Kuss (Familie)

Die Familie Kuss (auch Kuß) zählt zu den ältesten Fotografenfamilien Europas. In den Jahren zwischen 1852 und 1859 wurde der Zimmermaler Nikolaus Kuss in Mariazell sesshaft. Im Jahr 1861, wenige Jahre nach der Erfindung der Fotografie, begann Nikolaus Kuss sich mit dieser neuen Technologie zu beschäftigen. Seither betreibt die Familie ein Fotogeschäft in Mariazell in der 5. Generation.

Geschichte der Fotografie in Mariazell

Begonnen hat Nikolaus Kuss mit Kollodium-Nassplatten, diese wurden 10 Jahre zuvor von Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelt. Dabei werden Glasplatten mit jodiertem Kollodium übergossen und in Silbernitrat lichtempfindlich gemacht. Die noch nasse Glasplatte wird belichtet und Vorort entwickelt. Nikolaus Kuss II, welcher gerne Landschaftsbilder machte, baute sich zur Wanderkamera auch eine tragbare Dunkelkammer, in welcher er die Negative vorbereitete und entwickelte (heute befinden sich diese im Technischen Museum Wien; Inv. Nr.: 56392 und 56393).

Die ersten Ansichtskarten wurden in der Zeit 1870 und 1875 mittels Trockenplatten hergestellt. Dies erleichterte die Arbeit wesentlich und dies entwickelte sich im Wallfahrtsort zum „guten Geschäft“.

Im Jahr 1880 wurde das erste Blitzlichtfoto in Mariazell aufgenommen. Damals wurde der Blitz aus Magnesiumpulver vermischt mit Kaliumpermanganat manuell angezündet.

Für die Wallfahrtsfotografie von Gruppen und Personen eignete sich ein Vorgänger des Sofortbildes, denn diese konnten die Pilger nach wenigen Minuten gleich wieder mit nach Hause nehmen. Dabei wurde vermutlich das Bayards Direktpositiv-Verfahren auf Kartonplatten mit Reverse verwendet. Viele dieser alten Andenkenbilder findet man noch in vielen Häusern. Der Nachteil dieses Verfahrens war, dass es nur ein Unikat und kein dazugehöriges Negativ zum Vervielfältigen gab.

Bis in die Zwischenkriegszeit wurden beide Verfahren parallel betrieben. Danach kam der Planfilm im Format 13x18 für die Portraitfotografie. Dabei wurden zwei Filme in einer wendbaren lichtdichten Kassette vorbereitet. Im Reportage Bereich wurde mit einer Leica M3 mit dem Kleinbild im Jahr 1954 begonnen. 1970 wurde der Planfilm (13x18) im Studio und bei Portraitaufnahme durch eine Hasselblad 500/C (6x6) abgelöst.

In den 1990er Jahren startete die digitale Wende. Die erste Digitalkamera zum Verkauf war die Minolta Dimage V mit 640x480 pixel im Jahr 1997. Danach war die digitale Fotografie lange Zeit ein Nebenprodukt. Der professionelle Wandel wurde durch die Ablöse der Fotoreportagen von Nikon F5 mit einer Kodak DCS ProSLR/n im Jahr 2003 eingeleitet. Das letzte analoge Gruppenbild wurde am 22. Juli 2005 durchgeführt, dabei wurde die Hasselblad 500EL/M durch eine Fujifilm FinePix S3 Pro abgelöst.

In der Familientradition haben sich die praktischen Hilfsmittel über hundert Jahre lang gehalten. So kennen viele die wackelige Dreibeinleiter der Firma „Just Leiter“, welche bei Gruppenaufnahmen auf der Kirchenstiege verwendet wird. Ebenso ist der gemalte Studio-Hintergrund sowie ein Muttergottesmarterl mit Bank und einem Stück Zaun aus Birkenholz seit über Hundert Jahren auf den Andenkenbildern zu sehen und wird auch heute noch verwendet.

Fotogeschäft und Kino

Der jetzige Sitz der Familie ist das Haus Hauptplatz 5, welches um 1903 vom Italiener Sandri erbaut worden und bis 1910 im Besitz von Hans Rögl (Bürgermeister von Mariazell) war. 1911 wurde das Haus von einem Zwischenbesitzer namens Pomberger durch Josef Kuss erworben. Damals befand sich ein kleines Lichtspieltheater mit ca. 100 Sitzplätzen im Haus. In den Anfangsjahren wurde die Ursprungsgeschichte von Mariazell in einer Art Diashow präsentiert. 1925 wurde das Lichtspieltheater auf 400 Plätze zum Kino umgebaut. In den folgenden Jahren entstand der Tonfilm. Als erster Tonfilm wurde „Der Herr Kammersänger“ gespielt. Das Kino war in den folgenden Jahrzehnten auch das Zentrum gesellschaftlichen Zusammentreffens, welches sich mit dem Aufkommen des Fernsehens entscheidend änderte. So kam es, dass mit dem letzten Film „Familie Frankenstein“ am 12. Februar 1978 das Kino geschlossen werden musste.

