Konrad Ruthardt
Konrad Ruthardt (* 29. Juli 1906 in Nürtingen; † 24. April 1973 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Physiker. Er wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Walther Gerlach promoviert und war ab 1935 zunächst Leiter des Physikalischen Labors bei W. C. Heraeus in Hanau und nach dem Zweiten Weltkrieg Geschäftsführer und Gesellschafter. Er war für viele damals wichtige Innovationen verantwortlich, für die er 1968 das Verdienstkreuz 1. Klasse erhielt. 1962/1963 war er Präsident des Verbands Deutscher Physikalischer Gesellschaften (VDPG), den er am 11. Oktober 1963 in den Deutsche Physikalische Gesellschaft e. V. (DPG e. V.) überführte.
Leben und Wirken
Konrad Ruthard wurde als Sohn des Präzeptors Gottlob Ruthardt und seiner Ehefrau Sophie, geb. Lieb, geboren. Er begann im Jahr 1924 das Studium der Chemie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und absolvierte dort das 1. Verbandsexamen. Anschließend setzte Ruthardt sein Chemiestudium an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg fort, wo er das 2. Verbandsexamen bei Karl Ziegler absolvierte und in der Folge mit Ziegler einen fortdauernden persönlichen wissenschaftlichen Kontakt pflegte. Im Anschluss an das erfolgreich abgeschlossene Chemiestudium begann Ruthardt das Promotionsstudium der Physik an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen bei Walther Gerlach.
Nachdem Gerlach auf Betreiben von Arnold Sommerfeld dem Ruf auf den Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Nachfolger von Wilhelm Wien gefolgt war, wurde Ruthardt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Chemischen Spektralanalyse an der Ludwig-Maximilians-Universität München von Walther Gerlach mit dem Prädikat summa cum laude zum Dr. phil. promoviert.[1] Auf Empfehlung seines Doktorvaters Walther Gerlach folgte Ruthardt anschließend dem Angebot des Bruders von Walther Gerlach, Werner Gerlach, an der Universität Basel ein Speziallabor der fundamental neuen Analysentechnik der Chemischen Spektralanalyse zum Zweck der forensischen Spurenanalyse aufzubauen. Er nutzte die Spektralanalyse, um Schwermetallvergiftungen nachzuweisen.[2]
Der Erfolg in Basel bewirkte für Ruthardt 1935 ein von ihm akzeptiertes Ersuchen des weiteren Gerlach-Schülers Wilhelm Heinrich Heraeus zur Gründung und Leitung eines entsprechenden physikalischen Labors bei der Firma W. C. Heraeus in Hanau, einem bis heute führenden Unternehmen für Edelmetallprodukte und hochwertige Quarzglaserzeugnisse.[3] Ab 1935 arbeitete Ruthardt als Leiter des Physikalischen Labors auf dem Gebiet der Chemischen Spektralanalyse eng mit Wolfgang Seith zusammen.[4] Gemeinsam veröffentlichten sie in Folge ihrer Zusammenarbeit die Monografie „Chemische Spektralanalyse. Eine Anleitung zur Erlernung und Ausführung von Spektralanalysen im chemischen Laboratorium“*, welche erstmals 1938 vom Springer-Verlag veröffentlicht wurde und bis 1970 in sechs Auflagen sowie in der späteren Überarbeitung durch Walter Rollwagen erschien.[5] Dieses Werk eröffnete der Emissions-Spektralanalyse eine breite Anwendung in Wissenschaft und Technik und führte Ruthardt auf seinem weiteren Berufsweg in seine durch Charles W, Engelhard, Jr geförderte Funktion als Gesellschafter in die Geschäftsleitung der W.C. Heraeus GmbH (1960–1970), der Heraeus Quarzschmelze GmbH (1961–1970) sowie der von ihm mitbegründeten Heraeus Vakuumtechnik GmbH (1965–1970).
