Lise Cristiani
Lise Cristiani, auch Lisa Cristiani, Lisa Christiani, eigentlich Lise Barbier Chrétien (* 4. Dezember 1825 in Paris;[1][Anm. 1] † 24. Oktober 1853 in Nowotscherkassk, Russland) zählte zu den ersten Cellistinnen der Musikgeschichte sowie zu den bekanntesten Spielern des Instruments im 19. Jahrhundert.
Leben
Lise Cristiani wurde als uneheliches Kind geboren, ihr Vater ist unbekannt.[2] Ihre Mutter Lisberthe Barbier heiratete am 18. Januar 1827 Etienne Paul Chrétien, einen Freund der Familie.[3] In der Heiratsurkunde wird eine Tochter erwähnt, die an einem 24. Dezember geboren sei.[4] Ob der deutlich ältere Chrétien der leibliche Vater ist, ist nicht bekannt, möglicherweise handelte es sich bei der Heirat um ein Arrangement.[3] Lise wuchs im Haus ihrer Großeltern auf, des Kunstmalers Nicolas Alexandre Barbier (1789–1864),[Anm. 2] der ihr musikalisches Talent erkannte und förderte, und dessen Frau, der Schauspielerin Agathe-Marie Richard.[5]
Ihren ersten Unterricht in Tonsatz, Gesang und Klavier erhielt Lise Cristiani bei Auguste Wolff (1821–1887), einem französischen Pianisten und Klavierfabrikanten, der später Dozent am Pariser Konservatorium wurde. Zur Cellistin wurde sie bei Bernard Bénazet (1781–1846), einem Schüler von Bernhard Romberg, ausgebildet.[5]
Ab 1844 trat sie unter ihrem italienisierten Namen „Lise Cristiani“ auf und gab Konzerte, sowohl in solistischer als auch kammermusikalischer Besetzung, in Paris, Rouen und Brüssel. Ihr „Repertoire bestand aus Bearbeitungen beliebter Melodien (Schubert, Donizetti, Ernst), Fantasien über Opernthemen (Batta) und wenigen Originalkompositionen (Offenbach, Franchomme). Ergänzt wurde es durch Kammermusik (Hummel, Rossini, Beethoven, Mayseder), die sie mit ortsansässigen Musikern aufführte.“[5]
Ihre erste große Konzertreise führte sie ab 1845 nach Wien, Linz, Passau, Regensburg, Nürnberg und Baden-Baden. Anschließend spielte sie im Leipziger Gewandhaus und wurde hier u. a. von Felix Mendelssohn Bartholdy begleitet, der ihr seine Romance sans paroles in D-Dur für Violoncello und Klavier (op. 109, MWV Q 34) sowie ein Andante pastorale in C-Dur für Klavier (MWV U 193) widmete. Von dort reiste Lise Cristiani weiter u. a. nach Berlin, Stettin, Dresden, Magdeburg sowie 1846 nochmals nach Berlin, Freiberg, Braunschweig, Hannover und Hamburg und von dort weiter nach Dänemark und Schweden. In Kopenhagen wurde sie 1846 zur Kammervirtuosin des dänischen Königs ernannt.
