Kugelherrenhaus
Das Kugelherrenhaus (auch Kugelhaus) in der Kugelgasse 10 in Marburg wurde als Fraterhaus für die dort ansässigen Kugelherren erbaut. Eine Angabe 1491 auf einem Quader in der Südostecke des Baus weist auf das Jahr der Fertigstellung. Das in einem benachbarten Quader eingehauene Wappen der Stifter wurde – wie anderer figürlicher Schmuck am Haus – während des "Mauritianischen Bildersturms" Moritz (Hessen-Kassel) 1605 zerstört. Eine Inschrift bezieht sich auf dieses Wappen, das dem Haus den Namen gab: „Diß heisset das fraterhuß zˉm lewˉnbach“, also „Fraterhaus zum Löwenbach“ – nach dem schreitenden Löwen über einem schrägen Bach im Wappen der Stifter: der begüterte Marburger Schöffe Heinrich Imhof, genannt Rode, ein ehemaliger Rektor der Universität Leipzig, und seine zweite Ehefrau Elisabeth, geb. von Treisbach. Das Gebäude war Teil einer Klosteranlage und bis 2024 im Besitz der Philipps-Universität Marburg.
Geschichte
Das Kugelherrenhaus wurde als Wohngebäude (Konventshaus) für die Brüder vom Gemeinsamen Leben, auch bekannt als Kugelherren (nach der kapuzenartigen Kopfbedeckung, mittellateinisch cuculla), errichtet. Nach der Reformation fiel das Gebäude in den Besitz der Universität Marburg und wurde für verschiedene Zwecke genutzt. Ein bis ins 19. Jahrhundert im Kugelhaus ansässiger Universitätspropst besorgte den Gemeinen Tisch der ab 1560 bis 1811 in einem Gebäude im alten Barfüßerkloster konzentrierten Stipendiaten Stipendiatenanstalt; gegen Entgelt wurden zugleich andere Studenten aus Küche und Backhaus der „Propstei“, die zeitweilig dem Kugelhaus diesen Namen gab, versorgt. Zuletzt speisten 1848 die theologischen Stipendiaten in der Mensa im Haus. 1855 zog das Pharmazeutisch-Chemische Labor der Universität in den Kugelhof. Von 1866 bis 1893 war das Gebäude Sitz des Justizamtes und des Amtsgerichts Marburg.[1] 1879 wurde ein Seitenflügel mit Treppenturm angebaut, der als Untersuchungsgefängnis diente. Ab 1923 beherbergte das Kugelhaus unter anderem das Psychologische Institut der Universität (nach 1945 Alte Jägerkaserne, Gutenbergstraße 18). Laut Vorlesungsverzeichnis der Philipps-Universität vom WS 1955/56 waren im Kugelhaus noch folgende Institute untergebracht: Institut für Mittelalterliche Geschichte, geschichtliche Hilfswissenschaften und geschichtliche Landeskunde, Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden auf deutschem Boden, Deutscher Sprachatlas. In den Jahren 1970 bis 1972 wurde das Haus für das Institut für Völkerkunde umgebaut. Dabei wurde auch die zwischen dem Gebäude und der Kugelkirche errichtete Mauer entfernt, was den Eindruck einer mittelalterlichen Klosteranlage wiederherstellte.[2]
Bis vor wenigen Jahren diente das Kugelherrenhaus noch als Institutsgebäude und beherbergte unter anderem Einrichtungen der Sportwissenschaft, so die Motologie. Seit 2024 ist das Gebäude nicht mehr im Besitz der Universität.
Architektur
Das Kugelherrenhaus wurde als schlichtes gotisches Gebäude aus Werkstein errichtet und ist typisch für ein spätmittelalterliches Fraterhaus. Der Bau bildet zusammen mit der benachbarten Johannes-Kirche einen Hof. Der Gebäudekörper ist langgestreckt und relativ unauffällig, was der Funktion als Klostergebäude entspricht.[3] Der große Staffelgiebel im Osten des Gebäudes wurde 1860 zurückgebaut (vgl. Wilhelm Kolbe: Die Sehenswürdigkeiten Marburgs und seiner Umgebungen in geschichtlicher, kunst- und kulturhistorischer Beziehung. Marburg 1884, S. 54).
Denkmalschutz
Das Kugelherrenhaus ist aufgrund seiner historischen Bedeutung und seiner Rolle in der Stadtgeschichte als Kulturdenkmal eingestuft. Es stellt ein bedeutendes Beispiel für spätmittelalterlichen Klosterbau dar.[3] Der heutige Leerstand führt zu einer weiteren Schädigung der bereits angegriffenen Gebäudesubstanz (Hausschwamm, undichtes Dach, Risse im Gemäuer).
Siehe auch
Weblinks
- Kugelherren Marburg. Klöster und Orden. (Stand: 10. Juni 2025). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Einzelnachweise
- ↑ Werner Fritzsche, Joachim Hardt, Karlheinz Schade: Universitätsbauten in Marburg 1945–1980. Baugeschichte und Liegenschaften der Philipps-Universität. Marburg 2003 (= Schriften der Universitätsbibliothek Marburg; 116), S. 131.
- ↑ Katharina Krause: 500 Jahre Bauten der Philipps-Universität Marburg. Philipps-Universität Marburg, Marburg 2018, S. 16.
- ↑ a b Katrin Petter: Kugelkirche (Katholische Pfarrkirche) und Kugelkloster (Institutsgebäude), in: Ellen Kemp, Katharina Krause, Ulrich Schütte (Hrsg.): Marburg Architekturführer. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2002, S. 227f.
Koordinaten: 50° 48′ 30,5″ N, 8° 45′ 58,4″ O