Kurzgespräch nach Timm Lohse
Kurzgespräch nennt sich das seelsorgerliche Beratungsgespräch und die -methode, die der evangelische Pfarrer Timm H. Lohse entwickelt hat.
Die Methode zielt darauf, „in aller Kürze“ auf die Anfrage einer Rat suchenden Person einzugehen, deren Selbstorganisation sowie eigenständiges Handeln zu aktivieren und zu der von ihr selbst angestrebten Lösung zu führen.[1] Es geht darum, sie in eine Selbsthelfer-Haltung zu bringen.[2] Mit dem Fokus auf eine Lösung hebt sich die Methode ab von der traditionellen seelsorgerlichen Haltung, die Probleme eines Ratsuchenden zu verstehen und seine Gefühle zu erkunden, auf Defizite fokussieren und zum Ausdruck zu bringen.[3] Wichtig ist, dass die Rat suchende Person eine günstige Gelegenheit für ein kurzes Gespräch sieht (z. B. nach einem Gottesdienst an der Kirchentür). Lohse rät diese situative Evidenz zu erfassen und direkt zum Kern der Sache zu kommen.[4] Lohses Methode des kurzen Beratungsgesprächs ist ein klar strukturiertes und differenziertes Beratungsmodell, setzt aber eine spezifische Ausgangssituation wie auch eine stabile Position des Seelsorgers voraus.[5]
Hintergrund
Geistliche Begleitung stand von je her nicht unter Erfolgsdruck und nach Wilfried Engemann bezeugte sie in ihrer Funktion des „Nichts-Machens“ bzw. der Beschränkung auf Gebet, Beichte, Absolution, geistlich-biblisches Gespräch u. Ä. die „Torheit des Kreuzes“ (1 Kor 1,18 ff ).[6] Unter den heutigen volkskirchlichen Verhältnissen (wie unüberschaubare Gemeinden, viele Gemeindeglieder, Individualisierung, Anonymisierung etc.) ist diese Art der gemeindlichen Seelsorge so nicht mehr machbar.[6] Dadurch ergaben sich in der Gemeinde methodische Annäherungen der seelsorglichen Arbeit, sodass auch die Seelsorge in der Gemeinde fokal, zielorientiert, konflikt- oder krisenbezogen und lösungsorientiert arbeitet. Zu den entsprechenden Praxisanleitungen zählt u. a. auch Timm H. Lohses Methode und Buch Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung aus dem Jahr 2003.[6]
Das Erlernen von methodisch reflektiertem kommunikativem Vorgehen kann die Möglichkeiten der Seelsorge erheblich verbessern, wenn in den eher kurzen, zufälligen Kontakten des Seelsorgealltags geholfen wird.[7] Ein Modell ist die Methode des bündigen Gesprächs oder „zielorientierten Kurzgesprächs“ des Timm Lohse, das ein systematisches Training der zielorientierten Gesprächsführung notwendig macht, das durch Multiplikatoren auf der Grundlage eines Trainingsprogramms realisiert werden kann.[7]
Entstehung und Entwicklung
Timm H. Lohse entwickelte das Konzept des Kurzgesprächs auf Basis seiner Erfahrungen in der Ehe- und Lebensberatung, der Schwangerenkonfliktberatung und Cityseelsorge. Mit der Veröffentlichung des Buchs Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung (2003) legte er die erste systematische Darstellung vor. In der Folge entstand die Arbeitsgemeinschaft Kurzgespräch, ein Netzwerk aus Multiplikatoren, die das Konzept in verschiedenen Kontexten weitervermitteln, etwa in Schule, Gemeinde oder Telefonseelsorge.[8] In weiteren Büchern ergänzte Lohse sein Konzept.
Einordnung
Lohses Kurzgespräch gehört zum Feld der systemischen Beratungsmethoden. Es basiert auf dem konstruktivistischen Ansatz, nach dem Menschen ihre eigene Wirklichkeit konstruieren, was bedeutet, dass nicht die objektive Lage im Mittelpunkt steht, sondern der individuelle Umgang damit. Typisch sind systemische Fragen an den Ratsuchenden, die nicht nach Ursachen, sondern nach Lösungen suchen. Das Kurzgespräch weist Parallelen zur idiolektischen Gesprächsführung auf, die die individuelle Sprache der ratsuchenden Person aufgreift.[9]
Einzelne Autorinnen und Autoren haben versucht, das Kurzgespräch mit Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie zu verbinden,[10] was jedoch nicht uneingeschränkt kompatibel mit dem lösungs- und ressourcenorientierten Grundgedanken ist.
