Louise von Bose

Gräfin Louise Wilhelmine von Bose, geb. Gräfin von Reichenbach-Lessonitz, genannt auch Luise von Bose, (* 26. Februar 1813 in Berlin; † 3. Oktober 1883 in Baden-Baden) war eine Wohltäterin der Armen und galt als Förderin von Kunst und Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaften.

Sie war die älteste Tochter des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen-Kassel und Emilie von Reichenbach-Lessonitz. Aufgrund ihrer Herkunft nahm sie eine besondere gesellschaftliche Stellung ein, die sowohl mit Privilegien als auch mit Abgrenzung verbunden war.

Nach ihrer Heirat mit Karl August von Bose lebte sie zurückgezogen, widmete sich naturkundlichen Interessen und setzte ihr Vermögen gezielt für gemeinnützige Zwecke ein. Sie unterstützte insbesondere die Kinderheilkunde, den Ausbau ländlicher Schulen sowie die Hilfe für Menschen in Not.

Bedeutende Teile ihres Erbes gingen an die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sowie an die Universitäten Berlin, Jena und Marburg. Darüber hinaus stellte sie finanzielle Mittel in Form von Renten für Freunde, Vertraute und Angestellte bereit. Ihre Grabinschrift fasst ihr Lebenswerk zusammen: „Sie ruht von ihrer Arbeit. Ihre Werke folgen ihr nach.“[1]

Leben

Kindheit und Jugend in Kassel

Louise Wilhelmine wurde am 26. Februar 1813 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des hessischen Kurfürsten Wilhelm II. und seiner Mätresse Emilie Ortlepp, die er später in zweiter Ehe heiratete und in den Adelsstand erhob und zur Gräfin Reichenbach machte. Louise war die älteste von acht Geschwistern.

Zum Zeitpunkt von Louises Geburt stand Wilhelm als Erbprinz an der Spitze der hessischen Thronfolge; Emilie hingegen stammte aus bürgerlichen Verhältnissen als Tochter eines Berliner Juweliers. Die Verbindung der beiden war damit aus Sicht der zeitgenössischen Standesnormen nicht ebenbürtig und wurde zunächst ohne formale Eheschließung geführt.[2]

Die Beziehung zwischen Wilhelm und Emilie begann um 1812, als Wilhelm noch unglücklich mit Prinzessin Auguste von Preußen verheiratet war. Wilhelm lernte Emilie auf einem Besuch in Berlin kennen und brachte Emilie und die gemeinsame Tochter Louise 1813 nach Kassel, was die Spannungen in seine Ehe zu Auguste verstärkte. Im Jahr 1815 trennten Wilhelm und Auguste sich schließlich.

Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt keine Vermählung zwischen Louises Eltern gab, erreichte Emilie früh eine Art „Gewissensehe“, die sie besserstellen sollte als die anderen Geliebten.[2]

Im Jahr 1821 wurde Wilhelm II. zum neuen Kurfürsten von Hessen ernannt und Emilie und ihre inzwischen fünf Kinder, darunter Louise, zogen in das Kurfürstliche Palais am Friedrichsplatz in Kassel. Im selben Jahr erhielt Emilie auch den Titel Gräfin Reichenbach nach einer Burg bei Waldkappel und 1824 den Zusatz Lessonitz nach einem Besitz in Böhmen.[3] Louise wurde 1828 in der Schlosskapelle Wilhelmshöhe konfirmiert.

Erst 1841, nach dem Tod seiner ersten Frau Auguste, heiratete Wilhelm Emilie. Diese Ehe war jedoch „morganatisch“ – das bedeutete, dass Emilie und die Kinder zwar offiziell anerkannt wurden, aber nicht denselben Rang wie die übrigen Mitglieder des Fürstenhauses erhielten. Louise und ihre Geschwister blieben daher von der Thronfolge ausgeschlossen. Ihre Stellung war dadurch eine besondere: Sie gehörten weder vollständig zum Fürstenhaus noch ganz zum Bürgertum.

