Lukas-Passion (anonym)
Die Lukas-Passion ist eine oratorische Passion eines unbekannten Autors aus der Zeit Johann Sebastian Bachs. Nach ihrem Textanfang wird sie manchmal auch „Furcht und Zittern“ genannt. Sie wurde im 19. Jahrhundert von einigen Forschern als eine frühe Komposition Johann Sebastian Bachs angesehen und hatte deshalb 1950 auch eine Nummer im Bach-Werke-Verzeichnis erhalten: BWV1 246. In der zweiten Ausgabe 1990 wurde sie in den Anhang verschoben; die „Kleine Ausgabe“ von 1998 nennt sie beispielhaft als ein Werk, das „nach einhelliger Meinung der Forschung“ unecht sei.[1] – Die dritte Ausgabe des Verzeichnisses von 2022[2][3] vergibt konsequent keine Nummern für Werke, die nicht von Bach geschrieben wurden.
Besetzung
Die erste Partiturseite nennt vier Singstimmen, zwei Oboen, Streicher und Continuo. Tatsächlich sind in einem der Sätze die Sopranstimmen in I und II geteilt; die Oboisten wechseln zeitweise auch zu Traversflöten, und hinzu kommen eine Tenoroboe („Taille“) und ein stellenweise obligates Fagott.
Quellen
Es existiert eine Partitur, die knapp zur Hälfte von Johann Sebastian Bach abgeschrieben und anschließend von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel fertiggestellt wurde;[4] diese Abschrift entstand in den Jahren 1729 bis 1731.[5] Weitere Partiturabschriften oder gar Einzelstimmen sind – sollten sie je existiert haben – nicht erhalten.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde noch ein kurzes Partiturfragment entdeckt, das, ebenfalls in J. S. Bachs Handschrift, einen einzigen Satz dieser Passion enthält – den einstimmigen Choral mit Continuo (BWV1 246/40, „Aus der Tiefen rufe ich“). Der Schreiber ist Bach; die Schrift stammt offenbar aus der Zeit von 1740 bis 1745.[6] Das Fragment fügt dem kurzen Satz, ursprünglich nur für Tenor und Continuo, noch eine Streicherbegleitung hinzu und verlängert ihn um drei Takte.
Autorschaft
Die Partítur trägt keine Angabe des Komponisten oder des Textdichters, und der (oder die) Autoren sind bisher nicht identifiziert worden. Alfred Dörffel, der die Passion 1887 im Klavierauszug veröffentlichte und sie 1898 auch als Herausgeber von Band 45/2 der Bach-Gesamtausgabe betreute, war mit Philipp Spitta der festen Überzeugung, dass Bach das Werk selbst komponiert und aufgeführt habe.[7][8] Die Veröffentlichung führte in der Fachwelt zu einer lebhaften Diskussion über die Echtheit des Werks, die weitgehend bezweifelt wurde, unter anderem auch von Felix Mendelssohn Bartholdy.[9] Aus heutiger Sicht scheint unstreitig, dass die Komposition in der vorliegenden Form aus stilistischen Gründen auch nicht als Frühwerk Bachs akzeptiert werden kann.[10] Vor allem ist der Stil sehr inhomogen, als sei die Partitur ein Pasticcio von Sätzen unterschiedlicher Herkunft.
Bachs Anteil
Etwa in der Mitte der Partitur findet sich ein Accompagnato-Rezitativ (Satz 41), das durch eine knappe instrumentale Sinfonia eingeleitet wird – die achteinhalb Takte dieser Einleitung heben sich deutlich von der restlichen Partitur ab durch ihre stilistische Nähe zur Musik Bachs.[11] An der Übergangsstelle von der Einleitung zum Rezitativ zeigt die Partitur kleine Schreibversehen, als sei der Schreiber C. Ph. E. Bach beim eiligen Zusammenfügen zweier Quellen kurz desorientiert gewesen.[12] Insgesamt lässt sich das Schriftbild so interpretieren, dass J. S. Bach in die anonyme Komposition eine knappe eigene Einleitung einfügte und diese zunächst auf einem gesonderten Blatt notiert. Vielleicht waren mehr derartige Einfügungen vorhanden, und die Abschrift der Partitur um 1730 war notwendig geworden zur besseren Übersicht.
