Kirsten Geisler
Kirsten Geisler (* 1949 in Berlin) ist eine deutsche Medienkünstlerin. Sie lebt in Haarlem, Niederlande, und in Berlin.
Leben
Geisler studierte von 1985 bis 1989 an der „Gerrit Rietveld Academie“ und 1991 bis 1993 zwei Jahre postakademisch an der „Rijksakademie van beeldende kunsten“ in Amsterdam. Sie ist Gründungsmitglied des Grafischen Ateliers in Haarlem[1] sowie von medi@haarlem, dem ersten Niederländischen Institut für Medienkunst in Haarlem, von 1992 bis 2004 auch dessen Vorsitzende. Seit 2000 kreiert und realisiert Kirsten Geisler architektonische und innenarchitektonische Projekte im In- und Ausland.
Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe übernahm 2023 mit mehr als dreißig computeranimierten, interaktiven Installationen das künstlerische Œuvre von Kirsten Geisler. Ihre mehrere Schaffensphasen umfassende Pionierleistung auf dem Gebiet computergenerierter 3D-Skulpturen wird dort von der Medienrestaurierung und dem Labor für antiquierte Videosysteme erstmals konservatorisch aufbereitet und langzeitarchiviert.
Werk
Kirsten Geisler beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Schnittstelle von Materialität und Immaterialität, von realer und virtueller Welt.[1] Sie thematisiert, wie diese Welten zunehmend ineinanderfließen. Kirsten Geisler entwickelt virtuelle Skulpturen mit Hilfe der 3D-Technologie.
Ihre frühen Bodypaintings (My body as palet, 1991) sowie ihre mit thermografischer Kamera erstellten Selbstporträts (My warmth in absentia, 1992–94) beschäftigen sich mit dem Körper, seiner Materialität, seinen Spuren und seiner medialen Präsenz. Seit den 1990er-Jahren steht die Reflexion gesellschaftlich vermittelter Schönheitsideale, ein artifizieller Schönheitsbegriff, im Zentrum ihres Werks. In ihren Arbeiten setzt sich die Medienkünstlerin mit von den Print-Medien erschaffenen und medial propagierten Leitbildern des körperlich Schönen und Vollkommenen auseinander. Dabei präsentieren sich ihre mittels der 3D-Technologie kreierten Virtual Beauties als ebenso verführerisch wie auch befremdlich und tragen so zur Diskussion bei.
Als erste Medienkünstlerin entwickelte Kirsten Geisler in 3D modellierte Avatare, den homo virtualis (Who are you, 1995–96, in Zusammenarbeit mit der Universität Genf, Prof. Nadja Thalmann). In der Serie Dream of Beauty (1997–2003, in Kooperation mit dem ZKM LAB und einem Fraunhofer-Institut) konfrontiert sie, die Betrachtenden mit einer artifiziell generierten, standardisierten Schönheit. Sie reflektiert das Ringen des Einzelnen um eine Entsprechung seines eigenen Aussehens und Wesens mit ideellen, letztlich fremdbestimmten Vorbildern.
Kirsten Geisler ist neben Lynn Hershman Leeson und Char Davies eine der Pionierinnen der interaktiven Medienkunst. Sie bedient sich innovativer Technik als Instrument für die künstlerische Umsetzung ihrer Themen. In ihren interaktiven Arbeiten treten die Betrachterinnen und die Betrachter mittels komplexer Speech-Processing-Programme (in Kooperation mit Philips Aachen 1996–98) und programmierter Touchscreens (Philips Reseach Eindhoven 1997–99) in Kontakt mit ihren Kunstfiguren. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Dominanz bildhafter und symbolischer Zeichen gegenüber den schriftsprachlichen Zeichen – ursächlich verbunden mit den Entwicklungen neuer Bildmedien und des Computers – zeigt Kirsten Geisler die Diskrepanz zwischen 'natürlichen' und 'künstlichen' Welten auf und stellt ihre Unterscheidbarkeit infrage.
Nach dem homo virtualis (Dream of Beauty) schuf sie mit Virtuarium: die Fliege (musca domestica, virtualis) (2000, in Kooperation mit der TU Groningen, Aerodynamik) eine weitere digitale Kreatur. Die interaktive 3D-Computerinstallation konnte als Beitrag zum Diskurs über die Potentiale und Anmaßungen der Technik gelesen werden: Der Mensch (Künstler) bringt als Schöpfer (Gott) ein Tier (zuvor auch bereits einen Menschen) in Form einer virtuellen Kreatur auf die Welt. Wenn die Betrachtenden den Bildschirm berühren und damit die Fliege animieren und lenken, versetzt sie die Künstlerin in einer Art Reenactment in die Position des Schöpfers, der mit seinem (göttlichen) Fingerzeig Leben schafft.
