Lars T. Lih

Lars T. Lih (* 10. September 1947 in Richland, Washington) ist ein kanadischer marxistischer Historiker und Musikhistoriker US-amerikanischer Herkunft.[1] Er publiziert als Autor bei Jacobin[2] und Weekly Worker[3] und ist Vortragender bei der Website communistuniversity.uk.[4]

Werdegang

Lih studierte an der Yale University und der Universität Oxford. Er erhielt seinen Ph.D. in Politikwissenschaften 1984 von der Princeton University. Er hat am Wellesley College und der Duke University gelehrt und ist jetzt Professor für Musikgeschichte an der Schulich School of Music der McGill University in Montreal. Lih publiziert vor allem über die Geschichte der frühen Sowjetunion. Zusammen mit Oleg V. Naumov und Oleg V. Khlevniuk hat er die Briefe Stalins an Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow herausgegeben.

Rezeption

Die österreichischen Lenin-Biographen Hannes Leidinger und Verena Moritz (2023) zählen Lih zu jenen Lenin-Forschern, denen es in ihren Forschungsarbeiten darum ging, „gängige Narrative aufzubrechen, hinter die Kulissen zu blicken und Quellen einer abermaligen Durchsicht zu unterziehen“. Seine Forschung gehöre zu einer „überschaubare[n] Anzahl englischsprachiger Publikationen, deren Reichweite vermutlich kaum über kleine akademische Zirkel hinausging.“ Dennoch sollte aber laut den beiden österreichischen Historikern an den „wertvollen Anregungen“ der Arbeiten Lihs „nicht vorbeigegangen werden – selbst wenn man so manche Schlussfolgerung der Autor:innen nicht oder nicht immer zur Gänze teilen kann“.[5] Zu Lihs Monographie Lenin Rediscovered: “What is to be Done?” in Context, in der sich dieser um eine Neubewertung von Lenins 1902 veröffentlichter Schrift Was tun? bemüht, ziehen beide folgendes Fazit:

„Die Neuinterpretation und Neuübersetzung des berühmten Lenin-Textes durch den amerikanisch-kanadischen Historiker Lars Lih ist zweifellos zu Recht gewürdigt worden. Dessen Schlussfolgerungen [...] verweisen auf das ‚Fortschreiben‘ teilweise verzerrender Auslegungen von Lenins Schrift in der Historiographie bzw. auf problematische Gewichtungen von Aussagen. [...] In Summe mahnen Lihs Erkenntnisse aus der Neuübersetzung von Was tun? gewiss zu einer differenzierten Bewertung dieser Schrift, vermögen aber nicht auszublenden, dass bei all der demonstrativen Nähe Lenins zu den ‚deutschen Brüdern‘ bereits damals ein Weg für die russische Partei skizziert wurde, der vom zeitgleichen Kurs der SPD eklatant abwich.“[6]

Der polnische Historiker Łukasz Jasina konstatiert, dass Lars T. Lih einer der Autoren des 2020 veröffentlichten Sammelbandes The Fate of the Bolshevik Revolution. Illiberal Liberation 1917–1941 ist, dessen Herausgeber der „neo-revisionistischen“ Schule zugeordnet werden. Diese bemüht sich um eine positive Hervorhebung des Leninismus im Gegensatz zum Stalinismus.[7]

Schriften

  • Bread and Authority in Russia, 1914–1921 (1990)
  • Russian communism in perspective and Democratic revolution in Russia and the ideology of frustration, 1993
  • War communism and Bolshevik ideals, 1994
  • The path and the task: A cognitive approach to Soviet history, 1995
  • (Hrsg. mit Oleg V. Naumov und Oleg V. Khlevniuk:) Stalin's Letters to Molotov: 1925–1936. Yale University Press, 1995
    • deutsche Übersetzung: Briefe an Molotow, 1925–1936. Siedler, 1996
  • Melodrama and the Myth of the Soviet Union' (in Imitations of Life: * Two Centuries of Melodrama in Russia, 2002)
  • Lenin Rediscovered: “What is to be Done?” in Context. Historical Materialism, 2008. ISBN 978-1-931859-58-5
  • (mit Ben Lewis:) Zinoviev and Martov: Head to Head in Halle. November Publications (2011).
  • Lenin, 2011
  • The Ironic Triumph of Old Bolshevism: The Debates of April 1917 in Context,” in Russian History 38 (2011), Seite 199–242.
  • Democratic Revolution in Permanenz,” in Science and Society, Vol. 76, No. 4, October 2012, Seite 433–462.
  • The Non-Geometric Elwood,” Canadian Slavonic Papers / Revue canadienne des slavistes Vol. 54, Nos. 1–2, March-June 2012, Seite 185–213.
  • Biographie auf der Website der McGill University
  • Übersicht von Zeitschriftenartikeln von Lars T. Lih: [1]
  • Artikel von Lars T. Lih in Weekly Worker: [2]
  • Lars T. Lih: The lies we tell about Lenin. In: Jacobin
  • Interview mit Lars T. Lih in The North Star: [3]
  • Vorträge von Lars T. Lih bei der Communist Party of Great Britain (Provisional Central Committee): [4]

Einzelnachweise

  1. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 3. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/socialiststudies.com
  2. Autorenangabe zu Lars T. Lih bei jacobin.com, abgerufen am 8. Januar 2023.
  3. Autorenangabe zu Lars T. Lih bei weeklyworker.co.uk, abgerufen am 8. Januar 2023.
  4. Beiträge von Lars T. Lih bei communistuniversity.uk, abgerufen am 8. Januar 2023
  5. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Lenin. Die Biographie. Eine Neubewertung. Salzburg/Wien 2023, S. 13.
  6. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Lenin. Die Biographie. Eine Neubewertung. Salzburg/Wien 2023, S. 127 f.
  7. Łukasz Jasina: We are in fact writing about the present… A review of The Fate of the Bolshevik Revolution. Illiberal Liberation 1917–1941. Edited by: Laura Douds, James Harris and Peter Whitewood. Publisher: Bloomsbury Academic, London 2020. In: neweasterneurope.eu, 7. Juli 2020, abgerufen am 15. August 2023. (online)