogen wurde.[14] Insgesamt scheint sich Gubert wenig um dieses Verbot gekümmert zu haben und produzierte weiterhin fleissig Bluzger.[14] Viele der Münzen, die unter Gubert geprägt wurden, bilden den Freiherrn im Profil ab. Ein weiteres beliebtes Motiv stellt das unter Gubert neugestaltete Wappen der Freiherrschaft dar, das in den Farben von Salis, Lichtenstein und Grottenstein gehalten war und im Herzschild das Steinbockshorn Haldensteins zeigt.[13]

Thomas III. von Salis (1737–1783)

Nachdem Gubert im Jahre 1737 ohne Erbe gestorben war, ging die Freiherrschaft an seinen Bruder Thomas III. über.[6][3.10] Derselbe schloss bereits ein Jahr später nach der Übernahme Haldensteins einen Vertrag mit dem Churer Bischof, in welchem sich die beiden Akteure darauf einigten, die Bluzgerproduktion auf den Standort Chur zu beschränken. Um den zehnjährigen Verzicht auf die Bluzgerproduktion in Haldenstein auszugleichen, wurde der Freiherr am Gewinn der Churer Ausmünzungen beteiligt, womit sich der Handel wohl für beide Parteien auszahlte.[3.11] Zwar verzichtete Thomas III. nicht gänzlich auf die Ausübung seiner herrschaftlichen Münzrechte, wie die in seiner Zeit geprägten Dukaten, Kreuzer, Groschen und der vor allem im Rheinland beheimatete Albus anzeigen, dennoch blieb er in der Menge seiner Ausmünzungen deutlich hinter seinen Vorgängern zurück.[3.12] Insgesamt scheint Thomas III. die Münzstätte wohl noch bis in das Jahr 1770 genutzt zu haben, von da an lassen sich keine Münzen mehr nachweisen, die ihren Ursprung in Haldenstein haben.[2] Während die Dukaten und einige der Kreuzer den Freiherren im Profil darstellen, hebt sich das Münzbild des Albus deutlich vom Rest ab, da es sich bei dieser Münze um eine Nachahmung ausländischer Währung handelt.[3.13]

Standorte der Münzstätte

Münzstätte im Schloss Haldenstein

Aufgrund von archäologischen Funden, die in den 1980er Jahren entdeckt wurden, kann die Münzstätte der Freiherrschaft eindeutig im Schloss selbst sowie in einem umgebauten Mühlegebäude am Rhein, in welchem die Walzwerke untergebracht wurden, verortet werden.[15][16] Bei den Funden, die sich zwischen Kieselrollierungen des Erdgeschosses und des Hofes verbargen, handelt es sich um mehrere tausend kleiner Metallstückchen, die als Abfallmaterialien der Münzstätte identifiziert werden konnten.[16] Unter diesen Abfallprodukten befinden sich Tiegelfragmente, Gussreste aus Tiegeln und Münzstempel, die Rückschlüsse auf den Ablauf der Münzproduktion zulassen.[16] Darüber hinaus zeigt der hohe Fundanfall an Metallresten an, dass die Münzstätte wohl schlecht verwaltet wurde.[15]

Personal der Münzstätten

Im Folgenden werden alle Personen, die an der Herstellung und Verarbeitung der in Haldenstein geprägten Münzen beteiligt waren, ihrer Position nach aufgeführt. Mehrfachnennungen sind möglich; sie sind dem Umstand geschuldet, dass ein und dieselbe Person mehrere Funktionen übernehmen konnte. Unter der Rubrik «Münzmeister» werden alle Personen zusammengefasst, die administrativ und/oder technisch an der Münzprägung bzw. Münzproduktion beteiligt waren.