Nach weiteren Auftritten in Deutschland reiste sie 1847 nach Sankt Petersburg. Ihre Konzerte, für die sie insbesondere für Raummieten in Vorkasse gehen musste, wurden zwar sehr gelobt, waren jedoch nur schlecht besucht. Nach einem Aufenthalt in Moskau reiste sie mehrere Jahre durch Sibirien bis zum Pazifischen Ozean und gab Konzerte an Orten, wo noch nie ein klassischer Musiker aufgetreten war. So meldete die deutsche Presse 1851, dass sie ein Konzert im Haus des Gouverneurs von Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschatka gegeben hatte.[5]
1850 nach Moskau zurückgekehrt, reiste sie 1852 weiter über Tiflis in die Ukraine. Ihr letztes Konzert in Pjatigorsk am 18. Juli 1853 besuchte auch Leo Tolstoi. Ende September 1853 erreichte sie Nowotscherkassk. Dort erkrankte sie an der Cholera und starb wenige Tage später. Sie wurde nur 27 Jahre alt. Ihr 1700 von Antonio Stradivari erbautes Instrument gelangte durch Vermittlung des damaligen französischer Botschafter in Konstantinopel, Edouard Thouvenel, 1857 wieder nach Paris. Ihre Reiseberichte erschienen nach ihrem Tod in französischen Zeitungen, allerdings war der 1863 in der Le Tour du Monde veröffentlichte Bericht teilweise gefälscht.[5]
Wirken
Cristiani war die erste professionelle Cellistin, die eine öffentliche Karriere wagte – zu einer Zeit, als das Cellospiel wegen der Haltung des Instruments zwischen den Knien und des Klangs, der die Regionen einer Bassstimme erreichte, für Frauen als unschicklich galt.[6]
Sie gehörte neben Anna Kull,[7] Hélène de Katow (um 1830 – nach 1876) und Róza Szuk (1844–1921) zu einer Gruppe von Musikerinnen, die neue Kompositionen und Bearbeitungen entscheidend prägten. Insbesondere die Ausweitung des Repertoires um Genrestücke, Fantasien und Bearbeitungen populärer Opernthemen zeigte, wie vielfältig das Cello in dieser Zeit eingesetzt werden konnte.[8]
Obwohl bereits bekannt war, dass Cristiani weite Reisen unternahm, verdeutlicht ihre Konzertpraxis das Ausmaß, in dem sie und andere Cellistinnen ihrer Generation europaweit neue Musik zugänglich machten – dabei war nicht nur die Begeisterung des Publikums groß, auch etablierte Komponisten wurden auf ihre Kunst aufmerksam und unterstützten sie aktiv.[8]
Schon zu Lebzeiten wurde ihre unkonventionelle Art, in auffälligen Kleidern aufzutreten und ohne Scheu mit einem sperrigen Cellokasten zu reisen, in Musikerkreisen wie beim Publikum aufmerksam verfolgt.[8] Obwohl Cristiani jung starb, hinterließ sie wichtige Impulse für das Cellospiel und trug dazu bei, dass sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts viele weitere Komponisten – darunter einige Frauen – dem Violoncello zuwandten.[8] Ihr eigenes Stradivari-Cello, das vor ihr Jean-Louis Duport gespielt hatte, galt lange als Symbol für ihren Mut und ihre künstlerische Strahlkraft.[8] Es befindet sich heute als Teil der Fondazione Walter Stauffer im Museo del Violino, Cremona.[9]
Filme
- Mit dem Cello ans Ende der Welt. Sol Gabetta auf den Spuren von Lise Cristiani. Dokumentation von Simone Jung, Deutschland 2024, Produktion: Hessischer Rundfunk und arte; abrufbar bis 4. Dezember 2026 in der ARD-Mediathek.
Literatur
- Freia Hoffmann: Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur. Insel, Leipzig und Frankfurt a. M. 1991, ISBN 3-458-32974-9.
- Freia Hoffmann: Cristiani, Lise, Barbier. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 5 (Covell – Dzurov). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2001, ISBN 3-7618-1115-2, Sp. 94 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
- Katharina Deserno: Ein „untypisches Frauenleben“: die Sibirien-Reise der Cellistin Lisa Cristiani. In: Forum Musikbibliothek: Beiträge und Informationen aus der musikbibliothekarischen Praxis, Bd. 31 (2010), 3, S. 233–240.
- Freia Hoffmann: Lise Cristiani in Sibirien. In: Freia Hoffmann (Hrsg.): Reiseberichte von Musikerinnen des 19. Jahrhunderts : Quellentexte, Biographien und Kommentare. Olms, Hildesheim 2011, ISBN 978-3-487-14437-5, S. 149–180.
- Freia Hoffmann, Volker Timmermann (Hrsg.): Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert. Olms, Hildesheim u. a. 2013, ISBN 978-3-487-15020-8.
