Lynchmord an Haftom Zarhum

Der Lynchmord an Haftom Zarhum ereignete sich am 18. Oktober 2015 an der zentralen Busstation der israelischen Stadt Beʾer Scheva. Der eritreische Asylsuchende wurde nach einem Terroranschlag irrtümlich für einen weiteren Täter gehalten, angeschossen und von Umstehenden misshandelt; er starb am folgenden Tag an seinen Verletzungen.[1][2][3]

Tathergang

Am 18. Oktober 2015, zur Zeit der sogenannten „Messer-Intifada“,[4] als in Israel laut dem israelischen Nachrichtenportal Ynet „nahezu täglich Angriffe von Palästinensern erfolgten“,[5] hielt sich Haftom Zarhum an der Busstation von Beʾer Scheva auf, um seinen Aufenthaltsstatus zu verlängern.[6][7] Ein 21-jähriger palästinensischer Araber aus dem nahen Dorf al-Uqbi, der mit Messer und Pistole bewaffnet war, erschoss zunächst den dort ebenfalls anwesenden israelischen Soldaten Omri Levy und schoss dann mit dessen Gewehr auf mindestens zehn weitere Personen, bevor er selbst erschossen wurde.[6][8][9] Der Sicherheitsoffizier der Busstation, Ziad Asam, hielt auch Zarhum für einen Terroristen und schoss auf ihn; ebenso ein Grenzpolizist.[10] Laut Autopsie wurde Zarhum von insgesamt acht Kugeln getroffen, zwei davon tödlich.[11]

Aufzeichnung der Sicherheitskamera von Zarhums Tötung[12]
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Wie die Aufzeichnungen der Sicherheitskamera später belegten, lag er danach blutend am Boden und wurde im Verlauf der nächsten 16 Minuten wiederholt von insgesamt neun der Anwesenden mit Stühlen beworfen, getreten und mit einer Bank geschlagen,[13][7] laut Berichten begleitet von Rufen wie „Tod den Arabern!“, „Araber raus!“ und „Am Israel Chai“ („das Volk Israels lebt!“).[5][4]

Als Sanitäter eintrafen, hielt die Menge sie zunächst davon ab, Zarhum zu versorgen; erst mit Verzögerung wurde er in ein Krankenhaus gebracht,[13][14] wo er am 19. Oktober 2015 starb.[2] Laut Polizeiquellen wurden an seinem Körper sowohl mehrere Schusswunden als auch Anzeichen von Gewalt festgestellt, aber letztendlich seien es die Schussverletzungen gewesen, die Zarhums Tod verursachten.[2][11]

Ermittlungen und Rechtsfolgen

Unmittelbar nach dem Vorfall begann die Polizei mit Untersuchungen und der Auswertung von Videomaterial.[6] Ermittlungen gegen die beiden Schützen wurden von vornherein ausgeschlossen.[15][16] Von den neun, die Zarhum misshandelt hatten, wurden vier angeklagt. Zwei Zivilisten akzeptierten 2018 Strafabsprachen und erhielten gemeinnützige Arbeit nebst einer dreistelligen Geldstrafe resp. eine viermonatige Haftstrafe. Zwei weitere Angeklagte – ein IDF-Soldat und ein Angestellter des Strafvollzugs – plädierten auf unschuldig und wurden im Juli 2020 vom Bezirksgericht Be’er Scheva freigesprochen;[17][18][19] der Oberste Gerichtshof bestätigte die Freisprüche im Juni 2022.[20] Begründet wurden die niedrigen Strafmaße mit der allgemeinen Panik, die aufgrund häufiger Terrorattacken in der Gesellschaft geherrscht hätte,[19] sowie damit, dass die Angreifer „berechtigte Zweifel“ haben konnten, ob es sich bei Zarhum nicht vielleicht doch um einen Terroristen gehandelt habe.[17]

Reaktionen

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verurteilte den Mord und sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus.[1] Israelische und internationale Medien beschrieben die Attacke auf Zarhum als (rassistisch motiviertes) Lynching.[3][6][14][21][22][23][18] Der eritreische Botschafter in Israel forderte die Festnahme der Beteiligten und eine gründliche Untersuchung.[24] Israels Polizei erklärte, der Sicherheitsmann, der Zarhum angeschossen hatte, sei befragt und freigelassen worden.[24] Im Dezember 2015 erneuerte die Israelische Ärztekammer ihre Richtlinien zur Triage an Anschlagsorten: Verwundete sollten nach Schwere der Verletzung behandelt werden, auch wenn es sich um mutmaßliche Täter handle.[25] Vertreter von Flüchtlingen äußerten die Sorge, Ziel ähnlicher Übergriffe werden zu können.[26]

Rezeption

Laut Menschenrechtlern beklagen sich viele Zuwanderer aus Afrika über Rassismus und Diskriminierung in Israel.[1] Kommentare ordneten den Vorfall in einen Kontext von Anfeindungen gegenüber afrikanischen Asylsuchenden ein.[14] Spätere Beiträge griffen den Fall im Lichte der Gerichtsentscheidungen erneut auf.[23]

Verfilmung

Der Vorfall wurde 2016 im Dokumentarfilm Death in the Terminal (Regie: Tali Shemesh, Asaf Sudry) aufgearbeitet; der Film gewann beim Dokumentarfilmfestival Docaviv in Tel Aviv drei Preise, darunter „Bester israelischer Film“.[27][28]

Opferfamilie

Kurz nach dem Vorfall berichteten Medien, Zarhums Angehörige seien nicht als Terroropfer entschädigungsberechtigt; der Generalstaatsanwalt empfahl dennoch Unterstützungsleistungen.[29][30] Die National Insurance Agency lehnte es ab, Zarhum als Terroropfer anzuerkennen, da der Eritreer illegal in das Land eingereist war.[31]

