Kim Jiyoung, geboren 1982
Kim Jiyoung, geboren 1982 (Originaltitel: 82년생 김지영) ist ein Roman der südkoreanischen Schriftstellerin Cho Nam-Joo. Er erschien 2016. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Kim Jiyoung mit Schwerpunkt auf der sexistischen Diskriminierung, die sie erfährt. Das Buch gilt als wichtiger Text der feministischen Bewegung in Südkorea. Es wurde zum Bestseller, löste eine breite öffentliche Diskussion aus und wurde Ausgangspunkt für feministische Protestveranstaltungen. Eine deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee erschien 2021.
Handlung
Kim Jiyoung ist eine Frau Anfang 30, die im Jahr 2015 in Südkorea lebt. Seit einiger Zeit übernimmt sie gelegentlich Verhaltensweisen von anderen Frauen aus ihrem Umfeld und spricht so, als wäre sie mit diesen identisch. Ihr Ehemann vermutet eine Persönlichkeitsstörung und macht einen Termin bei einem Psychiater.
Im Folgenden wird Kim Jiyoungs Leben in groben Zügen nachgezeichnet. Vertieft werden dabei immer Momente, in denen sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wurde. Der Bericht beginnt mit Kim Jiyoungs Großmutter und ihrer Mutter, die durch ihre Familie und ihr Umfeld einem hohen Druck ausgesetzt war, einen Sohn zu gebären. Nachdem sie zwei Töchter hat – Jiyoung und ihre ältere Schwester –, wird Jiyoungs Bruder geboren. Von Anfang an spürt Jiyoung, dass ihr Bruder in der Familie bevorzugt wird. Anders als zuvor ihre Mutter kann Jiyoung die Benachteiligung nicht hinnehmen und begehrt dagegen auf, aber ohne nennenswerten Erfolg. Auch in der Schule wird Kim Jiyoung stets zugunsten von Jungen übergangen; deren Übergriffe gegen Mädchen werden toleriert. Kim Jiyoung studiert Marketing und tritt nach langer Suche – viele Unternehmen wollen keine Frauen einstellen – eine Stelle bei einer Agentur an. Sie erweist sich als kompetent in ihrer Arbeit, erhält aber trotz ihres überdurchschnittlichen Einsatzes weniger Chancen als ihre männlichen Kollegen. Kim Jiyoung heiratet, und obwohl ihr Ehemann verständnisvoll und unterstützend ist, verschärft sich Jiyoungs benachteiligte Position. Als das Paar ein Kind bekommt, ermöglicht die Arbeitswelt Jiyoung kein gleichzeitiges Leben als Mutter und Berufstätige, weshalb sie zur Hausfrau wird. Trotz allem, was sie aufgeben musste, wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würde als Hausfrau und Mutter auf Kosten der Gesellschaft leben, ohne produktiv dazu beizutragen. Das Buch thematisiert auch die permanente sexuelle Belästigung, die sich durch Kim Jiyoungs Leben zieht, von der Verfolgung durch Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln zu den – in Südkorea häufig vorkommenden – Installationen von Kameras auf der Frauentoilette an Kim Jiyoungs Arbeitsplatz. Cho Nam-Joo versah das Buch mit Fußnoten zu diesen Phänomenen, ebenso zu anderen Benachteiligungen von Mädchen und Frauen wie der systematischen Abtreibung weiblicher Föten und dem für ein OECD-Land auffällig hohen Gender-Pay-Gap in Südkorea.
Zum Ende hin wird klar, dass es sich bei dem genauen, distanziert-sachlichen Text über Kim Jiyoungs Leben um den Bericht des Psychiaters handelt. Der Psychiater bringt viel Verständnis für Kim Jiyoung auf und erkennt, dass ihr Zustand ein Produkt der gesellschaftlichen Umstände ist, unter denen sie leben muss. Dass er dennoch nicht frei davon ist, diese Umstände selbst zu reproduzieren, zeigt sich, als zum Schluss seine Praxisgehilfin kündigt, da ihr Job nicht mit ihren Aufgaben als Mutter vereinbar sei, und der Psychiater beschließt, in Zukunft bevorzugt unverheiratete Frauen einzustellen.
