Korbfabrik Berthold Lawrenz

Die Korbfabrik Berthold Lawrenz war eine Korbwarenfabrik in Kröpelin, Mecklenburg. Sie stellte bis zu ihrer Schließung 1923/24 unter anderem Strandkörbe in der noch heute populären Form des Zweisitzers her.

Unternehmensgeschichte

Gründung

Der Kaufmann Berthold Ludwig Albert Lawrenz (* 17. November 1872 in Ziegendorf; † 6. März 1943 in Hamburg-Stellingen)[1] eröffnete die Korbfabrik in Kröpelin 1907. Zuvor hatte er in Kröpelin eine Eisen-Handlung und Rohrwaren-Fabrik unter der Firma W. Paust Nachf. sowie seit 1902 eine Acetylenzentrale betrieben.[2] Die Rohrwaren-Fabrik stellte Halbfertigprodukte für Aal-Reusen (Schänrohr) und Bienenkörbe her.[3]

Zur gleichen Zeit wurde der gelernte Korbmacher Franz Schaft (1868–1958) wegen seiner Teilnahme an der Demonstration zum 1. Mai 1907 in Rostock als Mitglied des Holzarbeiterverbands fristlos von seinem bisherigen Arbeitgeber, dem Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann, gekündigt. So stand einer Zusammenarbeit zwischen Schaft und Lawrenz nichts im Wege. Beide kannten sich bereits zuvor durch Korbmachertreffen in Rostock, bei welchen Lawrenz unter anderem Schafts Ideen bezüglich der qualitativen Verbesserung von Strandkörben vernahm und aus ihnen ein Geschäft machen wollte. Im Gegensatz zu Bartelmann strebte Lawrenz eine industrielle Fertigung an.

Standort

Lawrenz kaufte eine heruntergekommene Scheune in der heutigen Dammstraße auf, um in dieser die Werkhalle für die Korbproduktion zu errichten. Für seinen Privatgebrauch baute er einen Wohnbereichstrakt an. Dieser wurde nach Schließung der Korbwarenfabrik abgerissen. Nachdem die Halle bis nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Lazarett und zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt wurde, stand sie für lange Zeit leer, um 1962 zu der noch heute bestehenden katholischen Kirche „Sankt Josef“ umgebaut zu werden.

Personalsituation

Dem Unternehmensgründer und -besitzer Berthold Albrecht Lawrenz unterstanden bis zu 100 Arbeiter, welche sich während des Ersten Weltkriegs aus etwa 30 Angestellten und 70 Kriegsgefangenen zusammensetzten. Diese Arbeiter beaufsichtigte und instruierte Franz Schaft, welcher von 1907 bis 1917 bei Lawrenz als Korbmachermeister tätig war. Als einziger gelernter Korbmacher der Fabrik lernte Schaft die Arbeiter an. Lehrlinge gab es nicht. Trotz aus heutiger Sicht überdurchschnittlich vieler Arbeitsstunden erhielten die Angestellten so wenig Lohn, dass sie gezwungen waren, eine weitere Tätigkeit (z. B. In der Landwirtschaft) auszuführen. Die Kriegsgefangenen erhielten notdürftige Mahlzeiten als Lohn. Die Korbwarenfabrik Berthold Lawrenz galt als reiner Männerbetrieb, abgesehen von der saisonalen Beschäftigung der Weidenschälung, bei welcher nicht nur Fremdarbeiter, sondern nach dem Ersten Weltkrieg auch Flüchtlinge und Flüchtlingsfrauen hinzugezogen wurden.

Niedergang

Infolge der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg ging die Zahl der Aufträge für die Korbwarenfabrik Berthold Lawrenz stark zurück. Aufgrund der finanziellen Lage verließ Lawrenz 1923/24 seine Fabrik, um in Göldenitz (Mecklenburg) mit geringem wirtschaftlichem Erfolg einen Landwirtschaftsbetrieb zu eröffnen. Nach der Schließung arbeitete Korbmachermeister Schaft mit einer privaten Werkstatt in seinem erlernten Beruf weiter.

Produktion

Rohstoff

Als Rohstoff dienten Weidenruten von bis zu 4 cm Durchmesser. Bis der Erste Weltkrieg die Einfuhr unmöglich machte, wurde auch indisches Rohr verwendet[4] Ansonsten kam das Material von der Weidenplantage zwischen Detershagen (Mecklenburg) und Kröpelin.

Produktionsablauf

Jährlich wurden die Weiden im Winter mit Weidenmessern geschnitten, um die Ruten anschließend frisch austreiben zu lassen. Unterschieden wurde in grüne und weiße Weiden. Als grüne Weiden wurden diejenigen bezeichnet, die mit Rinde weiterverarbeitet wurden; diese wurden zur Trocknung horizontal gelagert, während die weißen, also jene Ruten, die geschält werden sollten, vertikal getrocknet wurden. Am Vortag der Verarbeitung wurden die grünen Weiden nur in Bassins eingeweicht, während die weißen Weiden stehend in Bäche eingesetzt wurden, um zu wurzeln, damit die Weidenschäle einfacher erfolgen konnte. Mit Hilfe eines kleinen Dreisterns wurden manche Ruten anschließend in drei Schienen geteilt. Mit diesen Schienen wurden die Körbe ausgeflochten. Die unzerteilten Ruten dienten als Grundgestell, zu welchem sie nach Erhitzung zusammengebogen wurden. Während Strandkörbe auf dem Boden bearbeitet wurden, wurden alle anderen Produkte auf auf Tischen befindlichen Brettern mit einem Pflock befestigt.

