Louise Erhartt
Louise Erhartt, eigentlich Luise Maria Anna Erhartt, seit 1868 Louise Gräfin von der Goltz,[1] (* 22. Februar 1844 in Wien; † 17. Mai 1916 in Wiesbaden) war eine deutsche königliche Hofschauspielerin österreichischer Herkunft.
Leben
Erhartt, die früh ihre Mutter Antonie Erhartt (14. April 1826 – 25. August 1853)[2] verloren hatte, erhielt bereits während ihrer Kindheit Schauspielunterricht durch die Schauspielerin Anna Zeiner des Burgtheaters in Wien. Mit deren Hilfe konnte sie bereits 1859 am Hoftheater in Kassel in der Rolle des Käthchens erfolgreich debütieren. Bereits im darauffolgenden Jahr wurde sie ans Dessauer Hoftheater engagiert. Von dort aus ging sie für kurze Zeit ans Hoftheater nach Hannover und bekam 1864/65 ein Engagement als „tragische Liebhaberin“ in Wiesbaden.
1864 wurde Erhartt nach Berlin geholt, wo sie in der Rolle der Julia ein erfolgreiches Debüt feiern konnte. Auch mit ihren weiteren Rollen erwies sie sich als würdige Nachfolgerin von Ida Pellet. Am 31. Mai 1878 gab sie auf Wunsch ihrer Familie ihre Abschiedsvorstellung. Es wurde am 1. Juni, dem Tag nach dieser Vorstellung berichtet:
„Gestern betrat vor ihrem definitiven Scheiden von der Kunst Frau Louise Erhartt zum letzten Male die königliche Bühne und zwar in einer ihrer besten, zur höchsten künstlerischen Vollendung herangereiften Rollen, der ‚Maria Stuart.‘ Die ihr dargebrachten Ovationen waren so überreich und herzlich, daß wir daraus wohl zu schließen berechtigt sind, wie allgemein und schmerzlich dieser Verlust in den gebildeten Kreisen Berlins empfunden wird.“[3]
Noch im selben Jahr zogen sie nach Erfurt und ließen sich später in Stettin nieder.
Unterstützt durch eine glückliche äußere Begabung, waren ihre Darbietungen durch edelste Weiblichkeit, Innigkeit und Leidenschaft gekennzeichnet. In den ersten Jahren waren war sie zumeist in den Rollen des Gretchens, Klärchens, oder der Desdemona zu sehen. Später spielte sie die Madame Pompadour, Orsina, Lady Milford, Adelheid von Waldorf, Franziska von Hohenheim, Leonore von Este oder die Iphigenia. Auch in Repräsentationsrollen – Salondamen – trat sie erfolgreich auf.[4]
„Solche Gestalten, die wie ein verschlossener Thurm vor uns stehen, an denen wir wohl mit Ehrfurcht emporschauen, die wir aber nicht in ihrem tiefsten Innern begreifen können, liegen nicht in dem für Frau Erhartt passenden Feld der Darstellung. Diese Innigkeit, diese bestrickende Weichheit in Ton und Mienen erschweren ihr oft die richtige Verkörperung mancher Rolle“
Auszeichnungen (Auswahl)
- 22. Februar 1877: Herzoglich oldenburgische Medaille für Kunst und Wissenschaft[6]
Familie
Am 20. Juni 1868 heiratete Erhartt in der St. John’s Church zu Richmond in der Grafschaft Surrey in England[7] den Generalleutnant Graf Karl August von der Goltz (15. September 1841 – 23. Januar 1921), Oberst und Kommandeur des 7. Badischen Infanterie-Regiments Nr. 142.[8]
- Karl August Hans Ferdinand von der Goltz (25. August 1869 – 1954) ⚭ 12. Februar 1903 mit Paulina (geborene Freiin von Richthofen; * 10. Februar 1874). Er wurde Königlich Preußischer Leutnant im Schleswig-Holsteinischen Ulanenregiment Nr. 15 und später Major.[9]
- Karl Arwed Friedrich Bolko Bonaventura von der Goltz (* 20. Dezember 1903 – 1967)
Rollen (Auswahl)
- Käthchen in Das Käthchen von Heilbronn (Heinrich von Kleist)