Diese knappe instrumentale Sinfonia verleiht dem Rezitativ ein wenig mehr repräsentatives Profil – ein naheliegender Grund für die Einfügung an dieser Stelle könnte der Wunsch Bachs gewesen sein, die Passion in zwei Teilen aufzuführen. Zweiteilige Passionensvertonungen, unterbrochen durch die einstündige Predigt, waren eine Leipziger Tradition.
Das oben erwähnte Partiturschnipsel von etwa 1740, das dem unmittelbar voraufgehenden einstimmigen Choral noch eine Streicherbegleitung hinzufügt und es ein wenig verlängert, könnte das gleiche Ziel verfolgt haben: In dieser Form kann der Satz besser als Schlussstück eines ersten Teils funktionieren.
Aufführung durch Bach?
Vor allem auch angesichts der mageren musikalischen Qualität der Komposition wird eine Aufführung durch Bach immer wieder bezweifelt.[13][14] Will man diese dennoch annehmen, gibt es folgende Möglichkeiten:
- Bach könnte die Originalversion (ohne oder mit kleinen eigenen Einschüben) in Weimar aufgeführt haben. Doch sind weder eine Partitur noch Einzelstimmen aus dieser Zeit erhalten noch irgendwelche anderen Dokumente, die dies nahelegen, noch war Bach vertraglich dazu verpflichtet.
- Dass Bach und sein Sohn 1730 die Partitur abschrieben, legt eine Aufführung im Jahr 1730 nahe. Dagegen spricht ebenfalls das völlige Fehlen von Einzelstimmen, Textdruck oder dokumentarischen Hinweisen – und angesichts der Matthäus-Passion, die im vorhergehenden Jahr aufgeführt wurde, wird auch die Bereitschaft Bachs zu einer derart wenig repräsentativen Veranstaltung bezweifelt.
- Eine dritte Gelegenheit wäre in den 1740er Jahren gewesen; die Existenz des Fragments scheint dafür zu sprechen. Es wurde spekuliert, nach Aufgabe des Collegium musicum habe Bach Schwierigkeiten gehabt, Musiker für eine seiner großbesetzten Passionen zu rekrutieren; er könnte daher zur Lukas-Passion gegriffen haben.[15]
Verbesserte „Lukas-Passion“
Angesichts der auch heute als enttäuschend empfundenen musikalischen Qualität der Passion, besonders im Vergleich zu Matthäus- und Johannes-Passion, hat es im 20. und 21. Jahrhundert einige ambitionierte Versuche gegeben, für Aufführungen und Tonaufnahmen eine Art Ersatz zu schaffen. Es handelt sich hier keineswegs um „Rekonstruktionen“, denn es gibt nicht den geringsten Beleg, dass Bach eine vollständige eigene Vertonung dieses Texts vorgenommen hätte. Im Gegenteil – es ist zweifelhaft, dass Bach dies je beabsichtigt hätte, denn ihm standen genug Textdichter zur Verfügung, die ihm einen aktuellen Text nach seinen Wünschen hätten anfertigen können.
Dennoch wurde mehrfach versucht, „passende“ Kompositionen Bachs zu suchen und in einer Abwandlung von Bachs Parodieverfahren den (offenbar unveränderten) Texten überzustülpen.[16] Eine weitere Beachtung durch die etablierte Musikwissenschaft ist bisher ausgeblieben.
Literatur
- Erich Prieger: Echt oder unecht? Zur Lucas-Passion. C. F. Conrad, Berlin 1889 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- Max Schneider: Zur Lukaspassion. In: Bach-Jahrbuch. Band 8, 1911, S. 105–108, doi:10.13141/bjb.v19111266.
- Manfred Langer: Franz Hauser und die Lukas-Passion BWV 246. In: Bach-Jahrbuch. Band 72, 1986, S. 131–134, doi:10.13141/bjb.v19861642.
