Lynne Segal
Lynne Segal (geb. 29. März 1944 in Sydney, Australien) ist eine sozialistische Feministin, emeritierte Professorin und Autorin in Großbritannien. Sie ist auf lokaler als auch internationaler Ebene aktivistisch unterwegs.[1] Seit 1970 unterrichtete sie in London und seit 1973 an der dortigen Middlesex University. An der Birkbeck, University of London wurde sie 1999 zur Anniversary Professor of Gender and Psychosocial Studies ernannt und arbeitete in verschiedenen Abteilungen der heutigen Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften. 2020 trat sie in den Ruhestand.[2]
Leben
Segal kam am 29. März 1944 in Sydney auf die Welt und wuchs dort auf. Sie wurde in die jüdische Familie von Iza und Reuben Segal geboren; ihre Eltern waren beide Ärzte.[3] Lynne Segals Bruder ist Mathematiker, ihre Schwester Tänzerin.[3]
Sie studierte Psychologie an der Universität Sydney, wo sie im Jahr 1969 ihren Doktortitel erhielt. In der gleichen Zeit kam sie mit einer anarchistischen Gruppe, den sogenannten Sydney Libertarians, und mit der offen oppositionellen Gruppe The Push in Kontakt. Beides waren politische Einflüsse, die sie ihr weiteres Leben begleiten würden.[4] Im Jahr 1969 wurde sie schwanger und heiratete den Vater des Kindes, welcher sich später als schwul outete, weshalb die Ehe endete.[5]
Aktivismus
Lynne Segal emigrierte 1970 nach London, wo sie die nächsten zehn Jahre damit verbrachte, sich vor allem Basisbewegungen im Ortsteil Islington zu widmen. Dort half sie beim Aufbau und Betrieb eines Frauenzentrums, der alternativen Zeitung Islington Gutter Press und unterstützte antirassistische Politik. Es war ein Jahrzehnt, in dem die parteiunabhängige Linke auf dem Vormarsch war, aber zugleich strukturell und ideologisch gespalten war.[6]
Im Jahr 1979 schrieb Segal gemeinsam mit Sheila Rowbotham und Hilary Wainwright Beyond the Fragments, in dem die Autorinnen für ein breiteres Bündnis zwischen Gewerkschaften, Feministinnen und linken politischen Gruppen plädieren.[7] Das Buch fand schnell großen Anklang, so dass es 1980 in Leeds, Yorkshire zu einer bedeutenden Konferenz dazu kam, und im Jahr darauf eine zweite Auflage des Buchs erschien. 1984 lud die Verlegerin Ursula Owen Lynne Segal ein, dem Beirat von Virago Press beizutreten und eine Einschätzung zum Stand des Feminismus zu verfassen, was zu Segals erstem eigenen Buch Is the Future Female? Troubled Thoughts on Contemporary Feminism führte.[8] Mit diesem Werk erreichte sie ein breites Publikum; es stellt sowohl Geschlechtermythen in Frage als auch die angebliche intrinsische Tugendhaftigkeit von Frauen oder die anscheinend unvermeidliche Grausamkeit von Männern, also die Thesen, welche in vielen populären feministischen Schriften der 1980er Jahre vorkamen.
