Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten

Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten ist ein Sachbuch des deutschen Philosophen Hanno Sauer, das 2025 im Münchener Piper Verlag erschien.[1] Darin entwirft er eine Theorie sozialer Klassen unter besonderer Berücksichtigung sozialer Signale. Klassismus wird von ihm als zentrales Element gesellschaftlicher Diskriminierung bestimmt.

Inhalt

Für Sauer ist Klasse „sozial konstruierte Knappheit“. Durch diese Knappheit entstehe eine Rangfolge von Unten bis Oben. Die Position einer Person in dieser Rangfolge werde über ihre Verfügbarkeit der verschiedenen Formen ökonomischen, kulturellen, symbolischen, sozialen, ästhetischen oder moralischen Kapitals bestimmt.[1.1] Die Aufhebung der Klassenunterschiede in einer Gesellschaft der Gleichen hält er für einen unerfüllbaren Traum.[1.2]

Soziale Signale

Sauer beansprucht im Buch für sich, die wichtigsten Einsichten bekannter Klassentheoretiker, besonders Karl Marx, Thorstein Veblen und Pierre Bourdieu, unter Berücksichtigung der neueren Theorie sozialer Signale auf einem höheren Niveau zu präzisieren.[1.1] Seine These ist, dass soziale Klassenhierarchien durch Statuswettbewerbe entstehen, die mit sozialen Signalen ausgetragen werde.[1.3] Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und mit vielen Beispielen zeigt Sauer auf, wie Klassenzugehörigkeit und Stellung in der Statushierarchie signalisiert wird.

In seiner Signaltheorie gibt es vier Klassen: Die Unterschicht (ihre Angehörigen versenden keine Statussignale); die Mittelschicht (Angehörige verwenden Teure Signale); die Obere Mittelschicht (Kontersignale) und die Oberschicht (Vergrabene Signale).[1.4]:

Teure Signale sollen zeigen, dass sich ihr Sender ökonomisch aber auch kulturell mehr leisten kann, als andere. Wohlhabende Menschen investieren viel Zeit und Mühe dafür, ihren Reichtum ostentativ und öffentlich zu präsentieren. Eine frühe Beschreibung davon ist der Geltungskonsum, den Veblen in seiner Theorie der feinen Leute beschreibt.[1.5]

Kontersignale[1.6] sind laut Sauer Signale der Selbstsicherheit, sie bestehen darin, „sich leisten zu können, das teure Signal nicht zu senden.“[1.7]

Vergrabene Signale richten sich an einen kleinen Kreis von Eingeweihten. Es ist ein teures Signal, mit dem man aufzeigt, dass man es sich leisten kann, dass die eigenen teuren Signale nur von wenigen wahrgenommen werden können.[1.7]

Klassismus

Sauer rät, Klassismus wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, denn Klassenungleichheiten und Klassismus seien wichtiger als Rassismus, Sexismus oder Ableismus.[1.1] Klasse sei eine dominante Kategorie, die ethnische oder Geschlechtszugehörigheit zur Nebensache macht.[1.8] Er illustriert: „Klasse sticht »Rasse«, nicht umgekehrt: eine bestens ausgebildete, mit dem »richtigen« Habitus, Kleidungsstil und Akzent ausgestattete Person mit dunkler Hautfarbe, kann ohne Weiteres zur gesellschaftlichen Elite gehören; eine arme, arbeitslose, ungebildete und kulturell nicht versierte Person bleibt Unterschicht, selbst wenn sie weiß und/oder männlich ist.“[1.9]

Er entdeckt in der soziologischen Theoriegeschichte überraschende Elemente des Klassismus, insbesondere in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Besonders Adornos und Horkheimers These von der herrschaftsstabilisierenden Kraft der Kulturindustrie stelle die Wahrheit völlig auf den Kopf. Deren These sei, dass es der Kapitalismus ist, der die breiten Massen ästhetisch verblödet. Die „vulgäre Konsumkultur“ stabilisiere Kapitalismus und Ungerechtigkeit, während die „avantgardistische Elitenkunst“ subversive Sprengkraft in sich berge.[1.10] Tatsächlich sei es genau umgekehrt: „Es sind Mitglieder der sozialen Elite – wie Adorno selbst –, die es sich durch ihre prestigeträchtige Position im sozialökonomischen Gefüge leisten können, einen exklusiven Geschmack für Samuel Beckett und Arnold Schönberg zu kultivieren, der genau die soziale Exklusion und die ungleichen Chancen erzeugt, die von jenen progressiven Kunstformen vorgeblich untergraben werden sollten. Adornos Ästhetik ist durch und durch aretokratische [sic][1.11] Heuchelei, die sich als Verbündeter der Schwachen und Entrechteten ausgibt, während sie diese unter den Bus wirft.“[1.12]

