Kliems Festsäle
Kliems Festsäle waren eine Amüsiereinrichtung im alten Berlin an der Hasenheide (im heutigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg) und gehörte zum Restaurant Volksgarten. Die Säle wurden im Jahr 1889 eröffnet und bis in die 1940er Jahre betrieben. Nach langen Jahren der Zwischennutzung, des Umbaus und des Leerstands erwarb ein Investor den Gebäudekomplex Ende der 2010er Jahre und ließ ihn in Anlehnung an das historische Aussehen restaurieren und als Kunst- und Kultureinrichtung 2025 neu eröffnen. Aufgrund mehrfacher massiver Umbauten steht das Objekt nicht unter Denkmalschutz.[1]
Geschichte
Bau und Nutzung als Festsäle
Die Gastronomenfamilie Kliem, Betreiber des Lokals Volksgarten in der Hasenheide 1[2], machte gute Umsätze und vergrößerte ihr Etablissement regelmäßig. Schließlich ließ sie auf dem Hof ihres Wohnhauses in der Straße Hasenheide (Hausnummern 13, 14, 15)[3] ein Bauwerk nach Plänen des Maurermeisters und Architekten A. E. Witting[4] errichten, das sie bei der Eröffnung im Jahr 1889 Kliems Festsäle nannten. Das Unternehmen warb mit „Vereins- und Hochzeits-Saal“, besaß einen Hauptsaal für 50 bis 3000 Personen, einen dahinter gelegenen kleineren Raum[5] für Cabaret sowie Garderoben-, Wasch- und Toilettenräume. Außer Tanzvergnügen fanden in den Sälen auch große Feiern, Boxkämpfe und unterschiedliche Ausstellungen statt oder Zirkuskünstler zeigten hier ihre Kunststücke.[6]
1914 bis 1945: Zwischennutzungen und Umbauten
Im Ersten Weltkrieg und noch darüber hinaus dienten die Räumlichkeiten als Behelfslazarett.[7] Im Oktober 1920 eröffnete Erwin Piscator mit Unterstützung von George Grosz und John Heartfield in Kliems Festsälen das Proletarische Theater als „Bühne der revolutionären Arbeiter Groß-Berlins“.[6] Im April 1921 entzog der Berliner Polizeipräsident dem Theater die Konzession. − In der Folge, in der Zeit der Weimarer Republik und danach wurden Kliems Säle von vielen verschiedenen politischen Organisationen als Treffpunkt benutzt, darunter von der KPD, der SPD, der Gewerkschaftsbewegung und auch von den Nazis.[1] So kam es hier auch zu Saalschlachten, bei denen sogar ein Mensch ums Leben kam.[6] Zu Beginn der 1940er-Jahre, während des Zweiten Weltkriegs diente der große Saal als Lagerplatz für Stahlträger.[7] Das Vorderhaus (Nummer 13) war ein Mietshaus im Privatbesitz, in dem beispielsweise im Jahr 1940 im Adressbuch 15 Mietsparteien ausgewiesen wurden. Einer der damaligen Mieter hieß A. Trzezakowski und ist mit dem Hinweis versehen „Festsäle“.[8] Auch im Jahr 1943 wird Trzezakowski noch als Nutzer oder Betreiber der Festsäle angegeben.
1945 bis 2018
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ ein Privatmann die große Halle zu einem Kino umrüsten, das den Namen Primus-Palast erhielt und fast 1000 Sitzplätze bot.[7] Die Menschen brauchten und wollten zu dieser Zeit Ablenkung vom schwierigen Nachkriegsalltag und dem Leben in der Trümmerwüste.[9] Noch in den 1960er-Jahren gab es hier auch einen Bierausschank.[6] Das Kino schloss im Jahr 1966.[10] Doch auch die Nutzung als Auftrittsort von Politikern wie Ernst Reuter, Louise Schroeder oder Willy Brandt ist aus dieser Zeit dokumentiert.[1] Wie sich zeigt, waren die Festsäle auch 1948 als Musikgaststätte in Nutzung.[11]
Im Jahr 1968 fand ein massiver Eingriff in die Bausubstanz statt: aus den Festsälen entstand nach Entwürfen des Architekten Lothar Busch Europas modernstes Tanz- und Vergnügungscenter Cheetah, im Adressbuch kurz als Cheetah ausgewiesen.[12] Nun traten hier berühmte Musiker wie Pink Floyd, The Drifters, The Searchers, The Tremeloes, Bill Haley, Suzi Quatro und die Scorpions vor großem Publikum auf. Zusätzlich zu den Abendveranstaltungen gab es auch nachmittags eine sehr nachgefragte Teenager-Disco. Im Jahr 1978 wurden Kliems Festsäle trotzdem noch als Veranstaltungsort für eine Rassehundezuchtschau mit Preisvergabe an die aktivsten Vereinsmitglieder genannt.[13] − Nachdem der Senat von Berlin die Jugenddisco 1980 verboten hatte, brachen die Einnahmen des Betreibers ein.
