Lathyrismus
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| T62 | Toxische Wirkung sonstiger schädlicher Substanzen, die mit der Nahrung aufgenommen wurden |
| T62.2 | Sonstige verzehrte Pflanze(n) oder Teil(e) davon |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Der Lathyrismus ist eine chronische neurologische Erkrankung toxischer Genese. Er wird durch dauerhaften Genuss von Mehl der trockenheitsresistenten Saat-Platterbse (Lathyrus sativus) verursacht und ist ein Beispiel für die Wirkung eines natürlichen Exzitotoxins, das selektiv auf das erste Motoneuron wirkt.
Ursachen
Das wirksame Toxin ist β-Oxalylamino-L-alanin (BOAA), das selektiv auf den AMPA-Glutamat-Rezeptor wirkt. Die chronische Einnahme des Toxins erhöht die intrazelluläre Konzentration freier Radikale und verringert die Funktion der mitochondrialen oxidativen Phosphorylierung. Pathologisch sind vorwiegend die Betzschen Riesenzellen des primär motorischen Cortex betroffen, die die Beinmuskeln innervieren.
Symptome
Klinisch manifestiert sich Lathyrismus-Neurotoxizität in Muskelspasmen, Krämpfen der Extremitätenmuskulatur und progressive spastische Lähmung (Parese) der Beinmuskulatur. Typisch ist der Gang, bei dem die Betroffenen faktisch von einem Bein aufs andere fallen. Gefühle und Blasendysfunktionen können ebenfalls gestört werden. Gelegentlich wird ein grobschlägiges Zittern der Arme beobachtet.
Vorkommen
Lathyrismus tritt epidemisch in Trockenheitsgebieten auf, wenn das Mehl der Platterbse zum Hauptnahrungsmittel wird. Epidemien wurden in Bangladesh, China, Äthiopien und Indien beschrieben. Historische Ausbrüche gab es beispielsweise in Spanien zur Zeit der Napoleonischen Kriege, als die hungernde Bevölkerung sich vor allem von Platterbsen (spanisch Almorta) ernährte.
Tierexperimentell lassen sich auch Störungen der enchondralen Ossifikation mit daraus resultierenden Knochenveränderungen auslösen (Osteo-Angio-Lathyrismus).
Literatur
- Murray, Mitsumoto: Disorders of upper and lower motoneurons. In: Bradley et al. (Hrsg.): Neurology in clinical practice. Vol 2. Elsevier, 2004.