Lancé (Meteorit)

Koordinaten: 47° 40′ 59″ N, 1° 1′ 48″ O
Lancé
Allgemeines
Offizieller Name
nach MBD
Lancé
Synonym Authon

Lance

Authentizität sicher
Lokalität
Land Frankreich
Region Centre-Val de Loire
Département Loir-et-Cher
Arrondissement Vendôme
Gemeinde Lancé
Streufeld ja
Fall und Bergung
Datum (Fall) 23. Juli 1872
beobachtet ja
Datum (Fund) 25. Juli 1872
Sammlung Naturhistorisches Museum Wien (Hauptmasse, ca. 47 kg)

Muséum national d’histoire naturelle, Paris (ca. 1,1 kg)

Beschreibung
Typ Chondrit
Klasse kohliger Chondrit
Gruppe CO3.5
Untergruppe CO
Masse (total) 51,7 kg
Referenzen
Meteoritical Bulletin 12455
Mindat (Keswick, VA) 253233

Lancé ist ein Steinmeteorit, der am 23. Juli 1872 nahe der französischen Gemeinde Lancé im Département du Loir-et-Cher (Region Centre-Val de Loire) als beobachteter Meteoritenfall niederging. Der kohlige Chondrit des Typs CO3.5 gehört mit einer Gesamtmasse von rund 51,7 kg zu den massereicheren Vertretern seiner Gruppe und ist einer der bis zum Jahr 2023 weltweit nur 7 CO-Chondriten, bei denen der Fall direkt beobachtet worden ist.[1] Das Hauptstück des Meteoriten mit einer Masse von 47 kg ist heute als Teil der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museum Wien ausgestellt.[2]

Fallereignis

Am Abend des 23. Juli 1872 wurde um 17:20 Uhr über dem Gebiet nördlich von Blois ein heller Feuerball beobachtet, der sich von Südwest nach Nordost bewegte. Mehrere laute Detonationen wurden gemeldet, gefolgt von einem Steinregen, bei dem zahlreiche Bruchstücke zu Boden gingen. Zeitgenössische Berichte sowie eine ausführliche Beschreibung durch Richard von Drasche-Wartinberg, aus dem Jahr 1875 dokumentieren den Fall sehr detailliert.[3]

Das Hauptstreufeld lag in der Umgebung der Ortschaft Lancé. Insgesamt wurden sechs größere Steine geborgen. Das größte Einzelstück wog etwa 47 kg, die Gesamtmasse der gefundenen Stücke wird mit 51,75 kg angegeben.[1]

Zwei Tage nach dem beobachteten Niedergang wurde in einem Acker bei „Les Haies de Blois“ am Gemeindegebiet von Lancé die Hauptmasse des Meteoriten entdeckt, die ein Loch mit 1,6 Metern Tiefe im Boden hinterlassen hatte.[4] Der Stein wurde zerbrochen in 3 Teile aufgefunden.

Kurze Zeit später wurde 12 Kilometer entfernt in Authon ein zweiter Stein mit einer Masse von 250 g nahe der Straße nach Montoire, bei Port Loisel gefunden. Ein drittes Fragment des Meteoriten mit einer Masse von 3 kg wurde erst im Jahr 1874 in derselben Gegend auf einem Feld des Schlosses Blanchamp gefunden. Drei weitere im Jahr 1874 gefundene Einzelstücke wiesen eine Masse von 0,62 kg, 0,6 kg und 0,3 kg auf.[3]

Auf Initiative eines Lehrers aus Saint-Amand wurde das Hauptstück unmittelbar nach dem Fund von 25. Juli 1872 bis zum 26. August 1872 im Rathaus von Saint-Amand ausgestellt. Der Meteorit weckte schnell wissenschaftliches Interesse. Der Meteoritenforscher Gabriel Auguste Daubrée besichtigte und beschrieb den Meteoriten – und bemühte sich, die Hauptmasse für die Sammlung in Paris anzuschaffen, was jedoch am Preis scheiterte. Daubrée konnte allerdings das zweite Einzelstück mit einer Masse von 250 g für das Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris erwerben.

