Kleist-Denkmal (Thun)

Das Kleist-Denkmal ist eine Bronzeplastik von Urban Thiersch. Es steht seit 1983 in Thun im Schweizer Kanton Bern. Es erinnert an den deutschen Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777–1811), der sich in den Jahren 1802 und 1803 wiederholt in Thun aufhielt.

Geschichte

Kleist und Thun

Mit dem aberwitzigen Plan, sich in der Schweiz als Bauer niederzulassen, begab sich Kleist im April 1802, mit 24 Jahren, nach Thun, wo er auf der «Delosea-Insel» in der Aare seinen Wohnsitz nahm.[1] Er mietete ein «kleines Häuschen an der Spitze, das wegen seiner Entlegenheit sehr wohlfeil war». «Mädeli», die Tochter eines Fischers, besorgte seine Wirtschaft, indes er an den Dramen Die Familie Schroffenstein und Der zerbrochne Krug arbeitete.[2] Im Juni kehrte er unverrichteter Dinge und krank wieder nach Bern zurück, besuchte die Insel aber noch einmal kurz im Oktober. Nach einem Aufenthalt in Weimar bei Christoph Martin Wieland ging er im August und im September 1803 zum letzten Mal nach Thun, um sein Drama Robert Guiskard, Herzog der Normänner zu vollenden. Im bitteren Bewusstsein der Unmöglichkeit seines Vorhabens reiste er sodann über Genf nach Paris, wo er das Manuskript verbrannte. In Thun entwickelte Kleist möglicherweise auch den Plan für die Tragikomödie Amphitryon. Das Aare-Idyll verarbeitete er später in der Novelle Die Verlobung in St. Domingo.[1] Am 21. November 1811 nahm er sich am Wannsee in Berlin das Leben. Das «Kleisthaus», in dem er seine Thuner Wochen verbracht hatte, musste 1940 abgerissen werden.[2]

Projektierung und Einweihung des Denkmals

Initiant und Stifter des Denkmals war der Augenarzt Friedrich Mehlhose aus Berlin-Zehlendorf. Er gedachte ursprünglich, es der Stadt Berlin zu schenken, um es am Wannsee aufzustellen. Zu seiner Erstellung trat er mit dem Bildhauer Urban Thiersch in Verbindung. Die Behörden bekundeten letztlich aber kein Interesse an der Idee. Über Vermittlung von Marianne Schefold und ihrem Mann, dem Klassischen Archäologen Karl Schefold, der das Antikenmuseum Basel begründet hatte, kam das Denkmal schliesslich in die Schweiz.[3] Im November 1981 fanden in Thun erste Gespräche mit Jiří «Georg» Dolézal statt, der seit 1975 die Städtische Kunstsammlung Thun leitete.[4][3] Die Einweihung fand am 17. September 1983 statt. Die Enthüllungsrede hielt der Kunsthistoriker Michael Stettler.

Beschreibung

Die Plastik ist 1,47 Meter hoch und 1,07 Meter breit.[5] Sie steht nicht, wie bisweilen vermeldet wird, auf dem «Kleist-Inseli», auf dem Kleist gewohnt hat und das sich in Privatbesitz befindet, sondern an der Spitze der vorgelagerten, durch den Schifffahrtskanal gebildeten Halbinsel in der Aare, am Othmar-Schoeck-Weg.

Dargestellt ist der Protagonist aus Kleists letztem Drama Prinz Friedrich von Homburg, wie er in der Eröffnungsszene schlafwandelnd, «mit bloßem Haupt und offner Brust» dasitzt und sich einen Lorbeerkranz windet. Die Statue ist «durch Einfachheit gekennzeichnet, einzig der Lorbeer, die ihn umgreifenden Finger und das Haar werden im Gegensatz zur glatten Oberfläche der Figur besonders betont».[6]

Auf der linken Seite des Postaments stehen zwei Verse aus dem ersten Akt des Stücks, wo Graf Hohenzollern spricht:

«Als ein Nachtwandler, schau, auf jener Bank,
Wohin, im Schlaf, wie du nie glauben wolltest,
Der Mondschein ihn gelockt, beschäftiget,
Sich träumend, seiner eignen Nachwelt gleich,
Den prächtgen Kranz des Ruhmes einzuwinden.»

Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg, 1. Akt, 1. Auftritt, V. 24–28.

Die beiden Verse sind ergänzt durch die Namen des Dargestellten und des Geehrten. Die ursprünglichen Synkopen («eignen», «prächtgen») sind ausgeschrieben («eigenen», «prächtigen»):

«prinz von homburg
sich träumend seiner eigenen nachwelt gleich
den prächtigen kranz des ruhmes einzuwinden
heinrich von kleist
»

Thiersch spielte damit auf die verwehrte Anerkennung Kleists zu Lebzeiten an.[5]

Literatur

  • Renate Böschenstein-Schäfer: Ein Kleist-Denkmal in Thun. In: Kleist-Jahrbuch. 1984, S. 150.
  • Michael Stettler: Kleist in Thun. 17. September 1983. In: Kleist-Jahrbuch. 1984, S. 151–155 (Abdruck der Enthüllungsrede).
  • Stefan Haenni: Scherbenhaufen. Zum 200. Todestag des Dichters Heinrich von Kleist. Gmeiner Verlag, 2011, ISBN 978-3-8392-1193-9, S. 124–126.
Commons: Kleist-Denkmal (Thun) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b Hans-Jürgen Schrader: Heinrich von Kleist. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 11. Januar 2007, abgerufen am 21. September 2025.
  2. a b Jon Keller: Heinrich von Kleist: mit Fischern auf dem Thunersee. In: Thunersee Liebi. 1. Juni 2015, abgerufen am 15. November 2025.
  3. a b Michael Stettler: Kleist in Thun. 17. September 1983. In: Kleist-Jahrbuch. 1984, S. 151–155.
  4. Daniel Ritter: Nachruf: Dolézal prägte die Thuner Kunstszene mit. In: Berner Zeitung. 20. Juli 2021, abgerufen am 21. September 2025.
  5. a b Katrin Sperry: Denkmal für Heinrich von Kleist. Kunstmuseum Thun, abgerufen am 21. September 2025.
  6. Kleist-Denkmal auf dem Kleistinseli in Thun übergeben. In: Der Bund. Band 134, Nr. 219, 19. September 1983, S. 31 (online).

Koordinaten: 46° 45′ 7,9″ N, 7° 38′ 2,6″ O; CH1903: 614931 / 177907