Ab 1983 wurden nach Insolvenz immer wieder der Betreiber und der Name (beispielsweise Joe an der Hasenheide oder Pleasure Dome)[7] gewechselt, trotzdem trat keine finanzielle Besserung ein. Im Jahr 1996 war Schluss mit Auftritten. Es fanden sich Interessenten, die den Ballsaal zu „Europas größter Schwulensauna“ machen wollten, was aber nicht realisiert wurde. Das Bezirksamt, in dessen Eigentum sich die Immobilie zu dieser Zeit befand, schrieb sie schließlich weltweit zum Kauf aus. Im Jahr 2004 ersteigerte der Däne Jörn Taekker das Objekt. Er wollte allen Mietern kündigen, Baureste und das Vorderhaus abreißen lassen und an dieser Stelle einen mehrstöckigen Wohnblock mit Eigentumswohnungen errichten. Aber die Räumlichkeiten waren noch in Nutzung der Firma Urban Industrial, die Vintage-Industrie-Möbelstücke verkaufte.[7][1] In weiteren Räumen hatten sich Bereiche der Deutschen Rentenversicherung eingerichtet.[6] So kam es vorerst nicht zu Veränderungen.
Erwerb durch einen neuen Investor und Umbau zu einem Kunst- und Kulturhaus
Auch nach weiteren Jahren kam es nicht zur Umsetzung der Taekkerschen Pläne: Heiner Wemhöner, ein erfolgreicher Unternehmer und Kunstliebhaber aus Herford, dessen Stiftung zeitgenössische Kunst unterstützt, hatte bis Ende 2024 rund 1700 moderne Kunstwerke gesammelt und möchte diese Kulturschätze einer breiten Öffentlichkeit zugängig machen. Dazu organisierte er immer wieder Wanderausstellungen in verschiedenen deutschen Städten und war mit Teilen seiner Sammlung auch schon in den Osramhöfen in Berlin-Wedding präsent. Dadurch kam ihm womöglich die Idee, einen ständigen Ausstellungsort in der deutschen Hauptstadt einzurichten. Er war also auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. Nachdem Wemhöner die Immobilie Hasenheide 13 im März 2018 besichtigt hatte, gelang es ihm, dem dänischen Investor Jörn Taekker die Gebäude noch vor Beginn der von diesem vorgesehenen Bauarbeiten abzukaufen. Die Mieter des Hauses und das Bezirksamt konnte der Kunstsammler von seinem Nutzungskonzept überzeugen, die bereits erteilte Abrissgenehmigung wurde zurückgezogen. Den bisherigen Mietern versicherte Wemhöner, keinerlei Verdrängungsabsichten zu verfolgen. Schließlich gewann er den Architekten David Chipperfield für die Erstellung der Umbaupläne der ehemaligen Festhalle und für die Ausarbeitung eines Plans für einen modernen Erweiterungsbau. Die Bauarbeiten konnten so schon im Jahr 2020 beginnen.[1] Ende des Jahres 2025 soll die Restaurierung erledigt sein, die Spuren der Vergangenheit einschließlich eines wandhohen Graffitos sollen sichtbar bleiben und ein moderner angepasster Erweiterungsbau entstehen.
