Kurt Richter (Mediziner)

Kurt Franz Josef Wilhelm Ignaz Richter (* 12. Juli 1915 in Erlaa bei Wien; † 9. Mai 1989 in München) war Gynäkologe und gilt als Mitbegründer der Urogynäkologie[1]. Er erlangte besondere Anerkennung für seine Beiträge zu Operationstechniken, insbesondere der Beckenbodenchirurgie, und für seine Forschung in der gynäkologischen Endokrinologie. Richter bekleidete führende Positionen, darunter die des Primarius und Leiters des Landeskrankenhauses Bruck an der Mur und später die des Direktors der Universitätsfrauenklinik im Klinikum Großhadern.[2][3]

Leben und Ausbildung

Kurt Richter war Sohn des Volksschullehrers Ignaz Richter und dessen Ehefrau Hermine, geborene Mrkwicka.[4] Nach der Volksschule in Erlaa besuchte er die Bundeserziehungsanstalt (BEA) „Schule am Turm“ in Wiener Neustadt, wo er 1933 maturierte.[4] Im Jahr 1933 begann Richter sein Medizinstudium an der Universität Wien und promovierte am 24. Juli 1939 zum Dr. med. univ.[5] Zu seinen frühen Lehrern während des Studiums zählten Persönlichkeiten wie Arnold Durig, und er absolvierte zahlreiche Famulaturen unter anderem bei Tassilo Antoine. Ostern 1943 traf er seine künftige Frau Waltraud, sie verlobten sich im Juli 1944 und heirateten im September. Gemeinsam hatten sie vier Kinder, Monika (geb. 1944), Claus (geb. 1948), Thomas (geb. 1955) und Christian (geb. 1957). 1953 schloss Waltraud Richter im Massachusetts General Hospital in Boston bei Henry K. Beecher ihre Ausbildung zur Anästhesistin ab, während er sich um die Kinder kümmerte.

Beruflicher Werdegang

Nach seiner Promotion folgte eine intensive Hospitantentätigkeit am pathologisch-anatomischen Institut Graz, an der I. Medizinischen Abteilung im Krankenhaus Wien-Lainz, an der Universitäts-Kinderklinik Wien und an der neurologisch-psychiatrischen Universitätsklinik Wien. An der II Universitäts-Frauenklinik in Wien lernte er von Wilhelm Weibel (Leiter der Klinik von 1932 bis 1942[6]) und Isidor Alfred Amreich (Vorstand der Klinik von 1943 bis 1945), denen er eine unvergleichliche operative Ausbildung verdankte. Gemeinsam mit Amreich entwickelte er eine vaginale Operationsmethode zur organerhaltenden Therapie des Vorfalls des Scheidenendes nach einer Hysterektomie, welche heute als Amreich-Richter-Operation bekannt ist.[7] Zwischenstationen in der Gynäkologisch-Geburtshilflichen Abteilung des Wilhelminenspitals unter Max Apfelthaler und der Gynäkologischen Abteilung in Linz unter Gustav Halter.[5] Ab dem 1. Mai 1949 wechselte er als wissenschaftlicher Assistent an die Universitätsfrauenklinik Graz zu Ernst Navratil. Zahlreiche internationale Kontakte konnten zu dieser Zeit geknüpft werden, so unter anderem zu Joe Vincent Meigs. Richters akademische Qualifikationen wurden für das Fach Geburtshilfe und Gynäkologie offiziell anerkannt und er habilitierte sich am 7. Juli 1954.

Primarius und Direktor in Bruck an der Mur (1955–1973)

Mit 40 Jahren (ab 1. Dezember 1955) war er Leiter des Landeskrankenhauses Bruck a. d. Mur, das er bis zu seiner Berufung nach München geleitet hat.[5] Unter seiner Führung erfuhr die gynäkologische Abteilung in Bruck an der Mur eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Bettenzahl der Abteilung wurde nahezu verdoppelt, und die jährliche Geburtenzahl stieg fast auf das Fünffache an.

