Kurt Weiß (Nachrichtendienstmitarbeiter)
Kurt Weiß (* 6. Oktober 1916 in Tübingen; † im Januar 1994) war im Zweiten Weltkrieg Generalstabsoffizier in der Wehrmacht und nach dem Krieg Abteilungsleiter im Bundesnachrichtendienst (BND), Hauptfigur der illegalen Inlandsaufklärung unter Reinhard Gehlen und Hauptfigur eines Parteinachrichtendienstes von CDU und CSU.
Werdegang
Nach dem Abitur gelangte Weiß 1935 zur Reichswehr bzw. Wehrmacht. Er war zuletzt als Major Ia-Offizier im Generalstab der 11. Armee in Frankreich eingesetzt, ehe er in Kriegsgefangenschaft geriet. Nach seiner Entlassung übernahm er in Bad Brückenau das Textilgeschäft der Schwiegereltern und wirkte nebenher im „Brückenauer Anzeiger“ als Redakteur mit.[1] Das CSU-Mitglied Weiß hatte seine Interessenschwerpunkte in den Feldern Journalismus, Militär und Politik.
Organisation Gehlen und BND
Nachdem einem persönlichen Gespräch von Kurt Weiß mit Reinhard Gehlen im Februar 1952 gelangte Weiß schon im April 1952 als Mitarbeiter zur Organisation Gehlen, damals noch eine Tochter der CIA. Weiß wurde sogleich Referatsleiter in der politischen Beschaffung.[2]
Gehlen war damals bemüht, deutscher Geheimdienstchef zu werden und richtete im Auftrag von Konrad Adenauer und Hans Globke eine Sonderberichterstattung an das Bundeskanzleramt ein, den sogenannten „Strategischen Dienst“ unter Wolfgang Langkau. Nach innen verkaufte man die strenge Abschottung des Strategischen Dienstes dahingehend, dass es Wunsch von Adenauer sei, eine von den Amerikanern ungefilterte Unterrichtung zu bekommen. Die Finanzierung der „Strategen“ konnte deshalb nicht über die US-finanzierte Organisation Gehlen laufen, sondern erfolgte über Reptilienfonds des Bundeskanzleramts und aus Kreisen der Privatwirtschaft. Der Strategische Dienst war außerdem Kern der innenpolitischen Aufklärung unter Gehlen und laut BND-Mann Volker Foertsch ein „nachrichtendienstliches Wunderland“.[3]
Für Weiß erfolgte hier ein Aufstieg sondergleichen. Nachdem Weiß die Sonderverbindungen der Dienststelle 35 (Inlandsverbindungsdienst) übernahm, die überwiegend aus der Politik und dem Journalismus stammten, wurden diese verstärkt in die Berichterstattung von Weiß eingebunden.[4] Mit Hilfe der Verbindungen zu den Medien konnte Weiß die Entsendung von Korrespondenten ins Ausland nicht nur beeinflussen, sondern sie sogar als Quellen gewinnen. Weiß schuf so ein weltweit agierendes Netzwerk, das ab 1956 vom neuen Bundesnachrichtendienst (BND) für die strategische Aufklärung genutzt wurde.[5] Die von Kurt Weiß geleitete politische Beschaffung nannte sich von 1956 bis 1961 strategische Beschaffung.[6]
Weiß entwickelte sich als Stellvertreter von Wolfgang Langkau zum eigentlichen Leiter des Strategischen Dienstes, weil Langkau sich auf wenige Aufgaben beschränkte.[7] Unter „strategisch“ war die globale Informationsgewinnung zu verstehen, die nicht nur die Ostblockstaaten betraf, sondern auch deren Einflussgebiete und Wirkung auf die gesamte westliche Welt. Tatsächlich ging es aber laut Gehlen darum, auch gegenüber dem Westen eine Aufklärung aufzubauen.[8]
