Klaus Vetter (Mediziner)
Klaus Vetter (* 10. September 1946 in Dresden) ist ein deutscher Gynäkologe und Geburtshelfer.
Leben und Wirken
Klaus Vetter studierte Medizin an den Universitäten Frankfurt am Main, Freiburg, Zürich und Heidelberg, wo er 1971 sein Staatsexamen ablegte. 1972 absolvierte er das amerikanische Staatsexamen der Educational Commission for Foreign Medical Graduates (ECFMG). Seine Medizinalassistentenzeit absolvierte Vetter in Gynäkologie und Geburtshilfe in Hanau, in Chirurgie in München, in Psychiatrie an der Karl-Jaspers-Klinik Wehnen und in Innere Medizin in Ulm und erhielt 1973 die Approbation. Von 1973 bis 1976 studierte Klaus Vetter Soziologie, Sozialpsychologie und Psychologie in Zürich. Während dieser Zeit war er intermittierend als Assistenzarzt an der Städtischen Frauenklinik Konstanz unter Hans Frangenheim tätig. 1977 wechselte er als Assistent an das Departement für Frauenheilkunde des Universitätsspitals Zürich. Dort wurde er 1981 zum Oberarzt ernannt, habilitierte sich 1989 und wurde 1989 zum Privatdozenten ernannt. Als Leitender Arzt war er hier noch bis 1990 tätig. Vom 1. Januar 1991 bis zum 30. September 2012 war Klaus Vetter als Nachfolger von Erich Saling Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln. Er wurde zum Wintersemester 1991 an die Freie Universität Berlin umhabilitiert, gehört seit 1995 dem Lehrkörper der Humboldt-Universität zu Berlin an und wurde 1996 zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Von 2004 bis 2006 war Klaus Vetter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und organisierte deren Kongress 2006 in Berlin. Er ist Mitherausgeber der Fachzeitschriften Journal of Perinatal Medicine, Archives of Gynaecology and Obstetrics, Geburtshilfe und Frauenheilkunde, sowie Der Gynäkologe. Vetter ist zudem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Die Hebamme, „Hebammenforum“ und Gynäkologische Praxis. Seit 1999 ist er Sprecher der Nationalen Stillkommission und war von 2005 bis 2007 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), deren zweijährliche Kongresse er zwischen 1999 und 2015 in Berlin ausgerichtet hat. Vetter ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin, der Polnischen Gesellschaft für Gynäkologie und der Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Honorary Fellow des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (FRCOG) und des American College of Obstetricians and Gynecologists (FACOG).
Prozess
Seit dem 23. Oktober 2019 war Klaus Vetter gemeinsam mit der ehemaligen leitenden Oberärztin im Kreißsaal des Klinikums Neukölln Babett Ramsauer[1] wegen Totschlags angeklagt.[2][3][4] Vetter hatte mit Zustimmung der Eltern, während einer komplikationsbeladenen Zwillingsgeburt im Juli 2010, ein Kind mit einer massiven Gehirnschädigung, mit einer Kaliumchlorid-Injektion abgetötet, um dem gesunden Kind eine sichere Geburt zu ermöglichen.
Ab der 34. Woche, besser später, sollte eine Geburt per Kaiserschnitt erfolgen.[5] Die Wehen setzten allerdings bereits in der 32. Woche ein. Daraufhin wurde das eine Kind durch einen Kaiserschnitt geholt und danach das andere mit einer Kaliumchloridspritze getötet. Das Kind, das getötet wurde, ist im OP-Bericht als Totgeburt vermerkt worden.[6] Nach Angaben eines Gutachters wäre es lebensfähig gewesen.[7] Bei ihm wären Behinderungen (motorische Störungen, Lähmungen, Spastiken, deutliche kognitive Einschränkungen) zu erwarten gewesen.[8]
Sämtliche vorherige Therapieversuche waren gescheitert. Die Anklageschrift führt aus, dass die Geburt des nicht-behinderten Kindes bereits abgeschlossen und eine Gefährdung desselben somit ausgeschlossen war. Die Staatsanwaltschaft verneinte daher im vorliegenden Fall einen medizinisch indizierten selektiven Fetozid und warf den beiden Angeklagten gemeinschaftlichen Totschlag vor. Es drohte eine Haftstrafe.