Entsprechend ihrem sozialistischen und feministischen Umfeld argumentierte Segal, dass sich Feministinnen stets mit der allgegenwärtigen Negierung des Weiblichen auseinandersetzen müssten, dass aber die feministischen Kämpfe weder einfach auf Kämpfe mit Männern reduziert, noch alleine durch eine Neubewertung des „Weiblichen“ gelöst werden könnten.[9]
Alle nachfolgenden Bücher Segals plädieren für eine inklusive Form des linken Feminismus und für eine mitfühlende und egalitäre Welt.[10][11][12][13] In ihrem 2007 erschienenen Werk Slow motion: changing masculinities, changing men lehnt Segal klar die Gleichsetzung von männlicher Sexualität mit männlicher Gewalt ab und weist auf die Komplexitäten hin, welche über die Zeit und verschiedene Orte hinweg sehr unterschiedliche Ideen von Männlichkeit hervorbrachten.[14] Ähnliche theoretische Perspektiven tauchten auch in Straight Sex: The Politics of Pleasure auf; hier diskutierte sie die Fluidität sexueller Erfahrungen. In diesem Buch dekonstruiert sie die Vorstellung von männlicher Aktivität und weiblicher Passivität, die dem normativen Verständnis von Heterosexualität zugrunde liege und dazu diene, die Sprache und Praktiken männlicher Dominanz zu untermauern.[15] 2007 veröffentlichte Segal Making Trouble: Life and Politics, a Political Memoir. In diesem Buch befasst sie sich mit ihrer Generation von Nachkriegsaktivisten und reflektiert, was aus der Politik jener Generation in der düstereren, stärker gespaltenen Welt des 21. Jahrhunderts geworden ist.[16]
Lynne Segal hat einen Sohn, der im Bereich Internettechnologie arbeitet. Seit ihrer Ankunft aus Sydney lebt sie in Islington, Nord-London. Seit 2000 engagiert sie sich als säkulare Jüdin bei Jews for Justice for Palestinians, Independent Jewish Voices und Faculty for Israeli–Palestinian Peace (FFIPP) für die Beendigung der israelischen Besetzung palästinensischer Gebiete und die Schaffung eines gerechten Friedens zwischen Israel und Palästina.[1]
Politische Ansichten
Segal ist Mitglied der Labour Party im Wahlkreis Islington North[17] in der Ortsgruppe Highbury East.[18]
Veröffentlichungen
Bücher
- Sheila Rowbotham, Lynne Segal, Hilary Wainwright: Beyond the fragments : feminism and the making of socialism. 2. Auflage. Merlin Press, London 1981, ISBN 978-0-85036-254-1 (englisch).
- What is to be done about the family. Penguin Books in association with the Socialist Society, Harmondsworth 1983, ISBN 978-0-14-006596-1 (englisch).
- Is the future female? : troubled thoughts on contemporary feminism. Virago, London 1987, ISBN 978-0-86068-697-2 (englisch).
- The Past Before Us: Twenty Years of Feminism. Feminist Review, 1989, ISBN 978-0-415-03752-5 (englisch).
- Lynne Segal, Mary McIntosh: Sex exposed : sexuality and the pornography debate. Rutgers University Press, New Brunswick, N.J 1993, ISBN 978-0-8135-1938-8 (englisch).
- Does pornography cause violence? The search for evidence. In: Pamela Church Gibson, Roma Gibson: Dirty looks : women, pornography, power. British Film Institute (BFI) Publishing, London 1993, ISBN 978-0-85170-404-3 (englisch).
- Straight sex : rethinking the politics of pleasure. University of California Press, Berkeley 1994, ISBN 978-0-520-20001-2 (englisch).
- New sexual agendas. Macmillan, Basingstoke 1997, ISBN 0-333-67568-1 (englisch).
- Why feminism? : gender, psychology, politics. Polity, Cambridge 1999, ISBN 978-0-7456-2347-4 (englisch, archive.org).
- Slow motion : changing masculinities, changing men. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2007, ISBN 978-0-230-01927-0 (englisch).
- Making trouble : life and politics. Serpent’s Tail, London 2007, ISBN 978-1-85242-937-9 (englisch).
- Lynne Segal, Elaine Showalter (Introduction): Out of Time: The Pleasures and Perils of Ageing. Verso Books, London 2013, ISBN 978-1-78168-139-8 (englisch).
- Radical Happiness : Moments of Collective Joy. Verso Books, London 2017, ISBN 978-1-78663-154-1 (englisch).
- Lean on Me: A Politics of Radical Care. Verso Books, London 2023, ISBN 978-1-80429-294-5 (englisch).
Artikel
- Feminism and fatherhood. In: The School Field. 3. Jahrgang, Nr. 1/2, 1992, ISSN 0353-6807, S. 95–118 (englisch).
- Boys' success at school is undermined by the same competitive machismo that dominates the ideas of many male academics. In: The Guardian, Education, 16. Januar 2001. Abgerufen am 15. Juni 2013 (englisch).
