Klicklautbuchstabe
ʇ ʖ 𝼋 ʗ ψ
Ein Klicklautbuchstabe ist ein Buchstabe des lateinischen Schriftsystems, der in Orthografien und Lautschriften ausschließlich zur Schreibung von Klicklauten (mit der Zunge gebildeten Schnalzlauten) bestimmt ist (eigenständig oder als Bestandteil eines Digraphen/Trigraphen). Als solche sind für Sprachen des südlichen Afrikas die Schriftzeichen ǀ, ǁ, ǂ und ǃ im Gebrauch.
Verwendung
Die Buchstaben ǀ, ǁ, ǂ und ǃ in Orthografien
Die Klicklautbuchstaben ǀ, ǁ, ǂ und ǃ werden beispielsweise in der Orthografie des Khoekhoegowab[1] und des Juǀ’hoan[2] (Sprache der Juǀ’hoansi) verwendet.
Da Khoekhoegowab eine der Nationalsprachen Namibias ist, finden sich diese Klicklautbuchstaben in Personennamen und geografischen Namen, beispielsweise im Namen des Wahlkreises ǃNamiǂNûs.
Sprachen mit Orthografien, die Klicklautbuchstaben verwenden, verwenden in der Regel mehr als vier Klicklaute. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung wird dann dadurch hergestellt, dass für die einzelnen Laute auch andere Buchstaben (also solche, die auch für andere Laute als Klicklaute verwendet werden können, wenn auch nicht notwendig in derselben Orthografie) oder auch Buchstabenkombinationen (Digraphen, Trigraphen) verwendet werden. Letztere sind zumeist Kombinationen aus einem Klicklautbuchstaben und ein oder zwei Buchstaben des lateinischen Grundalphabets, auch ein Apostroph kann ein Teil davon sein.
Klicklautbuchstaben in Namen von Himmelskörpern
Im Bestreben, bei Namen von Himmelskörpern nicht nur auf die europäische (speziell griechisch-lateinische) Mythologie zurückzugreifen, publizierte die Internationale Astronomische Union (IAU) 2019 für den Zwergplanetenkandidaten (229762) Gǃkúnǁʼhòmdímà diesen Namen aus der Mythologie der Juǀ’hoansi in der Originalschreibweise mit Klicklautbuchstaben.[3]
Klicklautbuchstaben in Lautschriften
Die Buchstaben ǀ, ǁ, ǂ und ǃ sind in gleicher Form auch Bestandteil des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA). Dieses enthält einen weiteren Buchstaben ʘ. Die Kombination des Buchstabens ǃ mit einem speziellen diakritischen Zeichen ist in Unicode als eigenständiges Zeichen 𝼊 enthalten.[4]
Weitere Zeichen (wie ʇ ʖ 𝼋 ʗ ψ) finden sich in historischen Varianten des IPA und bei diversen Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts.
Typografie und Aussehen
Die Grundform der Buchstaben ǀ, ǁ und ǂ ist ein senkrechter Strich, in der Regel in Großbuchstabenhöhe (Versalhöhe) oder leicht höher. Sie ist somit zumeist kürzer als das Schriftzeichen „Senkrechter Strich“ („|“), das in der Regel die Schriftbildhöhe aufweist (also auch die Unterlänge ausfüllt). Sie ist zumeist deutlich dünner als die senkrechten Striche der Großbuchstaben (also eher ein Haarstrich als ein Schattenstrich) und in jedem Fall ohne Serifen. Der Buchstabe ǁ ist eine Verdoppelung der Grundform mit engem Abstand zwischen diesen Strichen, häufig gleich der Strichbreite. Der Buchstabe ǂ wird in der Mitte von zwei parallelen gleich breiten waagerechten Strichen in der gleichen Stärke wie die Grundform gekreuzt. In kursiven Zeichensätzen sind diese Buchstaben gelegentlich, jedoch nicht regelmäßig passend zu den lateinischen Grundbuchstaben geneigt. In Fettschriften bleiben die Zeichen gelegentlich ungefettet.
