Kupelwieser-Schlössl
Das Kupelwieser-Schlössl, auch Falkenturm, Konstantinturm oder Marienschlösschen genannt, ist ein neugotisches Bauwerk auf dem Mönchsberg in Salzburg im Raum der Richterhöhe. Seit dem 30. August 1995 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.[1]
Geschichte
Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Bau, als am 23. April 1364 der Zimmermann Wolfhart zusammen mit seiner Frau Elsbeth und der gleichnamigen Tochter die zunächst des Falkenturms gelegene Peunt (damit ist eine eingezäunte Wiese gemeint) zum Leibgedinge zugunsten des Siechenhauses in Mülln erhielt. Der Turm diente offenbar zur Aufbewahrung der Falken für die erzbischöfliche Jagd. In der Folge gelangte der Turm ins Eigentum des Domkapitels bzw. der Dompropstei, daher hieß der Turm 1389 Tumherrenturm und 1417 Tumpropsteiturm. Das Domkapitel verpachtete in der Folge den Turm, so 1612 an Konstantin Graf Liechtenstein, auf den die Bezeichnung Konstantinturm zurückgeht. Am 10. Dezember 1642 wurde das Gebäude mit den umliegenden Liegenschaften der „Hohen Salzburger Landschaft“ zu Befestigungszwecken verkauft.
Am 29. August 1674 erhielt das Kloster St. Peter im Tausch gegen den Riedenburger Berg den Besitz um den Turm und das dazugehörige Stöckl, ohne den Turm selbst, und machte daraus die Konstantinmeierei. Diese bestand aus einem zwei Stock hohen, an den Turm angelehnten gemauerten Haus, einem gesonderten Backofen und weiteren landwirtschaftlichen Gebäuden (Laub- und Holzhütte, Scheune mit Dreschtenne, Keller und Wagenschuppen) und etwa 7000 m² Grund. Im Jahre 1822 wurde auch diese Meierei vom Kloster St. Peter wegen zu geringer Einkünfte versteigert. Der seit vielen Jahren einsturzgefährdete Turm brach 1831 in sich zusammen. Der damalige Meiereibesitzer Vogl kaufte von der Fortifikationsdirektion den Grund, auf dem der eingestürzte Turm stand (ca. 77 m²). In den folgenden Jahren wechselte sich eine Reihe von Besitzern ab, die alle durch Kauf an den Besitz kamen.
1863 erwarben Joseph und Anna Achleitner die Meierei. Josef Achleitner war ein damals bekannter Zitherspieler und zugleich königlich-bayerischer Kammervirtuose und Kammermusikus des Königs Otto von Griechenland. Nach dessen Absetzung 1862 musste Achleitner Griechenland verlassen und ließ sich in Salzburg nieder.[2] Er ließ die bisherigen Gebäude abtragen und erbaute einen neuen Turm mit einer Aussichtswarte und einer dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechenden neogotischen und historisierenden Innenausstattung; die Holzverkleidungen und Butzenscheiben sind teilweise noch erhalten. Es wird berichtet, dass er Besucher mit dem Flügelhorn empfangen und dann auf den Söller geführt hat. Nach dem Tode des Erbauers am 5. März 1891 kam der Besitz zuerst an die Witwe und dann (1892) an den Sohn, der ihn an Marie Geisberg verkaufte. Das Inventar wurde versteigert und aus dem Haus wurde unter dem Namen Marienschlösschen eine Fremdenpension. 1902 erwarb Marie Fischer das Gebäude.