Professur an der Universität München (1973–1983)

1971 wurde Richter zunächst als Nachfolger Ernst Navratils in Graz gehandelt,[8] um schließlich im Oktober 1973 zum ordentlichen Professor an der II. Universitätsfrauenklinik der Universität München in der Lindwurmstraße berufen zu werden. Er folgte Richard Fikentscher nach. Im Jahr 1979 erfolgte der Umzug der Frauenklinik in das neu errichtete Klinikum Großhadern der Universität München. Er galt als "Repräsentant der Wiener Schule der operativen Gynäkologie"[5] in Deutschland.

Eine Laudatio zu seinem 70. Geburtstag hob hervor, dass unter seiner Leitung innerhalb von zehn Jahren „mehr als 1248 Arbeiten“ (darunter Vorträge, Publikationen und Dissertationen) von „mehr als 24 Kollegen und Kolleginnen“ veröffentlicht oder gehalten wurden. Diese Leistung wurde als ein „Lebenswerk“ bezeichnet, das „sicher niemand [in so kurzer Zeit] nachmachen kann“[9].

Emeritierung und spätere Tätigkeiten

Kurt Richter wurde am 31. Dezember 1983 emeritiert. Sein Nachfolger als Direktor der Frauenklinik im Klinikum Großhadern war Hermann Hepp (1984–2005). Auch nach seiner formalen Pensionierung blieb Richter medizinisch aktiv. Er eröffnete eine Privatpraxis im Zentrum von München, in der er mit seinen ehemaligen Schülern Thomas Brückner und Walter Bollmann zusammenarbeitete.

Beiträge zu Operationstechniken und wissenschaftliche Erkenntnisse

Gynäkologische Endokrinologie

Richters anfängliches wissenschaftliches Interesse galt der gynäkologischen Endokrinologie.[10] Seine wissenschaftlichen Beiträge wurden als „Meilensteine auf dem Wege der endokrinologisch-gynäkologischen Forschung“ betrachtet.[11] Richter beteiligte sich an wegweisenden und interdisziplinären Forschungen zur Transsexualität, einschließlich der endokrinologisch-chirurgischen Aspekte der Geschlechtsangleichung.1 Beispielsweise "Eicher and Richter suggested administering estrogenes in order to induce the development of the breast glands, the redistribution of fat according to a female pattern and the softening of the skin."[12] Außerdem interessierten ihn Ursachen bzw. Behandlung von Endometriosen. Diese frühe und konsequente Auseinandersetzung mit einer gynäkologischen Pathologie, die heute als weit verbreitet, chronisch und oft erst spät diagnostiziert gilt, unterstreicht Richters Weitsicht.5

Er fand auch Beachtung in der Boulevardpresse, unter anderem in einem Bild-Artikel vom 9. März 1976 mit dem Titel „Der Münchner Frauenarzt Dr. Kurt Richter warnt: Krebsgefahr – wenn junge Mädchen zu früh lieben“, in der er als einer der ersten Ärzte die karzinomverursachende Wirkung von HPV-Stämmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntmachte.

Uterusexstirpation und Beckenbodenchirurgie

Zum einen war Richter ein gefeierter Operateur der Uterusextirpation, zum anderen befasste er sich in seiner Begleitforschung mit deren Seiteneffekten. So verfasste er Artikel zur Prophylaxe und Therapie des Scheidenvorfalls nach Uterusexstirpationen[13], zur Scheidenlänge[14] oder zur Harnblasenfunktion[15].

Die Vaginaefixatio sacrospinalis/sacrotuberalis vaginalis (Amreich-Richter-Operation)

Eine von Richters bedeutendsten und nachhaltigsten Errungenschaften war die Entwicklung und Verfeinerung der Amreich'schen Technik der vaginalen Sakrospinalfixation (Vaginaefixatio sacrospinalis vaginalis): "Die Vaginaefixatio sacrospinalis/sacrotuberalis vaginalis ist eine vaginale Operationsmethode zur organerhaltenden Therapie des Vorfalls des Scheidenendes nach vaginaler oder abdominaler Hysterektomie. Sie kann auch prophylaktisch zur organerhaltenden Therapie eines Partial- oder Totalprolapses von Uterus und Vaginalwänden eingesetzt werden, wenn man ohne simultane Scheidenfixation einen baldigen Vorfall des Scheidenendes befürchtet. Bei korrekter Darstellung des Muskel- und Bandapparates der Amreich-Richter-Grube und anschließender exakter Fixation [...] werden funktionell-kosmetischsowie organerhaltend-rekonstruktiv gute Ergebnisse erzielt."[7]