Die bürgerliche Herkunft ihrer Mutter Emilie brachte für die Familie in Kassel erhebliche Schwierigkeiten mit sich. In der Bevölkerung stieß die Verbindung zwischen Kurfürst Wilhelm II. und Emilie Ortlepp auf Ablehnung. Nach dem Tod der Kurfürstin Auguste verurteilte man die schnelle Vermählung des Kurfürsten mit Emilie als unmoralisch und verdächtigte die neue Gräfin, das Land finanziell zu belasten.[2] Auch Louise selbst wurde Opfer dieser Anfeindungen: Mit 17 Jahren wurde sie auf offener Straße belästigt, da man sie für ihre Mutter hielt.

Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Louise überwiegend in Kassel, wo ihr Vater als Kurprinz residierte. Gemeinsam mit ihren Geschwistern wuchs sie in einem bildungsorientierten, kunstnahen Umfeld auf. Privatlehrer, darunter Pastor Cornelius Grimm, unterrichteten die Kinder. So konnte Louise auch Freundschaften zu anderen adligen Töchtern schließen, mit denen sie teilweise ihr ganzes Leben lang im Briefkontakt blieb.[2]

Ihre schulische und häusliche Ausbildung orientierte sich an den Maßstäben des höheren Adels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Neben Fremdsprachen (insbesondere Französisch) und Musik wurde Louise auch in naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen sowie Zeichnen und Literaturvermittlung unterrichtet. Dieser umfassende Unterricht diente nicht zuletzt dazu, die bürgerliche Herkunft der Mutter zu überdecken und Louise für eine standesgemäße Ehe vorzubereiten – ein erklärtes Ziel Emilies.

Ihr Vater Wilhelm II. mochte seine Tochter Louise ganz besonders, schätzte ihre Klugheit und Tüchtigkeit und ihr liebevolles und fröhliches Wesen. Anders als zu seiner legitimen Familie zeigte er zu seinen Kindern mit Emilie eine ausgeprägte Zuneigung. Louise verbrachte viel Zeit mit ihrem Vater, begleitete ihn auf Spaziergängen und Ausritten und kümmerte sich um sein körperliches Wohlbefinden.[2] Auch während der Revolution 1830 blieb sie bei ihm in Kassel zurück, während ihre Mutter und ihre Geschwister bereits evakuiert worden waren.[4]

In Briefen sprach Louise den Kurfürsten ungewöhnlich herzlich an, ohne dessen offiziellen Titel zu verwenden, und nannte ihn schlicht „Lieber Papa“ oder „Mein lieber guter Papa“. Louise lebte meistens bei der Mutter, pflegte später jedoch viele Jahre ihren kranken Vater.

Diese familiären Bindungen und die Erfahrungen ihrer Jugend prägten Louise nachhaltig. Einerseits war sie sich ihrer adligen Abstammung bewusst und grenzte sich vom einfachen Volk ab. Andererseits zeigte sie schon früh eine große Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen – oft, ohne ihren Namen preiszugeben. Diese Ambivalenz sollte für ihr weiteres Leben charakteristisch bleiben.[2]

Umzug nach Frankfurt und Ehe

Ab 1831 lebte die Familie in Frankfurt am Main. Der Umzug hing mit der Ernennung von Friedrich Wilhelm, dem Sohn des Kurfürsten Wilhelm II. aus erster Ehe, zum Mitregenten zusammen. Dadurch verlor Wilhelm II. zunehmend an politischem Einfluss und verbrachte weniger Zeit in den Residenzen Hanau oder Philippsruhe. Mit seiner zweiten Familie ließ er sich daher in Frankfurt-Sachsenhausen nieder. Die Sommermonate verbrachten sie regelmäßig in Baden-Baden

Neben dem Hofgut Goldstein bewohnte die Familie zunächst hauptsächlich das Rote Haus an der Zeil, bevor sie 1838 in ein neu errichtetes Palais in der Mainzer Straße 42 (heute Nr. 52) zog. Der Bau war nach Plänen des Architekten Maximilian Hessemer entstanden und fiel durch seine repräsentative Lage und Gestaltung auf. Louise erbte das Palais später und vermachte es testamentarisch der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Das Stadthaus sollte den Zugang zu bürgerlichen und diplomatischen Kreisen erleichtern, doch gestaltete sich die gesellschaftliche Integration schwierig.

