Lois Holzman

Lois Holzman (* 14. Juni 1946) ist eine US-amerikanische Psychologin, Gruppenpsychotherapeutin und politische Aktivistin.[1]

Leben

Sie stammt aus einer russisch-jüdischen Familie, die nach in Amerika emigriert war; sie hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester.[2] Sie besuchte zuerst das Harpur College, heute ein College der Binghamton University. Hier kam sie mit Psychologie in Kontakt, der für sie enttäuschend ausfiel und in ihr eine Skepsis gegenüber sozialwissenschaftlichen Experimenten und eine leidenschaftliche Abneigung gegen das, was sie als Pseudowissenschaft bezeichnete, auslöste. Dann wechselte sie an das Rhode Island College und erwarb 1967 hier einen B.A. in Englisch. Danach unterrichtete sie ein Jahr lang Englisch an einer Highschool in Smithfield, damals ein ländliches Viertel der weißen Arbeiterklasse. Zwischen 1968 und 1970 absolvierte sie ein Aufbaustudium in Linguistik an der Brown University (Mitarbeit an der Neuauflage von DARE [Dictionary of American Regional English]) und ab 1969 an der Columbia University, wechselte hier aber von der Linguistikabteilung zur Psychologieabteilung. An der Columbia University promovierte (Ph.D.) sie 1977 in Entwicklungspsychologie. Als Postgraduierten-Forschungsstipendiatin kam sie an Michael Coles Laboratory of Comparative Human Cognition (LCHC) am Teachers College an der Rockefeller University und arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin bis 1979 zur Alltagskognition und zur Möglichkeit einer ökologisch validen Psychologie. Hier lernte sie auch Fred Newman, einen marxistisch orientierten Philosophen kennen, mit dem sie 30 Jahre zusammenarbeitete und mit dem sie eine spezielle Form der Sozialtherapie entwickelte. Sie selbst bezeichnete sich als politisch Linke und als politische Aktivistin. Beide orientierten sich in ihrer Arbeit an Lew Semjonowitsch Wygotski und an den Werken von Ludwig Wittgenstein. Anschließend wechselte sie als außerordentliche Professorin an das Empire State College der State University of New York (SUNY), damals ein experimentelles College ohne Tests oder Noten, wo sie bis 1996 über Bereiche der Humanentwicklung, Erziehungswissenschaften und Sozialdienste lehrte. 1995 bis 1996 war sie auch Gastprofessorin an der Steinhardt School of Education, Culture and Human Development der New York University.

In den 1980er Jahren gründete sie zusammen mit dem Philosophen, Therapeuten und Aktivisten Fred Newman und Lenora Fulani das East Side Institute for Group and Short Term Psychotherapy. Seit 2001 ist sie dessen Leiterin, zuvor war sie 1989 bis 2001 Leiterin der dortigen Forschungs- und Bildungsprogramme.[3]

1983 gründete sie als gemeinnützige Organisation das „All Stars Project“, die aus dem „Community Literacy Research Project“ hervorgegangen ist; dieses begann als Talentshow im Keller einer Kirche in der Bronx, später wurde es zu einem Anti-Gewalt-Programm entwickelt. Die Bühnenauftritte sollen Kindern und Jugendlichen helfen, im Leben erfolgreich zu sein. Diese All Stars-Jugendprogramme gingen Partnerschaften mit Wirtschaftsführern und Performancekünstlern ein und wurden auf New York City, Newark, New Jersey, San Francisco und Chicago ausgeweitet. Von 2003 bis 2005 war sie Co-Direktorin des „Research Center at the All Stars Project“ in New York. Diese versteht sich als Graswurzelbewegung, welche sich mit der transformativen Kraft der Performance gegen Armut und Unterentwicklung einsetzt.

Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende der alle zwei Jahre stattfindenden „Performing the World“-Konferenzen, die den Performance-Aktivismus, unterstützen. Die erste Konferenz fand 2001 statt und trug den Untertitel „Kommunikation, Improvisation und gesellschaftliche Praxis“. Die zweite Konferenz, „Performing the World 2: Die zweite internationale Konferenz zur Erforschung des Potenzials von Performance für persönlichen, organisatorischen und sozial-kulturellen Wandel“, fand 2003 statt. 2025 findet die Konferenz unter dem Titel „Meandering in the Mess. Creating and Organizing Power“ statt[4].

Werk

Sie ist eine Kritikerin des medizinischen Modells von psychischer Gesundheit und Vertreterin einer nicht-medikalisierten Gruppenmethode, der Sozialtherapie. Sie beteiligt sich an verschiedenen nationalen und internationalen Aktivitäten, die sich für Alternativen zu den aktuellen Diagnosesystemen psychischer Erkrankungen einsetzen.

