Lorit

Werkdaten
Spieldauer: ca. 80 Minuten

Lorit ist eine zeitgenössische Kammeroper des österreichischen Komponisten Marius Binder auf ein Libretto von Robert Prosser. Das 2023 komponierte Werk setzt sich in satirisch-allegorischer Form mit den ökologischen, sozialen und kulturellen Folgen von Massentourismus im alpinen Raum auseinander. Lorit wurde als Siegerprojekt des Musiktheaterwettbewerbs Fringe der Stiftung Haydn ausgezeichnet und wurde in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Landestheater realisiert.[1]

Entstehung und Uraufführung

Lorit wurde 2023 komponiert. Die Uraufführung fand am 21. Januar 2024 in Trient am Teatro Sanbàpolis statt. Weitere Aufführungen folgten am 23. Januar 2024 am Stadttheater Bozen sowie der österreichischen Erstaufführungen am Tiroler Landestheater Innsbruck.[1][2]

Die Uraufführung wurde vom Haydn-Orchester unter der musikalischen Leitung von Christoph Huber realisiert. Regie führte Christina Polzer, das Bühnenbild entwarf Julia Neuhold, die Lichtgestaltung übernahm Luca Bellemo. Den solistischen Schlagzeugpart übernahm Lan Sticker.[3]

Der Part des Gottvaters der Seilbahnen wurde vom Wiener Bassbariton Jubin Amiri gesungen. Laura Schneiderhan verkörperte die Rolle der Schönen Landschaft, Milena Pumberger die Letzte Generation. Den Fremdenverkehr spielte Manuel Ried, die Rolle die Menge/der Tod übernahm der Tiroler Schauspieler Bernhard Wolf.[1]

Handlung

Die Oper spielt in naher Zukunft in Tirol, am letzten Tag der allerletzten Skisaison der Menschheit. Fünf allegorische Figuren – der Tod, der Fremdenverkehr, der Gottvater der Seilbahnen, die Schöne Landschaft und die Letzte Generation – teilen sich eine letzte Fahrt mit der Seilbahngondel auf den Berg.

Erster Akt

Die Letzte Generation betritt ukulelespielend die Bühne und kündigt in Form eines Live-Podcasts an, sich aus Protest auf dem Gipfel festkleben zu wollen. Unterdessen vollzieht der Gottvater der Seilbahnen eine symbolische Vermählung zwischen dem Fremdenverkehr und der Schönen Landschaft, indem die beiden Skikarten austauschen ("i bin du, du bisch i").

Unter ausgelassener Après-Ski-Musik wird die Seilbahngondel enthüllt. Begleitet von Tanz, Alkohol und Discolichtern nimmt sie ihre Fahrt auf. Mitten in die Partylaune platzt ein Unwetter und starke Sturmböen bringen die Gondel zum Stillstand.

Zweiter Akt

In der nun unkontrolliert hin- und herschwingenden Gondel versucht der Gottvater der Seilbahnen, die Situation zu beschönigen und die Mitfahrenden zu beruhigen. Die Schöne Landschaft reagiert zunehmend schockiert und entwickelt einen unwillkürlichen schluckaufähnlichen Jodelreflex, der sich im weiteren Verlauf der Oper verstärkt.

Der Sturm lässt nach, doch ein Schatten nähert sich der Gondel. Die Schöne Landschaft vermutet dahinter eine weitere Urlaubswelle, was bei ihr Unbehagen auslöst. Der Gottvater der Seilbahnen hört schon den Klingelbeutel und reagiert mit sichtlicher Vorfreude.

Dritter Akt

Um Halt zu finden, stimmt die Letzte Generation einen Popsong an. Der Gottvater der Seilbahnen beschwichtigt die Lage mit der Parole: "Hier gibts ka gestern, und a fix ka morgn". Unterdessen echauffiert sich der Fremdenverkehr darüber, dass wenn er schon ein Urlaubsunglück erleben soll, dann soll es doch wenigstens eine Lawine sein.

