Kreuzzug der Armen (1309)
Der Kreuzzug der Armen oder einfach der Kreuzzug von 1309 war eine militärische Aktion, die im Frühjahr und Sommer 1309 Angehörige der unteren Klassen Englands, des Herzogtums Brabant, aus Nordfrankreich und dem deutschen Rheinland unternahmen. Sie reagierten auf einen päpstlichen Aufruf, einen Kreuzzug ins Heilige Land zu unterstützen. Die meist armen Männer schlossen sich einer kleinen professionellen Armee an. Auf dem Wege kam es zu Plünderungen, Verfolgungen von Juden und sie stießen auf den Widerstand lokaler Behörden. Keiner kam am Ende ins Heilige Land, die Expedition wurde zerstreut.
Der Kreuzzug von 1309 darf nicht verwechselt werden mit dem Volkskreuzzug 1096 vor dem Ersten Kreuzzug und wird auch nicht zu den „sieben“ Kreuzzügen gerechnet. Im gleichen Jahr rief der Papst zu zwei weiteren „Expeditionen“ auf, gegen die Mauren in Spanien und gegen die Republik Venedig wegen Territorialstreitigkeiten mit dem Papst, die ebenso als „Kreuzzüge“ gesehen werden können.[1] Der Historiker Norman Cohn zieht eine Linie zu weiteren sozialen Massenbewegungen wie dem Hirtenkreuzzug von 1251 und dem der Pastorellen 1320, zu deren Ursachen immer eine breite Hungersnot gehört und die sich gegen die Reichen, die Juden und am Ende den Klerus gerichtet hätten. Ein ideologischer Chiliasmus habe die Kreuzzugsidee den Armen übergeben.[2]
Predigen für einen Kreuzzug
Der Kreuzzug der Armen war die erste volkstümliche Reaktion, um den Kreuzzug nach dem Fall der Kreuzfahrerstaaten in Akkon zu unterstützen, der letzten verbliebenen Stadt des Königreichs Jerusalem, die 1291 an die Mamluken fiel. Im August 1308 rief Papst Clemens V. dazu auf, für einen Kreuzzug gegen die Mamluken im Frühjahr 1309 zu predigen. Der Orden der Hospitalier leitete eine kleine vorläufige Expedition Anfang 1309 und verschob den Kreuzzug auf den Herbst. Im Juni und Juli 1309 schickte Clemens Briefe, um die Bischöfe zu erinnern, den Kreuzzug nördlich der Alpen zu predigen, die aber nur Gelder und Gebete anfordern und zur Teilnahme ermutigen sollten. Den Geldspendern wurden Ablässe angeboten.
Bereits im Frühjahr 1309 hatten die Prediger eine intensive Kreuzzugbewegung erweckt. Große Gruppen ermutigter Kreuzfahrer – Zehntausende nach einigen Berichten – begannen, zum päpstlichen Hof von Avignon zu marschieren. Dorthin war der Sitz des Papstes in diesem Jahr verlagert worden. Diese Männer hatten „das Kreuz genommen“, das heißt, Kreuze auf ihre Kleider genäht, in Nachahmung der ersten Kreuzfahrer, auch wenn die Bischöfe ihre Teilnahme ablehnten. Die Quellen der durchweg feindlichen Chroniken, insbesondere die Annalen von Gent, sind sich einig, dass die Mehrheit arm war: landlose Bauern, Landarbeiter und unterbeschäftigte Stadthandwerker. Wenige wohlhabendere deutsche Bürger und einige Ritter nahmen teil, aber der hohe Adel war nicht vertreten. Auch einige Frauen schlossen sich an.
Inoffizieller Kreuzzug
Die armen Kreuzfahrer nannten sich selbst die „Brüder des Kreuzes“ und betrachteten sich anscheinend als eine Art eigener militärischer Ordnung. Die Chronisten betonen jedoch, dass die Bewegung keinen Führer hatte. Viele arme Leute waren unterwegs auf Wohltätigkeit angewiesen, griffen in hohem Maße auch zu Diebstahl und Plünderungen.
