LNER-Klasse V4

LNER V4
Nr. 1700 Bantam Cock
Nummerierung: LNER 3401–3402
nach 1946: 1700–1701
BR 61700-61701
Anzahl: 2
Hersteller: Doncaster Works
Baujahr(e): 1941
Ausmusterung: 1957
Bauart: 1’C1’ h3
Spurweite: 1435 mm (Normalspur)
Dienstmasse: 43,4 t
Dienstmasse mit Tender: 115,0 t
Reibungsmasse: 49,3 t
Radsatzfahrmasse: 17,3 t
Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
Indizierte Leistung: 1490 kW
Treibraddurchmesser: 1730 mm
Steuerungsart: Außenzylinder: Walschaerts
Innenzylinder:
konjugierte Steuerung von Grisley
Zylinderanzahl: 3
Zylinderdurchmesser: 381 mm (15 in)
Kolbenhub: 660 mm (26 in)
Kessel: LNER Nr. 112
Kesselüberdruck: 1724 kPa (250 psi)
Heizrohrlänge: 4110 mm
Rostfläche: 2,65
Strahlungsheizfläche: 14,1 m²
Überhitzerfläche: 33,1 m²
Verdampfungsheizfläche: 134,2 m²
Wasservorrat: 13,3 m³
Brennstoffvorrat: 6 t Kohle

Die Klasse V4 der britischen London and North Eastern Railway (LNER) war die kleinere Version der Universallokomotiven der Klasse V2. Die Schlepptenderlokomotiven mit der Achsfolge 1’C1’ (Prairie) nach einem Entwurf des LNER-Chefingenieurs Sir Nigel Gresley waren für den gemischten Dienst im Personen- wie Güterverkehr vorgesehen. Die beiden 1941 gebauten Maschinen gehörten zu den letzten Entwürfen von Gresley und waren für Strecken gedacht, die von den V2 wegen ihrer hohen Achslast nicht befahren werden konnten. Trotz guter Betriebsergebnisse wurden aufgrund des Zweiten Weltkriegs nur zwei Exemplare gebaut.

Geschichte

Entwicklung und Bau

Gresley entwickelte die V4 als moderne, mittelgroße Lokomotive für gemischte Dienste, die die älteren Klasse V2 und B1 ergänzen sollten. Das Ziel war eine Lokomotive mit hoher Zugkraft für gute Leistungen auf steigungsreichen Strecken sowie einer geringeren Achslast, um auch auf weniger gut ausgebauten Strecken eingesetzt werden zu können. Die Konstruktion entstand in einer Phase kriegsbedingter Materialknappheit, was die Serienfertigung erheblich erschwerte, weshalb nur zwei Lokomotiven von den Doncaster Works gebaut wurden, die anfangs 1941 mit den Nummern 3401 und 3402 abgeliefert wurden.

Betrieb

Die beiden V4-Lokomotiven wurden zunächst im Osten Englands eingesetzt, bevor sie nach Schottland versetzt wurden. Dort bewährten sie sich besonders auf anspruchsvollen Strecken mit engen Kurven und langen Steigungen. Die Einsatzgebiete der V4 umfassten gemischte Dienste in den schottischen Highlands, den Betrieb von Personenzügen auf Nebenstrecken sowie den Einsatz vor Güterzügen auf mittleren Distanzen. Schwerpunkt ihres Einsatzes war bis 1949 die West Highland Line. Anschließend kamen sie zunächst nach Eastfield und wurden zwischen Edinburgh und Perth eingesetzt, vorwiegend im Güterverkehr. Ab 1954 waren beide Lokomotiven in Aberdeen stationiert.

Die Lokomotiven galten als zuverlässig und leistungsfähig, doch nach Gresleys Tod 1941 beendete sein Nachfolger Edward Thompson, der eine Abneigung gegen Gresleys Dreizylinderntrieb hatte, alle Planungen für eine weitere Beschaffung und ließ die einfachere, zweizylindrige LNER-Klasse B1 entwickeln, die schneller und kostengünstiger zu bauen war.

