Lucien Israël (Onkologe)

Lucien Isidore Israël (* 14. April 1926 in Paris; † 9. Juni 2017 in La Celle-Saint-Cloud) war ein französischer Mediziner und emeritierter Professor der Universität Sorbonne Paris-Nord.[1]

Leben

Er war der Sohn des Buchhalters Jacques Israël und dessen Frau, geborene Alice Molho. Seine Eltern kamen ursprünglich aus Thessaloniki bzw. aus Spanien. Er besuchte eine Mittelschule in Brive-la-Gaillarde. Seine erste prägende Erfahrung war der Krieg von 1940–1945. Von Brive aus meldete er sich über einen Freund aus seinem Fußballverein zur Résistance. 1943 tauchte er in den Untergrund ab, als er vor einer drohenden Verhaftung gewarnt wurde. Er trat 1944 der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Bei der Befreiung von Paris 1944 war er auf den Barrikaden in der Avenue des Gobelins dabei. 1956, nach der Veröffentlichung von Chruschtschows Bericht über die Anschuldigungen gegen Stalin, trat er aus der Kommunistischen Partei aus.

Er studierte am Lycée Rollin in Paris, dem Collège de Brive und an der Medizinische Fakultät in Paris und erwarb hier einen Doktorgrad der Medizin. Ab 1951 war er als Assistenzarzt an Pariser Krankenhäusern tätig und 1956 als Oberarzt an der Pariser Medizinischen Fakultät. Gleichzeitig hatte er Positionen in der medizinischen Hochschulausbildung inne: 1963 wurde er außerordentlicher Professor für Pulmonologie. Er wechselte 1971 als hauptamtlicher Abteilungsleiter an das Lariboisière-Krankenhaus in Paris und schließlich als Abteilungsleiter an das Avicenne-Krankenhaus in Bobigny (1976–1995). Seit 1973 hatte er eine Professur für Krebsforschung an der Medizinischen Fakultät von Paris inne, 1983 wurde Inhaber des Lehrstuhls für Krebsforschung, seit 1985 leitet er das von ihm gegründete Labor für menschliche Zelluläre und Molekulare Onkologie an der Universität Paris XIII. Seit 1995 ist er emeritierter Professor der Universität Paris-XIII. Am 8. Januar 1996 wurde er auf den vierten Lehrstuhl der Akademie der Moral- und Politikwissenschaften in der Sektion Ethik und Soziologie gewählt, den zuvor an Jérôme Lejeune innehatte und den er bis zu seinem Tod im Jahr 2017 bekleidete. 1999 wechselte er in die Sektion Philosophie. 2007 wurde er zum Präsidenten der Akademie gewählt.

Werk

In Frankreich leistete er Pionierarbeit, so hatte er beispielsweise die Rolle von Immunstimulanzien gegen Lungenkrebs vorweggenommen, eine Immuntherapie, die heute zur Standardbehandlung dieser Krebsart geworden ist. Er war auch ein Pionier bei der Verschreibung unterstützender Behandlungen, wobei er auf die Rolle der Ernährung, von Schmerzmitteln, körperlicher Aktivität und der Bedeutung der Wiedereingliederung in den Beruf verwies. Er forderte die Ärzteschaft außerdem auf, bereits im Jugendalter systematisch Präventionsmaßnahmen gegen Tabak- und Alkoholmissbrauch als Auslöser von Krebs zu ergreifen. Er hat auch die wöchentlichen multidisziplinären Konsultationstreffen im Krankenhaus mit Lungenfachärzten, Onkologen, Thoraxchirurgen, Anästhesisten, Radiologen, Pathologen usw. eingeführt, gefolgt von Patienteninformationen; den Patenten wird dabei ein persönlicher Behandlungsplan vorlegt, wobei sei goldene Regel lautete: „Sagen Sie Krebspatienten immer die Wahrheit.“