- Katharina Deserno: Cellistinnen. Transformationen von Weiblichkeit in der Instrumentalkunst (= Musik – Kultur – Gender. 14). Böhlau, Köln 2018, ISBN 978-3-412-50171-6, besonders das Kapitel zu Lise Cristiani S. 111–272; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
- Kate Kennedy: Cello : a journey through silence to sound. Head of Zeus, London 2024, ISBN 978-1-80328-703-4.
Weblinks
- Freia Hoffmann: Art. „Cristiani, Christiani, Chrétien, Barbier, Lise, Lisa, Elise“. In: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2007/2010. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann. [mit ausführlichen Informationen zu den Konzertreisen und Konzertrezensionen]
- Lynda MacGregor: Cristiani, Lisa (Barbier). In: Grove Music Online (englisch; Abonnement erforderlich).
Anmerkungen
- ↑ In den meisten Nachschlagewerken lautet die Angabe 24. Dezember 1827. Der Musikhistoriker Waldemar Kamer präsentierte in dem Dokumentarfilm Mit dem Cello ans Ende der Welt (Deutschland 2024) die lange Zeit verschollen geglaubte Geburtsakte Lise Cristianis, die das Datum 4. Dezember 1825 belegt. Die Angabe 24. Dezember findet sich erst später in der Heiratsakte ihrer Mutter. Außerdem wurde sie von ihrem Großvater zwei Jahre jünger gemacht, möglicherweise, um sie als Wunderkind für das Publikum interessanter zu machen.
- ↑ vgl. Nicolas Alexandre Barbier in der französischen Wikipedia
Einzelnachweise
- ↑ Simone Jung: Mit dem Cello ans Ende der Welt. [Fernsehproduktion]. Hrsg.: Arte. ARD-Mediathek 2024 (ardmediathek.de [abgerufen am 20. Dezember 2025] ab 5:12).
- ↑ Simone Jung: Mit dem Cello ans Ende der Welt. [Fernsehproduktion]. Hrsg.: Arte. ARD-Mediathek 2024 (ardmediathek.de [abgerufen am 20. Dezember 2025] ab 6:00).
- ↑ a b Katharina Deserno: Cellistinnen. Transformationen von Weiblichkeit in der Instrumentalkunst (= Musik – Kultur – Gender. 14). Böhlau, Köln 2018, ISBN 978-3-412-50171-6, S. 162; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
- ↑ Simone Jung: Mit dem Cello ans Ende der Welt. [Fernsehproduktion]. Hrsg.: Arte. 2024 (arte.tv [abgerufen am 3. März 2025] ab 9:20).
- ↑ a b c d e Freia Hoffmann: Art. „Cristiani, Christiani, Chrétien, Barbier, Lise, Lisa, Elise“. In: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2007/2010. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann.
- ↑ Vgl. Freia Hoffmann: Art. „Cristiani, Christiani, Chrétien, Barbier, Lise, Lisa, Elise“. In: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2007/2010. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann; vgl. auch Freia Hoffmann, Volker Timmermann (Hrsg.): Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert, Hildesheim u. a. 2013, S. 7 f.; vgl. auch Freia Hoffmann: Instrument und Körper, Leipzig und Frankfurt a. M. 1991, S. 41.
- ↑ Vgl. Silke Wenzel: Anna Kull. In: Beatrix Borchard, Nina Noeske (Hrsg.): MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 25. September 2018; vgl. Freia Hoffmann, Volker Timmermann (Hrsg.): Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert, Hildesheim u. a. 2013, S. 14.
- ↑ a b c d e Lotte Thaler: "Französische Romantik. Zweihundert unbekannte Cellosonaten aufgetaucht". In: FAZ Online. 3. Januar 2025, abgerufen am 5. Januar 2025.
- ↑ Antonio Stradivari 1700 "Stauffer" ex "Cristiani" cello. In: Google Arts & Culture. Abgerufen am 1. März 2025.