Lonka Koziebrodzka

Lonka Koziebrodzka geb. 16. Juni 1916 in Pruszków als Laja Koziebroda; [1] gest. am 13. April 1943[2][3][4] im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau) war eine jüdische Widerstandskämpferin während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Polen. Getarnt als polnische Christin, versorgte sie die jüdischen Widerstandsgruppen mit Nachrichten, Dokumenten, Geld und Waffen. Beim Schmuggel von Revolvern wurde sie verhaftet und nach längerer Folter in das KZ Auschwitz-Birkenau verlegt, wo sie im März 1943 starb.

Familie

Lonka Koziebrodzka war die uneheliche Tochter der Fajga (Feige) Gromb (geb. etwa 1890) und des Hebräischlehrers Abraham Koziebroda (geb. etwa 1881). Das Kind wurde durch die Heirat der Eltern erst 1924 legitimiert.[1] Lonkas Geburtsstadt Pruszków gehörte damals zum deutsch besetzten Teil des früheren Russisch-Polens bzw. zum Regentschaftskönigreich Polen. Ihr Vater wurde in Warschau geboren; die Familie Koziebroda soll aber ursprünglich aus Russland stammen. Unter polnischem Spracheinfluss änderte sich ihr Familienname in Koziebrodzki oder Koziebrocki (weibliche Form: Koziebrodzka oder Koziebrocka).[5.1] Die unzutreffende Schreibweise Korzybrodska findet sich erst in Nachkriegsveröffentlichungen. Ihre Eltern wurden beide im Vernichtungslager Treblinka ermordet.[6][7] Ihr Bruder David (geb. 20. August 1913 in Pruszków, gest. 20. April 1997 in Israel) nahm später den Namen Brodsky an und war 1966 Mitherausgeber eines Gedenkbuchs über die jüdische Gemeinde in Pruszków.[8]

Lonkas Vater Abraham galt als größte Persönlichkeit im jüdischen Pruszków. Als überzeugter Zionist sah er keine Zukunft für jüdische Jugendliche in Polen, begeisterte seine Schüler daher für die jüdischen Jugendbewegungen und bereitete sie während ihrer Ausbildung damit gleichzeitig auf die Auswanderung nach Palästina vor.[5.2] Lonka selbst besuchte das Gymnasium Tomasz Zan in Pruszków, wo sie im Mai 1935 noch unter ihrem eigentlichen Namen Laja Koziebroda die Reifeprüfungen ablegte.[9] Im Anschluss studierte sie Romanistik und erlernte eine Vielzahl von Sprachen[10][11] Neben Jiddisch und Hebräisch sprach sie Polnisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Ukrainisch und Russisch. Da ihr Freundeskreis überwiegend aus polnischen Jugendlichen bestand, schloss sie sich trotz ihrer jüdischen Herkunft zunächst einer polnisch-sozialistischen Jugendgruppe an.[12]

Untergrundarbeit im Widerstand

Als die deutschen Truppen in Polen einfielen und mit den Verfolgungen und Massakern an der jüdischen Bevölkerung begannen, legte sie ihren jüdischen Vornamen Laja oder Leah ab, nannte sich fortan Lonka und entschied sich für die Bewegung des Jüdischen Widerstands. Sie trat in die sozialistisch-zionistische Jugendgruppe Dror („Freiheit“) ein, wo ihr älterer Bruder David eine leitende Position innehatte. Dror hatte sich nach dem Überfall der NS-Truppen dem Dachverband jüdischer Jugendgruppen Hechalutz („Die Pioniere)“ angeschlossen und war in den Untergrund gegangen.[12]

Als eine der ersten Frauen meldete sie sich freiwillig als Kurierin (hebräisch: Kashariyot), um als Verbindungsperson für den Untergrund aktiv zu werden.[13] Ihre offene, zugewandte Art, ihr fließendes Polnisch und ein „arisches“ Aussehen halfen ihr dabei, sich als christliche Polin zu tarnen.[12] Mit gefälschten Papieren war sie unter ständiger Lebensgefahr als „Kristina Kosowska“ zwischen den Städten und Ghettos in Polen unterwegs und verteilte Nachrichten, Dokumente, Geld, Waffen und Anweisungen für die jüdischen Widerstandsgruppen.[14]