Der Buchstabe ǃ gleicht fast immer dem Ausrufezeichen, obwohl er ursprünglich als senkrechter Strich mit der gleichen Grundform wie ǀ, ǁ und ǂ konzipiert war, nur mit einem untergesetzten Punkt.[5] Er wird dann auch in kursiven und fetten Varianten einer Schriftart wie das Ausrufezeichen geschrägt und gefettet, selbst wenn dies nicht mit den Buchstaben ǀ, ǁ und ǂ konform geht.
Geschichte
Klicklautbuchstaben für Khoekhoegowab wurden erstmals von Zara Schmelen, der einheimischen Frau des Missionars Heinrich Schmelen, entworfen,[6] die kurz vor ihrem Tod 1831 eine Übersetzung der Evangelien sowie eine Grammatik fertigstellte.[7] Um 1850 wurden sie von dem Missionar und Sprachforscher Johann Georg Krönlein weiterentwickelt[8.1] und von dem Sprachforscher Karl Richard Lepsius[5] verbreitet. In ihrer von Krönlein entwickelten Gestalt war ihre Grundform einheitlich ein einfacher senkrechter Strich in Kleinbuchstabenhöhe (x-Höhe), der bei Verwendung in der für Lautschrift üblichen Kursivschrift in gleicher Weise wie die übrigen Buchstaben schräg geneigt wird. Die Buchstaben ergaben sich dann durch Verdoppelung der Grundform oder durch Hinzufügung eines Punktes unterhalb oder eines kurzen Schrägstriches (ähnlich einem Akut-Akzent) oberhalb. Der senkrechte Strich mit zwei waagerechten Querstrichen wurde 1856 auf einer Konferenz der Rheinischen Missionsgesellschaft vorgeschlagen und ersetzte schnell Lepsius’ senkrechten Strich mit Akut.[9]
1989 wurden die Buchstaben in das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) aufgenommen; dabei ersetzten die Buchstaben ǀ, ǃ, ǁ die vorher dort gebräuchlichen Buchstaben , , .[10][9]
| System | dental | lateral | alve- olar |
palatal | retro- flex |
bi- labial |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Zulu-Klicklautbuchstaben der norwegischen Mission (Schreuder 1850)[11] | ||||||
| Karl Richard Lepsius 1854 (Kleinbuchstaben; Großbuchstaben sind ähnlich)[5] | ||||||
| Carl Jakob Sundevall 1855 (Kleinbuchstaben; Großbuchstaben sind ähnlich)[12] | ||||||
| Daniel Jones 1921: IPA-Klicklautbuchstaben 1921–1989 | 0287 |
0296 |
0297 |
029E |
||
| Clement M. Doke 1925:[13][14] Buchstaben für stimmlose Klicklaute | 0287 |
0296 |
0297 |
1F863 |
03C8 |
|
| Clement M. Doke 1925: Buchstaben für stimmhafte Klicklaute | 0263 |
|||||
| Clement M. Doke 1925: Buchstaben für nasale Klicklaute | ||||||
| Douglas M. Beach 1938:[8] Buchstaben für stimmlose Klicklaute | 0287 |
0296 |
0297 |
1DF0B |
||
| Douglas Beach 1938: Buchstaben für nasale Klicklaute | 1DF0D |
1DF0E |
1DF0F |
1DF0C |
||
| IPA ab 1989 | 01C0 |
01C1 |
01C3 |
01C2 |
1DF0A |
0298 |
Darstellung auf Computersystemen
Die in Orthografien und in IPA verwendeten Klicklautbuchstaben sind sämtlich in Unicode enthalten und lassen sich somit auf aktuellen Computersystemen problemlos darstellen. Bei den Namen einiger Unicode-Zeichen ist zu beachten, dass sie auf einem älteren Verständnis ihrer Artikulation beruhen und ihre Namen daher von der in den 2020er Jahren für die Lautbeschreibung gültigen Terminologie abweichen.[4.1]
| Zeichen | Unicode Codepunkt verlinkt auf den Unicodeblock |
Verwendung | Dezimal- code |
HTML- Entität |
LaTeX[15] | Tastatureingabe mit Belegung E1 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| ǀ | U+01C0 latin letter dental click | IPA: Dentaler Klick | 0448 | \textpipe
|
Alt Gr + k – 1 | |
| ǁ | U+01C1 latin letter lateral click | IPA: Lateraler alveolarer Klick | 0449 | \textdoublepipe
