Kirche Am Campus Bockenheim


Die Kirche am Campus Bockenheim ist eine ökumenisch genutzte Kapelle im Studierendenhaus auf dem ehemaligen Hauptcampus der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Sie entstand Anfang der 1950er Jahre im Kontext des universitären Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde als Ort für gottesdienstliche, seelsorgerische und kulturelle Nutzung konzipiert. Die Kapelle gilt als eines der selten erhaltenen Beispiele eines frühen ökumenischen Hochschulgottesdienstraums der Nachkriegszeit.

Seit 1997, nach der Renovierung des Gebäudes, ist sie zudem Veranstaltungsort einer regelmäßig stattfindenden Konzertreihe in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Die farbigen Glasfenster erinnern in ihrer Gestaltung an industriell geprägtes Glas, wie es auch in Werken des Frankfurter Künstlers Hans Leistikow – unter anderem im Frankfurter Dom und im Haus am Dom – verwendet wurde; eine gesicherte Zuschreibung ist jedoch nicht möglich, da die Fenster keine Signatur tragen.

Lage und Architektur

Die Kirche befindet sich im rechten, leicht zurückgesetzten Flügel des vierseitigen Studierendenhauses (Jügelstraße 1) und öffnet sich mit ihrem Kirchenraum in den Innenhof des Gebäudekomplexes. Ein Glockenturm oder äußere Beschilderung fehlen; erkennbar ist die Kapelle vor allem an ihren farbigen Glasfenstern.

Der Entwurf stammt von dem Architekten Otto Apel, der auch das Studierendenhaus plante. Die Ausstattung ist schlicht gehalten und umfasst unter anderem einen Parkettboden, flexible Bestuhlung sowie einen ursprünglich vorgesehenen Altar aus Stein, eine hölzerne Kanzel und ein Harmonium. Die heutigen Buntglasfenster zeigen elementare christliche Symbole wie Ähren, Reben und den Fisch als frühchristliches Erkennungszeichen.

Entstehung und Widmung

Bereits 1949 regten der erste Bundespräsident Theodor Heuss und der damalige amerikanische Hochkommissar John Jay McCloy den Bau eines Hauses für Studierende an, das im geistigen und sozialen Wiederaufbau der jungen Bundesrepublik eine Vorbildfunktion übernehmen sollte. Neben sozialen und kulturellen Einrichtungen war von Beginn an auch ein Raum für seelsorgerische Arbeit vorgesehen.

Am 7. Oktober 1952 schlossen die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und das Bischöfliche Ordinariat Limburg mit der Universität einen Vertrag, der die Kapelle und angrenzende Räume „unbefristet und unentgeltlich“ gottesdienstlichen und gemeindlichen Zwecken widmete. Unterzeichnet wurde der Vertrag unter anderem von Max Horkheimer, damaliger Rektor der Universität, sowie von Martin Niemöller, dem ersten Kirchenpräsidenten der EKHN.

Die offizielle Einweihung des Studierendenhauses erfolgte im Februar 1953; die Kapelle wurde zu Beginn des Sommersemesters 1953 mit einem Abendmahlsgottesdienst eingeweiht.

Kirchliches Leben und frühe Nutzung

Nach der Einweihung der Kapelle zu Beginn des Sommersemesters 1953, die im Rahmen eines Abendmahlsgottesdienstes in kleinerem Kreis durch Pfarrer Böhme erfolgte, entwickelte sich die Kirche am Campus Bockenheim rasch zu einem festen Ort des kirchlichen Lebens für Studierende. In den folgenden Jahren fanden regelmäßig sonntägliche Gottesdienste sowie Gemeindeabende der Evangelische Studierendengemeinde (ESG) statt, an denen je nach Semesterzeit zwischen etwa 50 und 100 Personen teilnahmen.

Für größere Anlässe, insbesondere die Semestereröffnungsgottesdienste, erwies sich der Kirchenraum als zu klein, sodass diese weiterhin in der Alte Nikolaikirche am Römerberg gefeiert wurden.