Who are You
Zu Beginn ihres Schaffens entstanden Gegenüberstellungen von realen und virtuellen Porträts von Frauen wie Who are You?, 1996[2]. Geisler griff damit die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung um das Virtuelle und Digitale sowie die Konstruktion von Identität in einer digital vernetzten Welt auf. In den Arbeiten der Serie Virtual Beauties[3], 1992–1996 erweiterte sich das Repertoire der virtuellen 3-D Charaktere mit der Arbeit Touch Me um die Interaktion mit dem Betrachter. Die Serie thematisiert die Erscheinungsform weiblicher Schönheitsideale und reflektiert den Schönheitswahn in einer digitalisierten und virtualisierten Gesellschaft. Es folgten Arbeiten mit ganzfigurigen, stereotypen Frauenkörpern, wie Dream of Beauty[4], 1997–2000, und Catwalk I -Catwalk II, 2004. Diese virtuellen Models entstanden ohne photographisches Vorbild. Sie sind die Synthese von Idealbildern einer Frau, wie sie uns durch die Medien vermittelt werden. Sie entsprechen den Idealen der Modeindustrie und plastischen Chirurgie. In „Catwalk II“ bewegt sich die Figur wie ein Model auf dem Laufsteg.[5]
Die Weiterentwicklung dieser Serie mit der Version Maya Brush 2011, überwindet die Grenzen zwischen realer Welt und virtueller Welt. Als Kunstfigur bewegt sich Maya Brush in beiden Welten: Erstmals verlässt eine virtuelle Skulptur das Museum und die Kunstinstitutionen, wagt den Schritt ins „reale“ Leben, in die mediale Öffentlichkeit und die globalen Kommunikationsnetzwerke.
Homo Virtualis – Maya Brush
Maya Brush[6] ist eine virtuelle photorealistische Skulptur, die von der Künstlerin Kirsten Geisler von 2008 bis 2011 geschaffen wurde. Sie besteht aus bits und bytes. Maya Brush ist die erste virtuelle Schönheit – ein künstlicher Körper – der sich am menschlichen Schönheitsideal orientiert, ohne jedoch nach einem leiblichen Vorbild kreiert worden zu sein. Als Modell ist sie der Wirklichkeit gewordene Wunschtraum erwünschter medialer Schönheitsvorstellungen. Maya Brush repräsentiert alle globalen Prefab-Girls, die standardisierten und technisch gestalteten Schönheiten, wie sie durch Reklame und Medien propagiert werden. Als Kunstfigur bewegt sich Maya in den verschiedenen On- und Offline-Welten. Erstmals wird eine virtuelle Skulptur das Museum und die Kunstinstitutionen verlassen und den Schritt ins Leben wagen. Die mediale Öffentlichkeit und die globalen Kommunikationsnetzwerke werden ebenso ihr Zuhause sein, wie die Museen, in die sie immer wieder mit ihren Erfahrungen zurückkehrt. Seit ihrer „Geburt“[7] kann die ganze Welt auf Mayas Facebook-Seite[8] miterleben, wie sie den Weg ins reale Leben geht und als erste virtuelle Skulptur die Medien erobert.
Dream of Beauty 2.0
Der Traum von der idealen Schönheit, Dream of Beauty[4] ist noch nicht erfüllt. Was die Ideale sind, vermag niemand zu beantworten, doch wie er sich heute manifestiert, zeigt Kirsten Geisler mit dieser computeranimierten, interaktiven Projektion. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Unterscheidung zwischen einem virtuellen, projizierten Idealbild und der physischen und psychischen Selbstwahrnehmung zunehmend ins Unbewusste sinkt, setzt Kirsten Geisler mit ihrer Arbeit einer artifiziell generierten Schönheit ein. Sie greift damit das Ringen, den Kampf des Einzelnen um eine Entsprechung seines eigenen Aussehens und Wesens mit einem fremdbestimmten und ideellen Vorbild auf.