In der Praktischen Theologie wird das Kurzgespräch vor allem als Teil der Alltagsseelsorge verstanden – kurze Gespräche in Alltagssituationen, oft spontan und dennoch von existenzieller Bedeutung.[11]
Merkmale
Für das Kurzgespräch sind folgende Merkmale kennzeichnend:
- Sprache: Indem die beratende die Sprache der ratsuchenden Person aufnimmt, kann letztere leichter Zugang zu eigenen Ressourcen finden.
- Mäeutischer Impuls: Schlüsselworte werden aufgegriffen und als offene Fragen zurückgespiegelt, z. B.: „Ich weiß nicht weiter“ – „Was müsstest du wissen, damit es für dich weitergeht?“
- Haltung: Die beratende Person sieht ihr Gegenüber nicht als defizitär, sondern als jemanden mit Lösungskompetenz. Im Zentrum steht die Wertschätzung.
- Perspektivwechsel: Ziel ist, den Blick nach vorn zu richten, weg von der Problemfixierung, hin zu einer lösungsorientierten Sichtweise.[12]
Kritik
Lohses Methode hat das Ziel, im Rahmen der kurzen spontanen Gelegenheit, gezielt ressourcen- und lösungsorientiert zu arbeiten. Sein Buch dazu ist mit vielen Fallbeispielen angefüllt und zeigt überwiegend auf, mit welchem Gesprächsverhalten die beratende Person dafür sorgen kann, dass das Gespräch kurz bleibt – und den angemessenen Erfolg anstrebt.[13] Theoretische Reflexionen über Hintergrund, Verfahrensfragen, Methodologie, Menschenbild usw. fehlen völlig im Buch, das offen ersichtlich aus der Beratungspraxis stammt, also nicht aus der Gemeindearbeit.[13] Dennoch hält Lohse diese Art des Kurzgespräches auch auf andere Kontexte übertragbar, also auch Gemeindearbeit, was er mit einigen ihm zugetragenen Fallbeispielen untermauert. Aus der Sicht des Gemeindepfarrers Rolf Theobold ist diese Übertragbarkeit nochmals kritisch zu prüfen und zu differenzieren, vor allem hinsichtlich der Beziehungsgestaltung zwischen Pastorand und Pastor und, damit zusammenhängend, des sozialen Kontextes Gemeinde.[13] Theobold hat Lohses Methode inzwischen deutlich vertieft und herausgestellt, dass das Erlernen solcher Methodiken bei entsprechender persönlicher Eignung zur Seelsorge, schnell erfolgen kann und kein Schädigungspotenzial zu erwarten sei.[14]
Wolfgang Drechsel beobachtet, dass Lohses Kurzgespräch auf unterschiedlichsten Ebenen zum repräsentativen Gesamtsymbol des Umgangs mit der Seelsorge bei Gelegenheit geworden ist – wie z. B. auch bei Christoph Morgenthaler – und zugleich zum Programm, mit dem das therapeutische Ideal auch in der Alltagsseelsorge Einzug gehalten hat.[5] Drechsel kritisiert, dass die Hervorhebung und Dominanz des Kurzgesprächs nach Lohse als zentrale bzw. alleinige Perspektive, da sie nicht nur systematisch all die Bereiche (in ihrer seelsorglichen Qualität) ausblendet, in denen auch Seelsorge bei Gelegenheit auf »bloße« Unterhaltung hinausläuft, wo unmittelbares Kontaktbedürfnis befriedigt wird und triviale Geschichten aus dem Leben erzählt werden.[5] Lohses Methode tendiert nach Drechsel auch dazu, all die Situationen zumindest indirekt abzuwerten, bei denen keine Lösung erreicht werden kann und muss, sondern nur darum geht, etwas mitgeteilt und somit geteilt zu haben.[5] Oft dient der Einsatz der Methode des Kurzgesprächs eher der Stabilisierung des Seelsorgers, als der Klärung eines Problems beim Gesprächspartner, vor allem dann, wenn dieser möglicherweise ganz andere Gründe hatte, den Seelsorger anzusprechen.[5]
Literatur
- Timm H. Lohse: Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung. Eine methodische Anleitung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003; 5. Aufl. 2020.
- Timm H. Lohse: Das Trainingsbuch zum Kurzgespräch. Ein Werkbuch für die seelsorgliche Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006.
- Timm H. Lohse: Grundlagen des Kurzgesprächs. Kenntnisse und Fertigkeiten für ein bündiges Beratungsgespräch. Books on Demand, Norderstedt 2012; 2. Aufl. 2016.
- Christoph Schneider-Harpprecht: „Seelsorge in 20 Minuten?“ Das seelsorgliche Kurzgespräch. In: Ders.: Seelsorge – christliche Hilfe zur Lebensgestaltung. Aufsätze zur interdisziplinären Grundlegung praktischer Theologie. LIT Verlag, Münster 2012, ISBN 978-3-643-11517-1.