Im Wintersemester 1963/64 zog die Evangelische Studierendengemeinde in das neu errichtete Studentenwohnheim in der Lessingstraße 2 im Frankfurter Westend um. Die Gemeindeabende fanden fortan im dortigen Dietrich-Bonhoeffer-Haus statt und gewannen zunehmend an Bedeutung, auch durch die Beteiligung zahlreicher Professoren der Goethe-Universität, was zu einem deutlichen Anstieg der Besucherzahlen führte. Die sonntäglichen Gottesdienste wurden weiterhin in der Kirche am Campus Bockenheim in der Jügelstraße gefeiert.

Konzertreihe und kulturelle Öffnung

Einen neuen Schwerpunkt erhielt die Kirche am Campus ab 1997 mit der Gründung einer regelmäßigen Konzertreihe. Initiiert wurde diese vom damaligen Studierendenpfarrer Eugen Eckert in Kooperation mit der Katholische Hochschulgemeinde (KHG) und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Anlass waren Klagen von Studierenden über fehlende Auftrittsmöglichkeiten außerhalb des Hochschulbetriebs.

Seither finden jährlich rund 20 Konzerte mit Studierenden und Lehrenden der Musikhochschule statt. Die Konzerte sind öffentlich zugänglich und haben sich zu einem festen Bestandteil des Frankfurter Musiklebens entwickelt. Bis 2011 wurden über 300 Konzerte veranstaltet, bis 2020 waren es mehr als 500, mit mehreren hundert beteiligten Musikerinnen und Musikern sowie insgesamt mehreren zehntausend Zuhörerinnen und Zuhörern.

Zahlreiche später international tätige Musikerinnen und Musiker traten hier früh in ihrer Laufbahn auf, darunter Guoda Gedvilaite und Eugenia Rubinova.

Denkmalpflegerische Bedeutung

Aufgrund ihrer Entstehungszeit, ihrer ökumenischen Konzeption und der flexiblen Nutzung wurde die Kirche am Campus Bockenheim 2013 in die Dokumentation Nachkriegskirchen in Frankfurt (1945–1976) des Landesamts für Denkmalpflege Hessen aufgenommen. Sie gilt als selten erhaltenes Beispiel eines Hochschulgottesdienstraums der frühen Nachkriegsmoderne.

Entwicklung seit 2017 und heutige Nutzung

Nach dem Weggang von Eugen Eckert im Jahr 2016 übernahm ab 2017 Sabine Rupp die Konzeption, Planung und Durchführung der Konzertreihe. In den folgenden Jahren kam es zu organisatorischen Veränderungen, unter anderem zur Rückgabe der Kapelle und der Büroräume an die Universität; die Koordination der Konzertreihe sowie die Raumvergabe werden seither von Sabine Rupp ehrenamtlich fortgeführt.

Die Kapelle wird bis heute vielfältig genutzt: Neben den Konzerten finden Sonderveranstaltungen, Schüler- und Babykonzerte sowie musikalischer Unterricht statt. Zeitweise diente sie auch als Veranstaltungsort für Vorlesungen der Universität des 3. Lebensalters; seit 2022 nutzt zudem eine internationale christliche Gemeinde den Raum regelmäßig für Gottesdienste.

Aufgrund ihrer Atmosphäre und Akustik ist die Kirche am Campus Bockenheim weiterhin ein geschätzter Ort für Musik, Begegnung und kulturellen Austausch.

Bedeutung

Die Kirche am Campus Bockenheim verbindet universitäres, kirchliches und städtisches Leben. Sie steht exemplarisch für den Versuch der Nachkriegszeit, akademische Bildung, kulturelle Offenheit und seelsorgerische Begleitung miteinander zu verbinden, und erfüllt diese Funktion bis in die Gegenwart.

Literatur

  • Eugen Eckert: Die Kirche am Campus. In: Frankfurter Studentenhaus im Aufbruch. 3. Aufl. Frankfurt am Main 2011, S. 51–52.
  • Karin Berkemann: Nachkriegskirchen in Frankfurt (1945–1976). Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2013.

Koordinaten: 50° 7′ 8″ N, 8° 39′ 3,2″ O