Entstehungsgeschichte
Cho Nam-Joo gab an, der Roman sei nah an ihrem eigenen Leben. Sie habe ihn innerhalb von drei Monaten geschrieben, um damit Zeugnis abzulegen für das Erleben vieler Frauen in ihrem Land.[1]
Für die Protagonistin wählte sie mit dem Namen Kim Jiyoung den im Jahr 1982 am häufigsten vergebenen Mädchennamen in Südkorea.[2]
Rezeption
Der Roman Kim Jiyoung, geboren 1982 entfaltete eine große Wirkung im politischen und kulturellen Leben in Südkorea und darüber hinaus. Auch in den benachbarten Ländern Japan, China und Taiwan wurde das Buch zum Bestseller.[3] Sein Erscheinungszeitpunkt trug erheblich zum Erfolg bei: Es erschien kurz nach dem Mord an einer jungen Frau in einer U-Bahnstation in Seoul, der 2016 landesweite Proteste auslöste. So wurde die Lektüre des Buches zum Bestandteil der Protestbewegung.[1][4][3][5] Ein Abgeordneter der Demokratischen Partei ließ jedem Mitglied des Gukhoe ein Exemplar zukommen; der Fraktionsvorsitzende der Jeongui-Partei schenkte den Roman öffentlichkeitswirksam dem Präsidenten Moon Jae-in. Zahlreiche K-Pop-Stars warben für die Lektüre, darunter RM aus der Gruppe BTS und Soo-young aus der Gruppe Girls’ Generation. Die öffentlichen Reaktionen auf diese Statements waren enorm polarisiert. Als die Sängerin Irene, Mitglied der Girlgroup Red Velvet, erwähnte, das Buch gelesen zu haben, zog sie eine Hasskampagne auf sich.[4][6][7]
Durch die Verfilmung des Romans drei Jahre später flammte die Diskussion erneut auf. Die Hauptdarstellerin Jeong Yu-mi erhielt eine Flut von Hassbotschaften, eine Internetkampagne versuchte dem Film durch massenhafte negative Rezensionen zu schaden, und es gab eine Petition an den Präsidenten, zu intervenieren und den Film zu verbieten.[3] Ungeachtet dessen verkauften sich in den ersten zehn Tagen mehr als zwei Millionen Kinokarten.[7]
Laut der Koreanistin Nadeschda Bachem kann die Fallstudie in Kim Jiyoung, geboren 1982 als repräsentativ für Frauen in Südkorea angesehen werden.[6] Durch seinen distanzierten Stil und seine Faktenorientiertheit verwische das Buch die Grenze zwischen Belletristik und Sachliteratur. Die Frage, ob es sich überhaupt um einen guten Roman handelt, trete in den Hintergrund vor der gesellschaftspolitischen Wirkmacht des Werkes.[6] Jonas Lages in seiner Rezension in Die Zeit ordnet Cho Nam-Joos Werk in die Gruppe der international bekannten ostasiatischen Autorinnen wie Han Kang, Sayaka Murata und Mieko Kawakami ein, die auf eine neue Weise die Lebenssituation von Frauen in ihren patriarchalen Gesellschaften herausarbeiten. Er nimmt das Buch gegen den Vorwurf in Schutz, es sei „kunstlos“. Tatsächlich sei es eine hohe Kunst, wie der Roman „die Fiktionalität vergessen lässt“.[7] Auch die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl betrachtet den sachlichen Stil als wirkungsvoll und weist darauf hin, dass selbst das Titelbild, auf dem eine Frau ohne Gesicht zu sehen ist, die Allgemeingültigkeit des Inhalts ausdrücke. Obwohl Kim Jiyoungs Lebensgeschichte sehr spezifisch in der südkoreanischen Gesellschaft verortet sei, sei sie doch in vielen Punkten universell und lasse Zustände wiedererkennen, mit denen auch andernorts viele Frauen vertraut sind. Strobl ordnet das Buch auch als Roman über Klasse ein, da er eine Geschichte von gesellschaftlichem Aufstieg innerhalb von drei Generationen erzählt. Dabei hebt sie auch die zahlreichen darin enthaltenen kleinen Momente von Solidarität zwischen Mädchen und Frauen hervor.[8]
Auszeichnungen
