Kriegerdenkmal (St. Nazaire)

Das Kriegerdenkmal in St. Nazaire, französisch Monument aux morts, ist ein an der Uferpromenade der westfranzösischen Hafenstadt Saint-Nazaire aufgestelltes, öffentliches Denkmal, das an die Einwohner der Stadt erinnert, die während des Ersten Weltkriegs gefallen sind. Die erste Fassung von 1924 wurde von den Wehrmachtssoldaten des Zweiten Weltkriegs zerstört. Die zweite, aktuelle Fassung schließt die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ein.

Geschichte

Wie in nahezu allen französischen Gemeinden entstand auch in Saint-Nazaire nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Wunsch nach einem öffentlichen Denkmal für die Gefallenen. Der Bau des Monuments ist Teil der landesweiten Erinnerungskultur der Zwischenkriegszeit, die sich in sogenannten monuments aux morts manifestierte und häufig durch kommunale Initiativen und öffentliche Subskriptionen finanziert wurde. Saint-Nazaire hatte im Ersten Weltkrieg eine besondere Bedeutung als wichtiger Hafen für alliierte Truppen- und Materialtransporte, was der lokalen Erinnerungskultur zusätzliches Gewicht verlieh.

Während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurde das Monument aux morts von Saint-Nazaire demontiert und zerstört. Die Bronzeskulpturen wurden entfernt und vermutlich eingeschmolzen, ein Schicksal, das zahlreiche Kriegerdenkmäler im besetzten Frankreich betraf. Das ursprüngliche Monument ging dadurch unwiederbringlich verloren.

Am ehemaligen Standort des Denkmals am Boulevard du Président Wilson – damals Boulevard de l'Océan – erinnert heute kein vollständig erhaltener Monumentalkomplex mehr an das ursprüngliche Bauwerk, aber durch historische Fotografien ist es als Teil der Stadt- und Erinnerungsgeschichte weiterhin präsent.

Weitere Orte für die Aufrechterhaltung der Gedenkkultur sind das von Gertrude Vanderbilt Whitney geschaffene, nahe gelegene Monument américain („Le Sammy“) und das weniger auffällige Denkmal Au soldats et Marins de St Nazaire, Platz Souvenir Français, an der Straßenecke zur Rue Georges Villebois Mareuil, das am 10. Juli 1910 offiziell eingeweiht wurde. Es stellt einen Marinesoldaten mit geschwungener Fahne dar und erinnert an die Soldaten, die für das Vaterland gestorben sind. Die Inschrift lautet: „AUX SOLDATS ET MARINS / DE L’ARRONDISSEMENT DE SAINT-NAZAIRE / MORTS POUR LA PATRIE“. Es wurde von René Philéas Carillon entworfen und von der Bronzegießerei Joseph Malesset gefertigt.[1][2]

Planung und Errichtung

Das ursprüngliche Monument wurde 1924 realisiert. Der architektonische Entwurf stammte von dem Architekten Marcel Chaney, während die figürlichen Skulpturen von dem Bildhauer René Guilleux geschaffen wurden. Ein früherer Entwurf des Bildhauers Siméon Foucault konnte nicht mehr umgesetzt werden, da dieser vor der Ausführung verstarb. In allegorischer Bildersprache erinnerten die architektonisch gefassten Sockelensemble mit Bronzeskulpturen an Opferbereitschaft, Trauer und nationale Erinnerung. Zwei Engel in knöchellangen Gewändern hielten Kränze über ihren Köpfen.[3] Seit dem 17. Jahrhundert wird der Wunsch zu Frieden durch allegorische Figuren symbolisiert.[4]

Typisch für die Gestaltung sind die Verwendung allegorischer Figuren anstatt individueller Porträts, die symmetrische Komposition mit monumentalen Sockeln, Bronze als bevorzugtes Material für figürliche Elemente sowie eine Bildsprache zwischen sakraler Symbolik mit Engeln und Kränzen und „republikanischer Erinnerung“.[5] Kunsthistorisch handelt es sich somit um repräsentative Gedenkbildhauerei, nicht um individuelle Künstlerkunst.[6] Dem Kunsthistoriker François Robichon ist die allegorische Sprache zwar ein „veraltetes Genre, [… ist aber] vor allem sofort verständlich“.[4]