Die detaillierte chirurgische Anatomie dieser Methode beschrieb er erstmals 1968 in seiner Publikation „Die chirurgische Anatomie der Vaginaefixatio sacrospinalis vaginalis“[16]. Die Technik beinhaltet die Fixierung des Scheidengewölbes am Ligamentum sacrospinale.[17] Die Tatsache, dass diese Technik bis heute als „Referenztechnik“ in der vaginalen Chirurgie zur Behandlung des Uterusprolapses gilt, unterstreicht Richters und Amreichs Status als chirurgische Pioniere.[17] Die 1981 gemeinsam mit W. Albrich veröffentlichte Arbeit „Long-term results following fixation of the vagina on the sacrospinal ligament by the vaginal route (vaginaefixatio sacrospinalis vaginalis)“ lieferte zudem Langzeitergebnisse, die die Wirksamkeit des Verfahrens untermauerten. Aktuelle Forschung evaluiert und bestätigt weiterhin die Wirksamkeit der Sakrospinalfixation.[18]

Richter bevorzugte die weniger invasive Variante der Hysterektomie über den vaginalen Weg, so Schaller in seinem Biogramm über Richter: "Weshalb soll ich denn ein Loch stemmen, wenn ich durch die Tür gehen kann", ist einer seiner hierfür bekannt gewordenen und gebliebenen Aussprüche."[5]

Richters posthum erschienene Monographie „Gynäkologische Chirurgie des Beckenbodens“[19] (1998) bietet eine gründliche Einführung in die Grundlagen, Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des weiblichen urorektogenitalen Systems und beschreibt konservative und operative Behandlungsmethoden bei Senkungsleiden.

Öffentliche Wahrnehmung, Auszeichnungen, Gesellschaften

Richters Bekanntheit spiegelte sich in seiner Aufnahme in maßgebliche biographische Verzeichnisse wie „Kürschners Dt. Gelehrten-Kalender“[20] (1971) und die „Europäische Who is Who Enzyklopädie“[21] (1982) wider. Für seine Verdienste wurde Kurt Richter am 20. März 1986 mit der La Médaille de la Ville de Paris (Échelon Argent) ausgezeichnet.

Richter war ein aktives Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie (ÖGGG). Er fungierte von 1968 bis 1970 als Vorsitzender der ÖGGG. Während seiner Amtszeit und bis 1992 wurde die Präsidentschaft der ÖGGG turnusmäßig von den vier Ordinarien für Frauenheilkunde in Österreich (I. UFK und II. UFK Wien, Graz und Innsbruck) besetzt. Er war zudem an gemeinsamen wissenschaftlichen Tagungen mit der Bayerischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde beteiligt.

Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft „Gynäkologische Urologie“ (AGUB e.V.) von 1984 bis 1986; inklusive des Post-FIGO-Symposium 1985 in Freiburg. Als Gäste waren neben Richter Frederick G. Assmussen, Ulf Ulmsten, Stuart Stanton, Hans Jürgen Kümper geladen.[22] Seine Assoziation mit der International Urogynecological Association (IUGA) zeigt sein Engagement in der internationalen Fachwelt.[23] "Im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe 1990 in Hamburg mit einer „Kurt Richter-Memoriam“ Sitzung erfolgte die erste gemeinsame Tagung mit der Sektion „Urogynäkologie“der DDR."[22]