Im Krankenhaus von Laënnec testete er heimlich die Wirkung einer Kombinationstherapie bei der Behandlung von Krebs und wandte diese auch bei seinen Patienten an. Dabei handelte es sich um die Kombination von drei weltweit gegen Krebs eingesetzten Medikamenten (Endoxan, Methotrexat und Fluorouracil). Bis dahin praktizierten Biostatistiker ihre getrennte Anwendung, indem sie per Losverfahren die jeweiligen Erfolgsaussichten eines Präparates testeten. Er war gegen dieses Vorgehen und entwickelte daher als Erster in Frankreich die Polychemotherapie (bzw. die Kombination mehrerer Chemotherapeutika gegen Krebs), die heute – neben den Möglichkeiten der Operation und der Strahlentherapie – zur Norm geworden ist.

Ehrungen/Positionen

Privates

Er war seit 1949 verheiratet mit Germaine (Guerda) Bach († 2012), mit der er drei Kinder hatte. Germaine Bach war ein deportiertes Mitglied der Résistance während des Zweiten Weltkrieges. Der Sohn Guillaume verstarb in Paris 1987 in jungen Jahren an einer Drogenüberdosis[2]; dieser war unter dem Pseudonym Guillaume Serp Autor des Romans „Les cherubins électriques“ sowie ein beliebter Sänger und eine Ikone der französische der Rockszene der 1980er Jahre (Leadsänger von Modern Guy). Die Tochter Dominique ist Lungenfachärztin und Professorin an der Universität Paris und praktiziert am Europäischen Krankenhaus Georges-Pompidou. Seine zweite Tochter, Danièle, lebt in den Vereinigten Staaten.

Er selbst besaß er den schwarzen Gürtel in der Sportart Judo, die körperlich, moralisch und spirituell geistig anspruchsvoll war und die er mit seinem japanischen Meister praktizierte. Neben dem Sport waren es Tao und der Zen-Buddhismus aus der Antike im Fernen Osten, die ihn faszinierten. Von dieser östlichen Philosophie hat er übernommen (1) Ruhe und Akzeptanz des Lebens, auch mit seinen Schattenseiten, und (2) die Bereitschaft, anderen etwas zu geben.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Destin du cancer. Fayard, Paris 2022, ISBN 978-2-213-59974-8.
  • Santé, médecine, société. Open Library, Paris 2010, ISBN 978-2-13-056634-2.
  • Mit Elisabeth Lévy: Les Dangers de l'euthanasie. Editions des Syrtes, Genf 2002, ISBN 978-2-84545-051-6.
  • Cerveau droit, cerveau gauche. Plon, Paris 1999, ISBN 978-2-259-02801-1.
  • Destin du cancer: Nature, traitement, prévention. Fayard, Paris 1997, ISBN 978-2-213-59974-8.
  • Cancer les Strategies du Futur. Espaces 34, Montpellier 1996, ISBN 978-2-907293-01-3.
  • Cancers intra-thoraciques. LAVOISIER MSP, 1994, ISBN 978-2-257-10454-0.
  • La vie jusqu'au bout. Euthanasie et autres dérives. Plon, Paris 1993, ISBN 978-2-259-02645-1.
  • Vivre avec un cancer. Le Rocher, Monaco 1992.
  • Mit Hervé Falcou; Charles Ehlinger: La Médecine et le reste. Le Centurion, Paris 1984, ISBN 978-2-227-32034-5.
  • La Décision médicale: essai sur l'art de la médecine. Calmann-Lévy, Paris 1980, ISBN 978-2-7021-0362-3 (réédition en 1994).
    • Engl. Ausgabe: Decision-Making, the Modern Doctor's Dilemma. Random House, New York City 1982, ISBN 978-0-394-51528-1.
  • Conquering cancer. Vintage Books, New York City 1979, ISBN 978-0-394-74022-5.
  • Le Cancer aujourd’hui. Editions Grasset, Paris 1978, ISBN 978-2-246-00397-7.
  • Lung Cancer, Facts and Prospects. 1976.

Einzelnachweise

  1. Biographie Lucien Israël, abgerufen am 8. Oktober 2025.
  2. Guillaume Serp auf Babelio, abgerufen am 8. Oktober 2025.