Luise von Tümpling

Baronin Johanna Luise von Tümpling (geb. von Boyen) (* 26. Mai 1852 in Berlin; † 3. Juli 1911 in Jena) war eine deutsche Stifterin, die sich zeitlebens für soziale und religiöse Belange engagierte.

Leben

Familie

Luise von Tümpling war das einzige Kind des Generals der Infanterie und General-Adjutanten von Kaiser Wilhelm I., Leopold Hermann von Boyen, und dessen Ehefrau Prinzessin Franziska (Fanny) (* 1. April 1815 in Breslau; † 28. Dezember 1888 in Berlin)[1], die Tochter des preußischen Generalleutnants Gustav Kalixt von Biron. Ihre familiären Wurzeln und das aristokratische Umfeld prägten ihre Erziehung und ihr späteres Wirken.

Ihr Großvater väterlicherseits war der zeitweilige preußische Kriegsminister Hermann von Boyen.

1878 verlobte sie sich während eines Aufenthalts in Rom mit Wolf von Tümpling (* 25. März 1845; † 16. Januar 1923), einem preußischen Diplomaten und späteren Rittmeister a. D.; dessen Vater war General Wilhelm von Tümpling.

Die Trauung, die der Archidiakon der Marienkirche Berlin-Mitte, Julius Müllensiefen, vollzog, fand am 19. Juni 1878 in Berlin[2] statt, wobei Kaiser Wilhelm I., der Luise als Pate einst über der Taufe gehalten hatte, aufgrund eines auf ihn verübten Attentats (siehe Karl Eduard Nobiling), durch den Kronprinzen vertreten wurde.

Nach der Hochzeit lebte Luise zunächst mit ihrem Mann auf dessen Gut Thalstein bei Jena, bis zwischen 1892 und 1903 das Schloss Thalstein erbaut worden war.[3]

Mit ihrem Tod starb der letzte Vertreter der Linie von Boyen.

Frühes Leben und Bildung

Die Erziehung von Luise von Tümpling war geprägt von einer vornehmen und gediegenen Ausbildung. Besonders einprägsam war der Religionsunterricht, der 1869 mit ihrer Konfirmation unter dem Prediger Julius Müllensiefen in Berlin seinen Höhepunkt fand.

In ihrer Kindheit verbrachte sie viele Sommer auf dem Schloss Löbichau, dem ehemaligen Musenhof der Herzogin Dorothea von Kurland[4], in Sachsen-Altenburg, wo die Schwester ihrer Mutter, die Herzogin Johanna von Acerenza-Pignatelli (geb. Prinzessin Biron von Kurland, 1783–1876)[5], einen großen Einfluss auf sie ausübte. Nach dem Tod ihrer Mutter erbte Luise von Tümpling 1888 das Schloss.

Ehe und diplomatisches Leben

Luise von Tümpling folgte ihrem Ehemann in seine verschiedene diplomatische Positionen nach Bern, Brüssel und Haag; Wolf von Tümpling führte 1880 die Geschäfte der Gesandtschaft in Bern, als der Botschafter Heinrich von Roeder längere Zeit urlaubsbedingt abwesend war.[6][7]

Engagement für soziale Belange

Während der Dienstzeit ihres Ehemanns in Bern war Luise von Tümpling maßgeblich an der Gründung des Deutschen Frauenvereins in Bern beteiligt, der den Zweck hatte, dort niedergelassenen Deutschen in Not- und Krankheitsfällen beizustehen.[8][9]

Nach dem Rückzug ihres Mannes aus dem diplomatischen Dienst 1884 wurde Thalstein ihr dauerhafter Wohnsitz. Sie pflegte jedoch weiterhin enge Verbindungen nach Löbichau, das sie nach dem Tod ihrer Mutter 1888 erbte. In ihren Wohnsitzen entwickelte sie eine einladende und anregende Geselligkeit, die ihren Salon zu einem bevorzugten Treffpunkt für geistige Diskussionen machte.

Luise von Tümplings Hauptanliegen war die Linderung fremder Nöte und Leiden. Sie wurde eine engagierte Unterstützerin des Diasporawerks der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gustav-Adolf-Werks. 1888 gründete sie in Jena einen Gustav-Adolf-Frauenverein, dem sie bis zu ihrem Tod vorstand. Für den Boten des Gustav-Adolf-Vereins für Thüringen verfasste sie mehrere Beiträge.

Sie unterstützte auch den Freund ihres Ehemannes, den evangelischen Theologen Fritz Fliedner (1845–1901)[10], bei dessen Aufgaben zu Evangelisationsbestrebungen in Spanien.

Eine ihrer bedeutendsten Leistungen war die Stiftung des Evangelischen Johanna-Luisen-Stifts in Löbichau, das sie 1907 ins Leben rief.[11] Am 30. August 1907 erteilte Herzog Ernst I. von Sachsen-Altenburg seine landesherrliche Genehmigung dazu.