Im Januar 1942 gehörte sie zu den ersten weiblichen Kurieren, die ausgesandt wurden, um Informationen über die Massaker von Ponary an der jüdischen Bevölkerung zu sammeln.[12] Unter anderem schmuggelte sie auch Dokumente in das geheime jüdische Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto (Oneg Shabat oder Ringelblum-Archiv), das heute zum Weltkulturerbe zählt.[12] Ihre umfangreichen Sprachkenntnisse erleichterten ihr Kontakte mit Menschen verschiedener Nationalitäten wie Deutschen, Polen, Russen und Ukrainern, die sie für ihre Widerstandstätigkeit nutzte.[15] Auf ihren Reisen wurde sie oft von dem Hechalutz-Führer Jizhak Zuckerman begleitet, der den Holocaust überlebte und später über sie schrieb:[12]

„Lonka war wie geboren für die Rolle einer Verbindungsperson und besaß alle natürlichen Voraussetzungen dafür. … Sie wusste, wie sie ihre wahre Identität verbergen konnte, und wickelte einen erheblichen Teil ihrer Arbeit unter Ausnutzung der Deutschen ab. Sie knüpfte Kontakte zu Soldaten, Offizieren und Eisenbahnern, die nie erfuhren, was sie da transportierten oder was sie taten, wenn sie Koffer für sie auslieferten oder andere Dienste für sie verrichteten.“[12]

Um die Welt auf die Vernichtung der Juden in Polen aufmerksam zu machen, war Lonka Koziebrodzka als Botschafterin des Widerstands für eine Reise in die Schweiz vorgesehen. Dieser Plan musste aufgegeben werden, weil der deutsche Offizier, der an der Operation beteiligt war, aus Angst vor Entdeckung die Mitarbeit verweigerte.[14]

Ende Dezember 1941 wohnten Lonka Koziebrodzka und Tema Schneiderman bei der jüdischen Widerstandskämpferin Bela Hazan (Bella Yaari Hazan)[16] in Grodno. Hazan war es gelungen, unter falscher Identität im Hauptquartier der deutschen Gestapo zu arbeiten.[17] Da die Gestapo sie für eine Christin hielt, wurde sie zur Weihnachtsfeier eingeladen und aufgefordert, weitere „christliche“ Freundinnen mitzubringen. Bei der Feier fotografierte ein Deutscher die drei Frauen, ohne deren wahre Identität zu ahnen. Das Foto zog jedoch kurze Zeit später tragische Folgen nach sich.[18][19]

Im Januar 1942 schmuggelte Lonka Koziebrodzka bei einem Einsatz die kleine Tochter von Yitzhak Engelman, einem Dror-Aktivisten in Białystok, als Paket getarnt aus dem Ghetto Vilnius heraus und brachte sie in Grodno bei Bela Hazan unter, die sich darauf spezialisiert hatte, jüdische Babys zu retten. Die beiden Frauen reisten weiter nach Białystok und übergaben das Baby seinem Vater.[20] Danach fuhren sie zusammen weiter in umliegende Städte und Ghettos, um neue Mitglieder für den Widerstand anzuwerben.[12]

Verhaftung und Gefängnis

Im April 1942 entsandte Mordechai Tenenbaum, ein Hechalutz-Führer in Białystok, Lonka Koziebrodzka mit Geld und vier Revolvern ins Warschauer Ghetto, wo die Jüdische Kampforganisation einen bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer vorbereitete. Auf dem Weg dorthin wurde sie bei einem Grenzübergang am Bahnhof von Malkinia durchsucht und unter ihrem Decknamen Krystyna Kossowski verhaftet.[11] Die Gestapo lieferte sie in das berüchtigte Pawiak-Gefängnis ein, wo sie ausgehungert und schwer gefoltert wurde, ohne ihre wahre Identität preiszugeben. Ihre Verhörer glaubten, sie sei eine Agentin der Polnischen Heimatarmee.[12]

