Koro (Psychologie)
| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F48.8[1] | Sonstige neurotische Störungen |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
Koro (malaiisch, etymologisch strittig, vielleicht „schrumpfend“ oder „Schildkröte[nkopf]“) beschreibt eine hauptsächlich in Indonesien und Malaysia vorkommende psychische Störung. Sie besteht in der irrationalen Vorstellung, dass der eigene Penis schrumpfe oder sich in den eigenen Körper zurückziehe und man dadurch sterbe. Eine tatsächliche Penisretraktion, geschweige denn Todesgefahr liegt dabei nicht vor. In China wird diese Störung Suo yang (Mandarin) oder Shuk yang bzw. S[h]ook yong (Kantonesisch, „schrumpfender Penis“) genannt. In der westlichen Welt spricht man vom Syndrom der genitalen Retraktion (SGR) oder vom genital retraction syndrome. Da selbiges eine psychische Störung darstellt und meist als Angststörung aufgefasst wird, findet auch der präzisere Terminus genital-retraction anxiety disorder[2] Verwendung.
Symptomatik
Suo Yang kann mit Bezug auf die äußeren Schamlippen oder die weibliche Brust auch bei Frauen auftreten. In der Regel aber leiden Männer an der Störung. Die Betroffenen reagieren mit Todesangst und weisen hierfür typische Symptome wie Kälteschauer, Blässe, Schwitzen und Unruhe auf. Eine für Koro spezifische Angstreaktion ist das Festhalten oder Ziehen des Penis mit den Händen oder unter Zuhilfenahme spezieller Geräte.
Kultureller Hintergrund
In China gehört zu den Ursachen des Syndroms die Vorstellung, dass das Gleichgewicht von Yin und Yang gestört ist, etwa infolge von als ungesund betrachteten sexuellen Handlungen wie z. B. Geschlechtsverkehr mit Prostituierten, Masturbation, Pollution, und dass diese Faktoren einen Verlust des Yang begünstigen, der das Schrumpfen des Penis nach sich zieht. In Indonesien hingegen tritt Koro ohne sexuelle Dimension auf. Zudem werden dort ausschließlich andere Männer damit beauftragt, die Genesung von der vermeintlichen Krankheit z. B. durch Massagen zu unterstützen, während bei Suo Yang Frauen bevorzugt werden.
Nichtkulturgebundene Formen
Auch in westlichen Ländern treten SGR-artige Phänomene vereinzelt auf. Sie werden etwa als koro-like symptom (KLS) bezeichnet, sofern sich eine Einbettung in spezifische kulturelle Kontexte nicht nachweisen lässt. KLS-Phänomene stellen keine eigenständigen Syndrome dar, sondern sind als Symptome einer psychischen oder somatischen (etwa urologischen) Grunderkrankung aufzufassen oder auf die Wirkung psychotroper Substanzen zurückzuführen. Sie sind für gewöhnlich nicht mit Todesangst verbunden und es werden keine mechanischen Hilfsmittel verwendet, um die befürchtete Retraktion zu unterbinden.
Epidemien
Gelegentlich tritt SGR als Massenphänomen auf, wie es beispielsweise 1967 in Singapur der Fall war. In der Presse wurde damals berichtet, das Fleisch von Schweinen, die gegen Schweinepest geimpft worden waren, löse beim Verzehr genitale Retraktion aus. Es kam nicht nur zum Einbruch des Schweinefleischabsatzes, sondern auch zu hunderten von SGR-Fällen. Der Singapore Medical Association und dem Gesundheitsministerium gelang es schließlich mithilfe der Presse, die Bevölkerung vom irrationalen Charakter der Panik zu überzeugen. Es wurden 469 Fälle dokumentiert.
Auch außerhalb des chinesischen Kulturkreises sind SGR-Epidemien untersucht worden, so 1976 in Thailand (2000 Fälle), 1982 in Indien und 1990 in Nigeria.
Afrika
Die afrikanische Variante des Koro wird auch „Penisdiebstahl“ genannt. Dabei wird behauptet, der Penis sei durch einen anderen „gestohlen“ worden. Dies beruht auf einem Aberglauben, dem die Betroffenen anhängen. Demzufolge wurde ihnen durch Hexerei das Geschlechtsorgan (in der Regel das männliche) entfernt oder verkleinert.
