Kroaten in Serbien
Die Kroaten in Serbien bilden eine anerkannte nationale Minderheit in der Republik Serbien. Nach der jüngsten Volkszählung von 2022 leben knapp 40.000 Kroaten in Serbien, was rund 0,6 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Die Gemeinschaft konzentriert sich vor allem auf die nordserbische Provinz Vojvodina und ist historisch bedingt kulturell heterogen. Weitere ca. 11.000 Personen gaben sich in der Volkszählung 2022 als Bunjevci zu erkennen; es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, ob Bunjevci als Kroaten oder als eigenständige ethnische Gruppe anzusehen sind.
Geschichte
Die Präsenz von Kroaten auf dem Gebiet des heutigen Serbien – insbesondere in der Vojvodina – lässt sich bis in die habsburgische Zeit zurückverfolgen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden katholische Südslawen aus Dalmatien und Westbosnien in der Pannonischen Tiefebene angesiedelt, wo sie sich als Bunjevci und Šokci niederließen. Diese Gruppen gelten als Teil des kroatischen Volkes und bildeten eine autochthone Minderheit im damaligen südlichen Ungarn (heutige Vojvodina).[1] Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns (1918) gehörte die Vojvodina zum neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien). Bei der Volkszählung von 1921 machten Kroaten in der Vojvodina etwa 8,5 % der Bevölkerung aus.[2] Während der monarchischen und sozialistischen Jugoslawien-Periode galten die Kroaten gesamtstaatlich als konstitutives Volk und nicht als Minderheit; sie verfügten daher bis 1991 über keine speziellen Minderheitenrechte.[3] Innerhalb der sozialistischen Vojvodina organisierten sich die Kroaten jedoch kulturell und politisch, etwa im Bund der Kroaten der Vojvodina, um ihre Identität zu pflegen. Das Völkerverständnis in der Vojvodina galt seit der Habsburgerzeit als gut und es kam auch zu Mischehen zwischen katholischen Kroaten und orthodoxen Serben, welche zwischen anderen Volksgruppen kaum vorkamen.[4]
Mit dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren änderte sich die Lage grundlegend. Die nunmehr in Serbien lebenden Kroaten verloren ihren Status als Teilnation und wurden zur Minderheit in einem Serbien, das von ethnischen Konflikten erschüttert wurde. In den Kroatien- und Bosnienkriegen (1991–1995) geriet die kroatische Minderheit in der Vojvodina unter starken Druck. Nationalistische Kräfte in Serbien schürten ein Klima der Angst; es kam zu Übergriffen auf kroatische Zivilisten, und die Regierung steuerte eine gezielte Ansiedlung serbischer Flüchtlinge in traditionell von Minderheiten (bes. Kroaten und Ungarn) bewohnten Orten. Infolge dieser Einschüchterungen verließen Zehntausende von Kroaten ihre Heimat in der Vojvodina und flohen vor allem nach Kroatien. Die Zahl der in Serbien verbliebenen Kroaten halbierte sich dadurch innerhalb eines Jahrzehnts. Erst nach dem Sturz des Milošević-Regimes (2000) normalisierte sich die Situation wieder. Kroatische Organisationen beteiligten sich an prodemokratischen Protesten, und Übergriffe auf Kroaten ließen nach.[5]
Die Bundesrepublik Jugoslawien führte 2002 ein Gesetz zum Minderheitenschutz ein, das den Kroaten nun offiziell volle Minderheitenrechte garantierte. Seither sind die Kroaten in Serbien als nationale Minderheit anerkannt und verfügen über entsprechende Rechte auf Sprache, Bildung und kulturelle Selbstverwaltung. 2003 wurde ein eigener kroatischer Nationalrat (Hrvatsko nacionalno vijeće) gewählt, um die Interessen der Minderheit autonom zu vertreten. Politisch konstituierte sich bereits 1990 die Demokratische Allianz der Kroaten in der Vojvodina (DSHV) als wichtigste Partei der Minderheit; diese war zeitweise im gesamtserbischen Parlament vertreten und ist bis heute aktiv.[6][3] Die jüngere Vergangenheit ist von einer Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien gekennzeichnet, was auch der kroatischen Minderheit zugutekommt, etwa durch institutionelle Zusammenarbeit und EU-geförderte Minderheitenprojekte. 2004 wurde zwischen beiden Ländern ein Abkommen zum Schutz der jeweiligen Minderheiten unterzeichnet.[7] Dennoch bleiben Erinnerungen an Vertreibungen und Diskriminierung in den 1990er Jahren ein wichtiger Teil des kollektiven Gedächtnisses der Gemeinschaft.