Nach ihrem Verschwinden schickte der jüdische Widerstand ihre Freundin Bela Hazan aus, um Lonka zu suchen. Allerdings hatte die SS bei Lonkas Verhaftung das bereits erwähnte Foto der drei Frauen auf der Gestapo-Weihnachtsfeier gefunden. Auf diese Weise geriet Bela Hazan ebenfalls in den Verdacht, eine feindliche Agentin zu sein. Die SS fahndete gezielt nach ihr, identifiziert sie im Zug nach Warschau, verhaftet sie, folterte sie schwer und lieferte sie anschließend ebenfalls ins Pawiak-Gefängnis ein.[21]

Dort wurden die beiden Frauen zunächst in Einzelhaft gesperrt, später aber in eine Zelle zusammengelegt, weil die Bewacher hofften, darüber mehr über den Widerstand zu erfahren. Hazan schrieb später über ihre erste Begegnung im Pawiak-Gefängnis, Lonka sei blass, abgemagert und fast nicht wiederzuerkennen gewesen.[12] Trotz schwerer Folter gelang es den beiden Frauen jedoch, ihre Identität und die anderer Menschen aus dem Widerstand geheim zu halten. Sie galten daher weiterhin als Polinnen und freundeten sich im Gefängnis mit weiblichen polnischen Häftlingen an, um den Verdacht zu zerstreuen, sie könnten Jüdinnen sein.[21]

Vom Gefängnishof aus gelang es Lonka Koziebrodzka, mehrere Botschaften in eine benachbarte Straße zu werfen, wo Mitglieder des Widerstands wohnten. Mindestens einer dieser Zettel wurde gefunden und auf Umwegen an Jitzak Zuckerman weitergeleitet.[12]

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Im November 1942 wurden Lonka Koziebrodzka, Bela Hazan und 51 weitere Frauen nach Birkenau verlegt, einem Teil des Konzentrationslagers Auschwitz.[22] Die beiden Frauen wurden als polnische politische Häftlinge zunächst zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft eingeteilt. Als den SS-Bewachern Lonka Koziebrodzkas Sprachkenntnisse auffielen, wurde sie als Dolmetscherin ins Lagerbüro geholt. Bela, die vorgab, Krankenpflegerin zu sein, wurde zur Arbeit in der Krankenbaracke eingeteilt.[12][21]

1943 erkrankten die beiden Freundinnen an Typhus. Während Bela Hazan die Krankheit überstand, steckte Lonka Koziebrodzka sich zusätzlich mit Mumps und Ruhr an. Bela holte ihre Freundin aus der Krankenstation heraus, weil sie sonst nach einer Selektion ermordet worden wäre, nahm sie zu sich in die Baracke und pflegte sie dort aufopfernd. Trotzdem starb Lonka Koziebrodzka am 13. April 1943[2] in den Armen ihrer Freundin. Sie wurde 26 Jahre alt.

Bela konnte einen SS-Arzt dazu überreden, Lonkas Leichnam in die Leichenhalle bringen zu lassen, wo sie in einem unbeobachteten Moment das Kaddisch für ihre tote Freundin rezitierte.[18] Hazan selbst überlebte das KZ und berichtete später in einem Buch über die Geschehnisse.[23][24]

Commons: Lonka Korzybrodska – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Bela Hazan: My Name was Bronislawa (Hebräisch). Tel Aviv: Kibbutz Lohamei ha-Getta’ot, undatiert.
  • Zivia Lubetkin: In the Days of Destruction and Revolt. Aus dem Hebärischen übersetzt von Ishai Tubbin. Tel Aviv, Ghetto Fighters House, 1981.
  • Itzhak Zuckerman: A Surplus of Memory: Chronicle of the Warsaw Ghetto Uprising. Übersetzt aus dem Hebräischen von Barbara Harshav. Berkeley, CA, University of California Press 1993.[25]
  • Itzhak Zuckerman: Those Seven Years: 1939–1946. (Hebräisch), Tel Aviv, Ghetto Fighters House, undatiert.