Einzelnachweise

  1. Heinz Kölbl: Urogynäkologie. In: 125 Jahre Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Werte· Wissen· Wandel. Springer, Berlin, Heidelberg 2011, S. 181–201.
  2. Beschlüsse und Feststellungen der Arbeitsgemeinschaft gemäß § 19 des Arzt/Ersatzkassen-Vertrages. In: cfcdn.aerzteblatt.de. Deutsches Ärzteblatt, 8. Juni 1989, abgerufen am 22. September 2025.
  3. Pressemitteilung P / Pressereferat der Ludwig-Maximilians-Universität München vom 10.5.89. https://epub.ub.uni-muenchen.de/17352/1/WU4Z70_27_1989_P.pdf
  4. a b Richter, Kurt: Familiengeschichte; Privatbesitz, 1983.
  5. a b c d e Anton Schaller: Die Wertheim-Klinik: eine Geschichte der 2. Universitäts-Frauenklinik in Wien. Maudrich, Wien München Bern 1992, ISBN 978-3-85175-582-4, S. 184.
  6. Wilhelm Weibel im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  7. a b H.J. Kaum, F. Wolff: https://web.archive.org/web/20160304103904/http://www.frauenarzt.de/1/2003PDF/03-05-pdf/2003-05-kaum.pdf In: Frauenarzt. 44 (2003), S. 504–512
  8. H. Ludwig: Erich Burghardt (1921–2006), Graz. In: Der Gynäkologe. Band 41, Nr. 7, 1. Juli 2008, ISSN 1433-0393, S. 557–558, doi:10.1007/s00129-008-2220-y.
  9. Ernst Rainer Weißenbacher: Wissenschaftliche Arbeiten unter dem Direktorat von Prof. Dr.med Kurt Richter 1973-1983. München 1983.
  10. Kurt Richter: Zum 50. Geburtstag der Gynäkologischen Homonlehre. In: Wiener klinische Wochenschrift, 61.41, 1949, 1-7.
  11. Ernst Rainer Weißenbacher: Laudatio zum 65. Geburtstag.
  12. Adrian De Silva: Negotiating the borders of the gender regime: developments and debates on trans(sexuality) in the Federal Republic of Germany (= Gender studies). 1. Auflage. transcript Verlag, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4441-8, S. 64.
  13. Kurt Richter: Die Propylaxe und Therapie des Scheidenvorfalles nach Uterusexstirpation. (= Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Thieme, 23.12). 1963, S. 1063–1080.
  14. Richter, K. / Lakomy, W.: Über die Scheidenlänge nach der abdominalen und vaginalen Uterusexstirpation. (= Zentralblatt für Gynäkologie 75.49), 1953, S. 1921–1925.
  15. Richter, Kurt / Albrich, Werner: Über den Einfluß von Hexoestrol auf die nach erweiterten Uterusexstirpationen “automatisierte” Harnblase. (=Zentralblatt für Gynäkologie 77.12), 1955, S. 487–490.
  16. Kurt Richter: Die chirurgische Anatomie der Vaginaefixatio sacrospinalis vaginalis. Ein Beitrag zur operativen Behandlung des Scheidenblindsackprolapses. (= Geburtshilfe Frauenheilkunde). 1968, S. 321–327.
  17. a b Marie Zilliox, Lise Lecointre, Thomas Boisramé, Cherif Akladios: Sacrospinofixation of Richter in 8 Points: Original Contribution of the Laparoscopic Column in the Visualization of the Sacrospinous Ligaments. In: Journal of Minimally Invasive Gynecology. Band 26, Nr. 7, November 2019, S. 1227–1228, doi:10.1016/j.jmig.2019.04.023 (elsevier.com [abgerufen am 22. September 2025]).
  18. Google Scholar: Zitationen des Artikels " Long-term results following fixation of the vagina on the sacrospinal ligament by the vaginal route (vaginaefixatio sacrospinalis vaginalis)". Abgerufen am 22. September 2025.
  19. Kurt Richter, Franz Heinz: Gynäkologische Chirurgie des Beckenbodens. Thieme, Stuttgart 1998, ISBN 978-3-13-106021-1.
  20. Kürschners Dt. Gelehrten-Kalender, 11. Ausg. Bd. 2, 1971, S. 2414.
  21. Prof. Dr. Kurt Richter, Europäische Who is Who Enzyklopädie, Band Deutschland. 12.8.1982. Publishers for VIP Enzyclopedias Corp. Delaware USA, bzw. Lizenznehmer Who is Who Verlag für Prominentenezyklopädien in Cham.
  22. a b Eckhard Petri: Geschichte der Arbeitsgemeinschaft „Gynäkologische Urologie“, jetzt „Urogynäkologie“. Abgerufen am 22. September 2025.
  23. Eckhard Petri: (Deutschland). Geschichte der Urogynäkologie – einige kritische Gedanken nach über 40 Jahren in diesem Fachgebiet. Abgerufen am 22. September 2025.