Der Schatten entpuppt sich als Rettungsmannschaft, die versucht, die Gondelinsassen zu bergen. Diese empfinden die Hilfe jedoch als Bedrohung und wehren mehrere Rettungsversuche erfolgreich ab. Der Akt endet mit einem gemeinsamen Gebet der Letzten Generation, der Schönen Landschaft und des Fremdenverkehrs, in dem sie den Schwebezustand der Gondel der ungewissen Zukunft vorziehen: „Lieber bleib ich in der Schwebe, häng meine Hoffnung in die Höh’. Um mich davon abzubringen, braucht es mehr als eine Böh.“

Vierter Akt

Der vierte Akt beginnt mit der Liftarie des Gottvaters der Seilbahnen. Darin erklärt er, warum das Land dermaßen von Seilbahnen durchzogen ist: Als enterbter Bauernsohn kann man in Tirol gesellschaftliche Anerkennung ausschließlich durch den Bau von Liften erlangen, deswegen sind die Seilbahnen seine persönliche Rache an der Welt.

Die Schöne Landschaft konfrontiert ihn mit der Zerstörung durch Rodungen, Planierungen und technische Eingriffe. Unterstützung erhält sie von der Letzten Generation. Gemeinsam mit dem Fremdenverkehr formulieren sie den Anspruch auf einen Neuanfang.

Unter dem Motto „Diesmal machen wir alles richtig“ verfassen die Gondelinsassen die Gründungsakte des Freistaates „Lorit“ (Tirol rückwärts geschrieben), dessen Hoheitsgebiet sich auf die gesamte Seilbahngondel ausdehnt.

Fünfter Akt

Die neu gegründete Gemeinschaft stimmt die Hymne des Freistaates Lorit an (eine rückwärts gesungene Version der Tiroler Landeshymne). Doch erneut nähert sich eine Rettungsmannschaft, diesmal per Helikopter, wird jedoch wiederum abgewehrt.

Der Gottvater der Seilbahnen entwirft daraufhin eine neue Vision wirtschaftlicher Verwertung: Das Karwendel solle gesprengt und auf die Nordkette aufgestülpt werden, bis in die Umlaufbahn eines Satelliten. Die Schöne Landschaft, inzwischen durch ihre Jodelticks kaum noch fähig zu sprechen, empfindet diesen Plan als unerträglich. Sie zieht sich mit einer mythologisch aufgeladenen Selbstverortung in den Himmel zurück.

Der Gottvater der Seilbahnen bricht zusammen. In dem Wahn, der Lift könnte zu seinem Mantua werden stürzt er sich in die Tiefe, in der irrigen Annahme, unter ihm liege noch Schnee. Der Fremdenverkehr verabschiedet sich versöhnlich, in der Hoffnung auf zukünftige Urlaube in anderen Weltregionen, und klettert der versprochenen heißen Schokolade der Rettungsmannschaft entgegen. Die Letzte Generation ist entschlossen die Idee des Freistaates LORIT mit ihrem Tod zu verteidigen und schreitet fahnenschwenkend der Zukunft entgegen.

Während der Handlung der Oper wird das Bühnenbild durch die Rettungsmannschaft – die Bühnentechniker – abgebaut und auch die Musiker verlassen einer nach dem anderen die Bühne. Die letzten Töne der Oper werden von dem am Klavier sitzenden Dirigenten gespielt, der ebenfalls die Bühne verlässt.

Allein der Tod, der bis zuletzt ein stummer Beobachter der Handlung ist, bleibt zurück. Er wendet sich dem Publikum zu und beschließt das Werk mit einem Monolog.[4]

Rollen

Rolle Stimmfach
Der Tod/ Die Menge Sprechrolle
Die Schöne Landschaft Mezzosopran
Der Fremdenverkehr Tenor
Der Gottvater der Seilbahnen Bariton
Die Letzte Generation Mezzosopran

Musik

Die Oper hat eine Dauer von etwa 80 Minuten und ist für Kammerensemble komponiert. Die Besetzung umfasst:

  • zwei Flöten
  • Englischhorn
  • zwei Hörner in F
  • zwei Trompeten
  • Perkussion
  • Schlagzeug (mit solistischem Part)
  • Klavier
  • Streichquintett

Musikalisch bewegt sich Lorit zwischen ausgelassenen und apokalyptischen Klangbildern. Klassische Opernformen stehen neben Elementen aus Volksmusik, Pop, Schlager und Jodlern. Die Partitur dekonstruiert die Klangästhetik der alpinen Volks-, Après-Ski- und Tourismus-Kultur und verdichtet sie zu einer collageartigen, teils fragmentierten Musiksprache.[5]

Sprache

Die Oper wird auf Deutsch im Tiroler Dialekt gesungen und kann als satirische Dialektoper eingeordnet werden.

