Médard Brogly
Jules Médard Brogly (* 29. April 1878 in Rixheim; † 5. Dezember 1959 in Riedisheim) war ein elsässischer Politiker, der unter deutscher und französischer Herrschaft aktiv war.
Leben und Wirken
Im Deutschen Kaiserreich
Seine Eltern waren Fridolin Brogly, von Beruf Sattler, und Marie, geb. Koerber. Die Eltern verstarben schon während seiner Kindheit, so dass er von dem Lehrer Kraehling aus Kingersheim, dessen Schüler er war, aufgezogen wurde. Von 1892 bis 1894 besuchte er die Lehreranwärter-Vorbereitungsschule in Colmar und trat anschließend in die Lehrerbildungsanstalt ein. Von 1897 bis 1904 war er nacheinander Lehrer in Mülhausen und Sultzmatt, dann Hilfslehrer an der Lehrerbildungsanstalt in Colmar. Nach einer zweijährigen Ausbildung an der Universität Straßburg (1904 bis 1906) wurde er zum Lehrer an der Mittelschule in Colmar und anschließend an der Oberrealschule in Mülhausen ernannt. Im Jahr 1907 war er Mitglied des Vorstands des Zentrumsvereins in Colmar. Außerdem war er Bezirksleiter des Volksvereins für das Katholische Deutschland und Vorsitzender des Katholischen Lehrerverbands.[1]
Am 25. Mai 1909 heiratete er in Schirrhein die aus Bilwisheim stammende Marie Rosalie Philomène Meyer,[1] mit der er zwei Söhne und zwei Töchter hatte.
Bei der Landtagswahl in Elsaß-Lothringen 1911 wurde er as Kandidat des Elsaß-Lothringischen Zentrums im Wahlkreis Habsheim-Landser in den Landtag Elsaß-Lothringens gewählt. Bei der Reichstagswahl im Folgejahr kandidierte er im Wahlkreis Mülhausen, unterlag aber dem sozialdemokratischen Gegenkandidaten Leopold Emmel.[1]
Aufgrund seiner pro-französischen Überzeugungen wurde er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 11. August 1914 verhaftet und später wieder freigelassen. Am 13. April 1915 wurde er erneut verhaftet und am 13. Juli 1915 wegen Spionage für Frankreich von einem deutschen Kriegsgericht zu zehn Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Rechte verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, den französischen Truppen bei ihrem Einmarsch in Mülhausen 1914 Hinweise gegeben zu haben.[1] Erst am 9. November 1918 kam er infolge der Novemberrevolution aus dem Gefängnis in Saargemünd frei.
In der Dritten Französischen Republik
Er beteiligte sich aktiv am Wiederaufbau der Elsass-Lothringischen Zentrumspartei, die nunmehr unter dem Namen Union populaire républicaine (UPR) fungierte.[1] Im August 1919 wurde er UPR-Parteivorsitzender im Département Haut-Rhin und hatte dieses Amt bis zur Auflösung der Partei im Jahr 1940 inne. Von 1919 bis 1922 war er außerdem Generalrat (conseiller général) von Habsheim und 1928 bis 1940 dann von Huningue. Bei der Parlamentswahl 1919 wurde er als Abgeordneter des Départements Haut-Rhin auf einer Liste der Union nationale gewählt und schloss sich in der Abgeordnetenkammer der Fraktion der Républicains du Centre an. Bei der Wahl 1924 kandidierte er aus persönlichen Gründen nicht erneut. Von 1928 bis 1936 war er Abgeordneter von Mulhouse-Campagne (Mülhausen-Land), zunächst als Parteiloser und ab 1932 als Abgeordneter in der Fraktion der Républicains du Centre. Er beschäftigte sich vor allem mit Fragen des Schulwesens und der Sprache. 1932 veröffentlichte er die auf Deutsch geschriebene Abhandlung „Zur Schul- und Sprachen-Frage in Elsass und Lothringen“. Am 14. Januar 1936 wurde er als Parteiloser Mitglied des Senats. An der Abstimmung der Nationalversammlung am 10. Juli 1940, in der Philippe Pétain unbeschränkte Vollmachten übertragen wurden, nahm er nicht teil.[1]
Während der deutschen Besetzung und in der Nachkriegszeit
Während der deutschen Besetzung von 1940 bis 1945 lebte er in Riedisheim. Ab Ende 1940 war er Vorsitzender des neuen Verwaltungsrats der katholischen Pressegruppe Alsatia. Als Mitglied der „Colmarer Gruppe“ stand er in Verbindung mit dem deutschen Widerstand, insbesondere mit dem Gördeler-Stauffenberg-Komplott gegen Hitler. 1945 veröffentlichte er La grande épreuve : l’Alsace sous l’occupation allemande („Die große Prüfung: Das Elsass unter deutscher Besatzung“). Bei den Prozessen gegen vermeintliche elsässische Kollaborateure 1947 trat er als Entlastungszeuge auf.[1]
Auszeichnungen
Brogly erhielt folgende Auszeichnungen:[1]
- Ritter der Ehrenlegion
- Ritter des Gregoriusorden
- Médaille de la Fidélité Française mit drei Sternen
Publikationen
- Zur Schul- und Sprachen-Frage in Elsass und Lothringen (1932)
- La grande épreuve: l’Alsace sous l’occupation allemande (1945)
Literatur
- Mayeur, Dictionnaire du monde religieux, 2. L'Alsace, 1987
- Henry Coston, Dictionnaire de la politique francaise, 1972
- Fritz Wertheimer: Von deutschen Parteien und Parteiführern im Ausland. 2. Auflage. Zentral-Verlag, Berlin 1930, S. 282.