Lalita Ramakrishnan

Lalita Ramakrishnan (geboren 1959 in Baroda, dem heutigen Vadodara) ist eine indischstämmige US-amerikanische Mikrobiologin und Ärztin, die sich vor allem der Erforschung der Tuberkulose (Tbc) und der Verbesserung ihrer Behandlung widmet. Sie ist Professorin für Immunologie und Infektionskrankheiten an der Universität Cambridge.

Werdegang

Lalita Ramakrishnan wuchs in Baroda in einer Wissenschaftlerfamilie auf. Ihre Mutter war Psychologin und ihr Vater Biochemiker.[1] Ihr älterer Bruder Venkatraman Ramakrishnan studierte Physik und Biologie und wurde 2009 mit dem Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet. Mit siebzehn Jahren begann Lalita Ramakrishnan ein Medizinstudium an der Universität von Baroda, das jedoch nicht ihren Vorstellungen entsprach,[2] bevor sie in die USA zog, um an der Tufts University in Boston auf dem Gebiet der Immunologie zu promovieren. In dieser Zeit begann sie, die Medizin aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, und wollte sie stärker mit der Forschung verbinden. Daher absolvierte sie eine Facharztausbildung an der Tufts University und erhielt ein Forschungsstipendium im Bereich Infektionskrankheiten an der University of California in San Francisco.[2] Dort festigte sich ihr Interesse an Tuberkulose, einer Krankheit, die sie schon kannte, denn ihre Mutter war dreimal daran erkrankt. Auch während ihres Medizinstudiums sah sie viele Menschen mit dieser Krankheit. Sie begann daher, sich intensiv der Tuberkuloseforschung zu widmen, unterstützt durch ein Postdoktorandenstipendium an der Stanford University. Ab 2001 setzte sie ihre Forschung an der University of Washington fort. Dort setzte sie zum ersten Mal Zebrafische als Modellorganismen zur Erforschung der Pathogenese der Tuberkulose ein.[3]

2014 verließ Ramakrishnan die Vereinigten Staaten und wechselte an die University of Cambridge, Großbritannien, wo sie neben ihren Tätigkeiten am Laboratory of Molecular Biology (LMB) und der Molecular Immunity Unit auch als Professorin für Immunologie und Infektionskrankheiten am Department of Medicine der Universität, als Principal Research Fellow am Wellcome Trust und als Fachärztin für Infektionskrankheiten am Cambridge University Hospital tätig ist.[3]

Forschung

Zebrafisch-Modell und Pathogenese

Lalita Ramakrishnan zählt international zu den führenden Persönlichkeiten der modernen Tuberkuloseforschung. Sie entwickelte zentrale Werkzeuge für die Untersuchung dieser Krankheit, insbesondere ein robustes Zebrafischmodell, das neue Einblicke in die Interaktion zwischen Tuberkulosebakterien und dem Wirt während des Infektionsverlaufs ermöglicht hat. Ramakrishnan infizierte die Zebrafische mit einem Bakterium, das dem Tuberkulose-Erreger sehr ähnlich ist, um herauszufinden, wie der Körper darauf reagiert. Sie entdeckte, dass sich bestimmte Immunzellen, sogenannte Makrophagen, die normalerweise schädliche Bakterien bekämpfen, um die Tbc-Bakterien versammeln und sogenannte Granulome bilden. Früher dachte man, diese Granulome schützen den Körper, aber Ramakrishnan fand heraus, dass die Tbc-Bakterien die Granulome zu ihrem Vorteil nutzen, um sich zu verstecken und zu vermehren. Sie sind in der Lage, Ausflussmechanismen zu aktivieren, mit denen sie Antibiotika wieder aus der Zelle „herauspumpen“, wodurch sie ihr eigenes Überleben sichern. Dies erklärt, warum meist eine langwierige, mehrere Medikamente umfassende Behandlung zur Heilung von Tuberkulose nötig ist.[4] Auf Grundlage dieser Erkenntnisse konnte sie mit ihrem Forschungsteam neue Therapieansätze vorschlagen und zugleich klinische Studien auf diesem Gebiet maßgeblich beeinflussen.[5]

Die Arbeiten Ramakrishnans trugen nicht nur zum besseren Verständnis des Zusammenspiels zwischen Tuberkuloseerregern und dem Immunsystem bei, sondern erweiterten auch das Wissen über die Biologie der Makrophagen und über andere Infektionskrankheiten, etwa Lepra.[6]