Dabei wurden die Juden zu einem bevorzugten Ziel. Mehr als 100 Juden wurden getötet, die in der Burg von Born im Herzogtum Gelderland Zuflucht suchten. Die Juden von Löwen und Tienen wurden bedroht und flüchteten in das Schloss Genappe in Brabant. Gegen die Belagerer schickte Herzog Johann II. von Brabant zum Schutz eine Armee, um sie zu vertreiben, und sie erlitten schwere Verluste im Kampf mit den herzoglichen Truppen.
Endlich kamen trotz mangelnder Führung bis etwa 40.000 Kreuzfahrer nach Avignon oder Marseille. Die „Brüder“ baten Papst Clemens, die geplante Expedition zu einem vollständigen Kreuzzug zu erheben, um ihre Handlungen zu legitimieren und ihnen zu erlauben, ihre Gelübde zu erfüllen. Stattdessen gewährte Clement am 25. Juli jedem Deutschen, der das Kreuz genommen hatte, und jedem, der ein solches Kreuz finanziert hatte, einen 100-jährigen Ablass. Wegen des Mangels an Schiffen konnte aber keiner sein Gelübde erfüllen, ins Heilige Land zu ziehen. Die Johanniter weigerten sich entschieden teilzunehmen. Orientierungslos löste sich der Haufen auf, sie kehrten einfach „in Verwirrung in ihre eigenen Häuser zurück“.
Offizieller Kreuzzug
Am 4. November 1309 gab Papst Clemens zu, dass die Expedition nicht ins Heilige Land gehen, statt dessen Zypern verteidigt und das Handelsverbot mit Muslimen unter den Katholiken durchgesetzt werden sollte. Die offizielle Expedition war bereit, im Januar 1310 vom italienischen Hafen Brindisi aus abzusegeln, wurde aber durch schlechtes Wetter bis zum Frühling verhindert. Geführt vom Großmeister Foulques de Villaret und einem päpstlichen Legaten, bestand die Truppe aus 26 Galeeren (darunter einige aus Genua), bis zu 300 Rittern und etwa 3000 Infanteristen. Anstatt ins Heilige Land zu fahren, landete die Flotte auf der byzantinischen Insel Rhodos. Am 13. Mai schickte Villaret eine Friedensbotschaft nach Venedig. Die Kreuzfahrerarmee nahm an der letzten Eroberung der Stadt Rhodos teil. Die Johanniter machten die Insel zu ihrem Hauptsitz.
Literatur
- Gary Dickson: Crusade of 1309, in: Alan V. Murray (red.): The Crusades. An Encyclopedia, 2017, Bd. 1, p. 311–13
- Gábor Bradács; Crusade of the Poor (1309), in: Jeffrey M. Shaw en Timothy J. Demy (red.): War and Religion. An Encyclopedia of Faith and Conflict, 2017, Bd. 1, p. 211 f.
- Christopher Tyerman: The world of the Crusades: an illustrated history. Yale University Press, New Haven 2023, ISBN 978-0-300-27421-9., S- 380 ff.[3]
- Christopher Tyerman: Die Kreuzzüge: eine kleine Einführung; mit 8 Karten (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 17058). Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-017058-8.
- Housley, Norman: The Avignon Papacy and the Crusades, 1305–1378. Clarendon, 1986.
Weblinks
- Ludger Thier: Kreuzzugsbemühungen unter Papst Clemens V. (1305–1314). Werl/Westf., D. Coelde, 1973, ISBN 3-87163-100-0 (archive.org [abgerufen am 2. Januar 2026]).
Einzelbelege
- ↑ Norman Housley: Pope Clement V and the Crusades of 1309–10, Journal of Medieval History 8 (1982), S, 29–42.
- ↑ Norman Cohn: Das neue irdische Paradies: revolutionärer Millenarismus und mystischer Anarchismus im mittelalterlichen Europa (= Rowohlts Enzyklopädie. Nr. 472). Der Bd. wurde nach der 1970 ersch. Ausg. überarb. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-499-55472-0, S. 110–113.
- ↑ Christopher Tyerman: The World of the Crusades. Yale University Press, 2019, ISBN 978-0-300-24545-5 (google.de [abgerufen am 3. Januar 2026]).