Sie schenkte das Schloss und Rittergut Löbichau der Deutschen Adelsgenossenschaft zur Errichtung eines Damenstifts für bedürftige, gebildete adelige Witwen und Jungfrauen. Die Johanna-Luisen-Stiftung wurde am 10. August 1908 im Beisein der Herzogin Adelheid zu Schaumburg-Lippe eröffnet und eingeweiht; sie trug den Namen von Johanna (Herzogin von Acerenza-Pignatelli) und Luise (Gräfin Hohenthal-Königsbrück), die 1845 verstorbene direkte Schwester ihrer Mutter.[12] Von den Stiftsstellen waren sechs volle Freistellen, auf welche die Angehörigen der Familien von Tümpling und Biron von Curland das erste Anrecht hatten; für die übrigen Stellen hatten die Inhaberinnen jährlich 600 Mark zu entrichten.

Die Stiftsdamen waren angehalten, sich an gemeinnütziger Arbeit zu beteiligen, und die angeschlossene wirtschaftliche Frauenschule bot jungen Frauen eine Ausbildung.[13] Die Frauenschule hielt schon einige Monate vor der Eröffnung des Stiftes, nämlich am 26. Mai 1908, den ersten ihrer Unterrichtskurse, die immer ein Jahr lang dauerten. Seitdem zählte die Schule jedes Jahr eine größere Anzahl von jungen „Maiden“ zu ihren Schülerinnen. Der erste Jahrgang der Löbichauer Maidenzeitung brachte 1910 auch einen Aufsatz der Stifterin über Löbichaus Vergangenheit.

Letzte Jahre und Tod

Im Frühjahr 1911 reiste Luise von Tümpling gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Italien. Nach ihrer Rückkehr zeigten sich jedoch Anzeichen einer schweren Erkrankung, die rasch fortschritt. Sie verstarb nach zehn Tagen im Jenaer Krankenhaus. Bei ihrer Beerdigung am 6. Juli 1911 in Thalstein hielt der Generalsuperintendent Rudolf Lohoff (1845–1929)[14] eine Ansprache über den einstigen Trautext, den er auch schon 1903 in seiner Rede bei der Silbernen Hochzeit zugrunde gelegt hatte.

Luise von Tümpling fand ihre letzte Ruhestätte im Park von Schloss Thalstein.

Ehrungen und Auszeichnungen

Für ihre philanthropischen Aktivitäten erhielt Luise von Tümpling im Oktober 1908 von Kaiser Wilhelm II. den Louisenorden verliehen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Alexander von Dachenhausen: Genealogisches Taschenbuch des Uradels. Friedr. Irrgang, 1891 (google.de [abgerufen am 20. September 2025]).
  2. Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg. 1878 (google.de [abgerufen am 21. September 2025]).
  3. Patifakte Artefakte: Jena – Stadt des Lichts in Thueringen | Mitteldeutschland – vergessene Orte | Urban Exploration in Germany – Central Europe | Industry | Nazi Germany | DDR | GDR. Abgerufen am 21. September 2025.
  4. Oskar Weise: Der Orientalist Reinhold Rost, sein Leben und sein Streben. 1896 (google.de [abgerufen am 21. September 2025]).
  5. Johanna Katharina von Biron-Kurland Pignatelli de... Abgerufen am 20. September 2025.
  6. Eidgenossenschaft: Diplomatisches. In: Berner Volksfreund. 4. November 1880, abgerufen am 20. September 2025.
  7. Eidgenossenschaft. In: Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland. 23. November 1882, abgerufen am 20. September 2025.
  8. Kantone: Bern. In: Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland. 11. November 1881, abgerufen am 20. September 2025.
  9. Deutscher Frauenverein. In: Intelligenzblatt für die Stadt Bern. 3. September 1882, abgerufen am 20. September 2025.
  10. Deutsche Biographie: Fliedner, Fritz – Deutsche Biographie. Abgerufen am 20. September 2025.
  11. Fritz Rudolf Künker GmbH & Co KG: Künker Auktion 284 – Orden und Ehrenzeichen – Teil 1 und 2. Numismatischer Verlag Fritz Rudolf Künker, 30. September 2016 (google.de [abgerufen am 20. September 2025]).
  12. Gemeinde Löbichau. Abgerufen am 21. September 2025.
  13. Johanna M. Singer: Arme adlige Frauen im Deutschen Kaiserreich. Mohr Siebeck, 2016, ISBN 978-3-16-154380-7 (google.de [abgerufen am 21. September 2025]).
  14. Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte: Thüringer Pfarrerbuch: Band 6: Das Herzogtum Sachsen-Altenburg. Evangelische Verlagsanstalt, 2013, ISBN 978-3-374-03222-8 (google.de [abgerufen am 20. September 2025]).