Einzelnachweise

  1. a b Archivgut: Jüdische Matrikel der Stadt Pruszków. Bestand: Heiratsbuch, Jgg. 1904–1927. Dokument: Blatt 72, Nummer 6. Archiwum Państwowe w Warszawie Oddział w Grodzisku Mazowieckim (Staatsarchiv Warschau, Zweigstelle Grodzisk Mazowiecki). 18. Juni 1924. Signatur: 73/1973/0. Heiratseintrag der Eltern mit Vermerk über die Kindesanerkennung. Online
  2. a b Archivgut: Zivilstandsregister Auschwitz. Bestand: Sterbebuch, Jgg. 1941–1943 (Teil 109: Ordner 0456). Dokument: Nummer 18598. Arolsenarchiv). 13. April 1943. Signatur: 4307000 109. Eintrag unter ihrem Decknamen Krystyna Kossowski) Online
  3. Archivgut: Häftlingskartei Auschwitz. Bestand: Kartenbestand Segment 339. Dokument: Häftlingsnummer 24 453. Arolsenarchiv). Signatur: 01010205 001.339. Eintrag unter ihrem Decknamen Krystyna Kossowski)
  4. Erkennungsdienstliche Erfassung des Häftlings Koziebrodzka (alias Kossowska) Lea (alias Krystyna). Abgerufen am 15. Januar 2026. Anmerkung: Die auf dem Foto gezeigte Häftlingsnummer gehört zu Lonkas Freundin Bela Hazan.
  5. Marian Skwara: Pruszkowscy Żydzi. Sześć dekad zamkniętych zagładą. Pruszków 2007, ISBN 978-83-926204-0-2.
    1. S. 104
    2. S. 103
  6. Gedenkblatt für Abraham Koziebrocki. Abgerufen am 15. Januar 2026.
  7. Gedenkblatt für Fajga Koziebrocka. Abgerufen am 15. Januar 2026.
  8. Dawid Brodsky (Hrsg.): ספר פרושקוב, נדז׳ין והסביבה (Sefer Prushḳov, Nadz'in ṿeha-sevivah). Tel Aviv 1966, OCLC 233322184.
  9. Egzaminy dojrzałości (Abiturprüfungen). In: Głos Pruszkowa i okolic. Nr. 10, 7. Juli 1935, S. 3.
  10. Lea Koziebrodzka, Studentin, geboren 1917 in Pruszkow/Pruszków, ermordet 1943 in Auschwitz (KZ) - Raum der Namen. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  11. a b Lonka (Lea) Kozibrodska. In: Yad Vashem. Archiviert vom Original am 8. August 2025; abgerufen am 5. Januar 2026 (spanisch).
  12. a b c d e f g h i j k l Sara Bender: Lonka Korzybrodska. In: Jewish Women's Archive (JWA). Abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
  13. Kashariyot (Couriers) in the Jewish Resistance During the Holocaust. In: Jewish Women Archives. Abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  14. a b Liliana Ramirez -MDC: LibGuides: Female Leadership during the Holocaust: Female Couriers. In: Miami Dade College. Abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  15. Lonka Kozybrocka, Member of Dror (Freiheit) Movement, on Anton Schmid. Archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  16. Bela Ya’ari Hazan | About the Hero. In: Lowen Milken Center. 30. Dezember 2024, abgerufen am 3. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  17. Hidden Heroes: How Young Jewish Women Fought the Nazis | The Jerusalem Post. 28. Januar 2022, abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  18. a b Three couriers of the Dror movement in Poland. In: Infocenters. Abgerufen am 3. Januar 2026.
  19. A newspaper article about the couriers Lonka Korzybrodska, Tema Schneiderman and Bella Chazan. (infocenters.co.il [abgerufen am 3. Januar 2026]).
  20. Maya Margit, The Media Line: Hidden Heroes: How Young Jewish Women Fought the Nazis. In: Jewish Journal. 27. Januar 2022, abgerufen am 3. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  21. a b c Judy Batailion: Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns: Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen. Piper, 2021, ISBN 978-3-492-05956-5, S. 227 ff.
  22. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 337.
  23. Daniel Seaman: With Eternity in their Hearts. In: Mida. 15. April 2018, abgerufen am 3. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  24. March 18: Death of a Ghetto Courier. In: Jewish Currents. Abgerufen am 3. Januar 2026 (englisch).
  25. Itzhak Zuckerman: A Surplus of Memory: Chronicle of the Warsaw Ghetto Uprising. Hrsg.: Übersetzt aus dem Hebräischen von Barbara Harshav. Berkeley, CA, University of California Press 1993. doi:10.2307/jj.5973118.