Rezeption

Nicolas Kurzawa lobt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sauer entwickle eine spannende, anregende und ungewöhnliche Lesart sozialer Ungleichheit. Jeder Lebensbereich werde in seiner Analyse diesem zentralen Mechanismus unterworfen, ob nun Religion, Klamotten oder die Vorliebe europäischer Eliten für fades Essen. – Kurzawa mag sich jedoch an manchen Stellen „einhaken“. Zuweilen würden Unterscheidungen verschwimmen, beispielsweise wenn der Autor biologische Muster von Vererbung mit der soziologischen Hartnäckigkeit sozialer Klassen verbinde. Zudem dränge sich der Eindruck auf, ein Mechanismus werde überakzentuiert. „An vielen Stellen ließen sich ganz andere Erklärungen anführen, die vielleicht einen größeren Einfluss haben als der Wettkampf um Status und Prestige.“[2]

Ijoma Mangold entdeckt in seiner Rezension für Die Zeit „köstlichen Stellen“ im Buch, die möglicherweise nicht ganz freiwillig die eigenen Thesen Sauers bestätigen. Es sende „in seiner bescheidwisserischen Art“ permanent selbst massive Distinktionssignale. Obwohl viele von Sauers Überlegungen zwar brillant zusammengefasst seien, aber keineswegs neu, verleihe genau dies dem Buch „eine Art performative Selbstevidenz“.[3]

Matthias Bertsch fasst auf Deutschlandfunk Kultur zusammen, das Buch habe als harsche Kritik an der diskriminierenden Struktur unserer Klassengesellschaft begonnen, ende jedoch fast als Verteidigung derselben. Sauer nenne gute Gründe, warum eine klassenlose Gesellschaft kaum zu erreichen ist, „und dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass er auch nicht wirklich ein Interesse daran hat, aus dem auszusteigen, was er das »zynische Spiel des Sich-Vergleichens« nennt.“[4]

Laut Maurice Weller „gelingt es [...] Sauer nicht, den bisherigen Forschungsstand in der Klassentheorie angemessen zu rekonstruieren, geschweige denn über ihn hinauszugehen“. Dies liege mitunter an sachlichen Fehlern, aber auch dem „aggressiven Antihistorismus’“ Sauers bzw. dem ahistorischen Blickwinkel der analytischen Philosophie sowie dem Fokus auf „Statuswettbewerbe innerhalb der oberen und mittleren Klassen“. Damit habe die „Prekarität, die von vielen gegenwärtig erlebt wird, [laut Sauer] gar keine ökonomische Grundlage“, sondern werde lediglich „eingebildet“.[5]

Auch Fabian Nehring übt in Jacobin deutliche Kritik an Sauers Werk, das Teil des Versuches sei, „den Klassenbegriff von allzu subversiven Inhalten zu befreien und politisch unschädlich zu machen“. So vertrete Sauer verborgen hinter vermeintlich wertschätzend-analytischer Sprache letztlich „erzkonservative Positionen“, deren Klassenbegriff „vollkommen austauschbar“ und ohne Kontextualisierung mit realer Vermögensungleichheit und -umverteilung bleibe. Das Buch biete damit „entgegen dem Untertitel keine Erklärung für die ‚Entstehung von Oben und Unten‘“, sondern naturalisiere die Existenz von Klasse.[6]

In ihrem Podcast Wohlstand für Alle kritisieren Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt das Buch massiv. Sauer stütze die Klassenanalyse stark auf Konsumgewohnheiten, Statussignale und gesellschaftliche Schichten, anstatt die klassischen ökonomischen Produktionsverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit zu untersuchen. Sie werfen ihm vor, seine Theorie sei im Kern konservativ und diene dazu, den gesellschaftlichen Status quo zu bestätigen, indem sie die Unmöglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft postuliere. Sauer argumentiere unter anderem, dass der Wettbewerb selbst bei Überwindung materieller Knappheit lediglich in den Bereich des Symbolischen verlagert würde.[7]

Einzelnachweise

  1. Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten. Piper, München 2025, ISBN 978-3-492-07141-3.
    1. a b c S. 10
    2. S. 30. und S. 317 f.
    3. S. 32
    4. S. 208
    5. S. 40 ff.
    6. S. 50 ff.
    7. a b S. 51
    8. S. 17
    9. S. 18
    10. S. 99 f.
    11. Aretokratie ist eine Wortschöpfung Sauers nach dem altgriechischen Wort für Tugend, Arete. Damit beschreibt er eine Lebensform, die nicht wie die Aristokratie die „(vermeintlich) richtige Herkunft“ betont, sondern die „Zugehörigkeit zu den höchsten gesellschaftlichen Sphären an die richtigen Werte knüpft.“ (S. 118)
    12. S. 100
  2. Nicolas Kurzawa: Kann es eine Welt ohne Eliten geben? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. September 2025.
  3. Ijoma Mangold: Spielt eben doch eine Rolex. In: Die Zeit, 8. September 2025.
  4. Matthias Bertsch: Der Kampf um Prestige, Status und Ansehen. In: Deutschlandfunk Kultur, 2. Oktober 2025.
  5. Maurice Weller: Klassismus- statt Klassenbewusstsein. In: Politik & Ökonomie. 13. Oktober 2025, abgerufen am 12. November 2025.
  6. Fabian Nehring: Klassismustheorie von rechts. In: Jacobin. 23. Oktober 2025, abgerufen am 23. Oktober 2025.
  7. Wohlstand für alle (Hrsg.): Hanno Sauer: Wenn Reiche über Klasse nachdenken – Ep. 330. [YouTube]. 3. Dezember 2025 (youtube.com).