La Marie Séraphique
| Ansicht der La Marie Séraphique vor der Küste von Loango. Rechts im Hintergrund auf den Hügeln die drei Quibanguas
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La Marie Séraphique war ein französisches Sklavenschiff, das zwischen 1765 und 1777 von Nantes aus sechs Fahrten an die Westküste des südlichen Afrika unternahm[1], von wo aus insgesamt mehr als 2.000 Sklaven in die französischen Besitzungen Saint-Domingue und Guadeloupe in den Antillen verschleppt wurden. Im Zuge des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges wurde das Schiff 1779 von den Briten gekapert.
Geschichte
Das Schiff, eine Schnau, wurde im Auftrag des Reeders Charles D’Havelooze von der Werft des Jacques Prébois in Nantes gebaut und lief am 9. Oktober 1764 von Stapel.[2.1] Sie war explizit für den Sklavenhandel bestimmt und wurde auf den Namen Dannecourt getauft. Am 13. April 1765 lief die Dannecourt zu ihrer ersten Fahrt nach Malembo im heutigen Angola aus, wo sie am 20. August 1765 begann, Versklavte an Bord zu nehmen, die nach Guadeloupe verschifft wurden. Am 1. September 1766 kam die Dannecourt wieder nach Nantes zurück.[2.2][3]
Am 12. Januar 1769 verkaufte D’Havelooze das Schiff an Jacques-Barthélemy Gruel. Wie damals üblich, erhielt das Schiff beim Eigentümerwechsel einen neuen Namen und hieß nunmehr La Marie Séraphique nach Gruels Ehefrau Marie-Anne-Séraphique. Unter dem neuen Eigentümer und dem Kapitän Jean-Baptiste Fautrel-Gaugy, der auch als Investor beteiligt war, unternahm die La Marie Séraphique bis 1775 vier Fahrten nach Loango, von wo Sklaven nach Cap Français verschleppt wurden.
Am 25. Januar 1775 verkaufte Gruel die La Marie Séraphique, die in den Besitz der Gebrüder Da Costa gelangte und abermals einen neuen Namen erhielt: Le Sartine, nach dem Marineminister Antoine de Sartine. Die Le Sartine brach am 22. Mai 1776 nach Calabar auf und brachte von dort Sklaven nach Saint-Marc in Saint-Domingue.
1778 trat Frankreich an der Seite der amerikanischen Patrioten in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien ein. Durch den Seekrieg zwischen Großbritannien und Frankreich kam der französische Sklavenhandel weitgehend zum Erliegen. Die Le Sartine wurde am 18. Juni 1779 vor der Küste von Guinea von den Briten gekapert und aus dem Schiffsregister der Seebehörde (Amirautés de Bretagne)[4] in Nantes gestrichen.[2.3]
Verlauf der Fahrten nach Loango und Cap Français
Von Nantes nach Loango
In „Angola“ – damit wurde nicht nur das heutige Angola bezeichnet, sondern weite Strecken der Westküste Afrikas – wurden die Sklaven im Tauschhandel erworben. In Nantes wurden daher die einzutauschenden Waren an Bord genommen. Der größte Teil davon waren Stoffe, teils aus Indien importierte Baumwollstoffe, teils verschiedene lokale Produkte. Weiter wurden Gewehre und Pulver, Eisenbarren, Gefäße aus Zinn, Kupfer oder Fayence, Branntwein, Glasperlen und anderes mehr eingetauscht.[2.4]
Die Überfahrt nach Loango dauerte mehrere Monate. Bei der ersten Fahrt segelte die La Marie Séraphique am 1. Mai 1769 von der Loiremündung in den Atlantik und erreichte nach zwei Monaten, am 29. Juni 1769, São Tomé, wo bei einem Zwischenstopp Lebensmittel und Wasser an Bord genommen wurden. Der letzte Abschnitt war oft der längste und gefährlichste, unter anderem wegen des unzulänglichen Kartenmaterials. Am 22. August 1769, nach insgesamt 112 Tagen, erreichte die La Marie Séraphique schließlich Loango und ankerte auf Reede. Zum Vergleich: Die dritte Fahrt dauerte sechs Monate, vom 18. Februar bis 18. August 1772.[2.5]
In Loango
Loango war die Hauptstadt des gleichnamigen Kleinkönigreichs Loango. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts gab es eine portugiesische Handelspräsenz an der angolanischen Küste mit dem Zentrum in São Paulo da Assunção de Loanda, dem heutigen Luanda. Im 18. Jahrhundert gab es zwischen Portugal und den lokalen Königreichen enge wirtschaftliche Beziehungen: Importierte europäische Waren wurden hauptsächlich mit Sklaven bezahlt. Die Portugiesen verschleppten die Sklaven nach Brasilien, die Sklavenhändler anderer europäischer Mächte mit portugiesischer Einwilligung hauptsächlich in die Karibik. Den Bedarf an Sklaven deckten die lokalen Herrscher durch Kriegs- und Raubzüge ins Landesinnere, aber auch durch versklavte Schuldner und Straftäter.[2.6]
Der Sklavenkauf dauerte mehrere Monate, im Fall der ersten Fahrt der La Marie Séraphique 116 Tage, bis zum 16. Dezember 1769. Die Verkaufsverhandlungen fanden an Land in eigens errichteten Handelsplätzen statt, die Quibangua oder Quibanga genannt wurden. Die Verhandlungen waren langwierig und umständlich, wobei zahlreiche Gebühren – in Naturalien – zu entrichten waren und lokale Würdenträger mit Geschenken bedacht wurden. Jeden Abend wurden die im Laufe des Tages gekauften Sklaven – im Durchschnitt etwa drei – mit Booten zur La Marie Séraphique gebracht, wo sie die Nächte angekettet im Zwischendeck verbringen mussten. Tagsüber war es ihnen erlaubt, einige Stunden unter strenger Bewachung auf Deck zu verbringen.[2.7]
Atlantiküberquerung von Loango nach Cap Français
Am 18. Dezember 1769 setzte die La Marie Séraphique ihre erste Fahrt von Loango fort. Nach 59 Tagen, am 15. Februar 1770, ankerte sie schließlich vor Cap Français auf Reede.
