Lanzenkirchen (Meteorit)
| Lanzenkirchen | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Allgemeines | |||||
| Offizieller Name nach MBD |
Lanzenkirchen | ||||
| Authentizität | sicher | ||||
| Lokalität | |||||
| Staat | Österreich | ||||
| Bundesland | Niederösterreich | ||||
| Bezirk | Wiener Neustadt | ||||
| Gemeinde | Lanzenkirchen | ||||
| Fall und Bergung | |||||
| Datum (Fall) | 28. August 1925 | ||||
| beobachtet | ja | ||||
| Datum (Fund) | 29. August 1925 | ||||
| Sammlung | Naturhistorisches Museum Wien | ||||
| Beschreibung | |||||
| Typ | Steinmeteorit | ||||
| Klasse | gewöhnlicher Chondrit | ||||
| Gruppe | L4 | ||||
| Masse (total) | 7 kg | ||||
| Referenzen | |||||
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Der Meteorit von Lanzenkirchen ist ein Steinmeteorit aus der Gruppe der gewöhnlichen Chondrite, der am 28. August 1925 bei Lanzenkirchen im südlichen Niederösterreich als beobachteter Meteoritenfall niederging.[1][2][3] Die Gesamtmasse der bekannten Stücke beträgt rund 7 kg.[3] Der Lanzenkirchen-Meteorit gilt als erster dokumentierter Meteoritenfall in Niederösterreich und als einer der frühen gesicherten Meteoritenfälle auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich.[4]
Fallereignis
Am Abend des 28. August 1925, um etwa 19:25 Uhr, wurde über einem großen Teil Mitteleuropas eine helle Feuerkugel beobachtet.[1][4] Berichte über Sichtungen reichten von Westungarn über das Burgenland bis Ried im Innkreis und von Südböhmen bis in die Gegend von Maribor.[1][4]
Das Phänomen war von mehreren lauten Knallgeräuschen und einem längeren Grollen begleitet, die von Zeitzeugen mit Artilleriefeuer verglichen wurden. In der aufgeheizten Stimmung der Zwischenkriegszeit wurde zunächst teils ein militärischer Angriff über die unweit verlaufende Grenze zu Ungarn vermutet.[1][4] Astronomen und Meteorologen in Wien sammelten zahlreiche Augenzeugenberichte, aus denen später die Bahn des Boliden rekonstruiert werden konnte.[1]
Funde
Am Morgen des 29. August 1925 entdeckte der Landwirt Matthias Flickentanz aus Lanzenkirchen auf einer von ihm bewirtschafteten Wiese ein kreisrundes Loch im Boden, das am Vortag beim Heumachen noch nicht vorhanden gewesen war.[1][2] Er fand in rund 50 cm Tiefe einen dunkel gefärbten Stein mit einer dunklen Schmelzkruste und einem Gewicht von knapp 5 kg.[1][2]
Einige Wochen später, am 7. Oktober 1925 wurde von Hermann Windbichler aus Frohsdorf auf einem Weg zwischen Frohsdorf und Eichbichl ein zweites Fragment gefunden, das etwa 2 kg wog und zur Hälfte im Boden steckte und ebenfalls eine Schmelzkruste aufwies. Der Fundort liegt rund 2,5 km nordöstlich der ersten Fundstelle.[1][2] Beide Finder überließen ihre Meteoriten noch im selben Jahr dem Naturhistorischen Museum Wien. Die für den Ankauf erforderlichen Mittel in der Höhe von 1300 Schilling wurden vom „Verein der Freunde des Naturhistorischen Museums“ aufgebracht.[2][4]
Klassifikation und Aufbau
Der Meteorit von Lanzenkirchen ist ein Gewöhnlicher Chondrit der Untergruppe der L4-Chondrite.[3][4] Diese sind nach den Chondren benannt - kleine Silikatkügelchen aus der Zeit der Entstehung des Sonnensystems - und machen den überwiegenden Teil aller bekannten Meteorite aus. Klassifiziert ist Lanzenkirchen als L4, er gehört damit zu der Gruppe der L-Chondrite, die relativ wenig metallische Anteile enthalten. Mineralogische und petrographische Untersuchungen beschreiben den Meteoriten als kompaktes, chondritisches Gestein mit zahlreichen Chondren, das überwiegend aus Olivin und Pyroxen besteht, begleitet von Nickeleisen und Troilit.[1] Spätere Arbeiten zeigen, dass die Olivine eine relativ einheitliche Zusammensetzung mit einem FeO-Gehalt von rund 22 Gewichtsprozent aufweisen, was für L-Chondrite typisch ist.[1]
Im Anschliff sind helle und dunklere Bereiche erkennbar, wobei es sich um eine monomikte Brekzie handelt: Das Gestein setzt sich aus Fragmenten derselben Gesteinsart zusammen, die durch Impaktprozesse im Mutterkörper zertrümmert und wieder verfestigt wurden. Feine Schockadern durchziehen die Matrix und belegen eine bewegte Kollisionsgeschichte des Ursprungsasteroiden.[1][4]
Aufbewahrung und Ausstellung
Beide Hauptstücke des Lanzenkirchen-Meteoriten befinden sich in der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien. Die Fragmente sind in der Österreich-Vitrine des Meteoritensaals (Saal 5) ausgestellt, wo alle Meteorite mit österreichischem Fundort präsentiert werden.[2][4] Für Untersuchungen wurden von den Steinen Scheiben abgetrennt und poliert, wodurch sich ihre Masse auf etwa 3,8 kg bzw. 1,7 kg verringerte.[2]
Bedeutung
Zum Zeitpunkt seines Falls war der Meteorit von Lanzenkirchen erst der vierte wissenschaftlich dokumentierte Meteorit auf österreichischem Staatsgebiet und der erste aus Niederösterreich.[4] In der Meteoritical Bulletin Database ist er als einer von nur wenigen österreichischen Meteoriten und der erste von drei bestätigten Meteoriten aus Niederösterreich geführt.[3]
Obwohl L4-Chondrite insgesamt keine seltene Meteoritenklasse darstellen, ist nur bei relativ wenige Vertreter dieser Gruppe auch der Fall beobachtet worden. Lanzenkirchen ist daher sowohl für die Rekonstruktion von Meteorbahnen als auch für Studien zur Petrogenese und Kollisionsgeschichte von L-Chondriten von besonderem Interesse.[4]
Darüber hinaus besitzt der Meteoritenfall eine lokale kulturhistorische Bedeutung: In Lanzenkirchen wird regelmäßig an das Ereignis erinnert, etwa im Rahmen von Jubiläumsveranstaltungen oder Ausstellungen in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Wien.[2]
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k H. Michel: Der Meteorsteinfall von Lanzenkirchen in Niederösterreich. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 39. Wien 1925, S. 190–193 (zobodat.at [PDF]).
- ↑ a b c d e f g h 90. Jubiläum - Der Meteorit von Lanzenkirchen. In: lanzenkirchen.gv.at. 20. August 2015, abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ a b c d Meteoritical Bulletin Database - Lanzenkirchen. Abgerufen am 16. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h i j Michael Vosatka: Wie Artilleriefeuer und die aufgehende Sonne: Vor hundert Jahren fiel der Meteorit von Lanzenkirchen. In: derstandard.at. 28. August 2025, abgerufen am 16. November 2025.