Lew Lehr
Lew Lehr (* 14. Mai 1895 in Philadelphia, Pennsylvania; † 6. März 1950 in Brookline, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Komiker und Autor. Er war in den 1930er und 1940er Jahren in den Vereinigten Staaten eine weithin bekannte Unterhaltungspersönlichkeit aufgrund seiner regelmäßigen humoristischen Auftritte in den in vielen Kinos vor den Hauptfilmen gezeigten Wochenschauen der Fox-Studios (Fox Movietone News) und seiner häufigen Auftritte im Radio als dem täglich konsumierten Massenmedium der Zeit.
Leben und Tätigkeit
Lehr wuchs in Philadelphia auf, wo er das Bucknell College besuchte, das er vorzeitig verließ, um in das Geschäft seines Vaters einzutreten. In den 1910er Jahren begann er als Darsteller beim Vaudeville und beim Theater aufzutreten, so mit J. C. Macks Schauspieltruppe.
Im Ersten Weltkrieg wurde Lehr 1918 als Feldwebel (Sergeant) mit der 74. Eisenbahnartillerieabteilung nach Europa entsandt, wo er in der Truppenbetreuung tätig war. Nach dem Krieg trat er zusammen mit seiner Ehefrau als Tandem „Lehr and Belle“ in verschiedenen Vaudeville-Stätten auf.
Um 1924 eröffnete Lehr ein Büro als humoristischer Autor. Er verfasste in der Folgezeit Material für Bühnenkünstler wie Texas Guinan, Bert Lahr oder Bea Lillie, das diese bei ihren Auftritten verwendeten. Um 1930 produzierte er zusammen mit Johnny Walker zwei Comedy-Filme, deren Humor darauf basierte, dass sie Szenen mit großem Wiedererkennungswert aus bekannten Filmen aufgriffen, indem sie diese in einer die Handlung und Präsentation derselben ins Absurd-Übersteigerte treibenden Weise nachspielen ließen.
1932 wurde Lehr von den Machern der von den Fox-Studios produzierten Wochenschau Fox Movietone News als Editor mit dem Auftrag angeheuert, humoristische Kurzbeiträge für diese Sendung zu produzieren, die damals (als es noch kein Fernsehen und keine Fernsehnachrichten gab) in vielen Kinos im Rahmen eines längeren Vorführungsprogramms vor dem Hauptfilm gezeigt wurde: Er entwickelte daraufhin eine Reihe von Kurzfilmen, denen er den Namen Dribble Puss Parade gab und in denen er selbst auftrat. Die einzelnen Episoden dieser Reihe wurden von 1932 bis Mitte der 50er Jahre (noch Jahre über seinen Tod hinaus) als inserts (Einschübe) in die newsreels von Fox eingebaut: Die Fox-Wochenschauen präsentierten eine Mischung aus Berichten über aktuelle Ereignissen in Bereichen wie Politik, Sport, gesellschaftliches Geschehen, Kultur usw. sowie Werbebotschaften, wobei, um diese etwa 15- bis 20-minütigen Wochenschauen abzurunden, d. h. um sie zu einem unterhaltsam-bunten Allerlei zu machen, auch Segmente in sie eingebaut wurden, die aus 1- bis 2-minütigen kurzen humoristischen Filmen mit Lehr bestanden, in denen dieser in kleinen kommentierenden Sketchen oder Monologen auf Alltagserscheinungen oder auf aktuelle Geschehnisse in Bereichen wie Politik, Gesellschaft usw. einging („Ladies and people, listen, while I’ll explaining [!] you the day“). Die Lehr’schen Einsprengsel in die Fox-Newsreels endeten meist damit, dass er in kicherndes Gelächter über irgendeinen Aspekt der von ihm kommentierten Ereignisse, Zustände und Personen ausbrach, wobei er die von ihm geschaffene Persona des Kommentators gezielt als unterbelichterter Wirrkopf präsentierte. Er selbst beschrieb den von ihm geschaffenen Kommentator als einen „Vollidioten“ (complete imbecile). Ausgangspunkt der kuriosen Redeweise des Kommentators war ein übertriebener Pennsylvania-Dutch-Akzent, den er als kommentierende Tonspur über einen Newsreel-Bericht über die Ausbildung von Straßenbahnschaffnern in Berlin legte.
Insgesamt produzierte Lehr von 1932 bis in die 1940er Jahre mehr als 300 Kurz-Sketche, die als Teil des bunten Packets aus Inhalten, die die Fox-newsreels umfassten, verwendet wurden.