Emilie blieb in der öffentlichen Wahrnehmung die ehemalige Geliebte des Kurfürsten, was ihr Ansehen schmälerte. Louise gelang es dennoch, einige dauerhafte Freundschaften zu schließen, darunter die enge Verbindung zu Antonie von Blittersdorff, die sie in ihrem Testament mit einer lebenslangen Rente bedachte.[2]

In den Memoiren der Malwida von Meysenbug wird Louise trotz ihrer Abstammung mütterlicherseits stets positiv beschrieben: „ein Engel […] Louise, diese treffliche Tochter einer solchen Mutter“.[5]

Nach Emilies Tod im Jahr 1843 erhielten die sieben Kinder gleiche Anteile am Nachlass, der ein Vermögen von über acht Millionen Gulden umfasste. Zusätzlich erbten Louise und ihre Schwester Helene Juwelen und Perlen. Louise bewies, ähnlich wie ihre Mutter, Geschick im Umgang mit Kapital. Sie verwaltete ihr Vermögen umsichtig und investierte unter anderem in Eisenbahnaktien.

Am 15. Mai 1845 heiratete Louise im Alter von 32 Jahren Carl August Graf von Bose, einen Angehörigen des alten sächsischen Adels. Die Eheschließung fand in Baden-Baden in der Villa statt, die einst ihrer Mutter gehört hatte.[2] Karl August hatte einen Teil seiner Kindheit in Kassel verbracht ohne, dass die beiden sich begegneten. Er verfügte über eine umfassende Bildung, hatte in Dresden und in Paris studiert und zeigte besonderes Interesse an Naturwissenschaften, was Louise bei der Wahl ihres Ehepartners wichtig war. In ihrem Ehemann fand Louise einen zurückhaltenden und feinsinnigen Menschen, der ihr soziales Engagements stets unterstützte.

Unmittelbar nach der Hochzeit reiste das Paar nach Livland, wo Karl August zuvor ein Gut verwaltet und für naturwissenschaftliche Studien genutzt hatte. Dort entstand der Plan, das Hofgut Goldstein bei Frankfurt, das Louise aus dem Erbe ihrer Mutter erhalten hatte, umfassend neu zu gestalten. Unter ihrer Leitung wurden Wassergräben aufgefüllt, alte Gebäudereste entfernt und eine neue Hofanlage im Stil des von Nicolas Alexandre Salins de Monfort entworfenen Riedhofs errichtet. Der dazugehörige Park entstand nach englischem Vorbild und ist in verkleinerter Form bis heute erhalten. Louise legte dort sogar Tiergräber für ihre geliebten Hunde an, darunter für die Hündin „Molli“ († 1864).

In den 1860er- und 1870er-Jahren übernahm Louise die Verwaltung des Anwesens weitgehend selbst. Sie zeigte dabei organisatorisches Geschick, verbrachte regelmäßig längere Zeit auf dem Hofgut und unternahm ausgedehnte Ausritte, da sie eine besondere Vorliebe für Pferde hatte. Die Sommermonate nutzte das Ehepaar für Aufenthalte auf Goldstein und lud Freunde aus Frankfurt ein, insbesondere solche mit Interesse an Landwirtschaft und Naturkunde. Karl August ergänzte das Anwesen durch den Bau eines Gewächshauses mit exotischen Pflanzen, das seine naturwissenschaftliche Leidenschaft widerspiegelte.[2]

Die mittleren Jahre

Während ihrer Ehe lebte Louise mit ihrem Mann abwechselnd in Frankfurt am Main, Wiesbaden und Baden-Baden.

Anstelle der für ihre Herkunftsfamilie typischen Kuren und Bäderreisen unternahm das Ehepaar nun längere Reisen nach Italien, Frankreich und England, um Kunstwerke zu studieren. Ein zentrales Element ihres gemeinsamen Lebens blieb die naturkundliche Beschäftigung: Karl August erforschte das Verhalten von Landschnecken, Louise beobachtete Singvögel und Schmetterlinge. Die enge Beziehung der Eheleute spiegelt sich in zahlreichen erhaltenen Briefen wider, in denen sie einander ihre Tagesabläufe und Reiseeindrücke schilderten.