Im Juli 2013 wurde der Fall anonym über ein Internetportal der Polizei gemeldet. Darin behauptet der Verfasser, Mitarbeiter der Klinik zu sein, aus Angst um seinen Arbeitsplatz anonym bleiben zu wollen und bittet die Staatsanwaltschaft zu überprüfen, ob die Klinik gegen Gesetze verstößt. Er fügte den Bericht über den Fall bei. Im März 2015 lag ein Gutachten eines medizinischen Sachverständigen den die Staatsanwaltschaft beauftragt hatte vor. Im Sommer 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Der erste Gutachter schied aus dem Verfahren aus und Ende 2018 lag ein neues Gutachten vor. Oktober 2019 begann der Prozess.[9]
2019 verurteilte die 32. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin Ramsauer, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, Klaus Vetter, zu einem Jahr und neun Monaten. Die Angeklagten haben sich nach Überzeugung des Gerichts des gemeinschaftlich begangenen Totschlags schuldig gemacht. Das Gericht geht davon aus, dass beide wussten, dass es sich rechtlich nicht mehr um einen straffreien Fetozid, sondern um Totschlag handelte. Die mildere Strafe für Ramsauer wurde damit begründet, dass sie die Operation zwar geleitet hatte, Vetter allerdings ihr Vorgesetzter war. Des Weiteren war er bereits im Ruhestand, während ihr der Verlust ihrer Approbation drohte. Von einer Wiederholungsgefahr ging der Richter nicht aus. Beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.[9]
Am 11. November 2020 wurden die Revisionen der Angeklagten vom 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs überwiegend verworfen. Der Schulspruch wegen Totschlags ist damit rechtskräftig. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.[10]
Im Jahr 2022 hat das Berliner Landgericht die Strafen abgemildert. Ramsauer wurde zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt, Klaus Vetter zu einem Jahr und sieben Monaten.[11]
Schriften (Auswahl)
- Quantitative Serum-IgA-Veränderungen bei Kindern. Dissertation, Universität Zürich 1972
- Die Ultraschall-Doppler Untersuchung an der utero-plazento-fetalen Einheit: Eine nichtinvasive Methode zur Erfassung physiologischer und klinisch relevanter pathologischer Veränderungen in der Schwangerschaft. Habilitationsschrift, Universität Zürich 1989
- Dopplersonographie in der Schwangerschaft. Weinheim, Basel 1991, ISBN 3-527-15472-8
- Kinder – zu welchem Preis? Was es bedeutet, Kinder zu haben. Opladen, Wiesbaden 1999, ISBN 3-531-13343-8
- mit Claus Buddeberg: Feminisierung in der Medizin – Chance oder Risiko? Am Beispiel der Frauenheilkunde. Akademos-Verlag, Hamburg 2003, ISBN 3-934410-54-5
- mit Claus Buddeberg: Kopfgeburten: Vorstellungen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Akademos-Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-934410-85-5
Literatur
- Hans Ludwig, Walter Jonat: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe – Vom Programm zur Botschaft. A short history (1886–2008) of the German Society of Gynecology and Obstetrics reviewing its 57 congresses. 2. Auflage 2008. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, ISBN 3-00-009676-0
Weblinks
- Homepage Prof. Dr. Klaus Vetter Website im Moment offline.
Einzelnachweise
- ↑ Vivantes : Unser Team. Abgerufen am 13. November 2025 (deutsch).
- ↑ Prozess um Tötung eines Zwillings: Frauenärzte vor Gericht. Archiviert vom am 5. November 2019; abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Zwilling bei der Geburt totgespritzt. 25. Oktober 2019, abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Klinik-Ärzte spritzten Zwilling im Mutterleib tot – er war wohl nicht lebensfähig - B.Z. – Die Stimme Berlins. 23. Oktober 2019, abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Beschluss des 5. Strafsenats vom 11.11.2020 - 5 StR 256/20 -. Abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Verena Mayer: Tötung eines Zwillings im offenen Uterus: Mildere Strafen für Ärzte. 12. Mai 2022, abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Wiebke Ramm: Urteil im Berliner Zwillings-Prozess: Totschlag im Mutterleib. In: Der Spiegel. 19. November 2019, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 13. November 2025]).
- ↑ Beschluss des 5. Strafsenats vom 11.11.2020 - 5 StR 256/20 -. Abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ a b Wiebke Ramm: Prozess gegen Frauenärzte in Berlin: Ein Leben für ein Leben. In: Der Spiegel. 5. November 2019, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 13. November 2025]).
- ↑ Der Bundesgerichtshof - Presse : Pressemitteilungen aus dem Jahr 2021 - Urteil im Berliner Zwillingsfall überwiegend bestätigt. Archiviert vom am 23. Dezember 2024; abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ Verena Mayer: Tötung eines Zwillings im offenen Uterus: Mildere Strafen für Ärzte. 12. Mai 2022, abgerufen am 13. November 2025.