Produkte und Absatz

Als Besonderheit galten die Strandkörbe, eine Entwicklung Schafts, welcher 1906 in Rostock seinen Meisterbrief für die Ausarbeitung einer Idee seines Vaters Johann Adolf Schaft erhielt: den Zweisitzer-Strandkorb in Form eines gepolsterten Liegekorbes mit herausziehbaren Fußstützen, kleinen klappbaren Seitentischen sowie Armlehnen. Diese wurden vorwiegend an alle deutschen Ostseebäder zum Verkauf geliefert (dort wiederum wurden sie von Verbänden verliehen), allerdings wurden die begehrten Strandkörbe, von denen in der Korbwarenfabrik Berthold Lawrenz jährlich etwa 100 Stück hergestellt wurden, auch nach Dänemark sowie in die Niederlande exportiert.

Lawrenz erhielt 1910, 1911 und 1913 Patente für Neuentwicklungen Schafts:

  • Nr. 230548 vom 19. Juli 1910; Strandkorb, dadurch gekennzeichnet, daß der Oberbau mittels eines Zapfenlagers, Kugellagers, Rollenlagers oder dergleichn auf dem festehenden UNterbau in achsialer Richtung drehbar angeordent ist.[5]
    • Nr. 232832 vom 13. Oktober 1910; Strandkorb nach Patent 230548, dadurch gekennzeichnet, daß Oberbau und Unterbau starr miteinander verbunden und mittels eines Zapfenlagers (Kugellager, Rollenlager), auf einem feststehenden Untergestell in achsialer Richtung drehbar angeordnet sind, während an der Bodenfläche des Unterteiles Kugeln oder Rollen vorgesehen sind.[6]

Dieser in sich drehbare Korb konnte mit einem Kugellager im Fuß jeweils theoretisch mühelos nach den Wind- und Witterungsbedingungen verstellt werden. Doch in der Praxis erwies sich diese Kreation als untauglich, der feine Seesand setzte sich auf die Schwenkrollen, so dass der Mechanismus recht schnell versagte.[7]

  • Nr. 245905 vom 1. Oktober 1911 Strandkorb, dadurch gekennzeichnet, daß eine oder beide Seitenwände für sich gearbeitet und derart in den Strandkorb eingesetzt sind, daß sie leicht herausgenommen und mittels der an ihnen vorgesehenen Stützfüße als Ruhebetten aufgestellt werden können.[8]
  • Nr. 279674 vom 17. Dezember 1913 Strandkorb mit in verschiedenen Schräglagen einstellbarem Oberteil, dadurch gekennzeichnet, daß der Schwerpunkt des an dem UNterteil angelenkten Oberteiles hinter einer durch die Scharniere gelegten senkrechten Ebene liegt, so daß der Oberteil nach Lösung der Feststellvorrichtung selbsttätig nach hinten überkippt.[9]

Im Ersten Weltkrieg stellte Lawrenz die Produktion um.[10] Nun wurden vor allem runde und viereckige Munitionskörbe für das Militär hergestellt. Des Weiteren wurden runde Weidenkörbe mit zwei Griffen in verschiedenen Größen für Kartoffeln mit einem Fassungsvermögen von 30 bis 150 Pfund Kartoffeln, Lesekörbe für Kartoffeln mit einem Bügel in der Mitte für 20 oder 30 Pfund,[11] Rohrmöbel und Taschen produziert.

Quellen

  • Jochen Schaft: Strandkorb-Erfinder: https://schagepa.de/Strandkorb-Kroepelin, abgerufen am 4. März 2024
  • Peter Gerds: Moderne Strandkörbe aus Kröpelin. In: Ostsee-Zeitung Bad Doberan, 7. Juni 2006
  • Heiko Bergmann: Strandkorb, Bäderdampfer und Feriendienst. Die Geschichte des Bädertourismus in Mecklenburg-Vorpommern. Küsten-Regionalverlag, Ueckermünde 2005, ISBN 3-9809539-1-2, S. 92 f.
  • Mecklenburg im Kriege. Der Heimat und ihren Kämpfern gewidmet von der Mecklenburgischen Zeitung Schwerin. Mecklenburgische Zeitung, 1918, S. 106.

Einzelnachweise

  1. Nach dem Sterbeeintrag, Standesamt Hamburg 07b 179/1943, abgerufen über ancestry.com
  2. Johann Heinrich Vogel, Nikodem Caro, Anton Ludwig: Handbuch für Acetylen in technischer und wissenschaftlicher Hinsicht. Braunschweig: Vieweg 1904, S. 673
  3. Siehe entsprechende Anzeigen in Neue Bienenzeitung 1907, S. VI; Bienenwirtschaftliches Zentralblatt 1907; Allgemeine Fischerei-Zeitung 31 (1906), S. 524
  4. Mecklenburg im Kriege, S. 64
  5. Auszüge aus den Patentschriften 32 (1911), S. 371
  6. Auszüge aus den Patentschriften 32 (1911), S. 889
  7. Horst Prignitz: Vom Badekarren zum Strandkorb. Leipzig 1977, S. 152 f.
  8. Auszüge aus den Patentschriften 33 (1912), S. 977
  9. Auszüge aus den Patentschriften 35 (1914), S. 2208
  10. Mecklenburg im Kriege, S. 64
  11. Siehe die Anzeige in Land und Frau 1 (1917), S. 16

Koordinaten: 54° 4′ 20,5″ N, 11° 47′ 50,7″ O