Die englische Übersetzung von Jamie Chang, die unter dem Titel Kim Ji-young, Born 1982 erschienen ist, stand 2020 auf der Auswahlliste für den National Book Award for Translated Literature.[2] Die französische Ausgabe, übersetzt von Pierre Bisiou und Kyungran Choi, erschienen als Kim Jiyoung née en 1982, war für den Prix Émile-Guimet de littérature asiatique des Musée Guimet nominiert.[9]
Ausgaben (Auswahl)
- 82년생 김지영, Minumsa, 2016 (Originalausgabe)
- Kim Jiyoung, geboren 1982. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, ISBN 978-3-462-00356-7 (deutsche Erstausgabe)
- Kim Jiyoung, geboren 1982. Gelesen von Nele Rosetz und Felix von Manteuffel. Argon Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-8398-1863-3 (Hörbuch)
Adaptionen
Film
Ein auf dem Buch basierender Film mit dem internationalen Titel Kim Ji-young: Born 1982 von Kim Do-young mit Jeong Yu-mi als Kim Ji-young kam 2019 ins Kino. Der Film erhielt ein ähnlich großes Echo wie zuvor das Buch: In den ersten zehn Tagen wurden mehr als zwei Millionen Tickets verkauft.[7]
Theater
Eine Bühnenfassung von Kim Ga-ram wurde 2022 unter der Regie von Ahn Kyung-mo in der Baekam Art Hall in Seoul aufgeführt. Die Rolle der Kim Jiyoung übernahmen darin drei Schauspielerinnen, So Yu-jin, Im Hye-young und Park Ran-ju.[10]
Eine deutschsprachige Bühnenbearbeitung von Marie Schleef wurde 2023 am Schauspiel Köln uraufgeführt.[11] Die drei Schauspielerinnen Kristin Steffen, Kotti Yun und Nicola Gründel teilten sich darin die Hauptrolle der Kim Jiyoung und spielten auch alle weiteren Rollen. Das Theaterstück hält sich textlich eng an die deutsche Romanfassung.[12]
Einzelnachweise
- ↑ a b Elise Hu: South Korean Bestseller 'Kim Jiyoung, Born 1982' Gives Public Voice To Private Pain. In: NPR. 19. April 2020 (npr.org [abgerufen am 24. November 2025]).
- ↑ a b Kim Jiyoung, Born 1982. In: National Book Foundation. Abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c Hyung Eun Kim: Kim Ji-young, Born 1982: Feminist film reignites tensions in South Korea. 23. Oktober 2019 (bbc.com [abgerufen am 24. November 2025]).
- ↑ a b Holly Williams: South Korean author Cho Nam-joo: ‘My book is braver than I am’. In: The Guardian. 15. Februar 2020, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 24. November 2025]).
- ↑ Quentin Lichtblau: Rezension zu „Kim Jiyoung, geboren 1982“: Schmerzhaft gewöhnlich. Abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ a b c Nadeschda Bachem im Gespräch mit Miriam Zeh: Cho Nam-Joo: "Kim Jiyoung, geboren 1982" – Feminismus aus Südkorea. In: Deutschlandfunk.de. 12. Februar 2021, abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ a b c d Jonas Lages: "Kim Jiyoung, geboren 1982": Jedefrau. In: Die Zeit. 11. Februar 2021, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 24. November 2025]).
- ↑ Kim Jiyoung, geboren 1982 – Wer im Patriarchat nicht durchdreht, spinnt. Lesezeichen. Podcast des Standard mit Natascha Strobl, 20. August 2021, abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ Sélection de l’édition 2020. In: Musée national des arts asiatiques – Guimet. Archiviert vom am 28. Mai 2023; abgerufen am 1. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Kwak Yeon-soo: 'Kim Ji-young: Born 1982' gets stage adaptation - The Korea Times. In: The Korea Times. 19. Juli 2022, abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
- ↑ Kim Jiyoung, geboren 1982. In: Rowohlt Theater Verlag. Abgerufen am 30. November 2025.
- ↑ Carolin Raab: Verlorene Träume einer Frau: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ feiert Premiere im Schauspiel Köln. In: Kölnische Rundschau. 15. Oktober 2023, abgerufen am 30. November 2025.