Ausstellungen (Auswahl)
- 1989: RAI, Amsterdam (NL), “65 Jahre Rietveld Akademie”
- 1991: Frans Hals Museum Haarlem, Vleeshal (NL), “Twintig in de Hallen”
- 1993: Kunstverein Frechen (D), “Internationale Grafik Triennale”
- 1995: Leopold Hoesch Museum, Düren (D), “Erscheinung”
- 1996: Gemeente Museum, Den Haag (NL), “World Wide Video Festival”
- 1997: Kunstverein Konstanz (D), “Das neue Gesicht”
- 1998: Museum Beekestein, Ijmuiden (NL)
- 1999: Kunsthalle Düsseldorf (D), “Heaven”
- 1999: Lehmbruck Museum, Duisburg (D), “Connected Cities”
- 1999: Museum Ludwig, Köln (D), “Video Virtuale Foto Fiktionale”
- 1999: Tate Gallery, Liverpool (GB), “Heaven”
- 2000: Kunstsammlung NRW, Düsseldorf (D), „Ich ist etwas anderes“
- 2000: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (D), „Der anagrammatische Körper“
- 2001: Kunstverein Pforzheim (D), “Cross Female”
- 2001: Stadtmuseum Jena (D), “Virtual Beauties”
- 2002: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (D), „Das Tier in mir“
- 2003: Kunsthalle Nürnberg (D), “Fuckin’ Trendy”
- 2003: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (D), “Internationaler Medienkunstpreis”
- 2003: Museum Escher in het Palais, Den Haag (NL), “Den Haag Sculptuur: Modelvrouwen”
- 2004: Kunsthalle Bremen (D)
- 2004: Kunsthalle Darmstadt (D), „Unter Strom“
- 2005: Stedelijk Museum, Schiedam (NL), “Summer of Beauty”
- 2005: Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León, Leon (E)
- 2006: MNAC – National Museum of Contemporary Art (Muzeul Național de Artă Contemporană), Bukarest (RO), „Dutch Installation Art“
- 2007: Chelsea Art Museum, New York (USA)
- 2007: Mildred Lane Kemper Art Museum[9], Washington (USA), “Interface”
- Museum Villa Rot, Burgrieden (D), „In voller Blüte“
- 2008: Kunstmuseum Bremerhaven (D), „Die Sammlung“
- 2009: Museo Nacional de Bellas Artes, Buenos Aires (AR)
- 2009: Museo de Arte Contemporáneo de Rosario (MACRO), Santa Fe (AR), “HUéSPED”
- 2011: Kumu, Kulturhauptstadt Tallinn: „gateways. Kunst und vernetzte Kultur“
- 2012: Frans Hals Museum, Haarlem (NL), „Maskerade“
- 2012: Museum Morsbroich (D), „Zeitgespenster“
- 2012: Museum Villa Rot, Burgrieden-Rot, „Jäger und Gejagte – Insekten in der Gegenwartskunst“
- 2013: Museum Kruisem (BE), “Shoes or No Shoes”
- 2015: Landesmuseum Linz (AT), „Mythos Schönheit“
- 2019: Kunsthal Rotterdam (NL), “Trouble in Paradies”
- 2020: Kunstverein Bremerhaven (D), „Jubiläums-Sammlungspräsentation“
- 2021: Frans Hals museum, Haarlem (NL), “Miskende Helden”
- 2022: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (D), “Writing the History of Future”[10]
Die Künstlerin wird von den folgenden Galerien vertreten: Galerie Akinci, Amsterdam (NL), Galerie Thomas Schulte, Berlin (D), Galerie Löhrl, Mönchengladbach (D), Galerie Alexander Baumgarten, Bielefeld (D), Galerie Bernard Knaus, Frankfurt (D) und Galerie Thomas von Lintel, NewYork (USA).[11]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Kirsten Geisler. Biografie. In: Medienkunstnetz.
- ↑ Jennifer John: Sage mir nicht wer ich bin. Die Darstellung der Konstruktion von Geschlecht in der zeitgenössischen Kunst. (Seite dauerhaft nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2025. Suche in Webarchiven) Magister Arbeit, Universität Amsterdam, 2002.
- ↑ Mark B.N. Hansen: Affect as Medium, or the `Digital-Facial-Image'. ( vom 24. Oktober 2006 im Internet Archive) Journal of Visual Culture 2003; Nummer 2, S. 205 doi:10.1177/14704129030022004.
- ↑ a b Kirsten Geisler : »Dream of Beauty« In: Medienkunstnetz.
- ↑ René Beekman: Review: Hansen, Mark B.N.: New Philosophy For New Media. The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, 2004 ( vom 18. August 2016 im Internet Archive) In: leonardo.info, 1. Dezember 2004.
- ↑ Katrin Kalden: Maya Brush - a 'Homo Virtualis' developed by Kirsten Geisler. ( vom 18. August 2012 im Internet Archive) In: Infrabodies, 23. Februar 2011.
- ↑ Birth Maya Bush. In: NIMK Amsterdam, 2011.
- ↑ mayabrush2011 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2025. Suche in Webarchiven) (Facebook)
- ↑ Sabine Eckmann, Lutz Koepnick (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2025. Suche in Webarchiven) (PDF; 1,4 MB) WINDOW INTERFACE. Screen Arts and New Media Aesthetics 2, Mildred Lane Kemper Art Museum / Washington University in St. Louis 2007
- ↑ Writing the History of Future. In: zkm.de. Juli 2019, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 1. Dezember 2021; abgerufen am 31. Dezember 2025.
- ↑ Kirsten Geisler. Biografie. In: Samuelis Baumgarte Galerie. Abgerufen am 12. September 2025.