Die Geschichte von Heraeus wurde durch Ruthardts Wirken maßgeblich beeinflusst, da er „das für die Firma so wichtige Gebiet der Forschung und Entwicklung“[6] nicht nur übernahm, sondern ausbaute.[7] Insbesondere seine Entscheidung, mehr in die Sondermetallfertigung zu investieren, gehört zu Ruthardts größten Erfolgen.[8] Ruthardts Berufsweg war gekennzeichnet durch 105 Patente überwiegend im Bereich der Edelmetalllegierungen für elektrische Schwachstromkontakte als den essenziellen mechanischen Bauelementen für den in der Nachkriegszeit weltweit stetig steigenden Bedarf in der damaligen Nachrichtentechnik von Telefonie und Telegrafie (Telegramm/Telex).[9] Dies ermöglichte der W.C. Heraeus GmbH unter Führung von Ruthardt herausragende wirtschaftliche Erfolge, denn die Lizenzerträge aus diesen Entwicklungen bildeten für die W.C. Heraeus GmbH nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die finanzielle Basis sowohl für den Wiederaufbau des Stammwerkes der W.C. Heraeus GmbH als auch für die darauffolgende Weiterentwicklung des damals bereits nahezu 100 Jahre alten Familienunternehmens Heraeus zu einem weltweit führenden Edelmetall-Dienstleistungsunternehmen.[10] Das Stammwerk wurde aufgrund der Bombardierungen durch die Royal Air Force in der Nacht zum 19. März 1945 zusammen mit der Innenstadt von Hanau weitestgehend zerstört.[11] Um die von Ruthardt entwickelte Strategie, die über viele Jahrzehnte bei Heraeus intern angesammelten Kenntnisse des Edelmetall-Recyclings auf globaler Ebene als Dienstleistung anzubieten, beauftragte Ruthardt 1969 den Chemiker Dr. Gerhard Mai mit diesem anspruchsvollen Vorhaben auf dem weltweit hochspezialisierten Gebiet der Edelmetallchemie. Dieser entwickelte die chemischen Betriebe von Heraeus in den folgenden Jahren zu einem weltweit operierenden, breit diversifizierten Geschäftsbereich.[12]
In mehreren Quellen findet Ruthardts langjähriges überaus erfolgreiches berufliches Wirken als Brückenbauer zwischen wissenschaftlicher Forschung und industrieller Anwendung Erwähnung.[13] Darüber hinaus legte Ruthardt stets großen Wert auf engen Kontakt mit der Kundschaft, um mit deren Anforderungen und Wünschen vertraut zu sein.[14]
Ruthardt übernahm im Jahr 1961 im Rahmen der Jahrestagung des renommierten damaligen „Verbandes Deutscher Physikalischer Regionalgesellschaften“ in Wien das Präsidentenamt.[15]
Ruthardt transformierte am 11. Oktober 1963 den VDPG in die „Deutsche Physikalische Gesellschaft e.V.“ (DPG e.V.) und wurde dabei stetig unterstützt sowohl durch die o. g., ihm bereits persönlich verbundenen Vertreter der naturwissenschaftlichen Forschung, als auch die Nobelpreisträger Otto Hahn und Werner Heisenberg als auch durch viele führende Persönlichkeiten der deutschen Industrie – nicht zuletzt ist auch sein persönliches Engagement für die in der Industrie tätigen Physiker zu nennen.[16] Die DPG e. V. wurde mit dem Geschäftsführer Karl-Heinrich Riewe aus dem Hause Heraeus gegründet, der als Schriftführer die neue Satzung mit ausgearbeitet hatte. Diese Umstände gaben Ruthardt die Möglichkeit, seinen Förderer Wilhelm Heinrich Heraeus von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen, den Schwerpunkt seiner renommierten Wilhelm und Else Heraeus Stiftung zum Wohle der Physik in Deutschland zukünftig dem DPG e.V. zu widmen und dieser Gesellschaft dadurch eine weltweite Geltung zu ermöglichen.
Ehrungen und Anerkennung
- VDPG-Präsidentschaft von 1962 bis 1963
- Bundestverdienstkreuz 1. Klasse
Vermächtnis
Ruthardts Einfluss lebt in der Weiterentwicklung der Spektroskopie und der Materialwissenschaft bei Heraeus fort. Seine Arbeit hat wesentlich zur Grundlage moderner Analysetechniken beigetragen, die heute in der Industrie genutzt werden.
Familiäres
Ruthardt und seine drei älteren Schwestern aus den Jahren 1890 bis 1895 bilden die zwölfte Generation einer Familie, die urkundlich schon vor 1535 auf der Schwäbischen Alb im Raum Herrenberg und Altdorf ansässig war. Ruthardt war seit 19. November 1938 verheiratet mit Katharina Elisabeth Ruthardt, geb. Grimmeisen, und hatte aus dieser Ehe eine Tochter (Dr. Inge Ruthardt, Chemikerin) und einen Sohn (Dr. Rolf Ruthardt, Chemiker). Ruthardt starb am 30. April 1973 in Frankfurt und wurde im Familiengrab im Waldfriedhof in Nürtingen bestattet.
Schriften
- mit Wolfgang Seith Chemische Spektralanalyse, Springer Verlag 1938, 6. Auflage 1970
Im Jahr 1951 gestaltete Ruthardt eine in Wissenschaft und Wirtschaft vielbeachtete akademische Feier zum 100-jährigen Jubiläum des Unternehmens. Zudem erschien bei Breidenstein die Festschrift „100 Jahre Heraeus Hanau“, in der die Geschichte des Unternehmens dokumentiert wurde.
- Herausgeber: 100 Jahre Heraeus Hanau, Breidenstein 1951
Eigene Werke
- Konrad Ruthardt: Eine wissenschaftlich-technische Festschrift aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Firma W.C. Heraus GmbH. Platinschmelze Hanau. Frankfurt a. M. 1951.