- We would all be better off if academics wrote fewer but better books, argues Lynne Segal. In: The Guardian, Education, 13. Februar 2001. Abgerufen am 15. Juni 2013 (englisch).
- Getting beyond truisms is still the greatest task facing psychology. In: The Guardian, Education, 13. März 2001. Abgerufen am 15. Juni 2013 (englisch).
- Where have all the radicals gone? In: The Guardian, Education, 10. April 2001. Abgerufen am 15. Juni 2013 (englisch).
- Simon Baron-Cohen, Lynne Segal: Sex on the mind (e-mail exchange). In: The Guardian, 3. Mai 2003. Abgerufen am 15. Juni 2013 (englisch).
- Temporal Vertigo: The Paradoxes of Ageing. In: Studies in Gender and Sexuality. 15. Jahrgang, Nr. 3, 2014, ISSN 1524-0657, S. 214–222, doi:10.1080/15240657.2014.939022 (englisch).
Weblinks
- Lynne Segal’s Birkbeck eigene Webseite
- Dave Hill: The truth about men and women, Guardian Unlimited. Interview 11. Dezember 2000 (englisch)
- John Barker: Review of Making Trouble, 3:AM Magazine, 2007 (englisch)
Einzelnachweise
- ↑ a b Julie Bindel: Confessions of a troublemaker. In: The Guardian. 2. März 2007, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 10. Juni 2025]).
- ↑ Staff in the School of Social Sciences – Birkbeck, University of London. In: bbk.ac.uk. Abgerufen am 17. Januar 2026 (englisch, siehe Reiter „Emeritus Staff“).
- ↑ a b Rachel Cooke: Lynne Segal: 'The language of sex is still phallocentric' In: The Guardian, 1. Februar 2015. Abgerufen am 20. Mai 2022 (englisch).
- ↑ Lynne Segal: A groovy kind of love: from sex in the 60s, to sex in your 60s In: The Guardian, 2. November 2013. Abgerufen am 20. Mai 2022 (englisch).
- ↑ Carole Cadwalladr: It's been a long journey - and we're not there yet In: The Guardian, 7. Dezember 2008. Abgerufen am 16. Mai 2022 (englisch).
- ↑ For 50 years I’ve let friends and strangers share my house – this kind of communal living can make for better lives for all. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Beyond the fragments: feminism and the making of socialism. Reprinted Auflage. Merlin Press, London 1981, ISBN 978-0-85036-254-1.
- ↑ Lynne Segal: Is the future female? troubled thoughts on contemporary feminism. Repr Auflage. Virago, London 1991, ISBN 978-0-86068-697-2.
- ↑ Dirty looks: women, pornography, power. BFI Pub, London 1993, ISBN 978-0-85170-403-6.
- ↑ What is to be done about the family? ccisis in the 80s. Penguin in association with the Socialist Society, Harmondsworth 1983, ISBN 978-0-14-006596-1.
- ↑ Sex exposed: sexuality and the pornography debate. Rutgers University Press, New Brunswick, N.J 1993, ISBN 978-0-8135-1937-1.
- ↑ New Sexual Agendas. 1st ed. 1997. Palgrave Macmillan UK, London 1997, ISBN 978-0-333-67568-7.
- ↑ Lynne Segal: Why feminism? gender, psychology, politics. Polity Press, Cambridge 1999, ISBN 978-0-7456-2347-4.
- ↑ Lynne Segal: Slow motion: changing masculinities, changing men. 3rd, revised ed Auflage. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2007, ISBN 978-0-230-01927-0.
- ↑ Lynne Segal: Straight sex: rethinking the politics of pleasure. University of California Press, Berkeley 1994, ISBN 978-0-520-20000-5.
- ↑ Lynne Segal: Making trouble: life and politics. Serpent’s Tail, London 2007, ISBN 978-1-85242-937-9.
- ↑ A statement from Jewish Labour members on the current attacks on Jeremy Corbyn | Jewish Voice for Labour. Archiviert vom am 15. März 2025; abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
- ↑ Antisemitism on the left and Jeremy Corbyn. In: The Guardian. 5. April 2018, ISSN 0261-3077 (online [abgerufen am 13. November 2025]).