Mit Fred Newman entwickelte sie die Sozialtherapie als Methode, in der menschliche Entwicklung und Gemeinschaftsentwicklung miteinander verbunden sind und mit Spiel, Leistung und praktischer Philosophie verknüpft sind. Die Betonung der Gruppenaktivität, Umgebungen zu schaffen, in denen Menschen ihrem Gefühlsleben Ausdruck verleihen können, stellt die Vorstellung eines individualisierten, isolierten und nach innen gerichtetem Leben in Frage. Diese Sozialtherapie soll eine Methode sein, die gewöhnlichen Menschen hilft, sich von den Zwängen der Sprache und von philosophischen Pathologien zu befreien, die ihren Alltag durchdringen. Wittgensteins Konzeption von Sprachspielen als Lebensform half dabei zu erkennen, dass Sozialtherapiegruppen Bedeutung schaffen und nicht nur Sprache verwenden.

Ehrungen/Positionen

  • 2018: Distinguished Visiting Fellow in Vygotskian Practice and Performance am Lloyd International Honors College an der University of North Carolina at Greensboro[5]
  • 2014: Lifetime Achievement Award der the Cultural-Historical Research Special Interest Group der American Educational Research Association[6]
  • 1995, 1993, 1986: Auszeichnung für Fakultätsentwicklung, NYS/UUP-Ausschuss für berufliche Entwicklung und Lebensqualität
  • 1982: Empire State College, Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen bei der Dozententätigkeit
  • 1980: Gastpsychologin am Moskauer Institut für Psychologie (Social Science Research Council)