Epidemiologische Erkenntnisse

Zusätzlich zu ihrer Grundlagenforschung untersuchte Ramakrishnan zusammen mit Marcel Behr und Paul Edelstein Studien zum Konzept der latenten Tuberkulose, um festzustellen, ob Tuberkulose-Infizierte eine lebenslange Infektion haben, die zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Erkrankung führen kann. Die im British Medical Journal (BMJ) veröffentlichten Studien belegten, dass die Inkubationszeit der Tuberkulose kurz ist, in der Regel bricht die Krankheit innerhalb von Monaten nach der Infektion aus und sehr selten länger als zwei Jahre nach der Infektion.[7] Sie zeigten außerdem, dass mehr als 90 % der Menschen, die seit mehr als zwei Jahren mit M. tuberculosis infiziert sind, niemals an Tuberkulose erkranken, selbst wenn ihr Immunsystem stark geschwächt ist.[8] Immunologische Tests auf eine Tuberkuloseinfektion, wie der Tuberkulin-Hauttest und der γ-Interferon-Test (IGRA), zeigen nur eine frühere Infektion an, wobei die Mehrheit der zuvor infizierten Personen nicht mehr an Tuberkulose erkranken kann.

Ramakrishnan erklärte gegenüber der New York Times, dass Forscher „Hunderte Millionen Dollar für die Erforschung der Latenz ausgegeben haben, aber die ganze Vorstellung, dass ein Viertel der Weltbevölkerung mit Tbc infiziert ist, basiert auf einem grundlegenden Missverständnis.“[9] Sie zog den Schluss, dass die weitverbreitete Annahme einer latenten Tuberkulose-Infektion bei ca. 2 Milliarden Menschen die Tbc-Bekämpfung unnötig erschwert und Forschungsgelder in ineffiziente Ansätze lenkt. Man habe nachweisen können, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen deutlich niedriger ist. Dass die meisten Fälle innerhalb von zwei Jahren nach der Infektion auftreten, mache das Problem außerdem lösbarer, da Prävention sich auf kürzlich exponierte Personen fokussieren könne. Dies erfordere eine Umorientierung der Forschungsgelder weg von der „Latenz“-Hypothese hin zu Fragen wie dem Clearance-Mechanismus bei den meisten Menschen und den Risikofaktoren für die 5–10 % der Menschen, die tatsächlich erkranken.[10]

Basierend auf diesen Erkenntnissen veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation 2022 Corrigenda zu ihrem Globalen Tuberkulose-Report 2021, so dass nunmehr nicht mehr von 2 Milliarden aktuell Infizierten die Rede war und sich die prioritäre Entwicklung von Impfstoffen oder Medikamenten nur noch auf Neu-Infizierte bezieht.[11]

Auszeichnungen

Publikationen (Auswahl)