Beim amerikanischen Kinopublikum wurde Lehr im Laufe der 1930er Jahre zu einer allgemein bekannten Persönlichkeit. Hierzu dürfte außer seinen Newsreel-Sketchen als solchen, seinem Timing und der erheiternden Weise, wie er seine Stimme verstellte (Stimmhöhe, Rhythmus, Duktus, Redeweise), vor allem auch sein auffallendes und einprägsames optisches Erscheinungsbild beigetragen haben: Speziell die Kombination aus seinem beleibten Körper, seinem theatralischen Bleistiftschnauzbart und seinem breit-albernen Lächeln, mit einer Reihe großer schiefer Zähne, wurde zu seinem Markenzeichen und hatte seinerzeit einen hohen Wiedererkennungswert. Zu einem geflügelten Wort wurde zudem der Spruch „Monkeys is the cwaziest peoples.“ („Affen sind die verrrrrücktesten Leute“), den Lehr bald in viele seine Sketche als sloganhaftes Schlusswort, mit dem er jüngste Ereignisse des aktuellen Geschehens, auf die er zu sprechen kam und die er als absurd ansah, kommentierte, einbaute, wobei er den Satz meist mit einer glucksend, leicht schrillen, kichernden Stimme und umrahmt von einem gezielt geistig vakant wirkenden Gelächter (ohohohohohoho) vortrug.
Weitere seinerzeit in den 1930er und 1940er Jahren in den Vereinigten Staaten vielzitierte Beobachtungen oder Feststellungen Lehrs aus seinen Newsreel-Sketchkommentaren waren: „Look who’s shpoking“, „Sometimes your eyes can’t believe their pupils“ und „It’s glitzery, look out you don’t schlitz“ (im Kommentar zu einer Filmaufnahme, die einen auf gefrorenem Eisschnee schlitternden Eisbären zeigte).
Ab Mitte der 1930er Jahre trat Lehr auch häufig als Gast oder als Co-Modetator in Sendungen im Radio mit Unterhaltungscharakter auf, wodurch er einem noch größeren Publikum bekannt wurde: So in der Sendung von Ben Bernie, von 1935 bis 1936 einer der Quizmaster in der Quizsendung Detect and Collect, ein regelmäßiger Gast in The Camel Comedy Caravan (in den frühen 1940er Jahren) und ein Panelist der Sendung Stop Me If You’ve Heard This One (1947).
1947 zog Lehr sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebte fortan zurückgezogen in New Canaan in Connecticut.
Lehr starb im März 1950 während eines Erholungsaufenthaltes im Christian Science Benevolent Association Sanitorium in Massachussetts.
Lehr als Referenzmarke in der Popkultur
Lehrs große Bekanntheit als populäre Figur des öffentlichen Lebens in den 1930er und 1940er Jahren führte dazu, dass Anspielungen auf seine Person in zahlreichen Erzeugnissen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie dieser Zeit zu finden sind: Von diesen Anspielungen sind dem breiten Medien konsumierenden Publikum der den 1930er und 1940er Jahren weit entrückten Gegenwart wahrscheinlich am ehesten die Anspielungen auf Lehr untergekommen, die sich – ohne dass heutige Zuschauer diese im Regelfall noch erkennen – in verschiedenen in den Jahren 1937 bis 1949 veröffentlichten Cartoons der von den Warner-Brothers-Studios produzierten Reihen Looney Tunes und Merry Melodies finden, die bis heute häufig gezeigt werden. Konkret wurden zwischen 1937 und 1949 in acht Filmen der Looney Tunes und Merry Melodies satirische Anspielungen auf Lehr eingebaut, nämlich den Cartoons She Was an Acrobat’s Daughter (1937), Porky in Egypt (1938), The Sour Puss (1940), Porky’s Snooze Reel (1941), Russian Rhapsody (1944), Herr Meets Hare (1945), Scaredy Cat (1948) und Daffy Duck Hunt (1949). Eine Kompilation dieser kurzen Gags findet sich z. B. bei der Videoplattform Youtube.[1]
In dem Cartoon Scaredy Cat von 1948 werden beispielsweise die bekannte Cartoon-Katze Sylvester und das anthropomorphe Schwein Porky Pig (Schweinchen Dick), als dessen Haustier Sylvester in diesem Cartoon auftritt, als sie während einer Reise in einem gruseligen Hotel übernachten, von einer Horde von Mäusen, die in diesem Hotel heimlich hausen, heimgesucht, wobei die Mäuse den beiden Protagonisten mit den für Cartoons dieser Zeit üblichen Mitteln (Amboss etc.) nach dem Leben trachten. Während Sylvester sich der Gefahr, die von den Mäusen ausgeht, rasch bewusst wird und ihr entgegenzuwirken versucht, indem er unablässig alle möglichen Anschläge, die die Mäuse auf Porky und ihn