Beide pflegten einen gastfreundlichen Umgang mit Familienangehörigen und Freunden. Louise bereitete ausgewählte, hochwertige Geschenke vor, darunter Toilettengegenstände, feine Stoffe oder Spielzeug für Kinder. Gäste des Hauses kamen sowohl aus adligen Kreisen als auch aus dem Umfeld naturwissenschaftlich und künstlerisch tätiger Bekannter.[2]

Eine besondere Stellung nahm die Freundschaft zu Charlotte von Schubert ein, die Louise fast fünf Jahrzehnte lang pflegte. Diese Verbindung umfasste regelmäßige Besuche und praktische Unterstützung, etwa die Bereitstellung von Lebensmitteln während Krankheitsphasen oder die finanzielle Hilfe beim Hauskauf 1863. Trotz enger persönlicher Bindung bestanden deutliche weltanschauliche Unterschiede: Louise vertrat eine religionskritische Haltung, während Charlotte christlich geprägt war und versuchte, ihre Freundin für den Glauben zu gewinnen, unter anderem durch gemeinsame Besuche eines Pfarrers.[2]

Die mittleren Jahre waren zudem von einem schweren persönlichen Verlust geprägt: 1851 starb, als Louise 38 Jahre alt war, das einzige Kind des Ehepaares kurz nach der Geburt. Dieser Schicksalsschlag hinterließ eine tiefe Prägung auf ihr weiteres Leben.[2]

Die späten Jahre

In den späteren Lebensjahren widmete sich Louise von Bose verstärkt der Förderung wissenschaftlicher, kultureller und sozialer Projekte. Ihr beträchtlicher Wohlstand, zum großen Teil aus dem Erbe ihrer Mutter stammend und durch eine umsichtig geführte Vermögensverwaltung vermehrt, ermöglichte weitreichende Stiftungen und private Unterstützungsleistungen. Diese reichten von Geldzuwendungen über Sachspenden bis hin zur Bereitstellung von Wohnraum. Louise pflegte bis zu ihrem Tod am 3. Oktober 1883 aktive Netzwerke in Frankfurt, Baden-Baden und darüber hinaus.

Ihr Nachlass dokumentiert sowohl ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit als auch die klare Ausrichtung ihrer Fördermaßnahmen auf Wissenschaft, Kunst und Wohlfahrt. Diese Unterstützung erfolgte bewusst losgelöst von kirchlicher Bindung und war von einem durch Bildung und Erfahrung geprägten Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung getragen.

In den letzten Lebensjahren litt Louise zunehmend unter gesundheitlichen Einschränkungen, insbesondere einem chronischen Herzleiden. Ab etwa 1880 führten die damit verbundenen Beschwerden zu Wassereinlagerungen in den Beinen, die ihre Bewegungsfähigkeit stark einschränkten. Häufige Erkrankungen verstärkten die körperliche Schwäche, sodass sie sich nur noch zu kurzen Wegen entschließen konnte. In einem Brief an ihre langjährige Freundin Charlotte von Schubert schrieb sie: „Wie schwer es mir wird, mich zum Aussteigen aus dem Wagen und zum Gehen auch nur weniger Schritte, zu entschließen. Ich habe alle Sicherheit, alles Selbstvertrauen verloren“.[6]

Um dennoch Mobilität zu bewahren, unternahm sie tägliche Kutschfahrten. Fotografien und bildhauerische Porträts von Josef von Kopf dokumentieren die sichtbaren Folgen ihrer Krankheit.

Louise von Bose verstarb am 3. Oktober 1883 in Baden-Baden im Beisein ihres Ehemanns und ihres Arztes. Bis zu ihrem Lebensende blieb sie im engen Austausch mit Freunden und Familie und hielt an ihren weltanschaulichen Überzeugungen fest. Ihre religionskritische Haltung spiegelte sich auch in ihren testamentarischen Verfügungen wider: So bestimmte sie, dass an ihrem Grab kein Geistlicher sprechen dürfe.[2]

Das Grabmal auf dem Lichtentaler Friedhof entwarf sie selbst; für die Familiengruft, die sie bereits 1851 zur Beisetzung ihres einzigen Sohnes erworben hatte, beauftragte sie den Bildhauer Josef von Kopf und wählte eine altägyptische Symbolik (Flügelsonne mit Uräus-Schlangen) statt christlicher Motive, um ein universales Weltverständnis von Natur und Kosmos auszudrücken.

