Kriegsnah ausbilden
Kriegsnah ausbilden ist der Titel eines bebilderten Bundeswehrhandbuches für die Ausbildung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Das vom Heeresamt herausgegebene Handbuch richtete sich „ausschließlich [an] Ausbildungsleiter [...], welche daraus gefechtsnahe Erfahrungen und Lehren ziehen und weitergeben sollen, mit dem Ziel, die Ausbildung unserer jungen Rekruten so zu gestalten, daß sie befähigt werden, im Gefecht zu überleben und sich selbst zu verteidigen“.[1] Bearbeiter des Handbuchs war Oberstleutnant Gerhard Elser.[2] Der Nachfolger des Handbuchs trägt den Titel Einsatznah ausbilden.
Inhalt der Ausgabe von 1985
Die Ausgabe von 1985 ist 217 Seiten stark und gliedert sich in die Teile A bis I, die von einem Inhaltsverzeichnis, einer Einleitung (Seite 2) und einem Verzeichnis der benutzten Quellen (S. 208) eingerahmt werden. Die einzelnen Bestandteile sind A „Kriegsnaher Gefechtsdienst: Kriegswirklichkeit - Kriegsnähe“ (S. 3–13), B „VASE: Verbindung - Aufklärung - Sicherung - Erkundung“ (S. 14–55) mit Unterkapiteln zu den einzelnen Aspekten, C „FAST: Feuerbereitschaft - Auflockern - Schanzen - Tarnen“ (S. 56–98) mit Unterkapiteln zu den einzelnen Aspekten, D „Integrierter Gefechtsdienst“ (S. 99–133) mit den Unterkapiteln zur „Panzerabwehr aller Truppen“, zum „Pionierdienst aller Truppen“, zur „ABC-Abwehr aller Truppen und Selbstschutz“, zur „Fliegerabwehr“, zum „Fernmeldedienst aller Truppen“ und zum „Sanitätsdienst aller Truppen“, E „‚Ununterbrochene Operationen‘“ (S. 134–152) mit Unterkapiteln zu den Themen „24-Stunden-Kampftag“, „Führerdichte“, „Einzelkämpfer“, „Kleine Kampfgemeinschaft“ und „Einheit“, F „Gefechtsdisziplin“ (S. 153–159), G „Panik“ (S. 159–164), H „Fürsorge: FFF“ (S. 165–175) mit Unterkapiteln zu „Feldküche“, „Feldpost“ und „Fronturlaub“ und I „Kampf bei schwierigen Unmweltverhältnissen“ mit den Unterkapiteln Kampf bei eingeschränkter Sicht, bei ungünstigem Wetter und in schwierigem Gelände.
Zweck der Schrift war es laut Einleitung[3] „dem im Ausbildungsdienst seiner Truppengattung erfahrenen Ausbilder zu helfen, die ihm weniger vertrauten Forderungen des Gefechtsdienstes aller Truppen rascher zu verstehen und sicherer zu lösen.“[3]
Der Aufbau der einzelnen Kapitel sollte eine schnelle Orientierung erlauben und gliederte sich in drei Abschnitte und zwar erstens Beispiele, zweitens Bewertung und Lehren sowie drittens Folgerungen, Anregungen und Erfahrungen.[3] Bei den Beispielen handelte es sich um „Auszüge aus Erlebnis- und Erfahrungsberichten des deutschen Heeres im 2. Weltkrieg - keine ‚Beispiele großer Taten‘ auf höheren Führungsebenen, sondern ‚Bilder‘, die den Kriegsalltag begreifbarer machen“.[3] Auch die Folgerungen, Anregungen und Erfahrungen boten Angaben zum Ausbildungsverlauf sowie zu taktischen und Ausbildungserfahrungen aus dem 2. Weltkrieg, wie es in der Einleitung hieß.[3] Durch beigestellte eingeklammerte Zahlen mit vorangestelltem Q konnte man die Quellen im beigegebenen Quellenverzeichnis auffinden.[3] Merksätze sind in grünen Kästen beigegeben.[3]
Beispiele aus dem Inhalt
Im Kapitel „Panzerabwehr aller Truppen“ finden sich z. B. folgende Beispiele:
- „(38) Gefahr nicht erkannt, Gefahr nicht gebannt! ‚Inzwischen rollen die Panzer ungehindert im Dorf herum. Später erfährt man, daß einer der Panzer in die gerade geschlossen anmarschierende Sanitätskompanie, die ihn für einen deutschen Jagdpanzer hielt, hineinfuhr und eine größere Anzahl Ausfälle verursachte.‘ (Q 90, S. 57)“[4]
Oder auch:
- „(40) Wer läuft, stirbt! ‚Die Panzergeräusche nehmen an Lautstärke zu. Keine 200 m entfernt tauchen zwei Panzer auf. Weitere Panzer folgen rechts und links rückwärts durch die Gärten. Hin und wieder knallt eine Granate die Straße entlang oder rattert ein MG. In Kürze werden die Panzer den Regimentsgefechtsstand erreicht haben. Da panzerbrechende Waffen fehlen, kann man nach dem im Ostfeldzug bewährten Rezept nur in den Häusern verschwinden. Feindliche Infanterie ist gottlob nicht zu sehen.‘ (Q 55, S. 82f)“[5]
Im Kapitel „Kampfgemeinschaft“ wird als Beispiel gebracht:
- „(74) Vorgeschobener Beobachter im feindlichen Einbruchsraum ‚Nachdem er sich von den Feindpanzern überrollen lassen hat, lenkt Lt. S. die Feuerzusammenfassungen des Regiments in die Massen der Feindinfanterie. Überall kämpft und stirbt deutsche Infanterie. Lt. S. und sein Funker stehen noch in ihrem Panzerdeckungsloch, als es um sie herum schon stundenlang keine deutsche Infanterie mehr gibt. Um 1630 Uhr meldet der Regimentsfunker: „Lt. S. antwortet nicht mehr!“ Am nächsten Morgen finden wir die beiden tot.‘ (Q 73, S. 273f)“[6]
Als Lehre wird auf der Folgeseite dann u. a. formuliert:
- „Diese Beispiel zeigt den Einfluß kleiner Kampfgemeinschaften auf den Verlauf des Gefechts, auf Erfolg und Mißerfolg. Von ihrer Einsatzbereitschaft - bis hin zur Opferbereitschaft - hängt oft das Schicksal ganzer Einheiten und Verbände ab.
Daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Deshalb ist die Truppe so zu erziehen, daß sie ihre Aufträge auch unter schwierigen Verhältnissen zuverlässig erfüllt.
Lehre: Im Gefechtsdienst zur Pflichttreue erziehen.“[7]
Im Kapitel „Gefechtsdisziplin“ wird als Beispiel gebracht:
- „(80) Feuerkampf ‚Am Waldrand begannen Maschinengewehre zu rattern. Der MG-Schütze 1 sank mit einem Kopfschuß zusammen. Man zog ihn zur Seite und wie bei einer Friedensübung legte sich der nächste Schütze hinter die Waffe und schoß weiter. Aber auch diesem ging es wie dem ersten. Erst dem dritten gelang es, den Gegner zum Schweigen zu bringen. Kein Wort fiel bei diesem Schützenwechsel.‘ (Q 48, S. 44)“[8]
Auf der Folgeseite wird als Lehre abgeleitet:
- „Auch das ist Gefechtsdisziplin: Für den verwundeten oder gefallen Kameraden ‚in die Bresche‘ zu springen. Platz und Auftrag des ausgefallenen Richtschützen oder Ladekanoniers, Bergepanzerfahrers oder Störungssuchers selbständig zu übernehmen.
Lehre: Kleine Kampfgemeinschaften so ausbilden und erziehen, daß jeder kurzfristig den Auftrag des Vorder- und Nebenmanns erfüllen kann.“[9]
Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Kelly und der Fraktion die Grünen 1987
Auf die kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Petra Kelly (Die Grünen) und ihrer grünen Fraktion antwortete der Parlamentarische Staatssekretär, Peter Kurt Würzbach, beim Bundesminister der Verteidigung, Manfred Wörner, mit Schreiben am 22. Juni 1987 im Namen der Bundesregierung.[1] Petra Kelly hatte insbesondere die zahlreichen Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die Eingang in das Handbuch gefunden hatten, moniert und hierzu Rückfragen gestellt.[1][10] Die Bundesregierung rechtfertigte die Verwendung der Quellen mit dem Hinweis: „Sie [=die Bundesregierung] vertritt jedoch die Auffassung, daß soldatische Erfahrungen der Vergangenheit für die Ausbildung der Streitkräfte von Bedeutung sein können.“[1]
Weblinks
- Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985. (Internet Archive)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Vgl. Drucksache 11/526 vom 24. Juni 1987 des Deutschen Bundestages in der 11. Wahlperiode.
- ↑ Angegeben auf der Innenseite des Covers ist „Bearbeiter: Oberstlt G. Elser, HA - Abt II 1 (2)“. Die Fachabteilung II im Heeresamt befasste sich mit sämtlichen grundsätzlichen und querschnittlichen Ausbildungsangelegenheiten im Heer.
- ↑ a b c d e f g Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 2.
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 100. Q 90 bezieht sich auf Hans Kissel: Gefechte in Rußland 1941-1944. Berlin und Frankfurt 1956.
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 100. Q 55 bezieht sich auf Hans Kissel: Vom Dnjepr zum Dnjestr. Freiburg 1970 (Einzelschriften zur militärischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges 6).
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 148. Q 73 bezieht sich auf Joachim Engelmann und Horst Scheibert: Deutsche Artillerie 1934-1945. Limburg 1974.
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 149.
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 154. Q 48 bezieht sich auf Hans Kissel: Angriff einer Infanterie-Division. Heidelberg 1958 (Die Wehrmacht im Kampf 16).
- ↑ Vgl. Kriegsnah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Bearbeitet durch Oberstleutnant Gerhard Elser. Hrsg. durch das Heeresamt. O. O. 1985, S. 155.
- ↑ Vgl. auch Dirk Asendorpf: „Kriegsnah ausbilden“ Handbuch für Unteroffiziere der Bundeswehr ist voll gefüllt mit Merksätzen von der Wehrmacht. In: taz vom 1. September 1987.