Einzelnachweise

  1. a b c Israel blickt nach Lynchmord entsetzt auf sich selbst - WELT. Abgerufen am 1. Oktober 2025.
  2. a b c ToI Staff: Eritrean mistaken for terrorist was killed by gunfire, not beating. In: The Times of Israel. 21. Oktober 2015, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  3. a b Israel probes mob assault on African bystander shot amid latest violence. In: The Washington Post. 19. Oktober 2015, ISSN 0190-8286 (washingtonpost.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  4. a b Sarah S. Willen: Fighting for Dignity. Migrant Lives at Israel’s Margins. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2019, ISBN 978-0-8122-5134-0, S. 228.
  5. a b Soldier murdered in Be'er Sheva bus terminal shooting, Eritrean lynched. In: Ynet. 18. Oktober 2015, abgerufen am 4. Oktober 2025: „Israel has struggled to contain near-daily attacks by Palestinians“
  6. a b c d Peter Beaumont: Hunt for Israelis who killed Eritrean man falsely implicated in bus attack. In: The Guardian. 19. Oktober 2015, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  7. a b Bayan Abusneineh: Chosen and Imagined: Racial and Gendered Politics of Reproduction in Palestine and Israel. 2022, S. 1 f. (escholarship.org – Dissertation, University of California, San Diego).
  8. Ariel ben Solomon, Yaakov Lappin: Israeli Beduin identified as gunman in Beersheba shooting attack, Shin Bet says. In: Jerusalem Post. 19. Oktober 2015, abgerufen am 4. Oktober 2025.
  9. Hedi Viterbo: Engangled Others: Intergroup Connectivity in Racialization – Israel/Palestine and Beyond. In: State Crime Journal. Band 14, Nr. 1, 2025, S. 1–23, hier 14, doi:10.13169/statecrime.14.1.0001.
  10. Almog Ben Zikri: Slain Eritrean Asylum Seeker Was Also Shot by Border Policeman, Police Say. In: Haaretz. 26. Oktober 2015, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  11. a b Ido Efrati, Almog Ben Zikri: Autopsy Reveals Eritrean Asylum Seeker Died From Gunshop Wounds, Not Lynching. In: Haaretz. 21. Oktober 2015, abgerufen am 4. Oktober 2025.
  12. Haaretz: CCTV footage shows Eritrean national shot and beaten in Be'er Sheva auf YouTube, 18. Januar 2016, abgerufen am 3. November 2025.
  13. a b Almog Ben Zikri: CCTV Footage: Shot Eritrean Asylum Seeker Beaten, Untreated for 18 Minutes. In: Haaretz. 16. Januar 2016, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  14. a b c Mya Guarnieri: The „lynching“ of Habtom Zarhum: A history of incitement. In: +972 Magazine. 20. Oktober 2015, abgerufen am 1. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  15. Yaniv Kubovoch, Almog Ben Zikri, Ilan Lior: Police to Investigate Asylum Seeker's Lynching in Be'er Sheva. In: Haaretz. 19. Oktober 2015, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  16. Ilana Curiel: Israel Police to investigate Be'er Sheva lynch mob. In: Ynet. 19. Oktober 2015, abgerufen am 3. Oktober 2025.
  17. a b ToI Staff: Court acquits men who lynched Eritrean migrant they mistook for terrorist. In: The Times of Israel. 20. Juli 2020, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  18. a b Defendants acquitted in lynching case in 2015 Beersheba terror attack. In: Jerusalem Post. 20. Juli 2020, abgerufen am 1. Oktober 2025 (englisch).
  19. a b Sylvain Cypel: The State of israel vs. the Jews. Other Press, New York 2021, ISBN 978-1-63542-097-5, S. 60 f.
  20. ToI Staff: High Court upholds acquittal of men in lynching of migrant mistaken for terrorist. In: The Times of Israel. 9. Juni 2022, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  21. Juan Carlos Sanz: Israel investiga el linchamiento de un inmigrante tomado por terrorista. In: El País. 19. Oktober 2015, ISSN 1134-6582 (elpais.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  22. AFP: Quatre suspects arrêtés dans le cas de l’Erythréen. In: Times of Israel. Abgerufen am 1. Oktober 2025 (französisch).
  23. a b Edo Konrad: One lynching tells the story of Israel’s racial pyramid. In: +972 Magazine. 21. Juli 2020, abgerufen am 1. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  24. a b Ali Younes: Eritrean envoy to Israel calls for arrest of lynch mob. In: Al Jazeera. Abgerufen am 1. Oktober 2025 (englisch).
  25. Stuart Winer: Israeli medics told to treat terrorists the same as victims. In: Times of Israel. 16. Dezember 2015, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  26. Haaretz: „Refugees in Israel Fear They Could All Be Targets of Next Lynch Mob“ (22. Oktober 2015)
  27. Call Me Marianna and Death in the Terminal triumph at Tel Aviv. 27. Mai 2016, abgerufen am 1. Oktober 2025 (englisch).
  28. Tel Aviv documentary festival announces film winners | The Jerusalem Post. 26. Mai 2016, abgerufen am 1. Oktober 2025 (englisch).
  29. ToI Staff: Eritrean killed in Beersheba ineligible for terror victim status. In: The Times of Israel. 20. Oktober 2015, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  30. Raoul Wootliff: Weinstein recommends compensation for family of lynch victim. In: The Times of Israel. 28. Oktober 2015, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).
  31. Raoul Wootliff: Man gets community service over lynching of migrant mistaken for terrorist. In: The Times of Israel. 21. März 2018, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 1. Oktober 2025]).