Münzmeister

  • Johann Francesco Werdemann (1615–1623)
  • Conrad Nüscheler (1617–1623)
  • (Johann) Georg Schattauer (1687)
  • Johann Georg Gilli (1687–1694 o. 1695)
  • Hans-Jörg Müller (1689–1692)
  • Balthasar Casutt (?–1696)
  • Georg Wilhelm Vestner (1701)
  • Martin Hoffmann (1701–1702)
  • Johann Niklaus Jacquin (1701–1704)
  • Jakob Schlumpf (1714)
  • Georg Müller (1747)

Münzknechte

  • Jakob Gegenschatz (1671–1695)
  • Johann Cametsch (1671–1695)
  • Claudi (1701)
  • Pfaff (1701)
  • Paulus Goetz (1702)
  • Johann Hoffmann (1702)

Literatur

  • Rahel C. Ackermann: Die Münzstempel der Herrschaft Haldenstein in der Sammlung des Rätischen Museums Chur. In: Jahresbericht 2018 der Stiftung Rätisches Museum Chur. Chur 2019, S. 100–131.
  • Rahel C. Ackermann: Die neuzeitliche Münzstätte im Schloss Haldenstein bei Chur GR, Schweiz. In: Nicolas Holmes (Hg.): Proceedings of the XIVth International Numismatic Congress Glasgow 2009. Glasgow 2011, S. 1679–1686.
  • Rahel C. Ackermann: «Gezeichnete» Taschen und Walzen in der Münzstätte Haldenstein: Ein Beitrag zur frühneuzeitlichen Münztechnik. In: Christian Schinzel (Hg.): Benedictum sit: Festschrift für Benedikt Zäch zum 60. Geburtstag. Winterthur 2019, S. 179–187.
  • Rahel C. Ackermann, Christoph Ph. Matt: Münzstätten im archäologischen Befund. In: Archäologie Schweiz AS / SAM / Schweizerischer Burgenverein (Hg.): Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen. Basel 2018, S. 189–194.
  • Georg Lütscher et al.: Geschichte der Freiherrschaft und Gemeinde Haldenstein. Haldenstein 1995.
  • Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen. Hilterfingen 1981.

Einzelnachweise

  1. a b c Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 6.
  2. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 29.
  3. Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981
    1. S. 1.
    2. S. 3.
    3. S. 4.
    4. S. 10.
    5. S. 11.
    6. S. 12f.
    7. S. 14.
    8. S. 16.
    9. S. 22f.
    10. S. 25.
    11. S. 26.
    12. S. 26–28.
    13. S. 28f.
  4. Vgl. Thomas Margadant: Haldenstein, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), abgerufen am 16. November 2020, S. 1.
  5. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 5.
  6. a b c d e f g Vgl. Rahel C. Ackermann: Die Münzstempel der Herrschaft Haldenstein in der Sammlung des Rätischen Museums Chur, in: Jahresbericht 2018 der Stiftung Rätisches Museum Chur, Chur 2019, S. 102.
  7. Vgl. Rahel C. Ackermann: Die Münzstempel der Herrschaft Haldenstein in der Sammlung des Rätischen Museums Chur, in: Jahresbericht 2018 der Stiftung Rätisches Museum Chur, Chur 2019, S. 1681.
  8. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 7–11.
  9. a b c Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 13.
  10. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 14–16.
  11. Vgl. Georg Lütscher u. a.: Geschichte der Freiherrschaft und Gemeinde Haldenstein, Haldenstein 1995, S. 52.
  12. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 17.
  13. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 23.
  14. a b Vgl. Edwin Tobler: Haldenstein und seine Münzen, Hilterfingen 1981, S. 24.
  15. a b Vgl. Rahel C. Ackermann, Christoph Ph. Matt: Münzstätten im archäologischen Befund, in: Archäologie Schweiz AS, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit SAM, Schweizerischer Burgenverein (Hgg.): Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen. Akten des Kolloquiums Bern, 25.–16.1.2018, Basel 2018, S. 191.
  16. a b c Vgl. Rahel C. Ackermann: Die neuzeitliche Münzstätte im Schloss Haldenstein bei Chur GR, Schweiz, in: Nicolas Holmes: Proceedings of the XIVth international numismatic congress Glasgow 2009, Glasgow 2011, S. 1680.