Zu den weiteren Besonderheiten zählte, dass speziell unter Kurt Weiß Journalisten als Agenten zum Einsatz kamen. Daraus entwickelte sich eine ausgesprochene Nähe des Strategischen Bereiches zu den Regierungsparteien im Sinne eines Parteinachrichtendienstes, was sich an der Ausspähung der SPD belegen lässt oder an den Aufklärungszielen in der westlichen Welt, die stärker von Korrespondenten der Medien durchsetzt waren, als der Osten. Unter dem Strich bildete die Belegschaft eine toxische Mischung aus Problempersonal mit NS-Vergangenheit und Beschäftigten der globalen West-Aufklärung. Problematisch war dabei auch, dass die Bewertung der Informationen und Quellen der Strategischen Aufklärung unter Langkau und Weiß nicht mit der Auswertung abgestimmt wurde, sondern in Eigenregie erfolgte und überhöht bewertet wurde. Die Kritik der politischen Auswertung im BND führte dazu, dass die Meldungen des Strategischen Dienstes oftmals ohne Beteiligung der Auswertung des BND ungefiltert an die Politik gelangten.[9]
Damit war es der Gegenseite möglich, auch Desinformationen im politischen Raum zu streuen, denn etliche der Quellen des Strategischen Dienstes standen unter Feindverdacht bzw. arbeiteten für ausländische Dienste. Ausgelöst durch den tschechoslowakischen Überläufer Ladislav Bittmann fand ab 1970 eine Überprüfung des Meldeaufkommens des Strategischen Dienstes statt, nachdem die Amerikaner erhebliche Desinformationsversuche feststellten. Ferner wurde beobachtet, dass BND-Material über den SPD-Vorstand und das Ehepaar Bulla auf die polnische Seite gelangte. Ursula Bulla hatte beim SPD-Vorstand gearbeitet.[10]
Der Strategische Dienst des BND wurde schließlich von der neuen sozialliberalen Koalition aufgelöst. Weiß, der seit 1969 Abteilungsleiter I (Beschaffung) des BND war, wurde als Ergebnis der vom SPD-Kanzleramtschef Horst Ehmke eingeleiteten Überprüfung des BND zur Schule des BND als deren Leiter abgeschoben.[11]
Das „Winterstein-Unwesen“
Nach der Auflösung des Strategischen Dienstes des BND wanderten viele Mitarbeiter ersatzweise zu einem neuen Parteinachrichtendienst von CDU und CSU, der anfänglich von Hans Christoph Schenk Freiherr von Stauffenberg geleitet wurde.[12] Zu dieser Gruppe gehörten neben Stauffenberg auch Wolfgang Langkau, Hans Langemann, der Sicherheitschef der Olympischen Sommerspiele 1972 und Leiter der Staatsschutzabteilung im Bay. Innenministerium wurde sowie Rosemarie Beyer, die sich energisch für die Unterbringung von NS-belasteten BND-Mitarbeitern eingesetzt hatte.[13] Auch die Abgeordneten Karl-Theodor zu Guttenberg und Werner Marx waren Mitglieder dieses Zirkels.[14] Außerdem war Hans Globke, ehemals Adenauers rechte Hand, an der Gründung beteiligt.
Der im BND verbliebene Kurt Weiß (Deckname Winterstein) hielt weiter Verbindung zu dieser Gruppe, deren Leitung der CDU-MdB Werner Marx übernommen hatte. Marx galt als potenzieller BND-Chef in einer künftigen Regierung. Das „Winterstein-Unwesen“, wie der Historiker Klaus-Dietmar Henke die internen Berichte von Kurt Weiß aus dem BND an diesen Kreis nannte, ging somit weiter.[15] Weiß informierte Marx ausführlich über die Lage im BND.[16] Die Beziehung zu Marx und dessen Ambitionen wurden jedoch 1979 mit der Enttarnung der MfS-Agentin Inge Goliath, die sich in die DDR abgesetzt hatte, erheblich eingetrübt. Als Sekretärin von Werner Marx war sie über die Berichte informiert, die von Weiß aus dem BND an Marx gingen, und machte das publik.[17] Weiß blieb dennoch ungeschoren.