Fotoausarbeitung

Über lange Zeit war die technische Ausarbeitung von Schwarz-Weiß-Fotografien weitgehend standardisiert. Parallel dazu existierten bereits frühe Sofortbildverfahren ohne Negativ, bei denen die Aufnahmen unmittelbar an die Kundinnen und Kunden ausgegeben werden konnten. Die ersten Farbfotografien, die in den 1950er-Jahren im Studio entstanden, wurden noch extern entwickelt, unter anderem im Großlabor „Gafo“ (Grazer Foto Labor) in Graz.

Anlässlich des Papstbesuchs in Mariazell im Jahr 1983 investierte Josef Kuss (* 1953) in ein eigenes Fachlabor für die Farbfotografie der Firma Müllerson (Bielefeld). Dieses umfasste eine Negativentwicklungsmaschine sowie eine Belichtungseinheit, die manuell mit Blattware betrieben wurden und zunächst ausschließlich der Eigenproduktion dienten. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach der Ausarbeitung von Amateurfilmen wurde 1985 ein weiterer Fotoprinter desselben Herstellers angeschafft, der mit Rollenpapier arbeitete. Die belichteten Bilder entstanden fortlaufend auf der Papierrolle und wurden anschließend händisch zugeschnitten, wodurch eine Ausarbeitung von Amateurfilmen innerhalb von ein bis zwei Tagen möglich wurde.

Im Jahr 1994 wurde ein Mini-Lab der Schweizer Firma Gretag AG in Betrieb genommen, das eine Entwicklung und Ausarbeitung von Amateurfilmen innerhalb einer Stunde erlaubte. Diese Anlage blieb bis 2006 in Verwendung und wurde nach einer kurzen Übergangsphase durch digitale Drucksysteme ersetzt. Zum Einsatz kamen zunächst großformatige Inkjet-Plotter mit einer Druckbreite von 24 Zoll und sechs, später zwölf Farben der Firma Epson. Diese Technik wird bis heute für den Druck auf Rollenpapier verwendet, wobei die Formate manuell zugeschnitten werden. Kleinbildformate bis zu einer Größe von 20 × 10 cm werden zusätzlich mit Epson-Druckern in Thermosublimationstechnologie gefertigt.

Stammbaum und Namensliste

  • Michael Kuss (Spital am Semmering, Im Dorf Nr. 39), verheiratet mit Elisabeth Kuss (geb. Kainradlin)
  • Patriz Kuss (geb. 25. Februar 1801), Sensenschmied-Eßmeister zu Langenwang, verheiratet mit Anna Kuss (geb. Döglhofer 16. Oktober 1797)
  • Nikolaus Kuss (geb. 2. Dezember 1825 - 25. April 1892, Langenwang, Zimmermaler, Wachszieher und Fotograf), verheiratet mit Maria Kuss (geb. Edelsbacher, 21. November 1827 - 20. März 1889)
  • Nikolaus Kuss II (geb. 6. Februar 1854, Fotograf), verheiratet mit Katharina Kuss (geb. Winkelbauer, Fotografin)
  • Anton Kuss (1859, Gerichtsschreiber, Bruder von Nikolaus Kuss)
  • Nikolaus Kuss III (geb. 1893 vulgo "Klaus", Fotograf), verheiratet mit Ella Kuss (geb. Ritter)
  • Josef Kuss (geb. 30. Dezember 1884, Fotograf), verheiratet mit Maria Anna (geb. Eder vulgo "Marianne")
  • Franz Kuss (geb. 16. Oktober 1889, Goldschmied)
  • Josefa Kuss (geb. Mayerhofer)
  • Marianne Cermak (geb. Kuss, Fotografin)
  • Josef Kuss (geb. 11. Dezember 1913, gestorben 22. April 2008 Jurist, Fotograf, Filmvorführer)
  • Friderike Kuss (geb. Feischl 1921 - 15. März 2012)
  • Josef Kuss (geb. 26. Dezember 1953, Fotograf, Filmvorführer, Bürgermeister), verheiratet mit Renate Kuss (geb. Grabner 5. Januar 1957)
  • Friderike Leggett (geb. Kuss 26. Februar 1956)
  • Wayne Leggett (geb. 1. Januar 1950, gestorben am 9. April 2020)

Quellen

  • Mariazell und das Zellertal - Immaculata Waid (Franz Weiß und Josef Grießl im Eigenverlag, 1982)
  • Ranti Putanti, s´Leben is hanti - (Andreas Schweighofer, G&L Werbe und Verlags GmbH, 2002, ISBN 3-901859-12-8)
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