Der nächste Käufer mit Kaufvertrag vom 2. Dezember 1912 war der Industrielle Franz Kupelwieser, der verschiedene Anbauten und Renovierungen vornahm und den Besitz Stauffenegg nannte. Der Kaufpreis betrug 39.000 Kronen für 4441 m² Grund, Verkäuferin war Marie Fischer aus Dresden.[3] Diese Bezeichnung hatte aber keinen Bestand. Franz Kupelwieser ließ auch das Torhaus sowie ein Mäuerchen mit einem Brunnen vor dem Torhaus errichten. Er gestaltete den südwestlichen Trakt als „Rittersaal“ mit Butzenscheiben und ließ eine neue Küche sowie eine Waschküche anbauen.[4] Sein Sohn Ernst Kupelwieser, ein bedeutender Physiologe und Entwickler eines Verfahrens zur Entbitterung der Sojabohne, übernahm nach dem Tod seines Vaters 1930 den Besitz. Mit Bescheid vom 31. August 1931 erhielt er die Bewilligung für eine Erweiterung der Küche, 1959 folgte ein weiterer Zubau mit Bibliothek und Terrasse.[5] Nach seinem Tod 1964 ging das Schlösschen über eine Zwischenstation (zuerst kam ein Teil des Besitzes an die beiden Töchter aus erster Ehe, die nach Kanada ausgewandert waren) an seine Tochter Gerheid Widrich über, die dort ab 1965 mit Hans Widrich wohnte.
Das Kupelwieserschlössl heute
Gottfried von Einem war, als er dem Direktorium der Salzburger Festspiele angehörte, dort zu Gast. Kurzfristig wohnte 1948 dort auch Bertolt Brecht und arbeitete an dem Stück Salzburger Totentanz. Die geplante Mitwirkung Brechts an den Festspielen wurde vor allem von den Salzburger Nachrichten gehässig kommentiert.
Gerheid Widrich, die Tochter von Ernst Kupelwieser, lebte ab 1965 mit ihrem Ehemann Hans Widrich im Schlössl. Sie war Ärztin und gehörte als erste Frau der Salzburger Landesregierung an, er war über Jahrzehnte Pressechef der Salzburger Festspiele und Präsident des Salzburger Kunstvereins.[6]
Bekannt ist das Kupelwieserschlössl auch, da dort zwischen 1979 und 1988 Peter Handke wohnte. Er beschrieb seine Spaziergänge auf dem Mönchsberg in Nachmittag eines Schriftstellers. Handke lebte in dieser Zeit mit seiner damaligen Ehefrau Libgart Schwarz und der gemeinsamen Tochter Amina im Nebentrakt des Schlösschens.[7] Auch ein Teil seines Frühwerkes (Die Wiederholung, Die Abwesenheit, Über die Dörfer) und zahlreiche Übersetzungen (William Adonis, Aischylos, Jean Genet, Shakespeare oder Sophokles) verfasste er dort. Dort entstanden auch Werke wie Die Lehre der Sainte Victoire (1980), Kindergeschichte (1981), Der Chinese des Schmerzes (1983), Nachmittag eines Schriftstellers (1987), Die Wiederholung (1986) und Die Abwesenheit (1987). In dem Band Am Felsfenster morgens (1998) verarbeitete er Erinnerungen an Salzburg. Sein Gastgeber, Jugendfreund und Landsmann Widrich baute eine umfangreiche Handke-Sammlung auf, die er der Österreichischen Nationalbibliothek als Dauerleihgabe überließ. Weitere handgeschriebene Manuskripte einiger Handke-Texte befinden sich im Salzburger Literaturarchiv.