- Frank Ertel, Ute Lohmann, Christian Klein, Detlev Prößdorf: Gespräche auf den Punkt. Impulse für zielorientierte Gespräche. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013; 2. Aufl. 2024.
- Hans-Martin Gutmann, Birgit Kuhlmann, Katrin Meuche: Das seelsorgliche Kurzgespräch im Arbeitsfeld Schule. In: Praxisbuch Schulseelsorge. Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, ISBN 978-3-647-58042-5, S. 59–74.
- Timm H. Lohse: Einführung in das Kurzgespräch. Vom Wesen und zur Praxis. Books on Demand, Norderstedt 2017.
- Britta Möhring, Thomas Schlüter: Kann ich Sie mal kurz sprechen? Impulse für gute Gespräche in der Schule. Göttingen 2019.
- Timm H. Lohse: Mit Menschen- und mit Engelszungen. Seelsorge im Gespräch. Books on Demand, Norderstedt 2024.
- Angela Berger: Was besorgt dich in deiner Seele? Eine Einführung in das seelsorgliche Kurzgespräch von Timm H. Lohse. In: Zeitsprung. 1, 2024, S. 35–38 (akd-ekbo.de PDF).
Einzelnachweise
- ↑ Renate Rogall-Adam, Gottfried Adam: Small Talk an der Kirchentür: Eine Anleitung zur Kommunikation in der Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, ISBN 978-3-647-58026-5, S. 25–27.
- ↑ Katharina Rizza: Verluste und Trauer würdigen – Impulse für die pflegerische Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht, 2022, ISBN 978-3-647-99394-2, S. 1987–1988.
- ↑ Hans-Martin Gutmann, Birgit Kuhlmann, Katrin Meuche: Das seelsorgliche Kurzgespräch im Arbeitsfeld Schule. In: Praxisbuch Schulseelsorge. Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, ISBN 978-3-647-58042-5, S. 59 f. (books.google.de [abgerufen am 30. August 2025]).
- ↑ Isolde Karle: Praktische Theologie. Evangelische Verlagsanstalt, 2020, ISBN 978-3-374-05489-3, S. 410.
- ↑ a b c d e Wolfgang Drechsel: Gemeindeseelsorge. Evangelische Verlagsanstalt, 2017, ISBN 978-3-374-04949-3, S. 84–85.
- ↑ a b c Wilfried Engemann: Handbuch der Seelsorge: Grundlagen und Profile. Evangelische Verlagsanstalt, 2016, ISBN 978-3-374-04455-9, S. 282–283.
- ↑ a b Christoph Schneider-Harpprecht: Seelsorge – christliche Hilfe zur Lebensgestaltung: Aufsätze zur interdisziplinären Grundlegung praktischer Theologie. LIT Verlag Münster, 2012, ISBN 978-3-643-11517-1, S. 27.
- ↑ Hans-Martin Gutmann u. a.: Praxisbuch Schulseelsorge. Göttingen 2014, S. 64;
Die Arbeitsgemeinschaft Kurzgespräch auf der Website der Arbeitsgemeinschaft Kurzgespräch, abgerufen am 10. August 2025. - ↑ Daniel Bindernagel u. a.: Schlüsselworte. Idiolektische Gesprächsführung in Therapie, Beratung und Coaching. Heidelberg 2012.
- ↑ Katja Dubiski: Seelsorge und Kognitive Verhaltenstherapie. Plädoyer für eine psychologisch informierte Seelsorge (= Arbeiten zur Praktischen Theologie. 69). Leipzig 2017.
- ↑ Isolde Karle: Praktische Theologie (= Lehrwerk Praktische Theologie. Band 7). Leipzig 2020, S. 412;
Rolf Theobold: Zwischen Smalltalk und Therapie. Kurzzeitseelsorge in der Gemeinde. Neukirchen 2013, S. 76 f. - ↑ Timm H. Lohse: Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung: Eine methodische Anleitung. Vandenhoeck & Ruprecht, 2020, ISBN 978-3-647-99951-7 (E-Book).
- ↑ a b c Rolf Theobold: Timm H. Lohse: Das Kurzgespräch in Seelsorge und Beratung. In: Zwischen Smalltalk und Therapie: Kurzzeitseelsorge in der Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, ISBN 978-3-7887-2666-9, S. 76–78 (books.google.de [abgerufen am 20. August 2025]).
- ↑ Ralph Kunz: Seelsorge: Grundlagen – Handlungsfelder – Dimensionen. Vandenhoeck & Ruprecht, 2016, ISBN 978-3-647-62013-8 (books.google.de [abgerufen am 21. August 2025]).