Preise

Die Jury des Musiktheaterwettbewerbs Fringe zeichnete Lorit als Siegerprojekt aus. In der Jurybegründung wurde die thematische Aktualität des Werks sowie dessen Anknüpfung an die Tradition des Moraldramas hervorgehoben, das zentrale gesellschaftliche Fragen der Gegenwart und Zukunft aufgreife.

Rezeption

  • Das Onlinemediums Südtirol News beschreibt die Oper Lorit und beschreibt die Charaktere als repräsentativ für unterschiedliche gesellschaftliche Positionen und hebt die Absicht hervor, zentrale Fragen über Identität, Umwelt und gemeinsames Schicksal auch über die Aufführung hinaus anzuregen.[6]
  • In einem Interview mit dem Komponisten Marius Binder beschrieb die Online-Publikation Alto Adige Innovazione, dass Binder erklärte, dass er weniger ein politisches Statement anstrebe als eine Auseinandersetzung mit Ritualen und kulturellen Praktiken des Tourismus, die er mit musikalischen und symbolischen Mitteln darstelle. Dabei kombiniere die Partitur traditionelle und zeitgenössische Stile, um die Auswirkungen des Tourismus auf Identität und Klangkultur hörbar zu machen.[7]
  • In einem Interview mit der Regisseurin Christina Polzer betonte diese, dass das Werk nicht nur die negativen Auswirkungen eines überbordenden Tourismus und des Klimawandels thematisiere, sondern grundlegende Fragen über die Beziehung von Mensch und Landschaft stelle, ohne fertige Antworten zu liefern. Die Presse betonte zudem die aktuelle Relevanz des Stücks und seine Auseinandersetzung mit der Zukunft des alpinen Tourismus im Zeitalter sich verändernder Umweltbedingungen.[8]
  • In einem Interview mit der amerikanischen Online Plattform Opera Wire erläuterte der Komponist Marius Binder seine konzeptionellen Absichten hinter Lorit. Binder erklärte, dass das Werk als moderne Form eines Mysterienspiels angelegt sei. Die Seilbahngondel fungiere als geschlossener Raum. Binder betonte, dass es ihm bei der Komposition weniger um Unterhaltung als um die direkte Vermittlung eines Gedankens gehe. Er bezeichnete Lorit als seine erste vollständige Oper sei.[5]
  • OperaWire veröffentlichte eine Rezension zur Aufführung von Lorit im Rahmen der Saison der Haydn Foundation in Bolzano. Besonders hervorgehoben wurde die Regiearbeit von Christina Polzer, die die emotionalen und dramatischen Wechsel in der Inszenierung sensibel herausarbeitete, sowie kreative Bühnenbild- und Lichtgestaltung. Die musikalische Darstellung durch das Orchester unter der Leitung von Christoph Huber wurde als energiegeladen und atmosphärisch beschrieben. Scharfe Kritik wurde an der abschließenden ausgedehnten Monologszene des Todes geübt, die nach Ansicht des Rezensenten die Wirkung des dramatischen Endes beeinträchtigte und den Eindruck eines lehrhaften Schlusses vermittelte und zukünftig weggelassen werden solle.[9]

Einzelnachweise

  1. a b c Lorit - Eine Endzeitoper. In: Stiftung Haydn. Abgerufen am 16. Dezember 2025 (deutsch).
  2. Haydn | Oper 2023/24. Abgerufen am 16. Dezember 2025 (deutsch).
  3. »Lorit« ist Tirol rückwärts. In: Ehrbarsaal. Abgerufen am 16. Dezember 2025 (deutsch).
  4. Marius Binder: LORIT-eine Endzeitoper. 2. Fassung Auflage. Partitur, 21. Januar 2024.
  5. a b Q & A: Composer Marius Binder On His New Opera 'Lorit'. In: OperaWire. 23. Januar 2024, abgerufen am 16. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
  6. Eine Endzeitoper. In: Südtirol News. 16. Januar 2024;.
  7. Lorit, l'Opera sull'overtourism e la crisi climatica. Intervista al compositore Marius Binder. In: Alto Adige Innovazione. 18. Januar 2024; (italienisch).
  8. Lorit, l'opera teatrale che racconta la monocultura dello sci nell'era dei cambiamenti climatici. In: ilDolomiti.it. 25. Januar 2024; (italienisch).
  9. The Haydn Foundation Bolzano 2024 Review: Lorit. An Opera For The End Of Time. In: OperaWire. 5. Februar 2024; (englisch).