Vor dem Torhaus errichtete Franz Kupelwieser 1913 ein Pförtnerhaus, das 1959 erweitert wurde und seit 1987 das Familienwappen aus Untersberger Marmor ziert.[8] Seit 1953 steht zudem eine Gartenmauer mit Brunnen, dessen Löwenkopf Ernst Kupelwieser beisteuerte.[9] Im unteren Garten wurden Skulpturen von Erwin Reiter, Werner Würtinger und Pino Castagna aufgestellt, hinzu kommen Aluminiumskulpturen von Hans Kupelwieser.[10]
Die an die Mauer zur Richterhöhe angebaute Keramikwerkstätte wurde an den Architekten Koloman Lenk verkauft, der dort eine Atelierwohnung einrichtete. In den Festspieljahren 1992, 1994 und 1996 hielt sich der Komponist Pierre Boulez im Hofburggütl (Torhaus, Mönchsberg 17c) auf.[11] 2019 wurde die Wehrmauer durch die Stadt Salzburg erneuert.[12] Zu den heutigen Eigentümern zählt der Filmregisseur Virgil Widrich, ein Nachfahre der Familie Kupelwieser.[13]
Familie Kupelwieser
Die Familie Kupelwieser stammt ursprünglich aus dem Ultental in Südtirol (Ortsteil Kuppelwies, heute Pracupola/Val d’Ultimo).[14] Bedeutende Vertreter waren der Maler Leopold Kupelwieser (1796–1862), ein Freund Franz Schuberts und Professor an der Wiener Akademie, sowie Franz Kupelwieser (1830–1903), Professor für Eisenhüttenkunde in Leoben und erster Rektor der Montanistischen Hochschule.[15] Dessen Sohn Franz (1862–1930) war Industrieller in Böhmen und erwarb 1912 das Schlössl. Sein Sohn Ernst Kupelwieser (1890–1964) machte sich als Physiologe einen Namen, unter anderem durch die Entbitterung der Sojabohne und die Gründung der Österreichischen Sojagesellschaft.[16]
Literatur
- Adolf Frank: Der Mönchsberg und seine Baulichkeiten. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Jahrgang 70, Salzburg 1930, S. 1–44 (zobodat.at [PDF]).
- Magda Krön: Das Kupelwieser-Schlössl auf dem Mönchsberg. In: Bastei – Magazin des Stadtvereins Salzburg, 65. Jahrgang, 2016, S. 26–27.
- Christian F. Uhlir (Hrsg.): Salzburger Stadtberge. Mönchsberg – Kapuzinerberg – Festungsberg – Nonnberg – Rainberg. edition Winterwork, Salzburg 2011, ISBN 978-3-86468-033-5.
- Reinhard Medicus: Salzburgs Stadtberge und Stadtgärten im Wandel der Zeit. Anton Pustet Verlag, Salzburg 2021.
- Hans Widrich: Hundert Jahre Kupelwieser auf dem Mönchsberg. Eine kleine Haus- und Familiengeschichte. Privatdruck, Salzburg 2012.
- Reinhard Medicus: Literarischer Spaziergang: Gottfried von Einem und Peter Handke. Stadt Salzburg, 2019.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Hans Widrich: Hundert Jahre Kupelwieser auf dem Mönchsberg. Eine kleine Haus- und Familiengeschichte. Privatdruck, Salzburg 2012, S. 15.
- ↑ Hans Widrich: Hundert Jahre Kupelwieser auf dem Mönchsberg. Eine kleine Haus- und Familiengeschichte. Privatdruck, Salzburg 2012, S. 9f.
- ↑ Hans Widrich: Hundert Jahre Kupelwieser auf dem Mönchsberg. Eine kleine Haus- und Familiengeschichte. Privatdruck, Salzburg 2012, S. 5f.
- ↑ Widrich 2012, S. 11.
- ↑ Widrich 2012, S. 13.
- ↑ Salzburgwiki: Kupelwieserschlössl, abgerufen am 29. September 2025.
- ↑ Reinhard Medicus: Literarischer Spaziergang: Gottfried von Einem und Peter Handke. Stadt Salzburg, 2019.
- ↑ Widrich 2012, S. 12.
- ↑ Widrich 2012, S. 13.
- ↑ Widrich 2012, S. 15.
- ↑ Widrich 2012, S. 23.
- ↑ Stadt Salzburg: Sanierung der Stadtbefestigungen am Mönchsberg, Presseinformation 2019.
- ↑ Widrich 2012, S. 25.
- ↑ Widrich 2012, S. 17f.
- ↑ Widrich 2012, S. 19f.
- ↑ Widrich 2012, S. 20–22.
Koordinaten: 47° 47′ 40″ N, 13° 2′ 23,6″ O