Privates

Durch Zufall lernte sie am Rhode Island College einen gewissen Hood kennen; dieser saß neben ihr, weil die Studenten dort alphabetisch nach Nachnamen sortiert wurden. Am Ende ihres zweiten und seines vierten Studienjahres zogen sie nach Providence, Rhode Island, wo er ein Ph.D.-Programm in Psychologie an der Brown University begann und sie an das Rhode Island College wechselte, um Anglistik zu studieren. Die beiden heirateten 1966, die Ehe hielt zehn Jahre. In dieser Zeit publizierte sie unter dem Namen Lois Hood.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Vygotsky at work and play. Routledge, London 2009, ISBN 978-0-20388-991-6.
  • Mit F. Newman: End of Knowing. Routledge, London 2006, ISBN 978-0-20318-193-5.
  • Mit F. Newman: Unscientific psychology: A cultural-performatory approach to understanding human life. iUniverse, 2006 (originally published 1996, Praeger, Westport, CT).
  • Mit R. Mendez (Hrsg.): Psychological investigations: A clinician’s guide to social therapy. Brunner-Routledge, New York 2003.
  • Schools for growth: Radical alternatives to current educational models. Lawrence Erlbaum, Mahwah, NJ. 1997, ISBN 978-1-31504-513-9.
  • Mit F. Newman: The end of knowing: A new developmental way of learning. Routledge, London 1997.
  • Mit Hugh Polk: History is the cure: a social therapy reader. Practice Press, 1988.
  • Mit L. Hood; F. Newman: The practice of method: An introduction to the foundations of social therapy. NY Institute for Social Therapy and Research. New York 1979.
  • Mit M. Cole; L. Hood [Holzman]; R. P. McDermott: Ecological niche-picking: Ecological invalidity as an axiom of experimental cognitive psychology. Rockefeller University, Laboratory of Comparative Human Cognition, New York 1978.
  • L. Hood [Holzman]: A longitudinal study of the development of the expression of causal relations in complex sentences. Ph.D. dissertation, Columbia University 1977.
  • Mit L. Bloom; P. Lightbown; L. Hood [Holzman]: Structure and variation in child language. In: Monographs of the Society for Research in Child Development, 1975, 40 (160) (Reprinted in L. Bloom et al. (1991): Language development from two to three [S. 41–85]. New York: Cambridge University Press).
Herausgeberschaften
  • Mit Fred Newman: Lev Vygotsky. Revolutionary Scientist. Psychology Press, New York 2013, ISBN 978-0-20375-807-6 (Originally published 1993, Routledge London).
    • Portugiesische Ausgabe: Lev Vygotsky: Cientista revolucionário. Loyola, São Paulo 2002.
  • Mit J. Morss (Hrsg.): Postmodern psychologies, societal practice and political life. New York: Routledge 2000.
  • Performing psychology: A postmodern culture of the mind. Routledge, New York 1999.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Zones of proximal development: Mundane and magical. In: James P. Lantolf; Matthew E. Poehner; Merrill Swain (Hrsg.): The Routledge handbook of sociocultural theory and second language development (S. 42–55). Routledge, New York 2018, ISBN 978-1-315-62474-7.
  • “Vygotskian-izing” psychotherapy. In: Mind, Culture, and Activity, 2014, 7 (3), S. 184–199.
  • Critical psychology, philosophy, and social therapy. In: Human Studies, 2013, 12 (36), S. 471–489.
  • How Much of a Loss is the Loss of Self? Understanding Vygotsky from a Social Therapeutic Perspective and Vice Versa. In: New Ideas in Psychology, 2011 29, S. 98–105.
  • Vygotsky and Creativity: A Cultural-historical Approach to Play, Meaning Making, and the Arts. Peter Lang Publishers, Lausanne 2010.
  • Creating Stages for Development: A learning community with many tasks and no goal. In; A. Sumaras; A. Freese; C. Kosnick; C. Beck (Hrsg.): Learning communities in practice. Springer, New York 2008.
  • Activating postmodernism. In: Theory & Psychology, 2006, 16 (1), S. 109–123.
  • What kind of theory is activity theory? In: Theory & Psychology, 2006, 16 (1), S. 5–11.
  • Creating the context: An introduction. In: L. Holzman, R. Mendez (Hrsg.): Psychological investigations: A clinician’s guide to social therapy. Brunner-Routledge, New York 2003, S. 13–48.
  • Lev Vygotsky and the new performative psychology: Implications for business and organizations. In: D. M. Hosking; S. McNamee (Hrsg.): The social construction of organization. John Benjamins, Amsterdam 2006, S. 254–268.
  • Vygotsky’s zone of proximal development: the human activity zone. In: Presentation to the Annual Meeting of the American Psychological Association, 2002 (8).
  • Performative psychology: An untapped resource for educators. In: Educational and Child Psychology, 2000, 17 (3), S. 86–100.
  • By Lois Hood Holzman: Pragmatism and dialectical materialism in language development. In: Harry Daniels (Hrsg.): An Introduction to Vygotsky. Routledge, London 1996, ISBN 978-0-20343-418-5.
  • Creating developmental learning environments: A Vygotskian practice. In: School psychology international, 1995, 5 (16), S. 199–212.
  • Mit Cathrene Connery; Vera John-Steiner; Ana Marjanovic-Shane Without Creating ZPDs There is No Creativity. In: D. M. Hosking; S. McNamee (Hrsg.): Lev Vygotsky and the New Performative Psychology: Implications for Business and Organizations. The social construction of organization. Liber, Oslo 2006.
  • Activating Postmodernism. In: Theory & Psychology, 2006, 16 (1), S. 109–123.
  • Performing a Life (Story) . In: G. Yancy and S. Hadley (Hrsg.). In: Narrative identities: Psychologists engaged in self-construction (S. 96-11). Jessica Kingsley Publishers, London 2005.
  • Mit F. Newman: Power Authority and Pointless Activity. In: T. Strong; D. Paré (Hrsg.): Furthering talk: Advances in the discursive therapies (S. 73–86). Kluwer Academic/Plenum 2004.
  • Mit F. Newman: All Power to the Developing. In: Annual Review of Critical Psychology, 2003, 3, S. 8–23.
  • Mit J. Morss: A Decade of Postmodern Psychology. In: L. Holzman and J. Morss (Hrsg.): Postmodern psychologies, societal practice and political life (S. 3–14). Routledge, New York 2000.
  • Lev and let Lev: An interview on the life and works of Lev Vygotsky. In: Practice, The Magazine of Psychology and Political Economy, 1990, 7 (3), S. 11–23.
  • L. [Holzman] Hood: The Politics of Autism. In: Topics in Language Disorders, 1982, S. 64–71.

Einzelnachweise

  1. A More or Less Official Bio, abgerufen am 13. Oktober 2025.
  2. Lois Holzman: Performing a Life, abgerufen am 14. Oktober 2025.
  3. Co-founder & Director: Lois Holzman. Abgerufen am 15. Oktober 2025.
  4. Meandering in the Mess. Creating and Organizing Power (dt. „Durch das Chaos mäandern. Macht schaffen und organisieren“), abgerufen am 15. Oktober 2025.
  5. New Appointment! Distinguished Visiting Fellow in Vygotskian Practice and Performance auf University of North Carolina at Greensboro, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  6. “Lifetime Achievement” in Cultural Historical Research der American Educational Research Association, abgerufen am 15. Oktober 2025.