Nach seiner Pensionierung 1981 durfte Weiß sogar ab 1984 wieder im BND-Archiv für ein Buch über die Geschichte des BND recherchieren und konnte so die Kontakte in den BND und zum dortigen CSU-Freundeskreis um Paul Münstermann weiterführen, der 1986 BND-Vizepräsident geworden war.[18]
In dieser Zeit gab Weiß über seine Verbindungen im BND viele Informationen aus dem BND an den Journalisten Gerhard Baumann. Der war nicht nur langjähriger Agent der DDR, sondern auch für den Bayerischen Verfassungsschutz und den BND tätig, also ein Dreifachagent.[19]
Nach dem Ende der DDR flog auch diese Verbindung auf und Weiß wurde 1992 zu einer Hauptperson im Ermittlungsverfahren gegen Baumann. Es stellte sich heraus, dass Weiß glaubte, Baumann arbeite für den französischen Geheimdienst, was dennoch als Geheimnisverrat zu werten war. Im Zuge der Ermittlungen musste BND-Vize Münstermann sein Amt niederlegen, Baumann war gesundheitlich angeschlagen und nicht mehr verhandlungsfähig. Weiß erlitt im Sommer 1992 einen Schlaganfall, verstarb Ende Januar 1994 und musste sich somit nicht mehr verantworten.
Literatur
- Erich Schmidt-Eenboom: Undercover – Der BND und die Journalisten, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1998, 447 S., ISBN 3-462-02715-8
- Stefanie Waske: Nach Lektüre vernichten – Der geheime Nachrichtendienst der CDU und CSU im Kalten Krieg, Verlag Carl Hanser, München, 2013, 303. S., ISBN 978-3-446-24144-2
- Klaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste – Die politische Inlandsspionage des BND in der Ära Adenauer, Ch. Links, Berlin, 2022, 2 Bände, 1461 S, ISBN 978-3-96289-157-2
Weblinks
- Artikel „Für Strauß persönlich“, Der Spiegel, Nr. 50/1994 [1]
- Ein Foto von Kurt Weiß findet sich bei Mitteilungen der Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“ Nr. 7 auf Seite 15. [2]
Einzelnachweise
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/1, S. 375ff.
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/1, S. 377.
- ↑ Klaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste - Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953, Ch. Links, 2018, Band 10, S. 300ff. ISBN 978-3-96289-023-0
- ↑ Schmidt-Eenboom: Undercover – Der BND und die Journalisten, S. 33.
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/1, S. 411.
- ↑ Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND, Ch. Links, Berlin, 2019, S. 652. ISBN 978-3-96289-024-7
- ↑ Heidenreich: Die DDR-Spionage, S. 507.
- ↑ Wolfgang Krieger: Die Auslandsaufklärung des BND, Ch. Links, Berlin, 2021, S. 163. ISBN 978-3-96289-118-3
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/1, S. 420.
- ↑ Krieger: Auslandsaufklärung, S. 209
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/2, S. 1239–1240.
- ↑ Waske: Nach Lektüre vernichten, S. 44ff
- ↑ Sabrina Nowack: Sicherheitsrisiko NS-Belastung - Personalüberprüfungen im Bundesnachrichtendienst in den 1960er Jahren, Ch. Links, Berlin, 2016, S. 329,398, ISBN 978-3-86153-923-0
- ↑ Günther Bohnsack, Herbert Brehmer: Auftrag Irreführung – Wie die Stasi Politik im Westen machte, Carlsen, Hamburg, 1992, S. 90–91, ISBN 3-551-85003-8.
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/2, S. 1203.
- ↑ Henke: Geheime Dienste, Band 14/2, S. 1261ff.
- ↑ Waske: Nach Lektüre vernichten, S. 205ff.
- ↑ Für Strauß persönlich, Artikel in: Der Spiegel, Nr. 50/1994 vom 11. Dezember 1994.
- ↑ Schmidt-Eenboom: Diener vieler Herren – Der Fall des Gerhard Baumann, in Undercover – Der BND und die Journalisten, S. 364–365.