Louise bereitete ihren eigenen Tod und den ihres Ehemanns sorgfältig vor: In einem abgeschlossenen Raum ihrer Villa in Baden-Baden hielt sie zwei Särge und einen Leichenwagen bereit, der ausschließlich für ihren Gebrauch bestimmt war.[7] Ergänzend stiftete Karl August eine Summe an das städtische Kurorchester, sodass an jedem Hochzeitstag des Paares für fast ein Jahrhundert Musik an der Grabstätte gespielt wurde.[2]

Die von Louise gewählten Inschriften unterstreichen ihre Geisteshaltung: Auf ihrem Grabmal heißt es „Sie ruht von ihrer Arbeit. Ihre Werke folgen ihr nach“, während ihr Ehemann den lateinischen Spruch „In universo redivivi / felix qui potuit rerum cognoscere causas“ („Im Universum des Wiedererstandenen ist derjenige glücklich, der die Ursache der Dinge erkennen konnte“) wählte. In einem Brief an Charlotte von Schubert reflektierte Louise ihr Lebensende: „So lieb mir das Leben ist und so gern ich es noch ein Weilchen fortsetzen möchte, so wenig schrecklich erscheint mir der Tod, und er würde es mir noch weit weniger erscheinen, erfüllte mich nicht der Gedanke mit tiefem Schmerz, meinen Mann einsam zurücklassen zu müssen.“[8]

Zeitgenossen beschrieben Louise von Bose als Frau, deren „Wahrheit, ungeschminkte Wahrheit“ der zentrale Wesenszug war. Ihrem „großen Denken“ und „warmen Fühlen“ entsprach ein „mächtiger Wille“ und eine „nie ruhende, weithin greifende, überall Ordnung schaffende Tatkraft“. Ihr umfangreicher Handlungsspielraum, bedingt durch gesellschaftliche Stellung und Vermögen, setzte sie mit „ernstem Pflichtbewusstsein jeden Tag ihres Lebens“ wirkungsvoll um.[9]

Wirkungsbereich

Louise von Bose entfaltete im 19. Jahrhundert in Kurhessen ein weitreichendes Engagement, das die Förderung der Naturwissenschaften, der Künste sowie des Bildungs- und Sozialwesens umfasste. Sie verfügte über ein erhebliches Vermögen, das in mehrfacher Millionenhöhe lag und deutlich größer war als das ihres Ehemanns. Dieses Kapital verstand sie nicht nur als persönliche Absicherung, sondern auch als Verpflichtung, dauerhafte Einrichtungen zu schaffen und soziale sowie wissenschaftliche Projekte zu unterstützen. In einem Brief an ihre Freundin Charlotte von Schubert schrieb sie 1880: „[Es ist notwendig], alle Angelegenheiten zu ordnen und noch nach Kräften und Vermögen Gutes und Nützliches zu stiften, das bestimmt ist, uns zu überdauern.[10] Da sie keine eigenen Kinder hatte und über genügend finanzielle Mittel verfügte, kümmerte sie sich um Hilfebedürftige.

Ihre Stiftungen lassen sich in zwei Hauptbereiche einteilen: direkte Hilfe bei akuter Not in ihrem persönlichen Umfeld und größere Fördermaßnahmen mit langfristiger institutioneller Wirkung. In fast allen Fällen bestand ein persönlicher Bezug zu den Empfängern. Häufig knüpfte sie mit ihren Zuwendungen bewusst an die Geschichte ihrer Familie an, wie beispielsweise bei großzügigen Spenden an die Universität Marburg, die auf Landgraf Philipp den Großmütigen, einen ihrer Vorfahren, zurückgingen.

Bereits 1843, noch unter dem Titel Gräfin von Reichenbach-Lessonitz, stiftete Louise 2.000 Gulden für Bedürftige in der Grafschaft Wächtersbach. Es folgten weitere Hilfen, darunter Gelder für Suppenanstalten und Unterstützung bedürftiger Gemeinden in Fulda, Schlüchtern, Steinau und Salmünster. In akuten Versorgungskrisen, wie während der Hungersnot im Kreis Schmalkalden während der Agrarkrise von 1848, stellte sie größere Summen für erwerbslose Familien und arbeitsunfähige Personen bereit.