« Les monuments ont dans l’ensemble été marqués par un héroïsme émoussé – souvent teinté de christianisme, dans lequel la défaite avait été refoulée, voire transformée en victoire. Plus important encore était l’affirmation que les soldats tombés seraient ‹ restés invaincus au champ d’honneur ›. Dans tous les camps politiques s’exprimait le besoin de donner du sens à la mort des soldats et la question des monuments investissait les débats et querelles politiques. »

„Die Denkmäler waren insgesamt von einem abgestumpften Heldentum geprägt – oft mit christlichem Einschlag, in dem die Niederlage verdrängt oder sogar in einen Sieg umgewandelt wurde. Noch wichtiger war die Behauptung, dass die gefallenen Soldaten „auf dem Feld der Ehre unbesiegt geblieben“ seien. In allen politischen Lagern wurde das Bedürfnis geäußert, dem Tod der Soldaten einen Sinn zu geben, und die Frage der Denkmäler wurde zum Gegenstand politischer Debatten und Streitigkeiten.“

Gerd Krumeich: La mémoire de la Grande Guerre. Chemins de Mémoire, Ministère des armées, o. J.

Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 67.000 Franc, was dem üblichen finanziellen Rahmen vergleichbarer Denkmäler dieser Zeit entsprach. Die Namen der Gefallenen waren in das Denkmal integriert oder auf zugehörigen Tafeln verzeichnet.[7][8]

Denkmal von 1995

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde am selben Standort erst spät ein neues Monument aux morts errichtet. Das heutige Denkmal ist schlichter als Friedenstaube gestaltet und verzichtet auf monumentale, figürliche Darstellungen in Bronzeguss. An zentralem Ort dient es ebenfalls dem Gedenken für die Gefallenen beider Weltkriege und ist regelmäßig Schauplatz offizieller Gedenkfeiern, insbesondere am 11. November und am 8. Mai. Es wurde von Jean-Paul Moscovino entworfen und 1995 eingeweiht.

Bemerkenswert bei dem neuen Denkmal ist die Abkehr von figürlicher Monumentalität, die Verwendung eines universellen, international anerkannten Friedenssymbols, die ikonographische Vereinfachung der Formgebung und damit einhergehend die Betonung von Frieden und die Mahnung, nicht mehr das Opfer und den Heroismus in den Vordergrund zu stellen.[9]

Das Monument aux morts de Saint-Nazaire ist ein Beispiel für die französische Gedenkarchitektur der 1920er-Jahre und verdeutlicht sowohl die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Stadt als auch den Verlust zahlreicher Kulturgüter durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.

Einzelnachweise

  1. Saint-Nazaire 44600 Loire-Atlantique. Le patrimoine mémoriel des guerres, 2024.
  2. Monument aux soldats et marins de l’arrondissement de Saint-Nazaire – Square du souvenir Français – Saint-Nazaire. e-monumen.net, 5. Juli 2011.
  3. Archives Saint-Nazaire.
  4. a b François Robichon: L’allégorisation de la paix dans l’iconographie française au xxe siècle. In: Alain-René Michel, Robert Vandenbussche (Hrsg.): L’idée de paix en France et ses représentations au xxe siècle, L’Institut de recherches historiques du Septentrion, 2001, S. 263–278.
  5. s. dazu auch die Ausführungen der Französischen Literaturwissenschaftlerin Claire Gheerardyn zu dem Gussmaterial Bronze im Vergleich zu Marmor: La Statue dans la ville: littératures européennes, russes et américaines à la rencontre des monuments (XIXe - XXIe siècles). Doktorarbeit zur Allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft, Université de Strasbourg, 2015, S. 113–122.
  6. Beatrix Pau: Les monuments aux morts. Chemins de memoire, offizielle französische Gedenk- und Erinnerungsseite des französischen Verteidigungsministeriums.
  7. Monument aux morts de 14-18 – Boulevard du Président Wilson – Saint-Nazaire (fondu).
  8. SAINT-NAZAIRE la ville d’antan. Blogspot.com.
  9. Gerd Krumeich: La mémoire de la Grande Guerre. Chemins de Mémoire, Ministère des armées, o. J.

Koordinaten: 47° 16′ 16″ N, 2° 12′ 25″ W