Bei der Verstaatlichung der britischen Bahnen wurden 1948 beide V4‑Lokomotiven von den British Railways (BR) übernommen und eingesetzt, bis sie 1957 ausgemustert und in Kilmarnock verschrottet wurden.[1.1]

Neubauprojekt

Seit den 2010er‑Jahren verfolgt der A1 Steam Locomotive Trust Pläne zum Bau einer neuen V4‑Lokomotive mit der geplanten Nummer 3403 Highlander. Das Projekt befindet sich in Vorbereitung und knüpft an den Erfolg der Neubau‑Pacific 60163 Tornado an. 3D‑Design, Materialbeschaffung und organisatorische Strukturen laufen bereits. Der eigentliche Bau beginnt, sobald die Finanzierung über den Founder’s Club steht.[2]

Namen und Nummern

Nummer (LNER) Nummer (LNER)
nach 1946
Nummern (BR) Inbetriebnahme Ausmusterung
3401 Bantam Cock 1700 61700 25.2.1941 14.3.1957
3402 1701 61701 21.3.1941 26.11.1957

Die erste Lokomotive erhielt ihren Namen nach der Zwerg-Haushuhnrasse Bantam. Obwohl die zweite Lokomotive offiziell keinen Namen erhielt, war sie unter den Lokomotivpersonalen und Eisenbahnfans als Bantam Hen bekannt.

Technik

Die V4 waren 1’C1’-Lokomotiven für den gemischten Dienst mit zwei außenliegenden und einem innenliegenden Zylinder. Die V4 hatte viele Gemeinsamkeiten mit der V2, darunter den Guss des Zylinderblocks in einem Stück und die Bauweise der Laufachsgestelle.[3]

Der verwendete LNER-Kessel Nr. 112 arbeitete mit einem Druck von 17,2 bar (250 psi), hatte eine Rostfläche von 2,65 m² und war eine verkleinerte Version des bei Gresleys Pacific-Lokomotiven eingesetzten Kessels Nr. 94A. Lok Nr. 3402 besaß eine vollständig geschweißte Stahlfeuerbüchse mit einem einzelnen Thermosiphon zur besseren Wasserzirkulation. Nachdem jedoch mehrfach Stehbolzen gebrochen waren, bekam sie eine herkömmliche Feuerbüchse wie die Lok Nr. 3401.[3]

Die Treibräder hatten einen Durchmesser von 1730 mm (5 ft 8 in). Mit einer geringen Achslast von 17,2 t konnten die Lokomotiven auf über drei Viertel des LNER-Netzwerks eingesetzt werden.[1]

Die drei Zylinder trieben gemeinsam die zweite Kuppelachse an, die als Kropfachse ausgebildet war. Wie bei Gresleys Dreizylinderlokomotiven üblich, wurde der Innenzylinder über ein von den Außenzylindern abgeleitetes Gestänge gesteuert, sodass kein drittes, schwer zugängliches Steuerungsgestänge zwischen den Rädern nötig war. Diese Konstruktion vereinfachte den Aufbau, führte jedoch mit zunehmendem Verschleiß zu wachsendem Lagerspiel, wodurch die Dampfverteilung zwischen den drei Zylindern immer ungleichmäßiger wurde.

Die Lokomotiven waren für gemischte Dienste ausgelegt und konnten sowohl mittelschwere Personenzüge als auch Güterzüge zuverlässig befördern. Ihre Laufeigenschaften galten als ausgezeichnet, und zeitgenössische Berichte lobten die ruhige Fahrt auch bei höheren Geschwindigkeiten.

Commons: LNER-Klasse A2 (Peppercorn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. LNER Gresley "V4" Class 2-6-2. In: BRDatabase. Abgerufen am 16. November 2025 (englisch).
    1. Fleet
  2. 3403 Highlander. A1 Steam Locomotive Trust, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  3. a b The Gresley V4 2-6-2 'Bantam Cock' Class Locomotives. In: LNER Encyclopedia:. Abgerufen am 30. Dezember 2025.