- Julia in Romeo und Julia (William Shakespeare)
- Desdemona in Othello (William Shakespeare)
- Gräfin Orsina in Emilia Galotti (Gotthold Ephraim Lessing)
- Lady Milford in Kabale und Liebe (Friedrich Schiller)
- Leonore von Este in Torquato Tasso (Johann Wolfgang von Goethe)
- Iphigenia in Iphigenie auf Tauris (Johann Wolfgang von Goethe)
- Gretchen in Faust. Eine Tragödie (Johann Wolfgang von Goethe)
- Klärchen in Egmont (Johann Wolfgang von Goethe)
- Adelheid von Walldorf in Götz von Berlichingen (Johann Wolfgang von Goethe)
- Preciosa in Preciosa (Pius Alexander Wolff)
- Portia in Der Kaufmann von Venedig (William Shakespeare)
- Maria Stuart in Maria Stuart (Friedrich Schiller)
- Leopoldine in Der beste Ton (Karl Toepfer)
- Kriemhild in Die Nibelungen (Christian Friedrich Hebbel)
- Beatrice in Die Braut von Messina (Friedrich Schiller)
- Leonore in Die Verschwörung des Fiesko zu Genua (Friedrich Schiller)
Literatur
- Otto Franz Gensichen: Berliner Hofschauspieler. Silhouetten. Verlag Grosser, Berlin 1872, S. 36–48 (books.google.de).
- Erhartt, Luise, namhafte Schauspielerin. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 5, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 780.
- Ottmar G. Flüggen: Erhardt, Luise (verh. Grf. v. Goltz). In: Biographisches Bühnen-Lexikon der deutschen Theater. A. Bruckmann, München 1892, S. 74 (Textarchiv – Internet Archive).
- Ludwig Eisenberg: Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Verlag von Paul List, Leipzig 1903, S. 235–236 (Textarchiv – Internet Archive).
- Erhartt Louise. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 262.
Einzelnachweise
- ↑ Erhartt, Louise (eig. Luise Maria Anna Erhartt), verh. Gräfin von der Goltz. In: Christa Jansohn (Hrsg.): Das Digitale Shakespeare Memorial Album. (shakespearealbum.de).
- ↑ Erhartt Antonie. In: Ludwig Eisenberg: Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Verlag von Paul List, Leipzig 1903, S. 235 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Richard Fleischer (Hrsg.): Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart. 30. Jahrgang, Band 2 (April bis Juni 1888). Eduard Trewendt, Breslau 1901, Erinnerungen an Botho von Hülsen gesammelt von Helene von Hülsen (Schluß) Vierzigster Abschnitt. 1877, S. 350–364, hier S. 356 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Erhartt, Luise, namhafte Schauspielerin. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 5, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 780.
- ↑ Otto Franz Gensichen: Louise Erhartt. In: Berliner Hofschauspieler. Silhouetten. 1872, S. 36–48, hier S. 37 (books.google.de).
- ↑ Auszeichnungen, Ernennungen ec. In: Joseph Kürschner (Hrsg.): Deutsche Bühnen-Genossenschaft. 6. Jahrgang. F. A. Günther & Sohn, Berlin 1877, S. 109 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Eduard Meyen (Redakteur): Vermischtes. In: Danziger Zeitung – Morgen=Ausgabe. Nr. 5902. A. W. Kafemann, Danzig 5. Februar 1870, S. 1, rechte Spalte (archive.org).
- ↑ Von der Goltz – C. Haus Clausdorf. I. Linie. In: Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Hauser. 69. Jahrgang. Justus Perthes, Gotha 1896, S. 399–400 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Von der Goltz – B. (Klausdorf) I. Linie. In: Gothaisches genealogisches Taschenbuch der gräflichen Häuser. Justus Perthes, Gotha 1938, S. 222 (books.google.de).