  • J. Muse Davis, Hilary Clay, Jessica L. Lewis, Nafisa Ghori, Philippe Herbomel, Lalita Ramakrishnan: Real-Time Visualization of Mycobacterium-Macrophage Interactions Leading to Initiation of Granuloma Formation in Zebrafish Embryos. In: Immunity. Band 17, Nr. 6, Dezember 2002, S. 693–702, doi:10.1016/S1074-7613(02)00475-2 (elsevier.com).
  • Laura E. Swaim, Lynn E. Connolly, Hannah E. Volkman, Olivier Humbert, Donald E. Born, Lalita Ramakrishnan: Mycobacterium marinum Infection of Adult Zebrafish Causes Caseating Granulomatous Tuberculosis and Is Moderated by Adaptive Immunity. In: Infection and Immunity. Band 75, Nr. 3, März 2007, ISSN 0019-9567, S. 1540–1540, doi:10.1128/IAI.00069-07 (asm.org).
  • J. Muse Davis, Lalita Ramakrishnan: The Role of the Granuloma in Expansion and Dissemination of Early Tuberculous Infection. In: Cell. Band 136, Nr. 1, Januar 2009, S. 37–49, doi:10.1016/j.cell.2008.11.014, PMID 19135887, PMC 3134310 (freier Volltext) – (elsevier.com).
  • Kristin N. Adams, Kevin Takaki, Lynn E. Connolly, Heather Wiedenhoft, Kathryn Winglee, Olivier Humbert, Paul H. Edelstein, Christine L. Cosma, Lalita Ramakrishnan: Drug Tolerance in Replicating Mycobacteria Mediated by a Macrophage-Induced Efflux Mechanism. In: Cell. Band 145, Nr. 1, April 2011, S. 39–53, doi:10.1016/j.cell.2011.02.022, PMID 21376383, PMC 3117281 (freier Volltext) – (elsevier.com [abgerufen am 6. Dezember 2025]).
  • Lalita Ramakrishnan: Revisiting the role of the granuloma in tuberculosis. In: Nature Reviews Immunology. Band 12, Nr. 5, Mai 2012, ISSN 1474-1733, S. 352–366, doi:10.1038/nri3211 (nature.com).
  • Kevin Takaki, Christine L. Cosma, Mark A. Troll, Lalita Ramakrishnan: An In Vivo Platform for Rapid High-Throughput Antitubercular Drug Discovery. In: Cell Reports. Band 2, Nr. 1, Juli 2012, S. 175–184, doi:10.1016/j.celrep.2012.06.008, PMID 22840407, PMC 3433401 (freier Volltext) – (elsevier.com).
Commons: Lalita Ramakrishnan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Venkatraman Ramakrishnan - From Chidambaram to Cambridge: A Life in Science. In: nobelprize.org. Abgerufen am 2. Dezember 2025 (englisch).
  2. a b Sandeep Ravindran: Profile of Lalita Ramakrishnan. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 120, Nr. 24, 13. Juni 2023, ISSN 1091-6490, S. e2306553120, doi:10.1073/pnas.2306553120, PMID 37256924, PMC 10268243 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 30. November 2025]).
  3. a b Lauren Marchant: Lalita Ramakrishnan awarded 2024 Robert Koch Prize. In: MRC Laboratory of Molecular Biology. 1. Juli 2024, abgerufen am 30. November 2025 (britisches Englisch).
  4. Sandeep Ravindran: Profile of Lalita Ramakrishnan. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 120, Nr. 24, 13. Juni 2023, S. e2306553120, doi:10.1073/pnas.2306553120, PMID 37256924, PMC 10268243 (freier Volltext) – (pnas.org [abgerufen am 8. Dezember 2025]).
  5. Aktuelle Presse-Informationen, 2024 Robert-Koch-Preis für Lalita Ramakrishnan. In: robert-koch-stiftung.de. Abgerufen am 3. Dezember 2025 (englisch).
  6. Cressida A Madigan, James Cameron, Lalita Ramakrishnan: A Zebrafish Model of Mycobacterium leprae Granulomatous Infection. In: The Journal of Infectious Diseases. Band 216, Nr. 6, 15. September 2017, ISSN 0022-1899, S. 776–779, doi:10.1093/infdis/jix329, PMID 28934421, PMC 5853370 (freier Volltext) – (oup.com [abgerufen am 8. Dezember 2025]).
  7. Marcel A. Behr, Paul H. Edelstein, Lalita Ramakrishnan: Revisiting the timetable of tuberculosis. In: BMJ. Band 362, 23. August 2018, ISSN 0959-8138, S. k2738, doi:10.1136/bmj.k2738, PMID 30139910 (bmj.com [abgerufen am 7. Dezember 2025]).
  8. Marcel A. Behr, Paul H. Edelstein, Lalita Ramakrishnan: Is Mycobacterium tuberculosis infection life long? In: BMJ. Band 367, 24. Oktober 2019, ISSN 0959-8138, S. l5770, doi:10.1136/bmj.l5770, PMID 31649096 (bmj.com [abgerufen am 8. Dezember 2025]).
  9. ‘Latent’ Tuberculosis? It’s Not That Common, Experts Find. In: nytimes.com. 24. September 2018, abgerufen am 8. Dezember 2025 (englisch).
  10. Lalita Ramakrishnan: Redefining tuberculosis: an interview with Lalita Ramakrishnan. In: Disease Models & Mechanisms. Band 16, Nr. 3, 1. März 2023, ISSN 1754-8411, S. dmm050189, doi:10.1242/dmm.050189, PMID 36951140, PMC 10073006 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 9. Dezember 2025]).
  11. Corrigenda (25 May 2022) Global tuberculosis report 2021. In: cdn.who.int. World Health Organization, 25. Mai 2022, abgerufen am 11. Dezember 2025 (englisch).
  12. Lalita Ramakrishnan – NAS. In: https://www.nasonline.org/. Abgerufen am 30. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  13. Fellow Detail Page. In: royalsociety.org. Abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
  14. Professor Lalita Ramakrishnan. In: acmedsci.ac.uk. Academy of Medical Science, abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
  15. Find people in the EMBO Communities - Lalita Ramakrishnan. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 25. Juni 2025; abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
  16. Laura Darling: Lalita Ramakrishnan wins 2 coveted prizes. In: esmycobacteriology.eu. ESM, 26. Juni 2024, abgerufen am 9. Dezember 2025 (englisch).