Etliche Dokumente und bildliche Darstellungen (siehe unten) geben Auskunft über die Lebensumstände der Sklaven an Bord. Männer und Frauen wurden in getrennten Bereichen des Zwischendecks untergebracht. Die Männer wurden paarweise aneinander gekettet, um Fluchtversuche und Revolten zu unterbinden. Nach einigen Tagen, außerhalb der Reichweite der afrikanischen Küste, wurden die Ketten abgenommen. Die Verpflegung bestand hauptsächlich aus Bohnen, Reis, Yamswurzeln und Maniok und wurde an Deck verabreicht. Generell zeigt die Behandlung der Sklaven das Streben nach maximalem Gewinn: Einerseits trachtete man, möglichst viele Sklaven mit möglichst geringem Kostenaufwand zu transportieren – daher die beengten Verhältnisse im Zwischendeck –, andererseits unternahm man große Anstrengungen, die Sklaven am Leben und bei guter Gesundheit zu erhalten. Großer Wert wurde auf Reinlichkeit gelegt, um die Ausbreitung von Seuchen wie Ruhr und Typhus zu verhindern: Die Sklaven mussten Deck und Zwischendeck beständig reinigen.[2.8]
Alle vier Fahrten der La Marie Séraphique blieben von Schiffsunglücken, Seuchen oder Sklavenaufständen verschont. Dennoch kamen bei der ersten Fahrt während der Atlantiküberquerung fünf Mann der vierzigköpfigen Besatzung und neun Sklaven ums Leben.
In Cap Français und Rückkehr nach Nantes
In Cap Français wurden die Sklaven so schnell wie möglich verkauft. Der Verkauf konnte entweder an Land oder an Bord stattfinden; die Sklaven der La Marie Séraphique wurden zumindest bei der Fahrt 1772/73 an Bord verkauft.[2.9] Der Verkauf dauerte meistens zwischen zwei und vier Wochen. Anschließend wurden die als Erlös aus dem Sklavenverkauf erhaltenen Waren verladen, hauptsächlich Zucker und Kaffee. Da nur ein Teil des Kaufpreises sofort bezahlt wurde, unterhielten die Eigner von Sklavenschiffen – so auch Jacques-Barthélemy Gruel – üblicherweise auch Handelsschiffe für den Direkthandel (commerce en droiture) zwischen Frankreich und den Antillen.
Bei ihrer ersten Fahrt blieb die La Marie Séraphique insgesamt drei Monate vor Cap Français und segelte schließlich am 18. Mai 1770 Richtung Europa ab. Am 29. Juni 1770 ankerte sie schließlich bei Paimbœuf in der Loiremündung.[2.10]
Wirtschaftliche Aspekte
Die vier Fahrten der La Marie Séraphique waren für den Eigentümer Jacques-Barthélemy Gruel und die übrigen Investoren lukrativ, wenn auch genaue Zahlen schwer zu bestimmen sind.[2.11] Wie die meisten Schiffseigner war Gruel an zahlreichen Schiffen und Handelsunternehmen beteiligt, was das beträchtliche Risiko von Schiffsverlusten und sonstigen Ausfällen streute.