Das Kunst- und Kulturhaus soll nach dem Willen Wemhöners ein „offener Ort für zeitgenössische Kunst und Kultur, ein Haus der Erlebnisse, der Inspiration, des Austauschs und der Verständigung“ und schnellstens eröffnet werden.[1]
Beschreibung
Der große, ursprünglich 18 Meter hohe und rund 27 Meter lange Hauptsaal im Hinterhofgebäude ruhte auf einem 3,45 m hohen gemauerten Fundament. Das Bauwerk ist mit einem einfachen recht flachen Pultdach versehen.[7] Der große Saal war nach Entwürfen des Architekten Max Welsch mit Stuck und Gemälden aufwendig ausstaffiert und diente als Ballsaal.[14][7] Die Wandgemälde befanden sich in Halbrundnischen, die mit Vouten versehene Decke wölbte sich über einer riesigen Tanzfläche. Im unteren Bereich der Wände befanden sich hölzerne Paneele, die Wand- und Deckenflächen waren mit Stuckornamenten verziert. An einer Längsseite des Raumes war eine Art Apsis angebaut, in der die Musiker platziert waren, die aber auch mittels Vorhang verdeckt werden konnte und so zu einer Bühne wurde. Von der Decke hingen große mehrstufige Kronleuchter.[7][1]
Schon das Bild der Nutzung in der Nazizeit im Jahr 1939 zeigt, dass die Stuckverzierungen, die Wandgemälde, Wandpaneele und Kronleuchter entfernt worden waren. Bei späteren Umgestaltungen verschwanden schließlich auch die abgerundeten Deckenelemente und die Halbrundnischen. – Nach dem großen Umbau im Jahr 1968 konnten Besucher der Cheetah-Disco die Veranstaltungsräume mittels zweier durch das Vorderhaus geführte Tunnelröhren erreichen. Für den DJ wurde in der Apsis eine ovale Kapsel eingebaut, in welcher er während der Musikpräsentation auch auf und ab fahren konnte.[7] Die Tunnelröhren wurden Ende der 2010er Jahre entfernt und die Eingänge zugemauert bzw. mit Stahltüren verschlossen. Es ist anzunehmen, dass die dort entstandenen Räume nun als Lager dienen.
Von der historischen Bausubstanz des Saalgebäudes waren im Jahr 2024 lediglich Fassadenreste zum Hof sowie einige bemalte Stuckfragmente im Ballsaal vorhanden, beides sollte sorgfältig konserviert werden und sichtbar bleiben.[1]
Literatur
- Philipp Bollmann (Hrsg.), Lothar Uebel: Hasenheide 13.[15]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h Susanne Rost: Mit Vergnügen. Hrsg.: Berliner Zeitung. 2. April 2025, S. 3.
- ↑ Kliem, A. In: Berliner Adreßbuch, 1885, Teil I, S. 500.
- ↑ Kliem, A., Gastwirth, Hasenheide 14, 15. In: Berliner Adreßbuch, 1889, Teil I, S. 560 (1891 wird ein Gastw. Max Kliem unter dieser Adresse angegeben).
- ↑ Witting, A. E., Architekt, Schmidstraße 7, Berlin SO. In: Berliner Adreßbuch, 1889, Teil I, S. 1298.
- ↑ Ansichtskarte Kliems Festsäle, Neuer Saal (nach der Bauhöhe wohl der kleine Saal), gelaufen 1944, abgerufen am 5. August 2025.
- ↑ a b c d e Edith Siepmann: Die Hasenheide 14 & 15; Kreuzberger Chronik. 2015, abgerufen am 5. August 2025.
- ↑ a b c d e f g h i Leseprobe aus Hasenheide 13 − Eine Berliner Vergnügungsstätte im Wandel der Zeiten, mit der Wiedergabe von 15 historischen Fotos, abgerufen am 2. August 2025.
- ↑ Hasenheide 13. In: Berliner Adreßbuch, 1940, Teil I (Das Hofgebäude trug die Nummern 14 und 15 und wird ausgewiesen mit „geh. zu Nr. 13“).
- ↑ Primus-Palast, Hasenheide 13. In: Berliner Adreßbuch, 1960, Teil T, S. 257.
- ↑ Cheetah auf www.rockinberlin.de; abgerufen am 5. August 2025.
- ↑ Im Forum Grammophonplatten werden die Festsäle unter Nr. 19 gelistet; Sammlung von 1948.
- ↑ Cheetah, Hasenheide 13. In: Berliner Adreßbuch, 1970, Teil T, S. 197.
- ↑ Pinscher-Schnauzer-Klub, Ortsgruppe Grunewald: Die Geschichte, abgerufen am 2. August 2025.
- ↑ Welsch, M., Architekt. In: Berliner Adreßbuch, 1891, Teil I, S. 1403.
- ↑ Hasenheide 13, Sammlung Wemhöner, Jovis-Verlag, 2020, ISBN 978-3-86859-650-2.
Koordinaten: 52° 29′ 15,5″ N, 13° 25′ 16,8″ O