Förderung von Medizin, Bildung und sozialen Projekten

Ein Schwerpunkt von Louise von Boses Engagement lag im medizinischen Bereich, insbesondere in der Kinderheilkunde. Vermutlich war dies auch durch die persönliche Erfahrung geprägt, ihren einzigen Sohn bei der Geburt verloren zu haben. Ab 1856 initiierte sie in Marburg die Einrichtung einer Kinderstation innerhalb der Klinik. Die Anlage stand mittellosen Kindern offen und bot Medizinstudierenden praktische Ausbildungsmöglichkeiten. Aus einer Anfangsschenkung von 1.000 Gulden wuchs der Gesamtbetrag bis 1879 auf über 11.000 Mark; testamentarisch setzte Louise zudem eine 30-jährige Rente fest.

Da die Gräfin ihre Kindheit in Kassel verbracht hatte, lagen ihr die Belange der Kasseler Bevölkerung besonders am Herzen. Dem Kinderhospital „Zum Kind von Brabant“ (ehemals an der Straße Königstor, 1943 zerstört) erbaute sie ein eigenes Heim mit 50 Betten.

Ihr Engagement erstreckte sich auch auf das Bildungswesen. Sie stiftete Mittel für „verwahrloste“ Kinder und Lehrlingsausbildung, um Landflucht zu verringern, die Ausbildungschancen ländlicher Jugendlicher zu verbessern und neue landwirtschaftliche Methoden zu verbreiten. Sie unterstützte den Bau und die Einrichtung von Volksschulen, unter anderem 1881 in Friedrichsbrück, und stiftete Preisgelder für Lehrkräfte.

Sie legte u. a. 1861 mit einer Spende von 16.000 Gulden den Grundstock für die Segenskirche samt Pfarrhaus in Griesheim. Das Allianzwappen Bose–Reichenbach-Lessonitz befindet sich noch heute am Segenskirche genannten Gotteshaus. Aus ihrem Nachlass erbaute man 1884 eine Kleinkinderschule.[11]

Sie kümmerte sich um kurhessische Lehrer und deren Witwen und Waisen und spendete Geld für die Ausbildung hilfsbedürftiger und verwahrloster Kinder. Der Stadt hinterließ sie eine Stiftung, die ihre umfangreiche Kunstsammlung umfasste, welche später den Grundstock der Sammlungen in der Neuen Galerie bildete. Weiter gehörten dazu persönliche Andenken, Möbel, und Urkunden, zusammen mit einer dafür vorgesehenen Villa.

Neben medizinischen, sozialen und bildungsorientierten Projekten engagierte sich Louise von Bose auch in der Denkmal- und Baupflege. Sie beteiligte sich am Wiederaufbau der Stiftskirche in Wetter nach einem Blitzeinschlag und an der Instandsetzung der Orgel. In Baden-Baden förderte sie den Bau der evangelischen Kirche und spendete 34.000 Mark für das städtische Krankenhaus.

Förderung der Naturwissenschaften und die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft

Louise von Bose engagierte sich besonders für die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft (SNG) in Frankfurt am Main, deren Mitglied sie war. Bereits 1880 übertrug sie der Gesellschaft ihr Palais in der Mainzer Straße. In ihrem Testament vermachte sie zudem 800.000 Mark und wurde damit zur größten Einzelspenderin in der 175-jährigen Geschichte der SNG. Zusammen mit weiteren Zuwendungen belief sich das Stiftungsvermögen auf rund 1,2 Millionen Goldmark.

Dieses Kapital verschaffte der Gesellschaft für viele Jahre Unabhängigkeit von staatlichen und kommunalen Zuschüssen. Die Mittel ermöglichten die Anschaffung von Lehrwerken, wissenschaftlichen Geräten und die Finanzierung aufwendiger Forschungsreisen. Louise legte besonderen Wert darauf, dass ihre Stiftung die „Bestrebungen und Zwecke der SNG […] in dauernder Weise fördern“ solle.[12] Eine von ihr festgelegte Auflage sah zudem vor, dass die SNG aus einem Sonderfonds Schulen in neuen, armen Gemeinden des ehemaligen Kurfürstentums Hessen errichten und unterhalten sollte.[12]

Die inhaltliche Nähe zu den Zielen der SNG war auch von ihrer Ehe mit Karl August Bose geprägt, der sich ebenfalls für naturwissenschaftliche Fragestellungen begeisterte. Über persönliche Kontakte, darunter zum Zoologen Ernst Haeckel, unterstützten Louise und ihr Mann gezielt Forschungsprojekte und Forschungsreisen. So trug Louise unter anderem gemeinsam mit Haeckel zur Finanzierung einer Reise des Botanikers Friedrich Noll zur zoologischen Station in Neapel bei.

