Münzstätte Bellinzona
In der Münzstätte Bellinzona in Bellinzona, dem heutigen Hauptort des Schweizer Kantons Tessin, setzte die Münzprägung wohl im Jahre 1500 ein und dauerte mit Unterbrüchen bis 1548 an.[1] In der ersten Prägephase, die von 1500 bis 1503 andauerte, lag die Münzproduktion in der Hand der Stadt Bellinzona. Etwa ab 1503 bis 1529/30, eventuell bis 1548, widmeten sich die drei Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden der Münzproduktion.[2]
Münzherrschaften
Die Stadt Bellinzona
In der Phase zwischen 1500 und 1503 wurden in Bellinzona Münzen gefertigt, die auf der Vorderseite den heiligen Petrus und auf der Rückseite einen Knaben zu Pferd abbildeten.[3] Die Verortung dieser Münzen in das beginnende 16. Jahrhundert orientiert sich vor allem an der Umschrift der Münzen, die «in libertate sumus» lautet und auf die kurze Phase von 1500 bis 1503 verweist, in der sich Bellinzona als freie Stadt zu behaupten versuchte.[4] Die Münzproduktion der Stadt mag verwundern; Bellinzona hatte sich bereits im April des Jahres 1500 den Eidgenossen unterworfen und verfügte über kein Münzrecht bzw. unterstand offiziell dem Münzkreis von Mailand.[5] Im Zuge der Kriegswirren konnte Mailand allerdings nicht mehr für eine ausreichende Münzversorgung der Lombardei garantieren, wodurch sich Bellinzona dazu befugt sah, selbst Münzen zu produzieren.[6] Die Übernahme der Münzstätte Bellinzonas durch die drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden setzte der städtischen Münzprägung im Frühling 1503 ein jähes Ende.[7]
Die drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden
Nachdem sich Bellinzona bereits im Jahre 1500 freiwillig an die Eidgenossenschaft überantwortet hatte, bestätigte der französische König den Anspruch der drei Orte Uri, Schwyz und Nidwalden auf die Stadt 1503 im Friedensvertrag von Arona.[8] In den folgenden Jahren bzw. ab 1503 wurden in der Münzstätte Bellinzonas Dicken (Testoni), Rössler (Cavallotti), Batzen, Soldi, Bissoli (Spagürli) und Angster geprägt, welche die Wappenschilde der drei Orte sowie in früherer Zeit jenes von Bellinzona abbildeten.[9] Wohl nicht zuletzt deswegen, weil die in Bellinzona geprägten Angster und Dicken auch für den Umlauf nördlich der Alpen intendiert waren, wurde deren geringe Qualität bereits 1506 im Rahmen der eidgenössischen Tagsatzung kritisiert, die darauffolgend auf die Schliessung der Münzstätte drängte.[10] Die drei Orte kamen dieser Aufforderung nicht nach, in der Folgezeit prägte Schwyz allerdings selbstständig, während Uri und Nidwalden weiterhin zusammen münzten.[11] Tatsächlich verfügten auch die drei Orte über kein explizit ausgesprochenes Münzrecht; zwar belehnte Kaiser Maximilian I. sie im Jahre 1508 mit Bellinzona, ein Münzprivileg wurde in diesem Kontext indes nicht ausdrücklich erwähnt.[12] Trotz dieses Umstandes wurde die Münztätigkeit der drei Orte, die in Bellinzona bis mindestens 1529 andauerte, gemeinhin akzeptiert. Die Münzproduktion wurde einige Jahre später nach Altdorf, in die Münzstätte Altdorf verlegt.[13] Es gilt als umstritten, ob es in der Folgezeit bzw. bis 1548 zu weiteren sporadischen Prägungen in Bellinzona kam; mangels stichhaltiger Belege kann eine solche weder nachgewiesen noch verneint werden.[14]
Standort der Münzstätte
Münzstätte in Bellinzona
Der Standort der Münzstätte in Bellinzona ist nicht gesichert. Archäologische Befunde und die nachgewiesenen Beziehungen des ersten Münzmeisters Morosini mit der Besitzerfamilie Todesco legen jedoch nahe, die Münzstätte in den ehemaligen Bruni-Pedrini-Gebäuden bei der Piazza Nosetto nahe des Rathauses zu lokalisieren. Diebold Schilling der Jüngere gibt in seiner Luzerner Chronik 1513 das Innere dieser Münzstätte Bellinzona wieder.
Personal der Münzstätten
Im Folgenden werden alle Personen, die an der Herstellung und Verarbeitung der in Bellinzona geprägten Münzen beteiligt waren, ihrer Position nach aufgeführt. Mehrfachnennungen sind möglich; sie sind dem Umstand geschuldet, dass ein und dieselbe Person mehrere Funktionen übernehmen konnte. Unter der Rubrik «Münzmeister» werden alle Personen zusammengefasst, die administrativ und/oder technisch an der Münzprägung bzw. Münzproduktion beteiligt waren.
Münzmeister
- Bernhardin(o) Morosini (1503–1510 o. 1512)
- Andreas Neuroni (1512–1529)
- Nicola Zez(z)io (1544–1548)
Münzknechte
- Johann Bollduc (?)
Literatur
- Giuseppe Chiesi, Pablo Crivelli, Chiara Orelli, Peter Schindler: Bellinzona, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). [1] (abgerufen am 30. November 2020).
- José Diaz Tabernero: Mittelalterliche und neuzeitliche Münzfunde im Kanton Uri. Forschungsstand und Perspektiven, in: Historisches Neujahrsblatt Neue Folge 61, 2006, S. 44–55.
- José Diaz Tabernero: Zwei seltene Innerschweizer Prägungen aus der Münzstätte Altdorf, in: Schweizer Münzblätter 52, 2002, S. 49–50.
- Paolo Ostinelli: Mailänderkriege, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). [2] (abgerufen am 30. November 2020).
- August Püntener: Urner Münz- und Geldgeschichte, Altdorf 1980.
- August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).
- Lucia Travaini: Bellinzona (Canton Ticino; Svizzera), in: Lucia Travaini (Hrsg.): Le zecche italiane fino all’unità, Rom 2011, S. 1286, ISBN 978-88-240-1333-8.
- Franco Chiesa: La zecca di Bellinzona, Bellinzona 1991, ISBN 88-7713-009-1.
Weblinks
- José Diaz Tabernero: Mittelalterliche und neuzeitliche Münzfunde im Kanton Uri – Forschungsstand und Perspektiven (PDF; 0,5 MB).
- José Diaz Tabernero: Zwei seltene Innerschweizer Prägungen aus der Münzstätte Altdorf (PDF; 0,9 MB).
- Spagürli. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 8. Januar 2013.
Einzelnachweise
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 9–10.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8); ergänzend: Franco Chiesa: La zecca di Bellinzona, Bellinzona 1991, S. 71–74 (setzt die «Freiheitstestoni» fälschlich erst ab 1527).
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 9.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).
- ↑ Giuseppe Chiesi, Pablo Crivelli, Chiara Orelli, Peter Schindler: Bellinzona. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) [Online], 5. April 2017, Abschnitt „16.–20. Jahrhundert“, abgerufen am 30. November 2020.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 9.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).
- ↑ Paolo Ostinelli: Mailänderkriege. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) [Online], 17. Februar 2011, abgerufen am 30. November 2020.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 9–10.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 10.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden. Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8), S. 9–11.
- ↑ August Püntener, Dietrich Schwarz: Die Münzprägung der drei Länder Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona und Altdorf. Die Münzen von Uri. Die Münzen von Nidwalden, Bern 1983 (Schweizerische Münzkataloge 8).