- Daniel R. Melamed: Hat Johann Sebastian Bach die Lukas-Passion BWV 246 aufgeführt? In: Bach-Jahrbuch. Band 92, 2006, S. 161–169, doi:10.13141/bjb.v20061800.
Weblinks
- Lukas-Passion („Furcht und Zittern“) / Passio Domini Jesu Christi secundum Lucam. Informationen im Portal Bach digital des Bach-Archivs Leipzig
- BWV 246 Lukaspassion Text und Gliederung auf der persönlichen Homepage von Walter F. Bischof bei der University of Alberta
- Lukaspassion, BWV 246 (Bach, Johann Sebastian): Noten und Audiodateien im International Music Score Library Project
- Gemeinfreie Noten von Lukas-Passion BWV 246 in der Choral Public Domain Library – ChoralWiki (englisch)
Einzelnachweise
- ↑ Alfred Dürr, Yoshitake Kobayashi (Hrsg.): Bach-Werke-Verzeichnis, Kleine Ausgabe. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1998, ISBN 3-7651-0249-0, S. VII, Fußnote 3.
- ↑ Wolfgang Schmieder (Begr.), Christine Blanken, Christoph Wolff, Peter Wollny (Bearb.): Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach. Dritte, erweiterte Neuausgabe (BWV³). Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-7651-0400-8.
- ↑ Das neue Bach-Werke-Verzeichnis. Abgerufen am 15. November 2025.
- ↑ Max Schneider: Zur Lukaspassion. In: Bach-Jahrbuch. Band 8, 1911, doi:10.13141/bjb.v19111266, S. 105–108.
- ↑ Andreas Glöckner: Neuerkenntnisse zu Johann Sebastian Bachs Aufführungskalender zwischen 1729 und 1735. In: Bach-Jahrbuch. Band 67, 1981, doi:10.13141/bjb.v1981, S. 48.
- ↑ Yoshitake Kobayashi: Zu einem neu entdeckten Autograph Bachs. In: Bach-Jahrbuch. Band 57, 1971, doi:10.13141/bjb.v1971, S. 5–12.
- ↑ Erich Prieger: Echt oder unecht? Zur Lucas-Passion. C. F. Conrad, Berlin 1889, S. 7 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Daniel R. Melamed: Hat Johann Sebastian Bach die Lukas-Passion BWV 246 aufgeführt? In: Bach-Jahrbuch. Band 92, 2006, S. 161–169, hier S. 162, doi:10.13141/bjb.v20061800.
- ↑ Für eine Übersicht über die Literatur zwischen 1880 und 1930 siehe D. Melamed im Bach-Jahrbuch, Band 92, 2006, S. 163.
- ↑ Andreas Glöckner: Johann Sebastian Bachs Aufführungen zeitgenössischer Passionsmusiken. In: Bach-Jahrbuch. Band 63, 1977, S. 75–119, hier S. 91–99; doi:10.13141/bjb.v19772029.
- ↑ Andreas Glöckner: Johann Sebastian Bachs Aufführungen zeitgenössischer Passionsmusiken. In: Bach-Jahrbuch. Band 63, 1977, S. 75–119, hier S. 96.
- ↑ Andreas Glöckner: Johann Sebastian Bachs Aufführungen zeitgenössischer Passionsmusiken. In: Bach-Jahrbuch. Band 63, 1977, S. 75–119, hier S. 95.
- ↑ Erich Prieger: Echt oder unecht? Zur Lucas-Passion. C. F. Conrad, Berlin 1889 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Daniel R. Melamed: Hat Johann Sebastian Bach die Lukas-Passion BWV 246 aufgeführt? In: Bach-Jahrbuch. Band 92, 2006, S. 161–169, doi:10.13141/bjb.v20061800.
- ↑ Bernhard Friedrich Richter: Stadtpfeifer und Alumnen der Thomasschule in Leipzig zu Bachs Zeit. In: Bach-Jahrbuch. Band 4, 1907, doi:10.13141/bjb.v1907, S. 59.
- ↑ Zwei Beispiele: Rudolf Kelber 2011 (Liste der verwendeten Einzelsätze) sowie Chr. und L. Eglhuber 2025 (Uraufführung in Hamburg. Abgerufen am 15. November 2025.)