Demografie
Die Anzahl der Kroaten in Serbien ist bereits seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückläufig: 1961 wurden in Serbien noch rund 196.000 Personen als Kroaten registriert[8], während es 1991 nur noch etwa 105.000 waren. Die Jugoslawienkriege und ihre Folgen beschleunigten diesen Trend dramatisch. Beim Zensus 2002 wurden 70.602 Kroaten in Serbien gezählt,[3] was einen Rückgang von über 30 % gegenüber 1991 bedeutet. Bis 2011 sank die Zahl weiter auf 57.900, und laut Volkszählung 2022 lebten in ganz Serbien nur noch 39.107 Kroaten. Innerhalb von sechs Jahrzehnten hat sich die kroatische Gemeinschaft somit auf etwa ein Fünftel ihrer früheren Größe verkleinert. Diese Entwicklung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: neben niedrigen Geburtenraten und Abwanderung wirken sich insbesondere Assimilationstendenzen und historische Vertreibungen verheerend aus. Außerdem führt das sogenannte Bunjevac-Frage dazu, dass ein Teil der katholischen Kroaten (vor allem die Gruppe der Bunjevci bzw. Bunjewatzen) in serbischen Statistiken als eigene Ethnie erfasst wird – was von kroatischen Vertretern als politisch motivierte Splittung kritisiert wird. Schließlich trug auch ein verbreitetes anti-kroatisches Klima während der 1990er dazu bei, dass sich manche Betroffene bei Volkszählungen nicht offen zu ihrer Nationalität bekannten.[9]
Geografisch konzentriert sich die Minderheit auf das nördliche Serbien. Rund 85 % der heute in Serbien lebenden Kroaten haben ihren Wohnsitz in der Vojvodina (insbesondere in den Bezirken Batschka und Syrmien). Bedeutende Gemeinden mit kroatischer Bevölkerung sind vor allem Subotica (10.431 Kroaten laut Zensus 2022), Sombor, Apatin, Novi Sad sowie mehrere Orte in Syrmien (etwa Sremska Mitrovica, Šid und Ruma). Auch in der Hauptstadt Belgrad leben einige Tausend Angehörige der kroatischen Minderheit.[10] Im Juni 2006 erlangte die Gemeinde von Sonta beim Apatiner Stadtrat den Sonderstatus einer anerkannten kroatischen Gemeinde mit der offiziellen Amtssprache Kroatisch. Allerdings stellen Kroaten heute nirgendwo in Serbien mehr die lokale Mehrheit. Selbst in mehrheitlich von Minderheiten bewohnten Dörfern der Vojvodina sind sie in der Regel nur die zweit- oder drittgrößte Gruppe. Insgesamt handelt es sich um eine dispers verteilt lebende Gemeinschaft ohne zusammenhängendes Siedlungsgebiet. Der überwiegende Teil der Kroaten in Serbien gehört der römisch-katholischen Konfession an, was ihre Identität – ähnlich wie bei anderen Volksgruppen der Region – auch religiös definiert. Die meisten Angehörigen der Gruppe identifizieren sich mit ihrem Erbe, auch wenn sie seit Generationen außerhalb Kroatiens leben. Über die Staatsgrenze hinweg bestehen enge Verbindungen zum Mutterland: viele Familien haben Verwandte in Kroatien, und die Regierung in Zagreb unterstützt kulturelle Initiativen der Diaspora.
| Jahr | Anzahl Kroaten | Anteil |
|---|---|---|
| 1948 | 169.894[11] | 2,6 % |
| 1953 | 162.158[11] | 2,3 % |
| 1961 | 196.411[11] | 2,6 % |
| 1971 | 184.913[11] | 2,2 % |
| 1981 | 149.368[11] | 1,6 % |
| 1991 | 105.406[11] | 1,1 % |
| 1991 (ohne Kosovo) | 97.344 | 1,2 % |
| 2002 (ohne Kosovo) | 70.602[3] | 0,9 % |
| 2011 (ohne Kosovo) | 57.900[12] | 0,8 % |
| 2022 (ohne Kosovo) | 39.107[13] | 0,6 % |
Kultur
Die Kroaten in Serbien zeichnen sich durch eine reichhaltige kulturelle Tradition und eigene Institutionen aus. Ihre Sprache ist das Kroatische, wobei in der Vojvodina überwiegend der štokavische Dialekt in der ikavischen Ausprägung gesprochen wird (ähnlich dem Sprachgebrauch in Teilen Slawoniens und der Herzegowina). Im Alltag verwenden die meisten Angehörigen der Minderheit die lateinische Schrift, und das Standardkroatisch unterscheidet sich nur marginal vom serbischen Standard (abgesehen von der unterschiedlichen Schrift und einigen terminologischen Varianten). In Gemeinden mit signifikanter kroatischer Bevölkerung ist Kroatisch heute als amtliche Minderheitensprache anerkannt – so zum Beispiel in der Stadt Subotica, wo alle öffentlichen Aufschriften neben Serbisch und Ungarisch auch auf Kroatisch erscheinen.[14] Seit 2002 garantiert der serbische Staat das Recht auf Bildung in den Minderheitensprachen. Es gibt in mehreren Orten der Vojvodina Mutterschafts- und Grundschulunterricht auf Kroatisch. Darüber hinaus pflegt die Gemeinschaft ein eigenständiges Schulwesen durch Wahlfächer (wie „Kroatische Sprache mit Elementen der Nationalkultur“) und Studentenstipendien in Kroatien.[3]