|
Alt Gr + k – 2 | |
| ǂ | U+01C2 latin letter alveolar click | IPA: Palataler Klick (in Abweichung zum Unicode-Zeichennamen)[4] | 0450 | \textdoublebarpipe
|
Alt Gr + k – 3 | |
| ǃ | U+01C3 latin letter retroflex click | IPA: Alveolarer Klick (in Abweichung zum Unicode-Zeichennamen)[4] | 0451 | Alt Gr + k – 4 | ||
| 𝼊 | U+1DF0A latin letter retroflex click with retroflex hook | IPA: Retroflexer Klick[4] | 122634 | |||
| ʘ | U+0298 latin letter bilabial click | IPA: Bilabialer Klick | 0664 | \textbullseye
|
(Alt Gr + r) – f – 5 | |
|
grün markiert: Dieser Buchstabe wird in Rechtschreibungen (u. a. des Khoekhoegowab[1]) verwendet (also auch im Alltagsgebrauch der Sprachgemeinschaften und nicht nur in Lautschriften und sonstigen sprachwissenschaftlichen Zusammenhängen). | ||||||
Tastatureingabe und Buchstabier-Ansage
Auf der erweiterten deutschen Standard-Tastaturbelegung E1 gemäß DIN 2137-01:2023-08 können die in Orthografien verwendeten Klicklautbuchstaben mit der „Unterkomma- und Sprachsonderzeichen-Taste“ (Tastenkombination Alt Gr + k, „k wie Klicklaut“) eingegeben werden, gefolgt von einer Ziffer in Übereinstimmung mit der in DIN 5009 geregelten Buchstabier-Ansage:[16]
- 1 für ǀ („Klicklaut aus einem Strich“; Buchstabier-Ansage „Klick-Eins“),
- 2 für ǁ („Klicklaut aus zwei Strichen“; Buchstabier-Ansage „Klick-Zwo“),
- 3 für ǂ („Klicklaut aus drei Strichen“; Buchstabier-Ansage „Klick-Drei“),
- 4 für ǃ (Buchstabier-Ansage „Klick-Vier“).
Die Vorgängerfassung DIN 2137-01:2018-12 definierte Eingabemöglichkeiten, die sich an der Zeichengestalt orientieren; diese sind laut der Fassung von 2023 weiterhin als zusätzliche Möglichkeit verfügbar. Hier wird ebenfalls zuerst Alt Gr + k eingegeben, gefolgt von:
- ' bzw. " für ǀ bzw. ǁ („Einzel-Hochstrich bzw. Doppelhochstrich für Klicklaut-Einzelstrich bzw. Klicklaut-Doppelstrich“),
- # für ǂ („Zeichen aus vielen Strichen für Klicklautbuchstaben aus vielen Strichen“),
- ! für ǃ („Ausrufezeichen für ähnlichen Klicklautbuchstaben“).
Ersatzdarstellungen
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Staatsmotto im Wappen Südafrikas: Schreibung „!ke e: /xarra //ke“ statt „ǃke e: ǀxarra ǁke“ (ǀXam für „Unterschiedliche Völker vereint“).
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Detail-Scan aus der Bekanntmachung des Wappens Südafrikas mit der Staatsmotto-Schreibweise (2000)[17]
-
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Da die Klicklautbuchstaben nicht auf handelsüblichen Schreibmaschinen verfügbar waren, haben sich Ersatzdarstellungen durch dort verfügbare Zeichen eingebürgert. Die Zeichen ǀ und ǁ werden dabei durch / oder // (einfach oder doppelt geschriebener Schrägstrich) ersatzweise dargestellt. Das Zeichen ǂ wird häufig als = (Gleichheitszeichen), gelegentlich auch als # (Raute) oder im Druck auch als ≠ (mathematisches Ungleichheitszeichen) geschrieben. Das Zeichen ǃ ist ohnehin in üblichen Schriftarten im Druck nicht von dem Ausrufezeichen zu unterscheiden. Diese Ersatzdarstellungen haben sich auch in das Computerzeitalter erhalten, da die Ersatzzeichen (bis auf ≠) im ASCII-Zeichensatz enthalten sind. Besonders auffällig ist die Ersatzdarstellung im Staatsmotto-Text im 2000 gestalteten Wappen Südafrikas.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c Khoekhoegowab: 3ǁî xoaǀgaub = orthography 3. Namibia Publishing House, Windhoek 2002, ISBN 978-99916-0-408-4.