- Konrad Ruthardt, Arthur Schott: Aus dem Arbeitsgebiet ‚Netze‘, In: Konrad Ruthardt: Eine wissenschaftlich-technische Festschrift aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Firma W.C. Heracus GmbH. Platinschmelze Hanau Frankfurt a. M. 1951. S. 158–163.
- Konrad Ruthardt: Die Entwicklung vergütbarer goldhaltiger Palladium Silber-Legierungen. In: Alba, das Ergebnis einer Forschung. Beiträge zur Kenntnis der Edelmetalle als Werkstoffe in der Zahnheilkunde. Leipzig, 1938, S. 9–15.
- Konrad Ruthardt: Die Spektralanalyse in der Edelmetall-Industrie. In: Alba, das Ergebnis einer Forschung. Beiträge zur Kenntnis der Edelmetalle als Werkstoffe in der Zahnheilkunde. Leipzig, 1938, S. 121–127.
- Wolfgang Seith, Konrad Ruthardt, Walter Rollwagen: Chemische Spektralanalyse. Eine Anleitung zur Erlernung und Ausführung von Emissions-Spektralanalysen Berlin u. a. 1970, 6. Auflage.
Literatur
- Karl Ganzhorn: Dr. Konrad Ruthardt. In: Physikalische Blätter, Vol. 29, Ausgabe 8 (August 1973), S. 380–381.
- Otto Heraeus, Fritz Küch: Heraeus: Der Ursprung der deutschen Platinindustrie und die Entwicklung der Platinschmelze W. C. Heraeus G.m.b.H. Hanau. 1851-1951. Heraeus G.m.b.H., Hanau 1951.
- Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus. Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, ISBN 3-492-04333-X
- Ralf Schrank: Heraeus. Ein Familienunternehmen schreibt Geschichte: Von der Einhorn-Apotheke zum Weltkonzern. Piper, München u. a. 2001, ISBN 3-492-04332-1
Weblinks
- DPG: Chronik. https://www.dpg-physik.de/ueber-uns/profil-und-selbstverstaendnis/chronik (abgerufen am 28. Oktober 2025).
- Lebensdaten
Einzelnachweise
- ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60.
- ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60.
- ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60.
- ↑ Ralf Schrank: Heraeus – Ein Familienunternehmen schreibt Industriegeschichte. München 2001, S. 115–117.
Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60. - ↑ Wolfgang Seith, Konrad Ruthardt, Walter Rollwagen: Chemische Spektralanalyse. Eine Anleitung zur Erlernung und Ausführung von Emissions-Spektralanalysen Berlin u. a. 1970, 6. Auflage.
- ↑ Otto Heraeus, Fritz Küch: Heraeus: Der Ursprung der deutschen Platinindustrie und die Entwicklung der Platinschmelze W. C. Heraeus G.m.b.H. Hanau. 1851-1951. Heraeus G.m.b.H., Hanau 1951, S. 28.
- ↑ Otto Heraeus, Fritz Küch: Heraeus: Der Ursprung der deutschen Platinindustrie und die Entwicklung der Platinschmelze W. C. Heraeus G.m.b.H. Hanau. 1851-1951. Heraeus G.m.b.H., Hanau 1951, S. 28.
- ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60, S. 197, S. 356.
- ↑ Ralf Schrank: Heraeus – Ein Familienunternehmen schreibt Industriegeschichte. München 2001, S. 154.
Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 60, S. 197. - ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 197.
Otto Heraeus, Fritz Küch: Heraeus: Der Ursprung der deutschen Platinindustrie und die Entwicklung der Platinschmelze W. C. Heraeus G.m.b.H. Hanau. 1851-1951. Heraeus G.m.b.H., Hanau 1951, S. 28. - ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 197.
Otto Heraeus, Fritz Küch: Heraeus: Der Ursprung der deutschen Platinindustrie und die Entwicklung der Platinschmelze W. C. Heraeus G.m.b.H. Hanau. 1851-1951. Heraeus G.m.b.H., Hanau 1951, S. 28. - ↑ Ralf Schrank: Heraeus – Ein Familienunternehmen schreibt Industriegeschichte. München 2001, S. 214.
- ↑ Karl Ganzhorn: Dr. Konrad Ruthardt. In: Physikalische Blätter, Vol. 29, Ausgabe 8 (August 1973), S. 380.
Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 356. - ↑ Walter Kaiser, Norbert Gilson: Heraeus – Pionier der Werkstofftechnologie. Piper, München u. a. 2001, S. 357.
- ↑ Karl Ganzhorn: Dr. Konrad Ruthardt. In: Physikalische Blätter. Bandf 29, Ausgabe 8 (August 1973), S. 380–381.< br / >DPG: Chronik
- ↑ Karl Ganzhorn: Dr. Konrad Ruthardt. In: Physikalische Blätter, Vol. 29, Ausgabe 8 (August 1973), S. 381.