Kim Tschang-Yeul
Kim Tschang-Yeul (koreanisch 김창열 Hanja 金昌烈; * 24. Dezember 1929 in Maengsan, Süd-Pyongan, damals Korea; † 5. Januar 2021 in Seoul, Südkorea) war ein südkoreanischer Maler, der vor allem für seine hyperrealistischen Wassertropfen-Gemälde bekannt ist.[1]
Leben
Kim Tschang-Yeul wurde 1929 in Maengsan (im heutigen Nordkorea) geboren. In seiner Kindheit wurde er von seinem Großvater in der Kunst der klassischen chinesischen Kalligrafie unterwiesen, eine Erfahrung, die später einen signifikanten Einfluss auf sein eigenes Werk ausüben sollte. Nach dem Ende der japanischen Besatzungszeit in Korea zog er nach Südkorea. 1947 wurde er Schüler von Lee Quede und schrieb sich zwei Jahre später im Fach Kunst an der Seoul National University ein. Seine Studien wurden jedoch durch den Koreakrieg von 1950 bis 1953 unterbrochen, ein Konflikt, der ihn nachhaltig prägen sollte. Während des Koreakriegs (1950–1953) wurde er auf der Insel Jeju im Polizeidienst eingesetzt.[1]
Nach dem Krieg gehörte er zu den Gründern der Modern Artists' Association, einer Künstlervereinigung, die sich dem Informel widmete. 1965 erhielt er ein Stipendium der Rockefeller Foundation, das es ihm ermöglichte, nach New York zu ziehen, wo er von 1966 bis 1968 an der Art Students League studierte. In New York zeigte er sich tief beeindruckt von zeitgenössischen Kunstrichtungen wie der Pop-Art und dem Minimalismus. 1969 ließ er sich in Paris nieder. In seinem Atelier am Stadtrand entdeckte er eines Morgens ein Phänomen, das sein gesamtes künstlerisches Schaffen prägen sollte: einen Wassertropfen auf der Rückseite seiner Leinwand. Das Licht brach sich darin – ein Moment, der zur Geburt seines berühmten Motivs führte. 1972 gelang ihm mit der Präsentation seines Werkes Événement de la nuit beim Salon de Mai in Paris der künstlerische Durchbruch. Kim lebte zurückgezogen in Paris und zeigte eine starke Affinität zu östlichen Philosophien und Religionen, insbesondere zum Buddhismus und Daoismus. Er war mit Martine Jillion verheiratet. Aus der Ehe stammten zwei Söhne, darunter der Fotograf Oan Kim, sowie eine Tochter. 2016 wurde in der Provinz Jeju das Kim Tschang-Yeul Art Museum gegründet, dem er über 200 seiner Werke spendete. Er starb am 5. Januar 2021 im Alter von 91 Jahren in Seoul.[1]
Werk
Kim Tschang-Yeul begann seine künstlerische Laufbahn im Stil des Art Informel, einer abstrakten Kunstrichtung, die in den 1950er- und 1960er-Jahren unter jungen koreanischen Avantgarde-Künstlern verbreitet war. In den frühen Werken des Künstlers, wie der „Rite“-Serie, manifestieren sich eine grobe Textur, intensive Farbkontraste und expressive Formen. Diese Elemente spiegeln die Dynamik von Krieg und Nachkriegszeit wider. In New York vollzog er eine Abkehr von dieser informellen Malweise. Der Künstler experimentierte mit Plexiglas, flächigen, biomorphen Formen und einem reduzierten Farbspektrum. Dabei sind Einflüsse aus den Stilrichtungen Minimalismus und Pop-Art erkennbar. Ab 1971/1972 entwickelte er sein bekanntestes Motiv: den hyperrealistisch dargestellten Wassertropfen. Sein Erstlingswerk trug den Titel Événement de la nuit (Nacht-Ereignis) und zeigte einen einzelnen Tropfen vor einem dunkleren Hintergrund.[2] In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich ausschließlich diesem Thema und malte eine Vielzahl von Tropfen unterschiedlicher Größe auf verschiedenen Materialien wie Leinwand, Holz, Hanji-Papier oder Zeitungspapier.[3]
Zunächst befanden sich die hyperrealistisch gemalten Tropfen auf monochromen oder neutralen Flächen aus juteähnlicher Leinwand, was einen Trompe-l’œil-Effekt erzeugte.[4] In der Folge integrierte der Künstler traditionelle chinesische Schriftzeichen, die er in seiner Kindheit von seinem Großvater erlernt hatte, in seine (seriellen) Werke, beispielsweise aus dem Tausend-Zeichen-Klassiker. Der Titel dieser Serie lautet „Recurrence“ (Wiederkehr oder Zurückkehren). Ein zentraler Aspekt seiner Arbeitsweise war die technische Präzision: Er malte die Tropfen mit höchster Sorgfalt und achtete minutiös auf Licht, Schatten und die Illusion von Transparenz.[4]
Werke des Künstlers wurden in wichtigen Ausstellungen präsentiert. Exemplarisch seien hier die Retrospektive im National Museum of Modern and Contemporary Art und in der Galerie Hyundai, beide in Seoul, im Jeu de Paume in Paris sowie in weiteren internationalen Museen genannt. Höhepunkt seiner Anerkennung waren die Verleihung des französischen Ordre des Arts et des Lettres im Jahr 1996 und die Auszeichnung mit dem südkoreanischen Orden für kulturelle Verdienste.[1]
Literatur
- Adam Hencz: Kim Tschang-Yeul: The Artist Who Painted Water Drops, Artland Magazine, 2023.
- Yisoon Kim: Kim, Tschang-yeul, Routledge Encyclopedia of Modernism, Routledge, London, 2016.
- Ch'ang-nyǒl Kim, Michel Enrici: Kim Tschang Yeul. Actes Sud, Arles, 2018.
Weblinks
- Website des Künstlers
- Lebenslauf
- The Korea Times. Nachruf
- askART
- Tina Kim Gallery – Künstlerprofil Kim Tschang-Yeul
- Routledge Encyclopedia of Modernism
- Water Drops: Kim Tschang-Yeul
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Kim Tschang-Yeul. Abgerufen am 15. November 2025 (englisch).
- ↑ Kim Tschang-Yeul, Événement de la nuit, 1972. Abgerufen am 15. November 2025 (englisch).
- ↑ Kim, Tschang-yeul (1929--) - Routledge Encyclopedia of Modernism. Archiviert vom am 22. Mai 2024; abgerufen am 15. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Trebuchet Magazine: Water Drops: Kim Tschang-Yeul - Trebuchet. 2. März 2021, abgerufen am 15. November 2025 (britisches Englisch).