- ↑ Megan Biesele (Hrsg.): Juǀ’hoan Folktales: Transcription and English Translations. A Literacy Primer by and for Youth and Adults of the Juǀ’hoan Community. Victoria, BC, Canada 2009, ISBN 978-1-4269-9809-6.
- ↑ Klicklautbuchstabe in der Small-Body Database des Jet Propulsion Laboratory (englisch). Abgerufen am 4. April 2020.
- ↑ a b c d The Unicode Standard – Version 17.0 – Core Specification – Chapter 7: Europe-I, Modern and Liturgical Scripts – Click Letters. The Unicode Consortium, 9. September 2025, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Zitat: The history of terminology for the place of articulation of clicks listed in the “alveolar” and “palatal” columns has been complicated and confusing. The names of the Unicode characters for these clicks inherited an earlier understanding of articulation.
- ↑ a b c d C. R. Lepsius: Das allgemeine linguistische Alphabet: Grundsätze der Übertragung fremder Schriftsysteme und bisher noch ungeschriebener Sprachen in europäische Buchstaben. Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1855, S. 45–47, Scan in der Google-Buchsuche.
- ↑ Reunion honours an ancestor. IOL (Independent Online, South Africa), 24. September 2014, abgerufen am 6. April 2021.
- ↑ Zara and Hinrich Schmelen. In: Horst Kleinschmidt website. Abgerufen am 6. April 2021. Mit Abbildung einiger Seiten einer Neuauflage ihres Werks.
- ↑ Douglas Martyn Beach: The phonetics of the Hottentot language. W. Heffer & Sons Ltd., London 1938
- ↑ S. 288 ff.
- ↑ a b Johanna Christina Brugman: Segments, Tones and Distribution in Khoekhoe Prosody. (PDF) August 2009, S. 20–21, archiviert vom am 6. März 2019; abgerufen am 25. August 2013 (englisch, Dissertation, Cornell University).
- ↑ Oswin Köhler et al.: The symbols for clicks. In: Journal of the International Phonetic Association (1988) 18:2, Seiten 140–142, doi:10.1017/S0025100300003741.
- ↑ H. P. S. Schreuder: Grammatik for Zulu-Sproget, Christiania 1850, Seite 1, Scan in der Google-Buchsuche
- ↑ Carl J. Sundevall: Om phonetiska bokstäfver. In: Kongliga Svenska vetenskap-akademiens handlingar. Första bandet 1855, 1856. Stockholm 1858, Tabelle hinter S. 92 (schwedisch, archive.org).
- ↑ Clement M. Doke: An outline of the phonetics of the language of the ʗhũ: Bushman of the North-West Kalahari, 1925, Bantu Studies 2:129–166.
- ↑ Clement M. Doke: The phonetics of the Zulu language. Johannesburg: University of the Witwatersrand Press, 1926 (1969)
- ↑ Scott Pakin: The Comprehensive LaTeX Symbol List. (PDF; 32,2 MB) 3. Januar 2024 (englisch, Informationen zur Datei in Wikimedia Commons).
- ↑ DIN 5009:2022-06 Beiblatt 1, Tabelle 1 „Ergänzende Buchstabiertafel für spezielle Anwendungen“
- ↑ Government Gazette – Staatskoerant vol. 218 No. 21131. Regierung Südafrikas, 28. April 2000, archiviert vom am 3. November 2013; abgerufen am 21. März 2020.
- ↑ 2011 Population and Housing Census. Namibia Statistics Agency, 2011, archiviert vom am 24. Februar 2015; abgerufen am 21. März 2020.
- ↑ Government Gazette of the Republic of Namibia No. 6646. 13. Juli 2018, ehemals im (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 21. März 2020. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)