Die testamentarische Ausstattung der SNG war so umfangreich, dass sie neben den Erträgen aus dem Kapital auch direkte Zuwendungen an Personen aus Louises Umfeld vorsah. Beispielsweise erhielt der Direktor der SNG, Weinland, 150.000 Mark.

Förderung von Universitäten und weiteren Institutionen

Louise von Bose vermachte in ihrem Testament jeweils 800.000 Mark an die Universitäten Berlin, Jena und Marburg. Die Universität Berlin wurde dabei bevorzugt, da sie im Gegensatz zu den beiden anderen Hochschulen keine Rentenzahlungen aus dem Stiftungskapital leisten musste; ein möglicher Grund hierfür war die Studienzeit ihres Ehemanns Karl August Bose in Berlin. Die Universität Marburg, mit der Louise als hessische Fürstentochter besonders verbunden war, profitierte von einer Stiftung, die über ein Jahrhundert lang Forschungsprojekte in der Humanmedizin unterstützte und mehrere politische sowie wirtschaftliche Umbrüche überdauerte.

Darüber hinaus setzte Louise zahlreiche private Renten fest: Sie hinterließ 400.000 Mark sowie eine lebenslange Jahresrente von 2.000 Mark für ihren Leibarzt Dr. Paul Schliep, ebenso hohe Beträge für ihren Rechtsanwalt Dr. Paul Hertzog, sowie Renten für Freunde, Familienmitglieder und Angestellte.

Typisch für Louise war, dass sie bei vielen Stiftungen anonym blieb oder ihre eigene Rolle nicht in den Vordergrund stellte. Sie verstand Förderung als Verantwortung und Pflicht, nicht als Selbstdarstellung. Gleichzeitig zeigt ihr umfangreiches Wirken – von lokalen Hilfsprojekten bis zu millionenschweren wissenschaftlichen Stiftungen – eine klare Strategie: die Verbindung von persönlicher Fürsorge, regionaler Verbundenheit sowie der Unterstützung von Wissenschaft und Bildung.

Insgesamt verband Louise von Bose konkrete Hilfe in ihrem unmittelbaren Umfeld mit großangelegten, dauerhaft wirksamen Stiftungen. Durch die Kombination von sozialer Fürsorge, Bildungsförderung und wissenschaftlicher Unterstützung hinterließ sie ein Vermächtnis, das weit über ihr eigenes Leben hinaus Bestand hatte.

Gedenken

Das „Bose-Museum“ befand sich in der nach ihr benannten Luisenstraße in Kassel. An der Stelle befand sich bis vor einigen Jahren die August-Fricke-Schule. Dort ist ein Relief von Louise von Bose und ihrem Ehemann als Doppelporträt zu betrachten, unter dem die Worte Erkenne dich selbst eingemeißelt sind. In der Luisenstraße befindet sich auch die 1855 als Mädchenschule gegründete Luisenschule.[13]

Das kleine, zweigeschossige Gebäude orientierte sich architektonisch am Atelier des Bildhauers Josef von Kopf in Baden-Baden und wirkte bewusst repräsentativ, aber gleichzeitig abgeschieden von der Straße. Louise von Bose bestimmte sowohl die Baugestaltung als auch die Sammlung, die bei der Eröffnung 324 Exponate umfasste. Darunter waren Porträts hessischer Landgrafen, Landschaftsbilder, Genreszenen des 19. Jahrhunderts sowie persönliche Familiengegenstände wie Schmuck, Medaillen, Wappenbriefe und ein Stammbaum der Familie Bose. Das Museum unterschied sich von ihren anderen Stiftungen, da es keinen unmittelbaren sozialen oder gemeinnützigen Zweck erfüllte, sondern der Selbstdarstellung von Louise und ihrer Familie diente. Es war nicht darauf ausgelegt, das hessische Fürstenhaus zu glorifizieren, sondern stellte Louise in die Tradition hessischer Mäzene der Künste.[2]