unternehmen, mit verzweifelten Abwehrmaßnahmen abwehrt und vereitelt, bemerkt Porky fast bis zum Schluss des Cartoons nichts und will einfach nur schlafen, wobei ihn die vermeintlichen schrillen Kapriolen, die seine Katze aufführt (bzw. für die er die hektischen Handlungen, mit denen Sylvester die verschiedenen Mordanschläge der Mäuse auf ihn [Porky] und sich selbst abzuwehren versucht, irrtümlich hält), immer mehr nerven. Als Porky am Ende des Cartoons, nachdem er, um Sylvester zu beweisen, dass keine gefährlichen Mäuse in dem Haus anwesend sind, aus dem Zimmer stürmt, um das Erdgeschoss zu inspizieren, prompt von den Mäusen gefangen genommen wird, wird er in der vorletzten Szene in einer kleinen Prozession im Stil der Hinrichtungsprozessionen der Französischen Revolution in einem kleinen Handkarren, den mehrere Mäuse ziehen, von den mörderischen Nagetieren vor der Kamera zu seiner Exekution gezogen, wobei er ein Schild unter den Arm geklemmt hält, auf dem steht: „You were right, Sylvester“. Dem Hinrichtungswagen folgt, mit gemessenen Schritten laufend, eine Maus mit Henkersbeil und Henkersmaske: Diese nimmt ihre Henkermaske in der letzten Szene, bevor der Cartoon mit der schmissigen Kennmelodie der Looney Tunes ausblendet, plötzlich ab, um ein Gesicht zu enthüllen, dessen Züge und dessen Zahnbestand unzweideutig Lehr nachempfunden sind, wobei die Lehr-Mause eine an die Handlung des Cartoons angepasste Version (bezogen auf Sylvester verzweifelt-paranoide Versuche, den Nachstellungen der Mäuse zu entgehen) von Lehrs Catchphrase kichernd dem Publikum entgegenruft („Cats are the cwaziest people!“).
In dem Spielfilm Head der Band The Monkees von 1968 wurde Lehrs Stammspruch Monkeys is the cwaziest people, in Anspielung auf den Namen der Band, ebenfalls ironisch aufgegriffen.
In der Episode Osma bin Laden Has Farty Pants der satirischen Animationsserie Southpark vom November 2001, mit der die Macher der Serie auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 reagierten, wurden die Warner Brothers-Cartoons der Zeit des Zweiten Weltkriegs in humoristischer Weise aufgegriffen, indem eine der Hauptfiguren von Southpark, der durchtriebene, übergewichtige zehnjährige Eric Cartman, in dieser Folge dem Terroristen Osama bin Laden in derselben Weise nachstellt und ihn mit absurd übersteigerten physischen Angriffen (Dynmitexplosionen, Ambossen usw.) zusetzt, wie Bugs Bunny und Daffy Duck dies in einigen Cartoons der Kriegsjahre mit führenden Politikern der Achsenmächte, wie Hermann Göring oder Adolf Hitler, getan hatten, denen sie zur Unterhaltung des amerikanischen Kinopublikums mit rauen Streichen und harten physischen Schikanen in fiktiven Szenarien zu Leibe gerückt waren. Bei der Nachahmung von Inhalt und Stil der alten Propagandacartoons der 1940er Jahre durch die Southpark-Macher wurde auch ein Gag aus dem Cartoon Russian Rhapsody, der sich auf Lehr bezog, übernommen: Während der Originalcartoon endet, indem er eine Nahaufnahme einer Cartoonversion von Adolf Hitler zeigt, dessen Mundpartie durch Lehrs unverkennbaren Zahnwuchs ersetzt ist, der albern Kichernd den Zuschauern in Abwandlung von Lehrs Stammspruch erklärt: „Nazis is the cwaziest people!“, ist in der Southparkversion ein nach einer Dynamitexplosion schwer ramponierter Osama bin Laden mit Lehrs Zahnbesatz zu sehen.
Ehe und Familie
Lehr war seit 1920 verheiratet mit Anna Leonhardt, einer Vaudevilledarstellerin, die unter dem Künstlernamen Nancy Belle bekannt war, die er als Kollegin bei der Mother-Goose-Truppe kennen gelernt hatte.
Überlieferung
Die Associated Press hat einige Sketche von Lehr aus dem Archiv der von den 1920er bis 1960er Jahren von ihr produzierten Wochenschau "British Movietone News" bei Youtube hochgeladen. So z. B. einen Kurzfilm über einen Besuch von Lehr in einem Schönheitssalon für Herren[2] und einen Kurzfilm über einen Besuch von ihm in Paris 1938.[3]
Buchveröffentlichungen
- Lew Lehr’s Cookbook for Men, 1949.
- Stop Me If You’ve Heard This One, 1949.
Literatur
- "Lew Lehr is dead; Dialect comedian; Newsreel Commentator, 54, Was Former Vaudeville Actor", Nachruf in der New York Times vom 7. März 1950