Nigeria
Dies wurde in Lagos, Nigeria Ende Oktober und Anfang November 1990 in Form einer Epidemie beobachtet. Dabei wurden die Betroffenen von Fremden zum Beispiel nach der Uhrzeit oder dem Weg gefragt. Im Anschluss empfanden die Opfer ein Gefühl wie bei einem elektrischen Schlag und anschließender Übelkeit. Es stellt sich das Gefühl ein, der Penis oder die Brüste seien verschwunden. Die Betroffenen riefen laut aus, dass ihnen die Genitalien gestohlen wurden, worauf andere Passanten ebenfalls überprüften, ob ihre Genitalien noch vorhanden seien. Da das Fehlen von Gliedmaßen optisch überprüft werden kann, wurde im Anschluss der Überprüfung behauptet, es handele sich um einen "Geisterpenis" oder er sei wieder zurückgekehrt (teils verändert). Dies Phänomen führte über 2 Wochen zu Paniken im Land, bei denen auch vermeintliche Diebe gelyncht wurden.[3] Das Phänomen ist nicht neu in Nigeria. Es wird auch eine Epidemie des Penisdiebstahls zwischen 1975 und 1977 Nigeria beschrieben.[4]
Demokratische Republik Kongo
In der Demokratischen Republik Kongo wurden am 6. Oktober 2025 in Ilambi, Isangi 2 Ärzte bei lebendigem Leib verbrannt, nach dem verbreitet wurde sie hätten durch einfachen Kontakt Genitalien gestohlen. Laut Gemeindeleitern in Ilambi dachte die Bevölkerung, die beiden Ärzte würden "verdächtige Ringe" tragen und Parfüms verwenden, die als magisch gelten. Am gleichen Tag wurden zwei weitere Ärzte in Yafira (Isangi) unter ähnlichen Bedingungen getötet. Ein weiterer entkam verletzt. In den Monaten davor wurden in der Provinz Tshopo mindestens neun Menschen wegen des gleichen Gerüchts getötet. Ähnliches ereignete sich in Bumba, Basoko und Yahuma, wo angebliche "voleurs de sexe" von der Menge hingerichtet wurden.[5] Es gab bereits 2008 in der Demokratischen Republik Kongo einen Ausbruch von angeblichem Penisdiebstahl.
Weitere Ereignisse
Dieser Aberglaube wird in mehreren Regionen Afrikas beschrieben: Die nigerianische Epidemie der 1990er Jahre verbreitete sich auf Kamerun, Ghana, die Elfenbeinküste und Senegal. Im Jahr 2003 gab es ähnliche Ereignisse im Sudan und in Gambia und Anfang 2013 wurden zwei Männer Opfer im Dorf Tiringoulou in der Zentralafrikanischen Republik.[6]
Kategorisierung
Koro und Suo Yang zählen zu den kulturgebundenen Syndromen und sind somit Forschungsgegenstand beispielsweise der Ethnomedizin. In der ICD-10 ist Koro unter F48.8, „Sonstige neurotische Störungen“, eingeordnet. Das DSM-IV listet die kulturgebundene SGR-Form als typisches culture-bound syndrome. In der Wissenschaft wird das Syndrom zumeist als Angststörung angesehen, jedoch ist mitunter auch vorgeschlagen worden, es als somatoforme Störung, Wahn, Depersonalisation oder Zwangsstörung zu klassifizieren.
Literatur
- R. W. Freudenmann, C. Schönfeldt-Lecuona: Das Syndrom der genitalen Retraktion aus Sicht der transkulturellen Psychiatrie, in: Der Nervenarzt, Band 76, 2005, S. 569–580.
Weblinks
- Peter J. Guarnaccia, Lloyd H. Rogler: Research on Culture-Bound Syndromes: New Directions, in: American Journal of Psychiatry, Band 156, September 1999, S. 1322–1327.
Einzelnachweise
- ↑ Alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-WHO Version 2019, Band 3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln, 2019, S. 472
- ↑ Wen-Shing Tseng: Handbook of cultural psychiatry. Academic Press, San Diego 2001, S. 217.
- ↑ Magical Penis Loss in Nigeria: Report of a Recent Epidemic of a Koro-Like Syndrome, Januar 1992, abgerufen am 18. Oktober 2025
- ↑ A Mind Dismembered - In search of the magical penis thieves
- ↑ afrik.com - RDC : la province de la Tshopo en proie à la psychose du « vol de sexe », deux médecins brûlés vifs à Isangi, 8. Oktober 2025, abgerufen am 18. Oktober 2025
- ↑ The Basics - The Vanishing Genitalia Epidemics, 15. November 2013, abgerufen am 18. Oktober 2025