Komplementäre Führung
Komplementäre Führung (engl. „Complementary Management“) ist ein theoretischer Ansatz der Führung und der Führungsforschung. Das Modell thematisiert die Führung in und von Organisationen. Es integriert unter anderem theoretische Elemente der Geteilten Führung, des Führens als Dienstleistung und aufgabenbezogener Führungsmodelle. Gegenstand ist insbesondere das komplementäre Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure im Führungsprozess.
Begriff
Der Begriff der Komplementären Führung (komplementär = sich gegenseitig ergänzend) leitet sich aus den drei Elementen des Modells ab, die jeweils das komplementäre Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren im Führungsprozess beschreiben.[1]
Als freie Wortschöpfung wird der Begriff der komplementären Führung immer wieder auch in anderen Zusammenhängen gebraucht, um sich ergänzende Führungssachverhalte zu beschreiben, z. B. die kurzfristige versus langfristige Ausrichtung der Führungsarbeit oder Leadership (= persönliche Führung) versus Management (=strukturelle Führung). Bradt[2] sowie Miles/Watkins[3] verwenden den Begriff für die Nutzung komplementärer Stärken und Expertisen von Teammitgliedern.
Modellelemente und führungstheoretische Ansatzpunkte
- Komplementäre Führungsaufgaben: Ausgehend von der Prämisse, dass sich organisationale Führung über ihre Aufgaben am ehesten definieren und gestalten lässt, werden Aufgabenstellungen der Führung beschrieben. Dieser Ansatz steht in der Tradition anderer Aufgabenmodelle der Führung. Im Komplementären Führungsmodell werden strukturelle Führungsaufgaben, die instrumentelle Strukturen auf Ebene jeder Organisationseinheit schaffen, unterschieden von Personalführungsaufgaben, die persönliche Leistungsbedingungen jedes einzelnen Mitarbeiters bzw. jeder einzelnen Mitarbeiterin sichern. Führung wird als Dienstleistung verstanden, welche zugleich eine Unterstützungs- und eine Ordnungsfunktion beinhaltet. Jede Führungsaufgaben ist, in situativ unterschiedlichem Verhältnis, von beiden Funktionen geprägt. Führungstheoretischer Ansatzpunkt dabei sind das Servant Leadership sowie das Konzept des Führens als Dienstleistung
- Komplementäre Führungsrollen: Die Führungsaufgaben obliegen dem Modell zufolge nicht allein der Führungskraft, sondern es wirken verschiedene Rollen am Führungsprozess mit: Mitarbeiter, Kollege Führungskraft, obere Führungskraft und Personalbetreuer. Die Aufgabenteilung kann statisch sein und/oder einer kompensierend-situativen Dynamik folgen. Theoretischer Ansatzpunkt sind hier der Führungsansatz der Geteilten Führung sowie das Ausnahmeprinzip (Management by Exception). Das Komplementäre Führungsmodell beinhaltet ein Primat der Selbstführung der Mitarbeitenden. Nur bei Selbstführungsdefiziten obliegt es der Führungskraft, kompensatorisch einzugreifen. Tut die Führungskraft dies nicht, kompensieren wiederum die Rollen der oberen Führungskraft und/oder des Personalbetreuers.
- Komplementäre Führungsroutinen: Da die Führungsaufgaben (s. o.) lediglich als allgemeine Aufgabenstellungen zu verstehen sind, müssen sie in konkreten Aktivitäten wie Gesprächen, Sitzungen oder Workshops umgesetzt werden. Theoretischer Ansatzpunkt ist hier das etablierte Konzept der Organisationsroutinen. Das Modell unterscheidet hier wiederum Personalführungsroutinen und strukturelle Routinen. Beide zusammen ergeben die Gesamtheit der mit Arbeitszeit zu hinterlegenden Führungstätigkeit.[4]
Einzelnachweise
- ↑ Kaehler, Boris (2025): „Führen als Beruf“; 3. Auflage Springer Gabler, S. 10f.
- ↑ Bradt, George (2012): Lessons In Complementary Leadership From Disney And Coca-Cola; https://www.forbes.com/sites/georgebradt/2012/05/30/lessons-in-complementary-leadership-from-disney-and-coca-cola/
- ↑ Miles, Stephen A./Watkins, Michael D. (2007): The Leadership Team – Complementary Strengths or Conflicting Agendas?; Harvard Business Review April 2007; S. 90–98.
- ↑ Boris Kaehler: Führen als Beruf. 3. Auflage. Springer Gabler, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-662-72187-2.
Literatur
- Kaehler, Boris (2025): „Führen als Beruf“. 3. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler.
- Kaehler, Boris & Grundei, Jens (2025): „Rethinking Management: Theory, Concepts, and Practice“ (S. 129ff.). Cham: Springer Nature.
- Kaehler, Boris (2022): „Complementary Management – A Practice-driven Model of People Management and Leadership in Organizations“. Cham: Springer Nature.
- Kaehler, Boris (2020): „Komplementäre Führung: Ein praxiserprobtes Modell der Personalführung in Organisationen“. 3. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler.
- Kaehler, Boris (2012): „Komplementäre Führung – Ein Beitrag zur Theorie und konzeptionellen Praxis der organisationalen Führung“. Berlin: epubli Verlag/Holtzbrinck.
Weblinks
- [1] – Informations-Website zur Komplementären Führungstheorie