Language Awareness
Language Awareness beschreibt die reflektierte Wahrnehmung von Sprache und Sensibilität beim Sprachenlernen, Sprachunterricht und Sprachgebrauch.[1] Im deutschsprachigen Raum wird Language Awareness häufig mit Sprachaufmerksamkeit, Sprachbewusstheit, Sprachreflexion oder Sprachbewusstsein übersetzt.[2]
Sprachbegegnung und Sprachaufmerksamkeit
Das Konzept stammt ursprünglich von dem britischen Linguisten und Fremdsprachendidaktiker Eric W. Hawkins.[3] Er versteht Language Awareness als eine Form von Sprachbegegnung. Durch das Kennenlernen und die Beschäftigung mit fremden Sprachen soll zum einen die Reflexion über die eigene Sprache initiiert werden. Zum anderen sollen durch Sprachvergleiche Einsichten in die Funktionsweisen und Eigenheiten von fremden Sprachen erworben werden. Ziel ist es, bereits im Kindergarten oder spätestens im Unterricht der Grundschule Sensibilisierung und Interesse für Sprache und Sprachen zu entwickeln. Sprachbegegnungsunterricht soll dabei kein vorgezogener Fremdsprachenunterricht sein. Vielmehr soll er dem schulischen Fremdsprachenunterricht vorgelagert werden. Schülerinnen und Schüler sollen durch die Begegnung mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen Einblicke in grundlegende sprachliche Strukturen bekommen. Darüber hinaus sollen sie die Kompetenz erlangen, die eigene Sprache und den eigenen Sprachgebrauch bewusst wahrzunehmen und zu gebrauchen. Durch Einbindung der Herkunftssprachen in den Unterricht soll bei einer heterogenen Schülerschaft sprachliche Vielfalt als positiv wahrgenommen und als Bereicherung verstanden werden. Auf diesem Wege soll Interesse an Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Sprachen und Kulturen geweckt werden.
Das Language-Awareness-Konzept geht von einem umfassenden Sprachbegriff aus und darf nicht auf die Aneignung von Wortschatzwissen oder grammatischem Wissen reduziert werden. Alle Ebenen von Sprachsystem und Sprachgebrauch können thematisiert werden: sprachliche, kulturelle, pragmatische und interkulturelle Aspekte, aber auch Elemente von nonverbaler Kommunikation oder von Missverständnissen, die aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede entstehen. Ausgangspunkt können durchaus erste Vergleiche von Wörtern und Wortschatz sein, an den sich Reflexionen über die Grammatik anschließen. Wichtig ist dabei, dass sich die Lernenden die fremden Sprachen nicht in Form systematischen Fremdsprachenunterrichts aneignen sollen, sondern ihnen zunächst offen und mit Interesse begegnen. Das ist nicht nur im Deutschunterricht das Ziel, sondern auch im Unterricht anderer Fächer.
Sprachbegegnung oder früher Fremdsprachenunterricht
Das Sprachbegegnungskonzept führte bereits in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zu einer Kontroverse: Umstritten war, ob Sprachbegegnungsunterricht oder früher Fremdsprachenunterricht in Kindergärten, KiTas und Grundschulen eingeführt werden sollten. Die Befürworter des Sprachbegegnungsunterrichts argumentierten mit den o. g. Zielen: im spielerischen Umgang mit fremden Sprachen sprachliches und kulturelles Interesse wecken.[4] Die Vertreter des frühen Fremdsprachenunterrichts hielten dem entgegen, dass es wichtiger sei, möglichst früh Englisch oder Französisch zu lernen, um in den weiterführenden Schulen gute Startchancen zu haben.[5] Als Kompromiss boten sich in grenznahen Regionen wie Rheinland-Pfalz (Deutsch – Französisch), Schleswig-Holstein (Deutsch – Dänisch)[6] oder Mecklenburg-Vorpommern (Deutsch – Polnisch)[7] Konzepte wie „Lerne die Sprache des Nachbarn“ an. Rheinland-Pfalz startete bereits 1986 mit einem gleichnamigen Programm und förderte KiTas und Grundschulen, die Sprachbegegnungsunterricht anboten. 2021 lief das Programm aus und wurde nicht verlängert.[8] Stattdessen wird in Rheinland-Pfalz nun der frühe Fremdsprachenunterricht in Form von integrierter Fremdsprachenarbeit[9] angeboten, bei der ein gleichzeitiges Sprach- und Sachlernen in den Sprachen Englisch oder Französisch stattfindet.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Association for Language Awareness. Abgerufen am 14. Oktober 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Helga Andresen, Reinhold Funke (2003): Entwicklung sprachlichen Wissens und sprachlicher Bewusstheit. In: Ursula Bredel, Hartmut Günther, u. a. (Hrsg.): Didaktik der deutschen Sprache. Ein Handbuch. Band 1. Paderborn, S. 438–451.
- ↑ Eric W. Hawkins (1984): Awareness of Language: An Introduction. Cambridge University Press.
- ↑ Irmintraut Hegele (Hrsg.) (1994): Fremdsprachenbegegnung in der Grundschule. Kronshagen.
- ↑ Peter Doyé (1991): Systematischer Fremdsprachenunterricht vs. Begegnung mit Fremdsprachen. In: Neusprachliche Mitteilungen aus Wissenschaft und Praxis, 44, H. 3, S. 145–146.
- ↑ Warum ist es eigentlich wichtig, die Sprache des Nachbarn zu lernen und zu können? Abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Vorschulkinder lernen die Sprache des Nachbarn. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Nach 30 Jahren das Aus für Französisch im Kindergarten. 5. Mai 2021, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Fremdsprachen von Anfang an. (PDF) Abgerufen am 14. Oktober 2025.