Am 21. Juni 1883 kündigte Louise die Schenkung des Museums an die Stadt Kassel an; mit der Testamentseröffnung am 3. Oktober 1883 wurde diese rechtskräftig. 37 Erst nach dem Tod ihres Ehemanns Karl August wurde das Museum dauerhaft eingerichtet, wobei es nur an wenigen Tagen pro Woche zugänglich war. Öffentlich wahrgenommen wurde die Sammlung vor allem bei besonderen Anlässen wie der 75. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1903 oder der Tausendjahrfeier Kassels 1913.38 Mit einem Regierungsbeschluss vom 3. Februar 1921 wurde das Bose-Museum aufgehoben, und die Exponate in die neugeschaffene Städtische Gemäldegalerie im Residenzschloss überführt. Ein „Stifterzimmer“ mit Marmorbüsten von Emilie von Reichenbach-Lessonitz, Louise von Bose und Karl August von Bose existierte zunächst, verschwand jedoch 1928 im Zuge einer Neuordnung der Galerie. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerstreuten sich die Bestände endgültig.[2]

Am 7. Juli 2021 wurde eine Skulptur der New Yorker Künstlerin Linda Cunningham in Kassel am Platz der 11 Frauen eingeweiht, die auch Louise von Bose ehrt.[14]

Literatur

  • Eckhart G. Franz (Hrsg.): Haus Hessen. Biografisches Lexikon. (= Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission N.F., Bd. 34) Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-88443-411-6, Nr. HH 76, S. 169–170 (Andrea Pühringer).
  • Sabine Hock: Bose, Louise Gräfin im Frankfurter Personenlexikon (Stand des Artikels: 24. April 1987), auch in: Wolfgang Klötzer (Hrsg.): Frankfurter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. Erster Band. A–L (= Veröffentlichungen der Frankfurter Historischen Kommission. Band XIX, Nr. 1). Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7829-0444-3, S. 93.
  • Margret Lemberg: Gräfin Louise Bose und das Schicksal ihrer Stiftungen und Vermächtnisse (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 46). N.G. Elwert, Marburg 1998, ISBN 3-7829-1154-7.
Commons: Louise von Bose – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Luisa Kapp: Bose, Louise Gräfin. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe). 10. September 2025, abgerufen am 30. September 2025.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p Margaret Lemberg: Gräfin Louise Bose und das Schicksal ihrer Stiftungen und Vermächtnisse. In: Veröffentlichung der Historischen Kommission für Hessen 46 (Hrsg.): Kleine Schriften 4. Senckenberg-Buch, Nr. 73. Marburg 1998.
  3. Heidrun Merk: Der Frankfurter Goldsteinpark und die Familie von Reichenbach-Lessonitz. In: AFGK 74. Frankfurter Parkgeschichten, 2014, S. 89–96, bes. S. 90–92.
  4. Malwida von Meysenburg: Memoiren einer Idealistin. Berlin 1875, S. 31.
  5. Fraeb: Über Kurfürst Wilhelm II. und die Gräfin Reichenbach in Hanau. In: Hanauisches Magazin. Band 7/8, 1929, S. 49–63.
  6. Brief vom 12. April 1881. In: Stadtarchiv Kassel (Hrsg.): Best. A. 2.20 Bose Stiftung.
  7. Josef von Kopf: Lebenserinnerungen eines Bildhauers. Stuttgart 1899, S. 505.
  8. Brief vom 14. November 1879. In: Stadtarchiv Kassel (Hrsg.): Best. A.2.20. Bose Stiftung.
  9. Abschiedsworte am Grabe der Frau Louise Wilhelmine emilie Gräfin Bose geb. Gräfin Reichenbach-Lessonitz. Baden Baden 1883, S. 11–14.
  10. Brief vom 27.01.1880. In: Stadtarchiv Kassel (Hrsg.): Bose Stiftung. Best. A 2.20.
  11. Höchster Kreisblatt, vom 26. Januar 2012, S. 16
  12. a b Carola Klems: Gräfin Louise Bose (1818-1883). In: 175 Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft. Band I. Frankfurt am Main 1992, S. 399.
  13. Chronik. Luisenschule Kassel, abgerufen am 22. September 2015.
  14. 11 Frauen 11 Jahrhunderte. Abgerufen am 14. Januar 2023.