Die kulturelle Autonomie der Kroaten wird durch ein dichtes Netz von Vereinen und Medien gestützt. In Subotica besteht seit 2009 das Zavod za kulturu vojvođanskih Hrvata (Institut für die Kultur der Vojvodina-Kroaten), eine öffentlich finanzierte Einrichtung, die Forschungen und Programme zur kroatischen Kultur fördert.[15] Zahlreiche Heimat- und Kulturvereine sorgen für die Bewahrung von Traditionen, Folklore und Sprache. Beispielhaft zu nennen sind das Hrvatski kulturni centar „Bunjevačko kolo“ in Subotica, das HKPD „Matija Gubec“ in Ruma oder das HKUD „Vladimir Nazor“ in Sombor. Diese Vereine organisieren Folkloregruppen, Theateraufführungen, literarische Abende und Gedenkveranstaltungen zu historischen Jubiläen. Auch die katholische Kirche spielt eine wichtige Rolle im Gemeinschaftsleben. Im Medienwesen verfügen die Kroaten über eigene Publikationen und Sendeformate. Seit 2003 erscheint wöchentlich in Subotica die zweisprachige Zeitung Hrvatska riječ („Kroatisches Wort“), die über Nachrichten aus der Gemeinschaft, Kultur, Politik und das aktuelle Geschehen berichtet. Daneben gibt es lokale Radio- und TV-Sendungen auf Kroatisch – etwa bei Radio Subotica und im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTV Vojvodina.[3][7]
Die kroatische Minderheit in Serbien pflegt enge Kontakte zur Republik Kroatien als ihrem „Mutterland“. Kroatische Institutionen (etwa die Hrvatska matica iseljenika – die kroatische Auslandsstiftung) sowie das kroatische Bildungs- und Kulturministerium unterstützen Projekte der Minderheit finanziell und logistisch. Gleichzeitig engagiert sich die Minderheit aktiv im serbischen Gesellschaftsleben, insbesondere in der Provinzpolitik der Vojvodina. Ihre Kultur in Serbien ist das Resultat einer jahrhundertelangen Verwurzelung in der pannonischen Region, die kroatisches Erbe mit regionalen Einflüssen (ungarischen, serbischen und österreichischen) verbindet.
Bekannte kroatische Serben
- Joseph Jelačić von Bužim (1801–1859), österreichischer Feldherr und Ban von Kroatien
- Stjepan Filipović (1916–1942), Widerstandskämpfer
- Franjo Mihalić (1920–2015), Leichtathlet
- Ratko Rudić (* 1948), Wasserballtrainer und -Spieler
- Marijan Beneš (1951–2018), Boxer
- Neda Arnerić (1953–2020), Schauspielerin
- Slavoljub Muslin (* 1953), Fußballspieler und Manager
- Tamara Boroš (* 1977), Tischtennisspielerin und -trainerin
- Vanja Udovičić (* 1982), Wasserballspieler
- Davor Štefanek (* 1985), Ringer
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Mario Bara - predstavljanje knjihe Hrvati u Vojvodini
- ↑ Ethnic structure of the population of the present territory of Vojvodina (1880-1991). Archiviert vom am 26. Mai 2006; abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ a b c d e f Ethnic minorities in Serbia: An Overview OSCE
- ↑ Doroteja Mitrović: Die ethnische Zusammensetzung Serbiens mit besonderer Berücksichtigung der Entwicklung der Minderheitenrechte in verschiedenen Phasen der serbischen Gesichte S. 68
- ↑ Stephan Müller: Gutachten zur Situation in Serbien und Montenegro unter besonderer Berücksichtigung der Situation ethnischer Bosniaken und ethnischer Kroaten sowie von Deserteuren der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee S. 16
- ↑ fuen.org: Demokratski Savez Hrvata u Vojvodini. Abgerufen am 27. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Croatian Minority in the Republic of Serbia. Abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ (PDF) POPULATION AND SETTLEMENTS OF CROATIA. Archiviert vom am 8. April 2023; abgerufen am 27. November 2025 (englisch).
- ↑ Jutarnji list - Koliko je Hrvata zapravo u Srbiji? Žigmanov: 'Popis nije realan, mnogi su se bojali izjasniti!' 10. Mai 2023, abgerufen am 27. November 2025 (hr-hr).
- ↑ U Srbiji gotovo 19.000 Hrvata manje nego 2011. Abgerufen am 27. November 2025 (bosnisch).
- ↑ a b c d e f Damir Magaš: The Geography of Croatia. University of Zadar, 2015, Population and Settlements of Croatia, S. 321 (englisch, researchgate.net).
- ↑ 2011 Census of Population, Households and Dwellings in the Republic of Serbia: Ethnicity. In: Statistical Office of the Republic of Serbia. 29. November 2012, S. 8, abgerufen am 17. März 2018 (englisch).
- ↑ Final results - Ethnicity. In: Statistical Office of the Republic of Serbia. 28. April 2023, abgerufen am 22. Oktober 2023 (englisch).
- ↑ Languages. Abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ Croatians Online: Der 15. Jahrestag des Instituts für die Kultur der Vojvodina-Kroaten wurde gefeiert. In: Croatians Online. 14. April 2024, abgerufen am 27. November 2025.