Gruel kam zu großem Reichtum und wurde einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger von Nantes. Benjamin Franklin reiste im Jahr 1776 nach Frankreich, um für französische Unterstützung für die Vereinigten Staaten zu werben, die gerade ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt hatten. Nach seiner Ankunft in Nantes verbrachte er zehn Tage auf einem Landhaus Gruels in La Barberie, heute ein Vorort von Nantes.[2.12][5]
Übersicht über die Sklavenfahrten
| Name des Schiffs zur Zeit der Fahrt | Abfahrt in Nantes | Rückkehr nach Nantes | Verschiffte Sklaven | Verschifft in | Verkaufte Sklaven | Verkauft in | Sterblichkeit |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Dannecourt | 13. April 1765 | 1. September 1766 | 379 | Malembo | 340 | Guadeloupe | 10,29 % |
| La Marie Séraphique | 1. Mai 1769 | 29. Juni 1770 | 312 | Loango | 302 | Cap Français | 3,21 % |
| La Marie Séraphique | 9. Oktober 1770 | 11. Oktober 1771 | 320 | Loango | 308 | Cap Français | 3,75 % |
| La Marie Séraphique | 18. Februar 1772 | 30. April 1773 | 350 | Loango | 343 | Cap Français | 2,00 % |
| La Marie Séraphique | 31. Dezember 1773 | 5. April 1775 | 370 | Loango | 358 | Cap Français | 3,24 % |
| Le Sartine | 22. Mai 1776 | 3. Dezember 1777 | 421 | Calabar | 345 | Saint-Marc | 18,05 % |
Auffällig ist die hohe Sterblichkeit bei der letzten Fahrt der Le Sartine, die vermutlich auf die Überbelegung des auf den Transport von 300 bis 350 Sklaven ausgelegten Schiffes zurückzuführen ist.[2.13]
Bildliche Darstellungen
Nantes war ein Zentrum des französischen Sklavenhandels: in 150 Jahren wurden von dort aus 1.744 Dreiecksfahrten unternommen, auf denen mehr als 450.000 Menschen von Afrika in die Karibik verschleppt wurden.[2.14] Die Fahrten der La Marie Séraphique sind unter diesen keineswegs ungewöhnlich oder auffällig. Ihre besondere Bedeutung liegt darin, dass einzigartige Bilddokumente erhalten sind, darunter mehrere großformatige Aquarelle mit detailgetreuen Darstellungen.
Das erste wurde vom Musée d’histoire de Nantes im Jahr 1950 erworben.[2.15] Es zeigt die La Marie Séraphique, die während ihrer dritten Fahrt 1772/73 vor Cap Français liegt, laut Bildüberschrift am ersten Tag des Verkaufs der Sklaven. Darunter ein Längsschnitt des Schiffes und eine Tabelle mit Abrechnungen: Liste der Waren, die in Loango gegen Sklaven eingetauscht wurden, Anzahl der Sklaven und erzielte Preise.
Im Jahr 2005 wurden vom Musée d’histoire de Nantes zwei weitere Aquarelle erworben.[2.16] Eines davon ist eine wenig veränderte Kopie der erwähnten Ansicht der La Marie Séraphique vor Cap Français. Das zweite zeigt oben den Laderaum, das Zwischendeck und das Deck, darunter die La Marie Séraphique vor der Küste von Loango während ihrer ersten Fahrt 1769/70. Auch dieses Aquarell zeigt eine Tabelle mit Abrechnungen. Besondere Bedeutung hat die Darstellung der Sklaven im Zwischendeck für die Erforschung der Lebensumstände von Sklaven während der Atlantiküberquerung.[6]
Dieses Aquarell ist rechts unten signiert: „Lhermite fecit“. Jean-René Lhermite war Offizier an Bord der La Marie Séraphique. Aus stilistischen Gründen wird angenommen, dass noch ein zweiter Künstler an den Zeichnungen und Aquarellen beteiligt war. Wahrscheinlich war es Kapitän Fautrel-Gaugy selbst: Dieser stammte aus einer Künstlerfamilie – sein Vater und zwei Brüder waren Maler – und fertigte mit der Unterstützung Lhermites Seekarten der angolanischen Küste an.[2.17] Für wen die Aquarelle bestimmt waren bzw. zu welchem Zweck sie angefertigt wurden, ist nicht bekannt.
Literatur
- Bertrand Guillet: La Marie-Séraphique, navire négrier, éditions MeMo, Nantes 2009, ISBN 978-2-35289-079-9.
- Nicholas Radburn, David Eltis: Visualizing the Middle Passage: The Brooks and the Reality of Ship Crowding in the Transatlantic Slave Trade, in The Journal of Interdisciplinary History (2019) Vol.49 (4), p. 533–565, doi:10.1162/jinh_a_01337, online.
Weblinks
- Marie-Séraphique auf Nantes Patrimonia.
- Video einer 3D-Rekonstruktion der La Marie-Séraphique auf SlaveVoyages.
Einzelnachweise
- ↑ Voyage ID 30910 in www.slavevoyages.org
- ↑ Bertrand Guillet: La Marie-Séraphique, navire négrier, éditions MeMo, Nantes 2009, ISBN 978-2-35289-079-9.
- ↑ SlaveVoyages: Datenbank von Sklaventransporten
- ↑ Siehe fr:Amirautés de Bretagne
- ↑ Korrespondenz zwischen Benjamin Franklin und Jacques-Barthélemy Gruel auf Founders Online.
- ↑ Nicholas Radburn, David Eltis: Visualizing the Middle Passage: The Brooks and the Reality of Ship Crowding in the Transatlantic Slave Trade, in The Journal of Interdisciplinary History (2019) Vol.49 (4), p.533-565, doi:10.1162/jinh_a_01337, online.