Klassifikation

In der heutigen Systematik wird Lancé als kohliger Chondrit der Gruppe CO, petrologischer Typ 3.5 eingestuft. Die Bezeichnung CO steht für Carbonaceous Ornans, benannt nach dem Typusmeteorit Ornans; beide gehören zur CO-Gruppe innerhalb der kohligen Chondrite. Der petrologische Typ 3.5 kennzeichnet einen unequilibrierten Chondriten mit nur mäßiger thermischer Metamorphose: Chondrenstruktur und ursprüngliche Mineralogie sind weitgehend erhalten, zeigen aber bereits Anzeichen innerer Umwandlungsprozesse.

Wissenschaftliche Bedeutung

Der Fall des Meteoriten von Lancé war – nach dem Fall des Meteoriten von Ornans, der sich im Jahr 1868 ebenfalls in Frankreich ereignet hatte – erst der zweite bekannte Fall eines CO-Chondriten.[5]

Bis heute ist Lancé der zweitgrößte CO-Fall und der drittgrößte von mehreren hundert geborgenen CO-Steine. Aufgrund der großen Probenmenge wurde Lancé Gegenstand zahlreicher petrographischer, geochemischer und isotopengeochemischer Studien.[6]

Durch die Kombination aus gut dokumentiertem Fall, relativ hoher Masse und typischer CO-Chondriten-Eigenschaften gilt Lancé als wichtiger Referenzmeteorit für das Verständnis der CO-Gruppe und der thermischen und chemischen Entwicklung früher Planetesimale.

Sammlung

Die Hauptmasse des Falls gelangte im Jahr 1874 als Schenkung an das Naturhistorische Museum Wien.[3] Weitere Bruchstücke sind in den Sammlungen zahlreicher Museen, Universitäten und Forschungseinrichtungen vertreten:

Einzelnachweise

  1. a b Meteoritical Bulletin: Entry for Lancé. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 3. Oktober 2024; abgerufen am 5. Dezember 2025.
  2. Naturhistorisches Museum Wien - Meteorite. Abgerufen am 5. Dezember 2025.
  3. a b c Richard v. Drasche: Über den Meteoriten von Lance. In: Jahrbuch der Kaiserlich-Königlichen Geologischen Reichsanstalt; Mineralogische Mitteilungen, gesammelt von G. Tschermak. Band XXV, Heft I. Wien 1875.
  4. Lancé Meteorite (NHMW-MIN-A957-A958-A958a-A959) - Download Free 3D model by Natural History Museum Vienna (@NHMWien). 23. Juli 2021, abgerufen am 6. Dezember 2025 (englisch).
  5. Meteoritical Bulletin: Entry for Ornans. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 23. Januar 2025; abgerufen am 5. Dezember 2025.
  6. Lancé Meteorite, Lancé, Vendôme, Loir-et-Cher, Centre-Val de Loire, France. In: mindat.org. Abgerufen am 6. Dezember 2025 (englisch).
  7. Catherine L.V. Caillet Komorowski: The meteorite collection of the National Museum of Natural History in Paris, France. In: Geological Society London Special Publications. Juli 2006, doi:10.1144/GSL.SP.2006.256.01.09 (researchgate.net).
  8. Department of Mineral Sciences Collections. In: collections.nmnh.si.edu. Abgerufen am 6. Dezember 2025 (englisch).
  9. Muñoz-Espadas, M. J.; Martínez-Frías, J.; Lunar, R.; Sánchez, B.; Sánchez, J.: The meteorite collection of the National Museum of Natural Sciences, Madrid, Spain: An updated catolog. In: Meteoritics & Planetary Science. Vol. 37, Supplement, 2002, S. 89–94 (harvard.edu [PDF]).
  10. P. W. C. van Calsteren: Catalogue of meteorites in Dutch collections. In: Scripta Geol.,. Leiden September 1979, S. 16 (naturalis.nl [PDF]).
  11. LANCE. Abgerufen am 6. Dezember 2025 (englisch).
  12. G.J. Consolmagno: Catalogue of the Vatican Meteorite Collection. 2001, ISBN 88-209-7172-0 (harvard.edu).
  13. AMNH Meteorite Collection. In: amnh.org. Abgerufen am 6. Dezember 2025 (englisch).